Grundzüge der Geschichte der Pädagogik
v. Schmid 131
~B.~ Protestantische: 1. Niemeyer. 2. Schwarz. 3. Denzel. 4. Harnisch. 5. Stephani. 6. Dinter. 7. Diesterweg 145
IV. Herbart. Schüler Herbarts: ~a~) Ziller. ~b~) Beneke, Lotze, Willmann 156
V. Die Entwicklung des preußischen Volksschulwesens seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, unter 1. Friedrich Wilhelm III., 2. Friedrich Wilhelm IV., 3. Wilhelm I., 4. Friedrich III., 5. Wilhelm II. 162
Die +vor+christliche Zeit.
I. Das Heidentum.
Vorbemerkung.
+Hindernisse+ einer ersprießlichen Erziehung bei den heidnischen Völkern:
1. Die +Vielgötterei+. Mit der Einheit hatten sie auch die Reinheit der Gottesidee verloren;
2. die +Vielweiberei+. Diese zerteilte den wichtigen Erziehungsfaktor der Familie in Bruchstücke;
3. die +niedrige Stellung des Weibes+. Das heidnische Weib war fast nur Sklavin des Mannes; daraus erklärt sich die Vernachlässigung der Mädchenerziehung und die geringe Bedeutung des mütterlichen Einflusses;
4. die +Sklaverei+. Der Sklave hatte auf Erziehung keinen Anspruch.
~A.~ Die Griechen.
1. Die Spartaner.
=1. Einteilung des Volkes.= Der dorische Staat enthielt 3 Klassen: ~a~) die +Spartiaten+ (vollberechtigte Bürger, spartan. Adel), ~b~) die +Lacedämonier+ (persönlich, aber nicht politisch frei), ~c~) die +Heloten+ (Sklaven).
Nur die +Spartiaten+ genossen eine öffentliche Erziehung.
=2. Erziehungsgrundsätze des Lykurg= (880 v. Chr.). ~a~) Die Erziehung der Kinder ist +Sache des Staates+, ~b~) Zweck derselben ist, +tüchtige Staatsmänner+ heranzubilden.
=3. Ausführung dieser Grundsätze.= ~a~) +Körperliche Erziehung.+
1. Die neugeborenen Kinder der Spartiaten wurden von Staats wegen untersucht.
2. Unter Staatsaufsicht wurden die gesunden Kinder bis zum 7. Jahre im Elternhause erzogen.
3. Vom 7. Jahre an begann die gemeinschaftliche Staatserziehung unter Leitung eines Pädonōmen.
4. Die +Abhärtung+ des Körpers wurde erstrebt durch höchst einfache Nahrung (Pflanzenkost), durch nur notdürftige Kleidung (Füße und Kopf stets unbekleidet, Haar kurz geschoren) und durch hartes Nachtlager (Schilfstreu auf dem Fußboden). Jahresprüfung am Feste der Artĕmis durch Geißelhiebe.
5. Die +Übung+ des Körpers wurde vermittelt durch tägliche Übungen im Laufen und Springen, im Reiten und Ringen, im Werfen und Schwimmen; öfteren Reigentanz mit vielen Beugungen und Wendungen; endlich durch Kriegsspiele für heranwachsende Jünglinge.
6. Mit dem 18. Lebensjahre begann die Kasernen-Erziehung und dauerte bis zum 30. Jahre. In den Kasernen wurden die Leibesübungen fortgesetzt und die Zöglinge in das Waffen- und Kriegshandwerk eingeführt.
~b~) +Geistige Erziehung.+ Die Jugend wurde angeleitet zur Stärkung des Willens, zum strengsten Gehorsam, zu großer Ehrfurcht vor dem Alter. („Nur in Sparta ist es angenehm, alt zu werden.“) Unterrichtsgegenstände waren:
1. Die +Musik+ (Gesang, Saiten- und Flötenspiel).
2. Die +Rede+ (in kerniger und körniger, sog. „lakonischer“ Kürze).
3. +Lesen, Schreiben und Rechnen.+ (Nur fakultativ, notdürftiges Maß.) Die Schön-Rede (Rhetorik) und Schauspielerkunst (Dramatik) waren ganz verboten.
Die Religion bildete keinen Unterrichtsgegenstand. Der religiöse Sinn wurde durch Festgesang und religiösen Tanz gepflegt.
=4. Beurteilung.= +Licht+seiten der spartanischen Erziehung: ~a~) Körperliche Gewandtheit und Ausdauer. ~b~) Gewaltige Charakterstärke und persönlicher Mut. ~c~) Begeisterte Vaterlandsliebe und Ehrerbietung gegen das Alter.
+Schatten+seiten: ~a~) Die einseitige Beziehung des ganzen Lebens auf den Staatszweck bei Vernachlässigung der Familienpflege. ~b~) Die ausschließliche Ausbildung zum Soldaten. ~c~) Die Hintansetzung der geistigen Erziehung. ~d~) Die Beschränkung der Erziehung auf einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung.
2. Die Athener.
=1. Unterschied von der spartanischen Erziehung.= Die durch Solon (594 v. Chr.) geordnete öffentliche Erziehung der Athener unterschied sich von der spartanischen in mehreren Punkten.
~a~) In Athen wurden Körper und Geist harmonisch ausgebildet.
~b~) Die Ausbildung erstreckte sich auf die Kinder aller freien Bürger.
~c~) Der Vater selbst besaß das Recht, das neugeborene Kind anzunehmen oder zurückzuweisen, und leitete dessen Erziehung.
~d~) Die athenische Erziehung war mehr eine humanistische und nicht so sehr auf den Staatszweck bezogen.
Hiermit sind zugleich die +Lichtseiten+ der athenischen Erziehung gegeben.
=2. Der Pädagog.= Das Kind wurde bis zum 7. Jahre im Elternhause durch eine Amme, später durch eine Wärterin erzogen. Mit dem 7. Jahre ging der Knabe in männliche Leitung und Beaufsichtigung über. Diese übte aus der +Knabenführer+ oder Pädagog, ein Sklave, der seinem Pflegebefohlenen äußeren Anstand beizubringen und denselben zur Schule zu begleiten hatte, ihn aber nicht selbst unterrichtete.
=3. Der Schulunterricht.= Derselbe umfaßte folgende Fächer:
~a~) +Gymnastik+. Die Übungen im Klettern, Faustkampf, Ballspiel, Bogenschießen, Schleudern, Wagenfahren wurden geleitet vom Pädotriben (Turnlehrer) und bezweckten Anmut in der Haltung und Gewandtheit in den Bewegungen des Körpers. Sie fanden statt in den Gymnasien und Palästren. Neben diesen Unterrichtslokalen befanden sich Bäder, in denen die Jugend das Schwimmen erlernte.
~b~) +Musik+ beim Kitharisten: Gesang, Zitherspiel, auch Lyra und Flöte. -- Außer diesen obligatorischen Fächern erlernte der athenische Knabe noch
~c~) +Lesen+ beim Grammatisten (nach der Buchstabiermethode), +Schreiben+ (mit Griffel auf Wachstäfelchen) und +Rechnen+ (Kopf- und Fingerrechnen für den gewöhnlichen Verkehr). Als Lesebuch dienten die Gedichte Homers, die Fabeln des Äsop, die Werke Hesiods u. a. Beim Lesen wurde vorzüglich auf richtige Aussprache, gute Betonung und Beachtung des vorgeschriebenen Rhythmus gesehen. Da es aber nur geschriebene Bücher gab, mußte viel memoriert werden.
=4. Eintritt ins öffentliche Leben.= Nach mehrjährigem Schulbesuche gingen die armen Schüler zum Landbau, Handel oder Handwerk (auch Kunstgewerbe) über. Söhne vornehmer Eltern verließen mit dem 18. Jahre als +Epheben+ die Schule und bildeten sich jetzt noch in der Redekunst, Philosophie, Mathematik und im Waffendienste aus. Feste, feierliche Spiele und Wettkämpfe gaben die Vollendung. Mit dem 20. Jahre traten sie in die Zahl der vollberechtigten Bürger. Doch konnte keiner Archont werden, der seine Eltern verunehrt hatte; wer Vater oder Mutter geschlagen hatte, mußte in der Volksversammlung schweigen.
Berühmte griechische Lehrer waren besonders Pythagoras und Sokrates.
3. Pythagoras.
=1. Sein Leben.= Geboren auf der jonischen Insel Samos gegen 580 v. Chr., wurde er von Thales unterrichtet. Er kam später nach Kroton (Unteritalien) und wurde der Wohltäter dieser Stadt. Er soll in Metapont gegen 500 v. Chr. gestorben sein. Seine würdevolle äußerliche Erscheinung, sein hoher sittlicher Ernst in Lehre und Leben gewannen ihm die Herzen der Krotoniaten, der Griechen und Nichtgriechen. Männer und Frauen verbündeten sich mit ihm zur Förderung des religiös-sittlichen Lebens und zur Pflege dorischen Sinnes und dorischer Sitte.
=2. Seine Schule.= Die pythagoreische Schule in Kroton hielt auf Ehrerbietung gegen die Eltern, Achtung gegen Erwachsene, Liebe gegen alle Mitbürger. Die körperliche Bildung, welche wie der Körper vergänglich ist, war der geistigen Bildung, welche dauernden Wert hat, entschieden untergeordnet. Pythagoras unterrichtete nach der vortragenden Methode und wirkte in sittlicher und wissenschaftlicher Hinsicht sehr segensreich für Großgriechenland.
Der Aufnahme in die Schule oder den Bund gingen 3 Jahre der Prüfung und des Schweigens voraus. Die Prüflinge hießen Exoteriker. Nur die Mitglieder des engeren Bundes, Esoteriker genannt, traten in näheren Verkehr mit dem Meister und wurden in dessen Lehre eingeweiht.
=3. Seine Lehre.= Dieselbe ist in folgenden Sätzen enthalten:
~a~) Ein Gott ist der Urgrund des Seienden, die Welt sein Leib, die erste Schöpfung das Feuer.
~b~) Die Weltkörper sind in steter Bewegung und bewirken eine erhabene Harmonie, die „Harmonie der Sphären“.
~c~) Die menschliche Seele ist göttlicher Natur und unsterblich, wird hier auf der Welt geläutert und veredelt, geht beim Tode zur weiteren Läuterung erst in Tierkörper (Seelenwanderung) und kehrt dann in ihre Heimat (den Himmel) zurück.
~d~) Alle Weisheit hat keinen anderen Zweck, als den menschlichen Geist zur Vereinigung mit Gott zurückzuführen.
~e~) Die Übung der Tugend ist wichtiger als die wissenschaftliche Ausbildung.
~f~) Die sittlich-veredelnde Erziehung wird erreicht durch die Religion, die Musik und die Mathematik. (Vgl. Pythagor. Lehrsatz.)
=4. Beurteilung.= Zu rühmen ist:
~a~) Die außerordentliche +Mäßigkeit+ der Pythagoreer. Des Fleisches und Weines enthielten sie sich gänzlich.
~b~) Das unausgesetzte Streben nach +Vervollkommnung+. Als Hauptmittel der letzteren war vorgeschrieben die tägliche strenge Selbstprüfung vor dem Schlafengehen. (In den „Goldenen Regeln“ des Pythagoras heißt es: „Niemals möge der Schlaf auf die Augenlider dir sinken, Ehe die Werke des Tags du zuvor noch dreimal gemustert.“)
~c~) Ihre enge Verbrüderung und unerschütterliche +Freundestreue+, schön verherrlicht in Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“.
~d~) Die hohe Achtung gegen ihren +Meister+. Aller Streit der Meinungen verstummte bei dem Worte: „Er hat es gesagt.“
=4. Sokrates.= (469–399 v. Chr.)
=1. Sein Leben.= Sokrates, in Athen geboren, wurde Bildhauer wie sein Vater. Er lebte in bedürfnisloser Einfachheit, verließ nie seine Vaterstadt außer im peloponnesischen Kriege und nützte seinem Vaterlande durch Lehre und Beispiel. Seine Lehrtätigkeit erreichte entgegengesetzte Erfolge. Die große Menge verachtete ihn. Wenige Auserwählte aber schenkten ihm das größte Maß menschlicher Liebe und Bewunderung. Platon und Xenophon gehörten zu seinen Schülern. Als 70jähriger Greis traf ihn die dreifache Anklage, daß er 1. an die Götter des Staates nicht glaube; 2. neue Götter einführe; 3. die Jugend verderbe. Er wurde zum Giftbecher unschuldig verurteilt und betonte trotzdem noch die Pflicht des Gehorsams gegen die Staatsgesetze. Seine letzte Unterredung betraf die Unsterblichkeit der Seele. Sokrates war „im Tode der Edelste, im Leben der Verständigste und Gerechteste von allen“.
=2. Seine Lehre.= Wegen der Reinheit seiner Lehre wird Sokrates der +Prophet des Heidentums+ genannt. Seine Grundsätze waren:
~a~) Es gibt nur +einen wahren Gott+, welcher der Urheber und Erhalter der Weltordnung ist.
~b~) Die +Seele+ ist ein unkörperliches Wesen und +dauert+ nach ihrer Trennung vom Leibe +fort+.
~c~) Der Mensch ist offenbarungsbedürftig und hat eine +innere göttliche Stimme+, die ihm Rat und Warnung erteilt.
~d~) Die Tugend besteht im Wissen. Der Endzweck unserer Bestrebungen ist Erkenntnis der Tugend, sittliches Wissen. Wohlverhalten führt zur Glückseligkeit.
~e~) Die +Selbsterkenntnis+ ist die +erste Bedingung+ alles Wissens.
=3. Seine Methode.= Sokrates hatte kein besonderes Unterrichtslokal, keine bestimmte Lehrzeit. Er suchte Männer und Jünglinge auf, um sich mit ihnen über Lebenszweck und Beruf zu +unterhalten+ und sie des Nichtwissens zu überführen. Die Lehrform des Sokrates war also die des Zwiegesprächs oder Dialogs. An der sokratischen Methode ist eine +negative+ und eine +positive+ Seite zu unterscheiden. Die negative Seite (sokratische Ironie) bestand in dem (vielfach durch feinen Spott und Hohn) hervorgelockten Geständnis des Nichtwissens und dem so geweckten Verlangen nach wahrer Erkenntnis. Die positive Seite der Sokratik bestand darin, daß durch geschickte Fragen der Schüler die zu vermittelnde Wahrheit selbst fand. Durch die beiden Mittel: +Induktion+ (Herleitung eines Begriffs oder einer allgemeinen Wahrheit aus einer Anzahl gleichartiger Einzeldinge oder Einzelfälle) und +Analogie+ (Vergleichung mit ähnlichen oder verwandten Fällen und Dingen) erreichte Sokrates den Zweck: die +Definition+ (klare und bestimmte Erkenntnis des Wesentlichen und Wahren an den Dingen).
Sokrates ist der Vater der entwickelnden oder findenden (heuristischen) Methode.
~B.~ Die Römer.
1. Erziehung und Unterricht im allgemeinen.
=1. Charakter und Gang der Erziehung.= Bei den Römern war die Erziehung Privatsache; sie bezweckten durch dieselbe nicht wissenschaftliche Ausbildung, sondern praktische Tüchtigkeit und räumten hierbei den Frauen einen bedeutenden Einfluß ein. Daher erfreuten sich die römischen Frauen einer gehobeneren Stellung. Vor einer römischen Matrone mußte jedermann aufstehen und jeder ihr mit Ehrerbietung begegnen, von allen Familiengenossen wurde sie als Gattin des Mannes und Mutter der Kinder geehrt.
Das neugeborene Kind wurde dem Vater vor die Füße gelegt, der es unter Gebeten zur Göttin Levana aufhob und als das seine anerkannte. Die erste Erziehung fiel der Mutter zu, die ihre Kinder selbst nährte und ihren vorzüglichen Ruhm darin suchte, dem Hauswesen selbst vorzustehen und sich dem Dienste der Kleinen zu widmen. Wohlgeratene Kinder galten als höchstes Kleinod einer Frau. Mit vollendetem 15. Jahre war die häusliche Erziehung abgeschlossen, das Knabenkleid wurde alsdann auf dem Forum mit der Männertoga vertauscht. In das Heer trat der Jüngling nach vollendetem 17. Lebensjahre.
=2. Unterricht.= Den Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen erteilten eigene Lehrer, wenngleich einige vornehme Väter (wie Marcus Porcius Cato) ihre Söhne selbst unterrichteten. Gelesen wurden die Gesetze der 12 Tafeln; man schrieb, wie bei den Griechen, auf Wachstäfelchen mit dem Griffel (~stilus~). Das Rechnen bestand aus Ab- und Zuzählen und wurde an Fingern und Rechensteinen geübt. Die vaterländische Geschichte lernte der junge Römer durch Erzählungen der Eltern, öffentliche Feste und patriotische Gesänge kennen. Gemeinschaftliche Schulen bestanden schon um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Sie wurden auf freien Plätzen, öffentlichen Straßen und besonders auf den Kreuzwegen (~in triviis~) abgehalten, daher der Name Trivialschulen. Der Unterricht in demselben begann schon früh am Morgen. Peitsche, Rute und Gerte waren herrschende Zuchtmittel. Die Lehrer hießen ~ludimagistri~.
Die +höhere+ Bildung erfolgte in den Schulen der Grammatiker (~grammatici~ oder ~literati~). Hier wurden insbesondere die Werke der griechischen und lateinischen Klassiker gelesen und erklärt. In den Schulen der Rhetoren erhielten die öffentlichen Redner eine besondere Ausbildung. Die Beredsamkeit stand bei den Römern in höchster Achtung. Die glänzenden +Redner der Römer+ sind nicht minder berühmt als die tiefen Denker und unsterblichen Philosophen der Griechen. Unter den Künsten pflegten sie die Baukunst wegen ihres praktischen Nutzens, die Musik war bei ihnen weniger beliebt.
=3. Verfall.= Durch die Eroberung von Tarent (272 v. Chr.) und von Korinth (146 v. Chr.) drang griechische Sitte und Bildung mehr und mehr in Italien ein. Dieses wirkte auf die Erziehung der römischen Jugend durchaus nicht förderlich. Eine Menge griechischer Lehrer fand sich ein, welche den Unterricht junger Römer als Geschäft betrieben. Diesen wurde Unterricht und Erziehung gänzlich überlassen. Die römische Jugend wurde nun von griechischen Pädagogen in griechischer Sprache und griechischer Sitte unterrichtet, Muttersprache und Volkstum wurden vernachlässigt. Die altbewährte römische Familienerziehung hörte auf, statt dessen brachten der freien römischen Jugend griechische Sklaven ihre Laster und ihre Verkommenheit bei. Üppigkeit und Übermut waren die weiteren Folgen solcher Erziehungsverhältnisse, und wo diese die Gesellschaft durchsetzen, ist der Ruin unausbleiblich. Nicht mit Unrecht hat man daher behauptet: die Pädagogen haben den römischen Staat zugrunde gerichtet.
2. Pädagogische Aussprüche berühmter Römer.
=1. Marcus Tullius Cicero= (106–43 v. Chr.):
„Die Lehrer und Erzieher sollen die geistigen Anlagen, die +individuellen Eigentümlichkeiten+ eines jeden Zöglings genau zu erforschen suchen und danach denselben behandeln.“
=2. Lucius Annäus Seneca= (1–65 n. Chr.):
„Durch Lehren lernen wir.“
„Lang ist der Weg durch Vorschriften, kurz und wirksam durch Beispiele.“
„Nicht für die Schule, sondern für das +Leben+ soll man lernen. (~Non scholae, sed vitae.~)“
„Die Ehrfurcht vor der Gottheit muß uns durchs Leben geleiten. Gott ist nahe bei uns, er ist in uns. Ohne Gottheit kann niemand ein tugendhafter Mensch sein.“
„Kein lebendes Wesen ist störriger, keines will mit mehr Kunst behandelt sein als der Mensch.“
„Konsequenz ist in der Erziehung durchaus notwendig; in ihr kommt sehr viel daraus an, daß alles zur rechten Zeit geschehe. Die besten Erzieher sind diejenigen, welche dem Landmann in der Baumschule und auf dem Acker nachahmen.“
„Wie in der Zucht, so muß auch beim Unterricht Maß gehalten werden.“
=3. Marcus Fabius Quintilianus= (38–120 n. Chr.):
„Der Jüngling soll der +öffentlichen+ Schule übergeben werden.“
„Das Gedächtnis muß früh durch Auswendiglernen geübt werden.“
„Überall wirken Lehren weniger als Übungen.“
„+Spiele+ sind geschickt, den Verstand der jungen Leute zu schärfen, so wie sich auch der Charakter der Kinder beim Spielen in seiner wahren Gestalt offenbart.“
„Der Erzieher selbst habe keine Fehler und dulde keine.“
„Gerade für die +unteren Stufen soll man die geschicktesten+ Lehrer zu gewinnen suchen.“
„In der Regel ist +das am verständlichsten, was von dem Gebildetsten+ gelehrt wird.“
=4. Decimus Junius Juvenalis= (100 n. Chr.):
„Ein gesunder Geist sei in einem gesunden Körper. (~Mens sana in corpore sano.~)“
„Die größte Ehrfurcht schulden wir dem Knaben. (~Maxima debetur puero reverentia.~)“
II. Das Judentum.
=1. Einfluß der Religion.= Der Glaube an den einen und wahren Gott zeigte das einzig richtige Ziel und Ende der Erziehung. Die Erziehung im Judentum ist wesentlich eine Erziehung zum Gehorsam gegen Gott, den Schöpfer und Herrn. Die Bürger des israelitischen Gottesstaates waren noch in besonderer Weise ihrem Oberhaupte (Jehova) hörig und verpflichtet. Die Kinder galten den jüdischen Eltern als Geschenke Gottes. Die Erstgeborenen mußten durch ein besonderes Opfer von Jehova erkauft werden. Die Eltern hatten durch göttliches Gesetz (4. Gebot) Anspruch auf die Verehrung, Liebe und den Gehorsam ihrer Kinder. Schande und Tod traf diejenigen, welche ihre Eltern nicht ehrten. Der Hausvater war das Haupt und der Priester der Familie. Die Mutter stand dem Vater stets ebenbürtig zur Seite.
=2. Unterrichtsgegenstände.= Erziehung und Unterricht war Sache der Familie. Strenge Kinderzucht wurde in den hl. Büchern zur Pflicht gemacht. „Wer die Rute spart, hasset seinen Sohn.“ (Spr. 13, 24.) Die Kinder erhielten zu Hause besonders Unterricht in der Religion. Auch im Lesen und Schreiben dürfte schon früh Unterweisung gegeben sein. Lesebücher hatten die Israeliten an den fünf Büchern Moses’, den Psalmen usw. Die Kunst zu schreiben war ihnen in Ägypten bekannt geworden. Körperliche Übungen wurden bei den Juden nicht besonders gepflegt. Gesang und Musik dagegen fanden vorzügliche Pflege und reiche Verwendung beim Gottesdienste. Mädchen ebensogut als Knaben erhielten eine musikalische Ausbildung.
=3. Schulen.= +Öffentliche+ Unterrichtsanstalten waren:
~a~) Die +Prophetenschulen+. Sie unterrichteten im Gesetz, in der Musik und Schreibkunst. Sie bildeten begeisterte Lehrer des Volkes und hl. Schriftsteller.
~b~) Die +Musikschule+ unter David.
~c~) Die +Pharisäerschule+. Diese war eine höhere theologische Schule in Jerusalem (200 v. Chr.). Unter Hillel hatte sie 1000 Zöglinge. Gamaliel (Enkel Hillels) war Lehrer an derselben, und der Apostel +Paulus+ ist ihr berühmtester Schüler.
=4. Der Alte Bund selbst Erziehungsanstalt.= Jehova ist der eigentliche Erzieher des israelitischen Volkes. Er gab Gesetze, Lehre und Belehrung. Er belohnte den Gehorsam und bestrafte die Übertretung. Das +lehrhafte Gepräge+ zeichnet die jüdische Religion vor allen Religionen des Altertums aus. Vom 12. Jahre an hieß jeder Israelit „Sohn des Gesetzes“, weil er zur Haltung des Gesetzes und zur Teilnahme an den drei großen Jahresfesten verpflichtet war. Der Apostel Paulus nennt den Alten Bund einen Pädagogen, der für +Christus+ erziehen sollte.
Die christliche Zeit.
Erster Abschnitt.
Von Christus bis auf Karl den Großen.
I. Christus und die Apostel.
1. Die christliche Erziehung ist nicht für ein einzelnes Volk, sondern für +die ganze Menschheit+ bestimmt. („Machet alle Völker zu meinen Schülern.“ Matth. 28, 19.) Auch die bisherigen Unterschiede des Standes oder des Geschlechtes hörten in der christlichen Erziehung auf. („Ihr seid +alle+ Kinder Gottes durch den Glauben an Jesum Christum.“ Gal. 3, 26.) So ist erst aus dem Christentum die +Allgemeinheit der Erziehung, die Volksschule+, hervorgewachsen.
2. Der Neue Bund hat die Frage nach +Ziel+ und +Zweck+ der Erziehung des Menschen endgültig gelöst. Die christliche Pädagogik hat die erhabene Aufgabe, allen Unmündigen Handbietung zu leisten, damit sie später als Mündige aus freiem Willen und mit freudigem Geiste nach Ähnlichkeit und Gemeinschaft mit Christus streben.
3. Das Christentum bietet uns +Lehre+, +Gesetz+ und +Gnadenmittel+. Es belehrt uns über die Natur des Kindes und seine Berechtigung für das Gottesreich. („Lasset die Kleinen zu mir kommen“ usw.) Das Gesetz des Neuen Bundes ist das vollkommenste Sittengesetz der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Durch die Gnadenmittel wird dem Bösen ein übernatürliches Gegengewicht geboten.
4. Der Heiland selbst ist das +höchste Muster+ für +Schüler+ und +Lehrer+. Er war ein folgsames Kind, ein aufmerksamer Schüler. Seine unvergleichliche Lehrweise, seine unerschöpfliche Geduld und Gelassenheit zeigen das +höchste Lehrgeschick+. („Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig.“) In heiliger Entrüstung sehen wir den göttlichen Pädagogen mit einer Geißel aus Stricken die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinauspeitschen. Er warnt insbesondere vor dem Ärgernisgeben. („Wer eines von den Kleinen ... ärgert“ usw.) Die Apostel hatten durch ihre Unterrichts- und Erziehungsarbeit das Antlitz der Erde zu erneuern. Sie lehrten +mündlich+ (auf den Straßen, in dem Tempel, den Synagogen und Häusern), +tatsächlich+ (durch ihr Beispiel) und +brieflich+ (durch Schriften). Der größte Lehrer unter ihnen war der hl. +Paulus+, der „Weltapostel“.
Den +Eltern+ legt das Christentum die Erziehung der Kinder als +heilige Pflicht+ auf. („Ihr Väter, erziehet eure Kinder in der Lehre und Zucht des Herrn.“) Als Beispiel eines treuen christlichen Vaters und Erziehers ist +Leonidas+, der Vater des +Origenes+, zu nennen.
II. Das Katechumenat.
Das Katechumenat ist das Institut des christlichen Altertums, in welchem die angehenden Christen (Glaubens-Lehrlinge) durch Unterricht und Erziehung zum Empfang der +hl. Taufe+ befähigt wurden. Die Zöglinge waren +Erwachsene+ und hießen Katechuménen. Sie wurden durch zusammenhangende Vorträge (Katechesen) und strenge Zucht auf ein christliches Leben vorbereitet. Die Katechumenen waren in mindestens +zwei Klassen+ eingeteilt. Die untere Klasse bildeten die Hörenden (~audientes~, ~catechumeni~). Sie besuchten die Katechumenen-Messe. Die obere Klasse war die der Verlangenden oder Bewerber (~competentes~). Diese hatten die Prüfungszeit überstanden und konnten die hl. Taufe empfangen. Das Katechumenat hatte in der kirchlichen Erziehung dieselbe Stellung wie die Volksschule in dem Organismus des öffentlichen Unterrichtswesens. +Bischöfe+, +Priester+ und +hervorragende Laien+ (Katecheten) erteilten den Unterricht.
Bischof Cyrill von Jerusalem hat uns 23 Katechesen hinterlassen.
III. Die Katechetenschulen.
Die Katechetenschulen entstanden aus dem Bedürfnis, zur Einführung und Ausbreitung des Christentums tüchtige Religionslehrer (Katecheten) zu bekommen. Sie waren Bildungsanstalten für christliche Religionslehrer in der ersten christlichen Zeit.
Die erste Katechetenschule bestand in +Alexandrien+ unter Pantänus (186 n. Chr.). Die Nachfolger des Pantänus sind: Clemens von Alexandrien, +Origenes+ (der gelehrteste Mann seines Jahrhunderts, † 254), Bischof Heraklas und Didymus der Blinde.
Lehrgegenstände der Katechetenschulen waren Dialektik (Denklehre), Naturkunde, Geometrie und Astronomie; dann Sittenlehre, Lesung der Schriften der alten Philosophen und Dichter und Erklärung der Hl. Schrift. Die Lehrweise war eine sehr anregende, der Lehrer ein erfahrener, sicherer Führer. (Vgl. Lobrede Gregors des Wundertäters auf seinen Lehrer Origenes.)
Die Katechetenschulen bilden einen +Glanzpunkt+ in der Geschichte der frühesten christl. Erziehung. Außer der berühmten Normal- oder Lehrerschule des christlichen Altertums in Alexandrien bestanden später noch Katechetenschulen in Antiochien, Edessa, Nisibis. Diese +Lehrerbildungsanstalten+ erweiterten sich allmählich zu +höheren christlichen Unterrichtsinstituten+. Die meisten damaligen Kirchenlehrer sind aus ihnen hervorgegangen.
IV. Die Kirchenväter.
1. Der hl. Basilius d. Gr.
1. +Jugend.+ Der hl. Basilius wurde 329 in Neocäsarea, der Hauptstadt der asiatischen Provinz Pontus, geboren, wo sein Vater Rhetor war. Die erste Erziehung erhielt er von seinen Eltern, insbesondere von seiner frommen Großmutter Makrina, die in der Nähe von Neocäsarea auf dem Lande wohnte. Nach dem Tode des Vaters zog Basilius, weitere Ausbildung suchend, nach Cäsarea in Kappadocien, wo er zuerst mit +Gregor von Nazianz+ zusammentraf. Als die dortige Schule diesen so strebsamen Jünglingen nicht mehr genügte, entschlossen sie sich, die größten Lehrer der Wissenschaft aufzusuchen, die man zu jener Zeit kannte. Basilius ging zuerst nach Konstantinopel, wo er den berühmten heidnischen Rhetor Libanius hörte, und von dort nach Athen. Gregor reiste nach Alexandrien, um den großen Bischof Athanasius kennen zu lernen. Dann lenkte auch er seine Schritte nach Athen, der Hauptstätte griechischer Bildung. Hier wohnten die beiden Freunde in einem Hause, speisten an einem Tische und arbeiteten stets gemeinschaftlich. Von den Festen und Gelagen anderer Jünglinge hielten sie sich fern. Sie kannten in Athen nur +zwei Wege+, den zur +Kirche+ und den zur +Hochschule+. Außer Rhetorik studierten sie noch Philosophie, Geschichte, Musik und Medizin. Aber nicht in der Wissenschaft, worin sie bald alle übertrafen, suchten sie die höchste Auszeichnung. Noch mehr war es ihr Streben, in der heidnischen Umgebung +Christen+ genannt zu werden und als wahre Christen zu leben. Kein Wunder daher, daß während ihres vierjährigen Aufenthaltes daselbst ganz Athen, Heiden sowohl als Christen, von hoher Bewunderung zu den „Kappadociern“ erfüllt wurde. Bei ihrem Abzuge gaben Tausende ihnen das Geleit bis ans Meeresufer und sagten ihnen mit Wehmut Lebewohl (356).
2. +Öffentliches Leben.+ Kaum war Basilius in seine Heimat zurückgekehrt, so trug man dem bewunderten Manne verschiedene weltliche Ämter an. Auf der anderen Seite aber sah er das Beispiel seiner Mutter Emmelia und seiner Schwester Makrina, die sich zu einem klösterlichen Leben in die Einsamkeit zurückgezogen hatten. Basilius schwankte nicht lange. Er empfing die hl. Taufe und begab sich dann nach Syrien, Palästina und Ägypten, um das Mönchsleben aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr verkaufte er die väterlichen Güter und suchte eine einsame Gegend am Flusse Iris auf. Hier lebte er mit seinem Freunde +Gregor+ und einigen anderen Gefährten still und verborgen, in Studium und Gebet, in strenger Abtötung und harter Arbeit. Doch ragte der hl. Basilius durch sein Wissen und seine Tugend zu sehr hervor, als daß die Kirche, noch immer von Heiden und Irrlehrern bedroht, seines Wirkens hätte leicht entbehren können. Im Jahre 364 berief ihn der Erzbischof Eusebius von Cäsarea in den Dienst der Kirche und weihte ihn zum Priester. Als Eusebius 370 starb, wurde Basilius zu dessen Nachfolger gewählt und an die Spitze der großen kappadocischen Kirchenprovinz berufen, die in ihm ihren größten Oberhirten erhielt. In dieser Stellung wirkte er 9 Jahre höchst segensreich als treuer Vorkämpfer der reinen Lehre (gegen die Arianer), als Wohltäter der Armen, besonders aber als Lehrer und Erzieher der Jugend. Seine Gegner wußte er durch +Sanftmut+ zu gewinnen oder durch seine überlegene Einsicht und Gelehrsamkeit zum Schweigen zu bringen. Von seinen Einkünften baute er ein großes Armen- und Krankenhaus, das einen eigenen Stadtteil in Cäsarea ausmachte, und gab darin selbst das Beispiel der Krankenpflege. Er errichtete mehrere Klöster, schrieb ihnen eine besondere Regel vor (die jetzt noch in den orientalischen Klöstern befolgt wird) und befahl den Mönchen, sich +besonders der armen und verwaisten Kinder+ anzunehmen. Für den Unterricht und die Erziehung gab er genaue Vorschriften. Vor allem drang er auf musterhafte Ordnung und andächtiges Verhalten beim Gottesdienste. Als Kaiser Valens einst die Provinz Kappadocien durchreiste, war er überrascht und erbaut von der +Andacht der heranwachsenden Jugend+ bei der hl. Messe und der Geistessammlung, mit welcher der Erzbischof die hl. Geheimnisse feierte. Der hl. Basilius beschloß seine irdische Laufbahn am 1. Januar 379 und hinterließ nicht so viel, daß man ihm einen Grabstein setzen konnte. An seinem Grabe weinten Heiden und Juden mit den Christen. Die heißesten Tränen aber wurden geweint von den Zöglingen der Armen- und Waisenanstalten.
3. +Schriften.+ Von seinen Schriften, die in ihrer Form den +klassischen Meisterwerken der Griechen gleichstehen+, sind zu merken: 1. „Rede an die christlichen Jünglinge über den Gebrauch der heidnischen Klassiker“; 2. „Regeln für das Leben der Mönche.“ Beachtenswerte Stellen aus den letzteren sind:
„Die Waisenkinder sollen als gemeinsame, den Brüdern gehörende +Kinder+ angesehen werden; sie sollen in besonderen Häusern unter Aufsicht eines erprobten Mannes wohnen.“
„Die Strafe soll dem Fehler +entsprechend+ sein. Hat ein Knabe zur Unzeit zu essen sich erlaubt oder nimmt er die Speisen zu gierig, so muß er durch kleinere Fasten zur Selbstbeherrschung und zum Anstand geführt werden.“
„+Beten+ muß die Jugend vom Alter lernen, und das Alter wird seinerseits durch das +Gebet der Jugend+ nicht wenig unterstützt.“
„Die Gewöhnung an +schlechte Reden+ ist gewissermaßen der Weg zu +schlechten Taten+.“
=2. Der hl. Johannes Chrysostomus= (344–407).
Dieser berühmte Erzbischof und Patriarch von Konstantinopel (wegen seiner Beredsamkeit Chrysostomus, d. i. Goldmund, genannt) verdankt seine streng religiöse Erziehung seiner frommen Mutter Anthusa. In seinen Homilien und in der Schrift „Gegen die Feinde des Mönchtums“ tritt er mit großer Kraft der heidnischen Sittenlosigkeit entgegen. Den Eltern und Erziehern legt er insbesondere
1. die Pflicht des guten +Beispiels+ warm ans Herz.
Er tadelt diejenigen Väter, „die den Kindern nur von +irdischen+ Dingen reden“. „Wenn ein Vater sein Kind ermahnend sagt: hier hat sich einer durch seine Kunst großen Reichtum erworben, dort ist einer durch seine Kenntnisse zu den höchsten Staatsämtern gelangt, von himmlischen Dingen aber niemals redet, so lehrt er sie nichts anderes, als was die Quelle alles Bösen ist, denn er flößt ihnen die Habsucht ein und die noch verderblichere Begierde nach eitler Ehre.“ Er eifert ferner gegen solche Väter, die das Schlechte mit +schönen+ Namen, die Tugenden mit +verwerflichen+ Ausdrücken benennen. „Immer auf der Rennbahn und im Theater leben nennt ihr guten Weltton, das Trachten nach Reichtum ein unabhängiges Leben suchen, Ehrgeiz hohen Sinn, Übermut Freimütigkeit. Dagegen nennt ihr Bescheidenheit Feigheit, das Prunklose knechtisch, die Geduld eine Schwachheit.“ „Solche Väter halte ich für ärger als Kindermörder, denn diese können nur den Körper von der Seele trennen, jene aber stürzen die Seele in die Hölle.“
2. Er weist auf die wichtige Stellung der +Mutter+ bei der Erziehung hin.
„Die Mütter sollen die Kinder nicht nur leiblich pflegen, sondern auch zur Gerechtigkeit und Gottesfurcht erziehen.“ „Sehet weniger darauf, daß eure Kinder gut reden, als daß sie +gut leben+ lernen.“
3. Er ermahnt die Eltern, mit der Erziehung und dem Unterrichte +frühzeitig+ zu beginnen, namentlich mit der Unterweisung in der Religion.
„Der +Charakter+ des Kindes muß von Jugend auf gebildet werden, denn auf den +Charakter kommt alles an+.“ „Die Dornen müssen ausgerissen werden, solange man noch leicht im Acker arbeiten kann.“ „Das zarte Alter nimmt das, was es hört, leicht in sich auf, wie das weiche Wachs leicht die Spuren des Siegels festhält.“ „Halte es nicht für überflüssig,“ ruft er einem Vater zu, „daß dein Sohn früh die Hl. Schrift kennen lerne. Aus dieser wird er zunächst hören: ‚+Ehre deinen Vater und deine Mutter+‘; es geschieht also zu deinem Vorteil. Sage nicht, daß dieses für Mönche gehöre; freilich nicht zu einem Mönche, aber doch zu einem Christen sollst du ihn machen -- denn +groß ist die Gewalt der vernunftwidrigen Neigungen+ in diesem Alter.“
4. Den +Beruf+ eines Jugenderziehers sieht er als den +höchsten+ auf Erden an.
„+Höher+ als jeden Maler, höher als jeden Bildhauer und alle +übrigen Künstler+ schätze ich den, der die Seelen der Kinder zu bilden versteht.“
=3. Der hl. Hieronymus= († 420).
Dieser berühmte Übersetzer der Bibel (~Vulgata~) war Vorsteher des Klosters zu +Bethlehem+. Er widmete sich mit großem Eifer der Erziehung und dem Unterrichte von Knaben, die ihm von den Eltern anvertraut waren, und verschmähte es nicht, denselben auch die ersten Anfänge des Lesens, Rechnens usw. beizubringen. Sein Ruf als tüchtiger Erzieher drang weit über die Grenzen Palästinas hinaus. Tausende von Eltern wandten sich an den Mönch zu Bethlehem, um von ihm Ratschläge für die Erziehung ihrer Kinder zu erhalten. Solchen Anlässen entsprang eine Reihe wichtiger Schriften, von denen uns zwei erhalten sind: 1. an die edle Römerin Läta über die Erziehung ihrer Tochter Paula, 2. an einen Freund (Gaudentius) über die Erziehung seiner Tochter Pacatula. Die pädagogischen Grundsätze, die er in diesen Erziehungsbriefen niedergelegt, sind durch Jahrhunderte auf Unterricht und Erziehung von großem Einfluß gewesen. Diejenigen, welche am eifrigsten seine methodischen und didaktischen Winke befolgten, waren die Fraterherren (die ersten „Elementarlehrer“ in Deutschland), die sich nach ihm „Hieronymianer“ nannten. (Vgl. S. 33.) Die bemerkenswertesten Gedanken aus diesen Briefen sind folgende.
1. „+Lerne+ erst lange vorher, was du nachher lehren willst.“ „Zum +Lehrer+ ist ein Mann von bewährtem Alter, von erprobten Sitten und Kenntnissen zu nehmen. Selbst der Ton der ersten Laute und die erste Beibringung der Regeln wird von einem gebildeten Manne anders sein als von einem ungebildeten. Ich glaube auch nicht, daß ein unterrichteter Mann sich schämen wird, bei einem Kinde ein Amt zu übernehmen, welches der +große Aristoteles bei dem Sohne des Philippus+ übernahm. Man darf dasjenige Kleine nicht gering achten, ohne welches das Große und Wichtigste gar nicht möglich ist.“
2. „Samuel wird in einem Tempel auferzogen, Johannes bereitet sich in der +Einsamkeit+ vor: wie Samuel und Johannes muß eine Seele unterwiesen werden, die Gottes Tempel und in den Wissenschaften tüchtig werden soll. +Niemals+ soll das +Kind an öffentlichen Gastmählern+ teilnehmen, auch nicht im elterlichen Hause. Ohne vorhergehendes Gebet soll es keine Speise nehmen; ohne dem Herrn gedankt zu haben, soll es sich nicht vom Tische entfernen.“
3. „Vor allem ist zu vermeiden, daß das Kind gegen das Lernen +Widerwillen+ fasse. Was das Kind lernen muß, das soll ihm lieb werden, damit das +Lernen nicht ein Frondienst+, sondern eine +Ergötzung+, nicht ein Müssen, sondern ein +Wollen+ sei.“
4. „Man gebe dem Kinde +Genossen+, mit denen es +wetteifere+ und durch deren Belohnung es angestachelt werde. Will es lässig werden, so darf man es nicht gleich schelten; auch +durch Lob+ muß manchmal der Geist zur Regsamkeit gebracht werden.“
5. „Dem Kinde gebe man +Buchstaben+ von Buchsbaum, nenne dieselben mit Namen und setze aus ihnen Wörter zusammen. Bei Einprägung des Alphabets halte man nicht immer die Ordnung des Alphabets ein, sondern +mische+ die Buchstaben untereinander, daß das Kind sie nicht durch die Ordnung des Hersagens, sondern durch den bloßen Anblick erkennt. Die Wörter, welche durch die Buchstaben gebildet werden, sollen nicht zufällig und +inhaltlos+, sondern bestimmt und mit Fleiß ausgewählt sein. Man gewöhne das Kind, die Wörter ohne Verstümmelung und +deutlich auszusprechen+.“
=4. Der hl. Augustinus= (354–430).
Augustinus wurde als Sohn des Heiden Patricius und der Christin +Monika+ am 13. November 354 zu Tagaste in Numidien geboren. Die fromme Mutter ersetzte durch Gebete, Tränen und Ermahnungen bei ihrem Sohne reichlich, was der Vater vernachlässigte. Nach dem Wunsche des Vaters sollte Augustinus ein berühmter Gelehrter werden, und es wurden deshalb keine Kosten gescheut. Auf den hohen Schulen zu Madaura und Karthago machte er zwar in der Beredsamkeit große Fortschritte. Aber er blieb auch dem wilden zügellosen Leben nicht fremd, welches unter den Studierenden dort herrschte. Mit den Verirrungen ihres Sohnes wuchs indes die Liebe der Mutter. Als sich Augustinus i. J. 384 nach Mailand begab, um dort eine Stelle als Lehrer der Beredsamkeit anzunehmen, folgte ihm die Mutter mit ihrem zweiten Sohne nach. Hier wohnte Augustinus als Katechumén den Predigten des hl. +Ambrosius+ bei. Dieselben machten auf sein Gemüt einen tiefen Eindruck. Der persönliche Verkehr mit dem gelehrten und heiligen Erzbischof vollendete seine Bekehrung. Am Ostersamstag d. J. 387 wurde er, 33 Jahre alt, getauft. Auf der Rückreise in die Heimat ereilte die Mutter in der Hafenstadt Ostia am 4. Mai 387 der Tod. „Begrabet diesen Leib,“ sprach sie sterbend zu den bekümmerten Söhnen, „wo immer ihr sein möget; die Sorge um ihn darf euch nicht beunruhigen. Aber um eines bitte ich euch, daß ihr, wo immer ihr sein möget, am Altare des Herrn meiner gedenket.“ Nachdem der Leib der Heiligen in Ostia zur Erde bestattet, begab sich Augustinus auf kurze Zeit nach Rom und kehrte dann nach Karthago und auf sein Landgütchen bei Tagaste zurück. Im Jahre 391 zum Priester geweiht, wurde er bereits 395 zum Bischof von Hippo erwählt und verwaltete sein Amt 35 Jahre lang mit beispiellosem Eifer und großartigem Erfolge. Doch mußte er es noch erleben, daß die Vandalen unter Geiserich Afrika verwüsteten und Hippo belagerten. Er starb im dritten Monat dieser Belagerung, am 28. August 430, im 77. Lebensjahre.
Von seinen zahlreichen Schriften, welche sich durch ungewöhnliche Tiefe und Gelehrsamkeit auszeichnen und ihm den Namen des größten +Gottesgelehrten aller Zeiten+ verschafft haben, sind zwei für die Pädagogik besonders wichtig.
1. „+Von der katechetischen Unterweisung der Unwissenden in der Religion.+“ Durch dieses Buch, welches eine Anleitung für den Diakon Deogratias in Karthago zur Erteilung des ersten Katechumenen-Unterrichts enthält, ist Augustinus der Gründer der katholischen Pädagogik geworden. Die bemerkenswertesten Gedanken aus demselben sind folgende.
„In der Erziehung muß +Liebe+ mit +Furcht+ und Furcht mit Liebe gepaart sein.“
„Der Erzieher soll sich eine +heitere Stimmung+ zu bewahren suchen, nur ‚einen fröhlichen Geber hat Gott lieb‘.“
„Er soll die +Eigenart der Schüler+ kennen lernen und darauf achten, ob dieselben aufrichtig und gut beanlagt sind.“
„Der +Unterricht in der Religion+ soll sich auf der +Bibl. Geschichte aufbauen+. Er soll auch auf die Bedürfnisse der Zeit und des Ortes Rücksicht nehmen. Auf allen Stufen muß er ein zusammenhangendes Ganzes bilden.“
„Mit dem bloßen Auswendiglernen soll der Katechet sich nicht begnügen, sondern es soll fleißig +erklärt+, dann der +Begriff gewonnen+, die +öftere Wiederholung+ nicht verabsäumt werden.“
Um sich „vom Verständnisse zu überzeugen und Gelegenheit zu gewinnen, das falsch Erfaßte zu berichtigen“, empfiehlt +Augustinus nachdrücklich die Frage+.
Endlich soll der Katechet alle zweckmäßigen Mittel anwenden, um den Lernenden den +Unterricht+ ebensowohl +angenehm+ als recht nützlich zu machen, damit sie denselben +gern+ und +fleißig+ besuchen.
2. Sehr belehrend und erbauend sind ferner seine „+Bekenntnisse+“, als Erbauungsbuch in fast sämtliche Sprachen Europas übersetzt. Er gibt darin einen Abriß seines Lebens von seiner Kindheit an bis um d. J. 400, gedenkt hierbei aber nicht bloß der äußeren Ereignisse, sondern schildert insbesondere den Zustand seines Innern, die +Kämpfe und Anstrengungen+, durch die er bemüht war, sich der Sünde zu entreißen und einem christlichen Leben zuzuwenden.
V. Die Pfarrschulen.
1. Eine für den Katechumenen-Unterricht einflußreiche Änderung war die allmähliche Durchführung der +Kindertaufe+ (nach der Völkerwanderung). Der Religionsunterricht begann jetzt erst nach der Taufe, aber auch gleich nach dem Eintritte der Kinder in die Jahre der Vernunft. Die Seelsorger übernahmen den Unterricht. Das Katechumenat hörte auf, und die Pfarr- oder Parochialschulen traten an dessen Stelle.
2. Die +Form+ der christlichen +Katechesen+ mußte für Kinder eingerichtet werden. An Stelle des Vortrages trat das +Zwiegespräch+ (Fragen und Antworten). Bei der Auswahl des Stoffes war auf die Fassungskraft der Kleinen Rücksicht zu nehmen. So gestaltete sich die Katechese zu einer Unterweisung von Kindern in den Anfangsgründen der christlichen Lehre, welche in der Form des Zwiegesprächs durch Fragen und Antworten erteilt wird.
+Katechismus+ heißt: +Lehrbuch in Form von Frage und Antwort+, besonders für den Unterricht in der christl. Religion. Mit +katechetischer Methode+ bezeichnet man die Unterrichtsweise in der Form des +Zwiegesprächs+.
3. +Hauptlehrgegenstände+ der Pfarrschulen waren: Religion und Biblische Geschichte; vielfach wurde auch Lese-, Gesang- und Rechen-Unterricht damit verbunden.
4. Die +Errichtung+ von Parochialschulen wurde angeordnet durch die Synoden von Orange und Valence (529) und durch das 3. ökumen. Konzil (von Konstantinopel 681). Eine Synode in England bestimmte ausdrücklich: „Die Pfarrer sollen so viele Schüler in ihre Häuser nehmen, als sie können, und wie gute Väter ihren Geist nähren.“
VI. Die Schulen der Benediktiner.
1. Dem Benediktinerorden verdankt das Abendland vom 6.–13. +Jahrhundert+ fast ausschließlich die Segnungen des öffentlichen Unterrichts. Die kleineren Stifte bildeten die Jugend der Umgegend in Elementarkenntnissen, die größeren Klöster waren Sammelplätze der Gelehrsamkeit.
2. Der Stifter des Benediktinerordens ist der heil. +Benedikt von Nursia+, zugleich Vater des Mönchswesens im Occident. Er gründete seinen weltberühmten Orden 520 zu Subiaco (südlich von Rom), siedelte 529 nach +Monte Cassino+ (nördlich von Neapel) über und gründete hier das eigentliche +Stammkloster+ des Ordens. Er starb daselbst 543.
3. In seiner +Ordens-Regel+ nimmt er vorzugsweise auf die Pflege der Jugend Rücksicht.
+Arme+ so gut als +reiche+ Knaben dürfen vom +frühen Alter+ an durch die Eltern dem Kloster übergeben werden. -- Sie sollen im Kloster in +strenger Ordnung+ und draußen unter Aufsicht gehalten werden. -- Die Schwächen der Knaben sind zu berücksichtigen, dagegen die +Vergehen+ derselben mit +Fasten oder Rutenstreichen+ zu züchtigen.
4. Nach dem Muster des Stammklosters wurden mit allen Benediktinerklöstern +Schulen+ verbunden. Bei den größeren Klöstern bestanden Doppelschulen, eine +äußere+ und eine +innere+. Die äußeren Schulen wurden von Knaben besucht, welche sich zu einem weltlichen Berufe vorbereiteten; die innere Schule war für solche, die sich dem Ordensberufe widmen wollten. Beide Schulen aber waren +Internate+, da die Benediktinerklöster nach der Ordensregel außerhalb der Ortschaften aufgeführt werden mußten.
5. Der Vorsteher des Klosters (Abt) beauftragte einen geeigneten Mönch mit der besonderen +Leitung+ der Schule. Dieser hieß ~magister scholae~, war sehr angesehen und wählte sich aus den übrigen Mönchen ~seniores~ (Helfer).
6. +Unterrichtsgegenstände+ waren:
~a~) Lesen, Schreiben und Psalmengesang. (Die Unterrichts- und Umgangssprache war die +lateinische+. Nur die Kleinen durften sich der Muttersprache bedienen.)
~b~) Grammatik (lat.), Rhetorik, Dialektik; -- Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik.
Die unter ~b~ genannten Unterrichtsfächer nennt man zusammen die +sieben freien Künste+; davon bilden die drei ersten das +Trivium+ und die vier letzten das +Quadrivium+.
7. Die +Zucht+ wurde mit großer Strenge gehandhabt. Auf Unart, Unfleiß, Unachtsamkeit folgten Fasten und Rutenstreiche, auf schwerere Vergehen Geißelhiebe.
8. Berühmte +Benediktinerschulen+ vor dem Jahre 800 waren:
Monte Cassino in Italien, St. Gallen in der Schweiz, Reichenau auf einer Bodensee-Insel, Fulda in Mitteldeutschland, York in England und +Tours+ in Frankreich.
VII. Die Domschulen.
Die ältesten christlichen Schulen an den Wohnsitzen der Bischöfe sind die Schulen bei den bischöflichen Kirchen oder die +Domschulen+.
Der Vater der Dom- oder Kathedralschulen ist +Chrodegang+, von 742–766 Bischof von Metz. Er gab seinen Domgeistlichen eine bestimmte Regel zu einem gemeinschaftlichen Leben und gründete mit ihnen eine Schule, deren nächster Zweck war, junge Priester heranzubilden. Der Leiter der Domschulen hieß +Scholasticus+ und war ein angesehenes Mitglied des Domkapitels. Seine Gehilfen fand er unter den übrigen Domherren. Nach Chrodegangs Vorgang in Metz entstanden Domschulen auch in anderen Bischofsstädten. Die Domschulen sind, wie die Klosterschulen, Lateinschulen gewesen, hatten dieselben Unterrichtsgegenstände, waren aber nicht Internate, sondern +Externate+.
Zweiter Abschnitt.
Von Karl dem Großen bis zur Reformation.
I. Verdienste Karls des Großen um Erziehung und Unterricht.
Kaiser Karl der Große (768–814) ist der erste +weltliche+ Herrscher, welcher für Erziehung und Unterricht seiner Völker Sorge trug. Sein gewaltiger Geist erfaßte zum erstenmal den Plan einer +allgemeinen Volksbildung+. Schon durch seine pädagogischen Bestrebungen hat sich der große Kaiser einen unsterblichen Namen und den Dank der Nachwelt gesichert. Karls Verdienste sind:
1. Er sorgte für die Verbreitung des Christentums unter den noch +heidnischen+ Völkerschaften und suchte so das Werk des hl. Bonifacius zu vollenden. Unterstützt wurde er in diesen Bestrebungen durch den Schüler des hl. Bonifacius, +Sturmi+, welcher den südwestlichen Teil des Sachsenlandes als Arbeitsfeld sich wählte und das Kloster Fulda gründete; sodann durch den hl. +Ludgerus+, Stifter der Abtei Werden a.