Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre

Part 2

Chapter 23,005 wordsPublic domain

Mögliche Kombinationen der Maß der Vergrößerung, die ein fünf voneinander unabhängigen unter dieser Kombination Faktoren aufgewachsenes Tier erfährt

ABCDE 5 ABCDe 4 ABCdE 4 ABCde 3 ABcDE 4 ABcDe 3 ABcdE 3 ABcde 2 AbCDE 4 AbCDe 3 AbCdE 3 AbCde 2 AbcDE 3 AbcDe 2 AbcdE 2 Abcde 1 aBCDE 4 aBCDe 3 aBCdE 3 aBCde 2 aBcDE 3 aBcDe 2 aBcdE 2 aBcde 1 abCDE 3 abCDe 2 abCdE 2 abCde 1 abcDE 2 abcDe 1 abcdE 1 abcde 0

Alle diese 32 überhaupt möglichen Kombinationen haben die gleiche Wahrscheinlichkeit, ~man kann also erwarten, daß von einer großen Anzahl von Tieren eines Aquariums sich je 1/32 unter einer von diesen Konstellationen entwickelt~. Nun geben aber, wie ein Blick auf die Tabelle S. 8 zeigt:

#1# Kombination eine Vergrößerung um 5 #5# Kombinationen " " " 4 #10# " " " " 3 #10# " " " " 2 #5# " " " " 1 #1# Kombination " " " 0

Mit andern Worten wir werden erwarten müssen, daß von einer großen Zahl von Tieren

1/32 eine Vergrößerung um +5 5/32 " " " +4 10/32 " " " +3 10/32 " " " +2 5/32 " " " +1 1/32 " " " +0

zeigen werden. In Form einer Kurve ergibt sich das in ~Fig. 2~ dargestellte Bild.

Hätten wir in dem Beispiel statt 5 Faktoren eine größere Zahl, etwa 6 gewählt, so hätten wir die Zahlenreihe #1 6 15 20 15 6 1# erhalten und jede beliebige größere Zahl von Faktoren würde ebenfalls Zahlenreihen ergeben, die wie

1 1 2 1 1 3 3 1 1 4 6 4 1 1 5 10 10 5 1

usw. übereinstimmen mit den Koeffizientenwerten von (a+b)^n, d. h. ~der Gaußschen Wahrscheinlichkeitskurve entsprechen~.

~Die bezeichnende Form der Paravariationskurve rührt also nur daher, daß sehr viele Faktoren ganz unabhängig voneinander die Paravariation beeinflussen.~

Die Variationskurven, die man findet, wenn man statistisch irgendeine Eigenschaft untersucht, zeigen zwar sehr häufig ein mehr oder weniger getreues Spiegelbild der Zufallskurve, aber durchaus nicht immer. Es gibt auch einschenkelige, mehrgipfelige u. a. Kurven. Das hängt damit zusammen, daß durchaus nicht notwendigerweise die Änderung einer Eigenschaft genau ~parallel~ den sich ändernden Bedingungen gehen muß. Es würde aber zu weit führen näher auf diese Fragen einzugehen.

Wie auffällig große Verschiedenheiten zwischen erblich genau gleichen Individuen zustande kommen, wie ungemein groß das Ausmaß einer Paravariation sein kann, ist zwar für Pflanzen an sehr vielen Versuchen festgestellt, für Tiere aber und vor allem für höhere Tiere ist hierüber wenig zuverlässiges Material bekannt. Erblich ganz einheitliches Material ist hier sehr schwer heranzuziehen, weil wegen der Geschlechtstrennung Nachkommenschaft nur von ~zwei~ Individuen erhalten werden kann. Ein sehr lehrreicher Versuch dieser Art mit höheren Tieren ist in Figur 3 dargestellt.

~Wenn ein Organismus durch den Einfluß der Umwelt, durch seine „Peristase“, eine Paravariation erfährt, so wird dadurch sein Idioplasma, seine erbliche Veranlagung im allgemeinen nicht berührt.~ Wir greifen wohl, um das zu zeigen, am besten wieder auf unser ~Paramaecium~beispiel zurück:

Ziehen wir von Paramaecium in einem Aquarium einen Klon heran, so sind die Einzeltiere sehr verschieden groß, ~aber die kleinsten sowohl wie die größten Tiere sind erblich, „idioplasmatisch“ trotzdem völlig gleich~, sie haben beide die gleiche Nachkommenschaft, die wiederum aus großen und aus kleinen Tieren besteht (Figur 4).

Auch wenn man eine solche Auslese nach „groß oder klein“ viele Generationen lang durchführt, bleibt das Ergebnis das Gleiche, ~die besondere Beschaffenheit des~ #Einzeltieres# ~wird~ #nicht# ~vererbt~, #sondern jedes Tier dieser Sippe vererbt immer nur die ganz bestimmte, charakteristische Modifizierbarkeit seiner Sippe#.

Man kann auch -- in einer etwas anderen Versuchsanordnung -- von ~einem~ Klon ein Tier in ein nährstoffreiches, ein anderes Tier in ein nährstoffarmes Aquarium verbringen. Es werden dann in den beiden Aquarien Schwärme entstehen, die ~sehr~ verschieden sind. Der gutgenährte Schwarm wird im ~Durchschnitt~ größere Tiere aufweisen als der schlecht genährte. Die beiden Schwärme werden sehr verschieden sein, obwohl sie erblich gleich sind. Man kann diese Zuchten in den beiden verschiedenen Aquarien eine lange Reihe von Generationen fortsetzen, und wenn man dann aus der „fetten“ und aus der „mageren“ Zucht je ein Tier herausgreift, und diese beiden Tiere in ~ganz gleich beschaffene~ Aquarien bringt, gehen aus beiden Schwärme hervor, die ganz gleich beschaffen sind. Das Idioplasma des Klons ist also durch diese sehr verschiedenartigen Kulturbedingungen nicht verändert worden, so sehr verschieden auch die beiden Zuchten während vieler Generationen waren.

Von ~Paramaecium caudatum~ lassen sich aus jedem Tümpel leicht eine ganze Menge ~verschiedener~ Sippen herausfischen, jede davon hat ihre eigene bestimmte Modifizierbarkeit, ~die sie ganz getreu vererbt~, stellt einen ganz bestimmten #Idiotypus# dar.

* * * * *

Dies alles gilt ganz ~allgemein~, wie vielleicht am besten an einem botanischen Beispiel gezeigt werden kann: Von der gewöhnlichen chinesischen Primel -- der allbekannten Zierpflanze -- gibt es viele Farbenrassen, unter anderm eine ~rote~ und eine ~weiße~, die wir als ~Primula sinensis rubra~ und als ~Primula sinensis alba~ bezeichnen wollen. Wie alle Eigenschaften unterliegt auch die Blütenfarbe einer sehr starken Paravariation durch allerhand Außeneinflüsse z. B. durch die Temperatur. Zieht man Pflanzen einer einheitlichen „roten“ Sippe in einem warmen etwas schattigen Gewächshaus von rund 35°C, so blühen sie ~weiß~, während die bei etwa 10-15°C herangezogenen Geschwister rot sind. Nachkommen solcher im Warmhaus weißblütig gewordener und von einer ~Primula sinensis~ #alba# ununterscheidbaren Pflanzen sind, wenn man sie unter den normalen Verhältnissen, d. h. bei 10-15°C großzieht, ~rot~blütig. Der erbliche, idioplasmatische Unterschied zwischen den beiden Rassen ist also nicht der, daß die eine „weiße“, die andere „rote“ Blüten hat, ~sondern, daß die beiden Sippen in verschiedener Weise auf die Temperatur reagieren~.

~Paraffinum durum~ und ~Paraffinum liquidum~ unterscheiden sich für den Laien dadurch, daß das eine bei gewöhnlicher Temperatur eine feste weiße Masse, das andere eine ölartige Flüssigkeit ist. Führt man aber die beiden Paraffinen bei einer Temperatur von 60°C vor, dann kann man sie ebensowenig ~äußerlich~ unterscheiden, wie die beiden Primelrassen im Warmhaus. Trotzdem sind natürlich die beiden erwärmten und ~äußerlich~ ununterscheidbaren Paraffine ebenso verschieden, wie die beiden Primelrassen im Warmhaus. Der Unterschied zwischen den beiden Paraffinen ist eben der, daß sie ~verschiedene Schmelzpunkte haben~, d. h. auf Temperatureinflüsse verschieden reagieren. ~So wenig wie ein „Paraffinum durum“, das man auf 60° erwärmt, nun dadurch einen niedrigeren Schmelzpunkt bekommt, d. h. zu „Paraffinum liquidum“ wird, ebensowenig wird eine im Warmhaus weiß blühende~ #Primula sinensis rubra# ~zu einer~ #Primula sinensis alba#.

~Erblicher, eine Sippe bezeichnender Unterschied ist~, um es noch einmal zu betonen, ~nicht eine bestimmte Ausbildung eines Merkmals, sondern immer nur eine bestimmte „Reaktionsweise“~. Wie ein Organismus aussieht, hängt also immer ab, von ~zwei Dingen~: ~erstens~ von seiner ererbten Reaktionsweise oder man kann auch sagen von seiner idioplasmatischen Beschaffenheit und ~zweitens~ von seiner Peristase, d. h. von den Außeneinflüssen, denen ~er~ gerade während seiner Entwicklung unterworfen war.

Es ist ganz merkwürdig, wie viele unklare Vorstellungen hierüber verbreitet sind.

Die Auffassung, als ob die ~Veränderung, die Paravariation einer Außeneigenschaft~ etwa der Farbe der Primel, auch die ~erbliche Reaktionsweise~ der Sippe ohne weiteres ändere, spukt auf Grund falsch gedeuteter Beobachtungen unter dem Schlagwort von der „~Vererbung erworbener Eigenschaften~“ noch immer in vielen Köpfen.

Hier hilft nur eine völlig klare Begriffsbestimmung. Vererbbare Eigenschaft ist immer nur „vererbbare bestimmte Reaktionsweise“ auf Außeneinflüsse. Das Entstehen einer neuen Eigenschaft beruht also darauf, ~daß diese frühere Reaktionsweise verändert wird~. Wenn man ein Paraffinum durum nicht bloß auf 60° erwärmt, d. h. nicht bloß schmilzt, sondern es etwa unter Druck sehr hohen Temperaturen aussetzt, dann ändert sich seine ~chemische Konstitution~, es kann dann aus ihm unter Umständen ein Paraffin mit niedrigerem Schmelzpunkte entstehen. Ganz entsprechend kann auch durch irgendwelche außergewöhnliche Einwirkung etwa Radiumbestrahlung, Dauerkultur bei eben noch ertragener hoher Temperatur u. ä. aus einer ~Primula sinensis rubra~ eine Nachkommenschaft entstehen, die ~anders als die Ausgangsrasse~ mit ihrer Blütenfarbe auf die Temperatur reagiert.

Ebenso wie aber eine durch Veränderung der chemischen Konstitution und ~Schmelzpunkterniedrigung~ bewirkt Verflüssigung eines Paraffinum durum etwas ganz anderes ist, als ein bloßes ~Schmelzen~, ebenso ist auch die Entstehung einer solchen ~neuen Primelrasse~ grundsätzlich ganz etwas anderes, als die durch Kultur im Warmhaus erzielte einfache Paravariation.

Man bezeichnet, wie wir schon vorhin gehört haben, eine Veränderung dieser letzteren Art, als ~Idiovariation~ oder mit einem älteren Fachausdruck als Mutation.

Der Ausdruck „~Erwerbung einer neuen Eigenschaft~“ wird nun aber leider noch immer von vielen Biologen ~für diese beiden ganz verschiedenen Dinge angewendet~.

Wenn wir also zu der heiklen Frage nach der Vererbung erworbener Eigenschaften Stellung nehmen wollen, werden wir sagen müssen:

Neu entstandene Eigenschaften, auch infolge irgendwelcher Außeneinflüsse erzeugte Eigenschaften, ~die wirklich~ #neue# ~Eigenschaften in dem eben genannten Sinn sind~, sind erblich, oder können doch erblich sein, dagegen entsteht dadurch, daß irgendein Organismus eine Paravariation erleidet, durchaus nicht ohne weiteres auch eine Idiovariation. Daß die Vorstellung so fest in vielen Köpfen sitzt, eine ~Paravariation~ löse immer oder doch meist eine mehr oder weniger ~gleichsinnige Idiovariation~ aus, rührt von fehlerhaft angestellten Versuchen und von Fehlschlüssen her.

Die ~größte Fehlerquelle~ liegt in ~erblich uneinheitlichem Versuchsmaterial~. Der Fehler liegt so nahe, und wird so oft gemacht, daß er wohl auch hier an einem Beispiel besprochen werden muß. Wie schon früher gesagt, gibt es von ~Paramaecium caudatum~ eine Menge von verschiedenen Sippen, deren jede erblich konstant ist. Eine Anzahl solcher Paramaecium-Sippen ist in Fig. 5 abgebildet. Für jede von diesen acht Sippen gilt die in Fig. 4 abgebildete Gesetzmäßigkeit: Jedes einzelne Individuum vererbt nicht seine eigene Größe, sondern seinen ~Sippencharakter~. Wie ein Blick auf die Figur 5 zeigt, greifen die Paravariations-Kurven der verschiedenen Sippen übereinander. Wenn man also diese verschiedenen ~Paramaecium~-Sippen durcheinander im gleichen Aquarium hat, dann findet man von ganz großen bis zu ganz kleinen Tieren ~eine völlig fließende Reihe, man bemerkt nichts davon, daß in dem Aquarium acht erblich verschiedene Sippen~ (Klone) ~sind~. Auch wenn man das wüßte, könnte man einem beliebigen Einzeltier von mittlerer Größe, ~gar nicht ansehen, zu welchem Klone es gehört~. Tiere von dieser Größe kommen in allen acht Klonen vor. Daß zwei Tiere „~paratypisch~“ gleich sind, sagt nicht, daß sie auch „idiotypisch“ gleich seien. Macht man mit einem solchen Gemisch einen Ausleseversuch, wie den in Figur 4 abgebildeten, greift man ~hier~ das kleinste und andererseits das größte Tier heraus, ~dann wird man allerdings finden, daß das größte Tier eine im Durchschnitt größere Nachkommenschaft hat, als das kleinste Tier~. Das größte Tier ist eben, wie ein Blick auf Figur 5 zeigt, sicher ein Tier der zu oberst abgebildeten Sippe und vererbt zwar nicht seine individuelle Größe, ~wohl aber seinen Sippencharakter~, d. h. es wird eine Nachzucht geben, die durchschnittlich größer ist, als das Ausgangs~gemisch~. Ganz entsprechend wird das kleinste Tier ein Tier der zu unterst abgebildeten Sippe sein und ~deren~ durchschnittliche Kleinheit weiter vererben. Wenn also hier die Auswahl von weit vom Durchschnitt abweichenden Tieren ~eine Verschiebung der Durchschnittsgröße in der Richtung der ausgeübten Auslese~ ergibt, so ist das kein Beweis dafür, daß die Paravariation irgendwie erblich sei, sondern nur die Folge davon, ~daß uneinheitliches Ausgangsmaterial vorlag~. Die stark abweichenden Tiere vererben auch hier nicht eine erworbene Paravariation, sondern nur ihren ~alt ererbten Sippencharakter~. Diese Fehlerquelle spielt in der Literatur über Vererbung erworbener Eigenschaften eine sehr verhängnisvolle Rolle.

Eine ~zweite Fehlerquelle~ in dieser Diskussion ist die, daß sehr häufig Außeneinflüsse, die auf ein Individuum eingewirkt haben, auch noch ~mehr oder weniger unmittelbar~ dessen ~Nachkommen~ beeinflussen.

Solche Nachwirkungen kann man sehr oft beobachten. Zieht man von einer reinen Linie von Bohnen eine große Zahl von Pflanzen heran, so sind die einzelnen Pflanzen je nach den Ernährungsverhältnissen usw. ungleich groß und kräftig. Vererbt wird aber auch hier immer nur der Sippencharakter, d. h. Auswahl von großen oder kleinen Pflanzen ~innerhalb~ einer solchen reinen Linie hat keine Veränderung der durchschnittlichen Größe zur Folge.

Was für die in Figur 4 abgebildeten Paramaecien gilt, gilt auch für diesen Bohnenversuch. Man kann nun aber eine Bohnenpflanze halb verhungern und vertrocknen lassen, so daß sie gerade eben noch einige runzelige und kleine Samen entwickelt. Die Samen werden dann Keimpflanzen geben, die in der ersten Zeit ihrer Entwicklung, ~wo sie nur von den von der Mutter mitbekommenen Vorräten leben~, sehr schlecht ernährt sind. Sie entwickeln sich infolgedessen zu deutlich schwächeren Bohnenpflanzen als die unter sonst gleichen Verhältnissen großgezogenen Nachkommen einer nicht mißhandelten Pflanze der gleichen Linie. Daß also hier keine „Vererbung der individuellen Paravariation“ der Mutterpflanze vorliegt, ist klar, es haben nur die ~gleichen ungünstigen Ernährungsverhältnisse, welche die Mutter schon beeinflußt haben, auch noch auf deren Kinder in ihrem ersten Entwicklungsstadium eingewirkt~. Eine Generation später ist bei den Bohnen die Nachwirkung ausgeglichen.

Sehr viel auffälliger sind ähnliche Nachwirkungen von Paravariationen bei den höheren Tieren. Das ist verständlich, wenn man daran denkt, daß zunächst bei allen lebend gebärenden Tieren die Embryonen den ~wesentlichsten Teil ihrer Entwicklung im Mutterleibe durchlaufen~. Ferner sind aber auch bei vielen Tieren schon die Eier selbst quasi „vorgreifend“ sehr weit entwickelt, viele Entwicklungsvorgänge sind schon eingeleitet, es sind bestimmte „Organ-bildende Substanzen“, „Organ-bildende Bezirke“ im Eiplasma ausgebildet. Es geht also auch hier ein großer Teil der Entwicklung im Mutterleibe und damit auch unter dem Einfluß von Außen-Bedingungen vor sich, die auf die ~Mutter~ einwirken.

Gerade diese Fehlerquelle hat eine große Rolle in den viel genannten Versuchen von ~Kammerer~ gespielt, von denen auch nicht ein einziger einigermaßen einwandsfrei ist.

~Alle~ Versuche über die Vererbbarkeit von Paravariationen, in denen diese und alle anderen Fehlerquellen vermieden sind, haben eindeutig das Ergebnis, daß eine solche Vererbung ~nicht stattfindet~.

Es ist natürlich möglich, daß es einmal der Zufall fügt, daß eine und dieselbe Ursache eine bestimmte Paravariation und auch eine gleichsinnige Idiovariation auslöst, es wäre also z. B. möglich, daß die Kultur einer ~Primula sinensis rubra~ in einem ~sehr~ warmen Gewächshaus sowohl eine Paravariation der Blüte hervorruft, wie auch eine Veränderung des Idioplasmas bewirkt. Es ist auch möglich, daß ~zufällig~ einmal das Ergebnis dieser Idiovariation eine Rasse ist, die auch bei niederer Temperatur weiße Blüten bildet. Bekannt ist aber noch ~kein einziger~ Fall eines derartigen Zusammentreffens, und daß die Wahrscheinlichkeit ~sehr klein~ ist, daß einmal dieser Fall gefunden wird, ist wohl ohne weiteres klar. Jedenfalls ist gar keine Rede davon, daß dieser Zusammenhang zwischen Paravariation und Idiovariation häufig vorkäme oder gar die Regel sei!

Die vorstehenden Gesetzmäßigkeiten gelten für alle daraufhin untersuchten Organismen. Wir müssen erwarten, daß auch der Mensch keine Ausnahme macht. Auch nur einigermaßen sicheres Beobachtungsmaterial hierüber gibt es aber für den Menschen nicht.

Daß auch die körperlichen und geistigen Eigenschaften eines fertig entwickelten Menschen das Ergebnis zweier Dinge sind: erstens seiner ererbten Veranlagung, d. h. seiner ererbten idioplasmatischen Beschaffenheit und ~zweitens~ derjenigen Außeneinflüsse, wie Ernährung, Erziehung usw., unter denen er sich gerade entwickelt hat, zeigen aber alle Beobachtungen des täglichen Lebens. Daß klimatische Einflüsse im weitesten Sinne des Wortes auch bei Menschen Paravariation auslösen, ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Daß die Menschen eines Volkes, das zwar ein sehr buntes Rassengemisch darstellt, das aber in einem bestimmten Gebiet zusammen wohnt, häufig so manche schwer beschreibbare gemeinsame körperliche und geistige Eigenschaften aufweisen, hängt wohl ~zum Teil~ hiermit zusammen.

Auch bei allen Untersuchungen über Vererbung bei Menschen müssen wir uns immer darüber klar sein, daß ein Individuum nicht seine persönliche Eigenschaftsausbildung vererbt, ~sondern seine selbst schon ererbte Veranlagung~. Vererbt wird also z. B. nicht ein Leistenbruch, sondern „eine gewisse Veranlagung einen Leistenbruch zu bekommen“. Ob ein Mensch mit dieser Veranlagung den Leistenbruch auch wirklich bekommt, hängt auch von ~anderen~ Faktoren ab. ~Für die weitere Vererbung ist es aber ganz unwesentlich, ob ein solcher erblich belasteter Mensch den Leistenbruch -- etwa infolge einer starken Anstrengung oder dgl. bekommt oder nicht~. Auch ein ~äußerlich gesund~ gebliebener Mensch vererbt die ~Anlage~ weiter. Bei erblicher Veranlagung zu einer Krankheit, wo das Auftreten des Krankheitsbildes nur durch ein nicht allzu häufiges Zusammentreffen von Außenbedingungen bewirkt wird, ist es dem eben Gesagten entsprechend sehr schwierig, den Erbgang genau zu verfolgen. Ist z. B. in einer Familie eine mäßige Veranlagung zum Leistenbruch erblich, so werden nur die wenigen von den mit diesem Erbübel behafteten Individuen, die irgendwelchen besonderen ~Anstrengungen~ oder dgl. sich aussetzen, auch wirklich einen Leistenbruch bekommen. Man wird bei der Betrachtung eines Stammbaumes einer solchen Familie sehr oft den Eindruck einer ganz unregelmäßigen „launischen“ Vererbung bekommen, auch wenn es sich in Wirklichkeit um eine sehr regelmäßige Vererbung handelt -- aber eben nicht um eine Vererbung der persönlichen Beschaffenheit, sondern der „Anlage“.

Es muß ferner im Auge behalten werden, daß auch jeder Mensch einen sehr großen Teil seiner Entwicklung im Mutterleibe durchmacht, und daß daher Umwelts-Einflüsse, die auf die Mutter wirken, auch noch für die nächste Generation folgenschwer sein können. Man wird also mit „Nachwirkungen“ vgl. Seite 19 immer zu rechnen haben.

Das Kind einer erblich nicht mit Tuberkulose belasteten Frau, die aber eine schwere Tuberkulose etwa infolge ihres Berufes erworben hat und die durch ihre Tuberkulose in denkbar schlechtestem Ernährungszustand ist, wird sehr häufig schon von Geburt an schwächlich und weniger widerstandsfähig sein und deshalb nun besonders leicht auch Tuberkulose bekommen. So kann also eine ~Vererbung vorgetäuscht~ werden, wo es sich nur um eine reine ~Nachwirkung~ handelt. In einem äußerlich durchaus ähnlichen Fall, wo eine Frau mit erblicher Veranlagung für Tuberkulose -- bedingt durch eine bestimmte Thoraxform, eine gewisse Mangelhaftigkeit der Lymphdrüsen oder irgend etwas anders -- tuberkulös wird und dann auch tuberkulöse Kinder bekommt, liegt ~neben~ der Nachwirkung auch noch eine ~Vererbung~ vor. In einem solchen Fall zu unterscheiden, was vorliegt, ist sehr schwierig und sehr oft völlig unmöglich. Jedenfalls ist größte Vorsicht in allen Schlußfolgerungen und schärfste kritische Betrachtung des Materials in allen solchen Untersuchungen unerläßlich.

Ebensowenig wie bei allen anderen Organismen Paravariationen erblich sind, ebensowenig sind sie es auch bei Menschen. Man findet freilich auch hier die absonderlichsten Vorstellungen weit verbreitet. Man kann zwar ein nicht musikalisch veranlagtes Kind durch sorgfältige Erziehung zu einem gewissen Musikverständnis und zu einer gewissen Ausübung von Musik bringen, aber die in populären Schriften verbreitete Ansicht, daß Nachkommen von solchen musikalisch ausgebildeten Menschen nun schon von vorneherein eine ~bessere~ musikalische Veranlagung mit auf die Welt brächten, als die Eltern, daß es also möglich sei ~einfach auf dem Wege der Erziehung die erbliche Veranlagung zu steigern, ist völlig unbegründet~. Durch die Erziehung wird zwar das Einzel-Individuum stark beeinflußt, aber nicht die erbliche Veranlagung der Nachkommen. ~Ein nach seiner erblichen Veranlagung minderwertiges Volk oder eine Volksschicht -- etwa die Neger in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika -- wird durch die Erziehung und den Einfluß der Kultur zwar in seinen Einzel-Individuen gehoben, aber damit wird die Rasse als solche nicht verändert.~

b) ~Die Mixovariation.~