Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre

Part 1

Chapter 12,760 wordsPublic domain

################################################################## Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe erstellt. Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert. Voneinander abweichende Schreibweisen, insbesondere bei Eigennamen und Fremdwörtern (z.B. ‚Pygmaeen/Pygmaen/Pygmäen‘ oder ‚Seborrhoe/Seborrhöe‘, etc.) wurden beibehalten.

Die folgenden Stellen wurden korrigiert bzw. bedürfen des Kommentars:

S. VI: Seitenzahl zum Punkt ‚Literatur‘: ‚297‘ → ‚299‘ S. 17: ‚Figur 6‘ → ‚Figur 5‘ S. 18: dto. S. 33 (Legende zur Abbildung): ‚weisse struppige‘ → ‚weiße struppige‘ (harmonisiert) S. 34: ‚ff EE xx‘ → ‚ff EE XX‘ S. 45: ‚Yy Wr‘ → ‚Yy Ww‘ S. 48 (Legende zur Abbildung): ‚Chromomerenaustausches‘: letzter Buchstabe im Original versehentlich gekippt dargestet S. 50: ‚Erstfaktoren‘ → ‚Erbfaktoren‘ S. 73: ‚bgv‘ → ‚dgv‘ S. 83: ‚Langenbreitenindex‘ → ‚Längenbreitenindex‘ S. 90: ‚eine häutiger Zusammenhang‘ → ‚ein häutiger Zusammenhang‘ S. 91: ‚Unterhaugewebes‘ → ‚Unterhautgewebes‘ S. 112: ‚Aenderungen‘ → ‚Änderungen‘ (harmonisiert) S. 125: ‚eineingewanderten‘ → ‚eingewanderten‘ S. 135: ‚Kompenente‘ → ‚Komponente‘ S. 138: ‚anthropoligisch‘ → ‚anthropologisch‘ S. 141: ‚Menscheit‘ → ‚Menschheit‘ S. 142: doppelte Zeile: ‚...falls kraushaarig ... Körpergröße und‘; eine wurde entfernt. S. 147: ‚Störungen‘ → ‚Störung‘ S. 164: ‚uud‘ → ‚und‘ S. 181: ‚das klumpfüßige Kind‘ → ‚Das klumpfüßige Kind‘ S. 201: ‚chematische‘ → ‚schematische‘ S. 205: ‚Kohlenhydrahtstoffwechsels‘ → ‚Kohlenhydratstoffwechsels‘ S. 248: ‚Auslosungsfaktoren‘ → ‚Auslösungsfaktoren‘ S. 272: ‚Sondederung‘ → ‚Sonderung‘

Tiefgestellte Zeichen werden in geschweifte Klammern mit vorangestelltem Unterstrich gesetzt (_{tiefgestellt}). Das Caret-Zeichen (^) zeigt ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen an; mehrere Zeichen werden dabei mit geschweiften Klammern gruppiert (^{hochgestellt}).

Verschiedene Schriftschnitte werden in diesem Text durch die folgenden Sonderzeichen dargestellt:

kursiv: _Unterstriche_ fett: #Rautenzeichen# gesperrt: ~Tilden~

##################################################################

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene

von

Prof. Dr. ERWIN BAUR, Direktor des Instituts für Vererbungsforschung in Potsdam

Prof. Dr. EUGEN FISCHER, Direktor des anatomischen Instituts der Universität Freiburg i. Br.

Dr. FRITZ LENZ, Privatdozent für Hygiene an der Universität München

Mit 65 Figuren im Text

~J. F. Lehmanns Verlag, München~ ~1921~

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene

Band I:

Menschliche Erblichkeitslehre

von

Prof. Dr. Erwin Baur, Prof. Dr. Eugen Fischer und Privatdozent Dr. Fritz Lenz

Mit 65 Figuren im Text

~J. F. Lehmanns Verlag, München~ ~1921~

Urheber und Verleger behalten sich alle Rechte, insbesondere der Übersetzung, vor

Copyright 1921, J. F. Lehmann, München

Druck von Dr. F. P. Datterer & Cie., Freising-München.

Inhaltsverzeichnis. Seite

~Einleitung~ 1

~Erster Abschnitt~: Abriß der allgemeinen Variations- und Erblichkeitslehre. Von Professor ~Erwin Baur~ 3

1. Einige Grundbegriffe 4

2. Die Variationserscheinungen 6

a) Die Paravariation 7

b) Die Mixovariation 22

c) Die Idiovariationen 63

3. Der Einfluß der Variationserscheinungen auf die Zusammensetzung eines Volkes, die Wirkung von Auslesevorgängen 67

4. Die Wirkung von Inzucht 75

~Zweiter Abschnitt~: Die Rassenunterschiede des Menschen. Von Prof. Dr. ~Eugen Fischer~ 77

1. Die variierenden Merkmale des Menschen (Spezielle Anthropologie und Anthropobiologie) 78

a) Schädel 79

b) Skelett (außer Schädel) 88

c) Muskelsystem 89

d) Innere Organe 89

e) Nervensystem und Sinnesorgane 89

f) Pigmentverhältnisse 91

g) Die Haarfarbe 94

h) Augenfarbe 98

i) Haarform 100

k) Haut 102

l) Körpergröße 103

m) Körperproportionen und äußere Körperform 105

n) Physiognomie 107

Schluß 109

2. Rassenentstehung und Rassenbiologie 110

3. Rassenbeschreibung (Anthropographie) 123

Europa 124

Vorderasien 134

Ägypten und Nordafrika 136

Afrikanischer Kreis 138

Ost-, zentral- und nordasiatischer Kreis 139

Australisch-pazifischer Kreis 141

~Dritter Abschnitt~: Die krankhaften Erbanlagen. Von Privatdozent Dr. ~Fritz Lenz~ 143

1. Zum Begriff der Krankheit 144

2. Die Bedeutung krankhafter Erbanlagen für die Krankheiten der verschiedenen Organe 146

a) Erbliche Augenleiden 146

b) Erbliche Leiden des Gehörorgans 166

c) Erbliche Hautleiden 168

d) Mißbildungen 176

e) Erbliche Konstitutionsanomalien 188

f) Erbliche Stoffwechselkrankheiten 203

g) Andere innere Leiden 209

h) Erbliche Nervenleiden 215

i) Erbliche Geisteskrankheiten und Psychopathien 225

3. Die Feststellung des Erbganges krankhafter Anlagen 239

4. Die Neuentstehung krankhafter Erbanlagen 252

~Vierter Abschnitt~: Die Erblichkeit der geistigen Begabung. Von Privatdozent Dr. ~Fritz Lenz~ 268

1. Die hervorragende Begabung 268

2. Die gewöhnlichen Unterschiede der Begabung 273

3. Begabung und Psychopathie 280

4. Rasse und Begabung 285

~Literatur~ 299

(Namen- und Sachregister s. am Schluß des 2. Bandes.)

Einleitung.

In der Zusammensetzung eines jeden Volkes vollziehen sich fortwährend Änderungen. Das Volk, das Rom zu Ende der Kaiserzeit bewohnte, war nicht nur in seinen Sitten und Gewohnheiten, sondern auch in seinem ganzen Charakter und in seinen Rasseneigenschaften völlig verschieden von dem Volke zur Zeit Catos. Und die Menschen, die heute in Deutschland leben, sind in ihren geistigen und körperlichen Rasseneigenschaften völlig verschieden von den Zeitgenossen Karls des Großen. Diese Weiterentwicklung, diese Umbildung eines Volkes kann zum Guten, zur Ertüchtigung und zum Aufstieg des Volkes führen, sie kann aber auch, und das ist bei allen Kulturvölkern der häufigste Fall, rascher oder langsamer seinen ~Verfall~, seine ~Entartung~ bewirken.

Man hat oft in einer durchaus unbegründeten Vergleichung eines Volkes mit einem einzelnen Menschen geglaubt, daß jedes Kulturvolk gewissermaßen ein frisches Jugendstadium, ein Stadium der Reife und endlich ein Altern, d. h. eine Entartung und einen Niedergang aufweise. ~Das ist sicher nicht der Fall.~ Aber in jedem Volke können krankhafte Vorgänge, meistens sind es Auslese-Vorgänge, einsetzen, welche die Beschaffenheit des Volkes rasch verschlechtern, seinen Verfall bedingen.

Die Erkenntnis, daß solche Vorgänge sich in unserem Volke, wie in allen Kulturvölkern, in bedrohlichem Maße zeigen, daß wir, wie alle Kulturvölker in einer Entartung begriffen sind, ist heute schon weit verbreitet. Man versucht auch schon, dieser „Krankheit des Volksganzen“ mit sozialpolitischen und gesetzgeberischen Maßnahmen entgegenzutreten, meistens freilich mit wenig tauglichen Mitteln.

Ebenso wie ohne eine gründliche Kenntnis der menschlichen Anatomie, Physiologie und Pathologie eine wissenschaftliche Heilkunde unmöglich ist, ebenso ist auch für das Studium der menschlichen ~Soziologie~, für jede zielbewußte ~Bevölkerungspolitik~ und für alle ~rassenhygienischen Bestrebungen~ (Eugenik) eine breite naturwissenschaftliche Grundlage erforderlich.

~Wenn wir nicht wissen, welche verschiedenen Rassenbestandteile ein Volk zusammensetzen, nach welchen Gesetzen die Rassenunterschiede und die zahllosen Unterschiede der Einzelmenschen vererbt werden und wie Auslesevorgänge auf ein Volk einwirken, tappen wir mit allen Betrachtungen über die Wirkung von sozialen und politischen Einflüssen auf die Beschaffenheit eines Volkes völlig im Dunkeln.~ Ohne diese Kenntnis vorgenommene gesetzgeberische Eingriffe auf dem Gebiet der Bevölkerungspolitik und Rassenhygiene wären ebenso zu bewerten wie die gemeingefährliche Quacksalberei eines ungebildeten Laien.

Aus dieser Überlegung ergibt sich die Gliederung unseres Lehrbuches. Der erste Abschnitt gibt einen Überblick über die allgemeine Variations- und Erblichkeitslehre. Der zweite Abschnitt behandelt die spezielle menschliche Variations- und Erblichkeitslehre einschließlich der anthropologischen Rassenunterschiede. Im dritten Abschnitt werden dann die wichtigsten erblichen Krankheiten und Anomalien besprochen, und im vierten wird die erbliche Bedingtheit der geistigen Begabung behandelt. Diese vier Abschnitte zusammen bilden eine gewisse Einheit, insofern als sie alle Tatsachen, von denen die Veranlagung des einzelnen Menschen abhängig ist, theoretisch zur Darstellung bringen. Für Leser, welche sich für die praktischen Folgerungen, die sich daraus für unser soziales und persönliches Leben ergeben, weniger interessieren, haben wir diese theoretischen Teile zu einem besonderen, einzeln käuflichen Bande zusammengefaßt. Das praktische Hauptgewicht liegt indessen auf dem zweiten Bande. Dort werden zunächst die Auslesevorgänge, welche sich in unseren Bevölkerungen abspielen, dargestellt, mit dem Ergebnis, daß die erbliche Beschaffenheit unserer Bevölkerung in der Gegenwart sich im ganzen in ungünstiger Richtung ändert. In den letzten Abschnitten wird dann die praktische Rassenhygiene behandelt, d. h. es wird untersucht, wie man dieser Entartung Einhalt tun und wie man das Leben der Rasse in möglichst günstige Bahnen lenken könne. Insbesondere wird auch dargestellt, wie der einzelne Mensch und die einzelne Familie ihr Leben im Sinne praktischer Rassenhygiene gestalten könne.

Erster Abschnitt.

Abriß der allgemeinen Variations- und Erblichkeitslehre

Von

Professor #Erwin Baur#.

1. Einige Grundbegriffe.

Mit ~Vererbung~ im ~biologischen~ Sinne des Wortes bezeichnen wir gemeinhin die Tatsache, daß die Nachkommen eines Elters oder bei geschlechtlicher Fortpflanzung eines Elternpaares dem bzw. den Eltern gleichen.

Nachkommenschaft kann bei vielzelligen Lebewesen entstehen:

1. durch Lostrennung und selbständige Weiterentwicklung einer einzelnen Zelle oder bei Lebewesen mit vielkernigen Zellen sogar eines Teiles einer Zelle;

2. durch Lostrennung und selbständige Weiterentwicklung von ganzen Zellgruppen und Organen;

3. durch Lostrennung zweier Zellen von einem Individuum oder von zwei Individuen und weiterhin Vereinigung je zweier solcher Zellen („Eizelle“ und „Spermatozoid“) zu einer Zelle, aus der dann ein neues Individuum hervorgeht.

Die ersten beiden Fälle bezeichnet man als ~ungeschlechtliche~ (vegetative), den dritten Fall als ~geschlechtliche~ (sexuelle) ~Fortpflanzung~.

Bei sehr vielen, besonders bei vielen pflanzlichen Lebewesen kann man jede beliebige Zelle oder doch Zellgruppe aus ihrem bisherigen Verband lostrennen. Sie fängt dann selbständig zu wachsen an und läßt so ein neues Individuum[1] aus sich hervorgehen. Bei vielen anderen Organismen sind nur wenige Zellen in dieser Weise „allseitig regenerationsfähig“. Bei noch anderen Organismen, so besonders bei den höheren Tieren sind im allgemeinen nur ganz bestimmte Zellen -- die Geschlechtszellen -- zur Erzeugung neuer Individuen befähigt.[2]

Bei den Organismen der ersten beiden Gruppen muß also in jeder von diesen allseitig regenerationsfähigen Körperzellen, bei den Organismen der letzten Gruppe muß ~mindestens in jeder Geschlechtszelle~ alles darin stecken, was für die betreffende Art wesentlich ist. Im feineren Bau der Eizellen eines Orang-Utans und eines Menschen muß in irgendeiner Weise der ganze Unterschied zwischen einem Orang-Utan und einem Menschen begründet sein. Man darf sich das freilich nicht in der kindlichen Weise der Präformations-Theorie so vorstellen, daß in der Eizelle alle im späteren Organismus auftretenden Unterschiede schon vorhanden wären. Jeder fertige Organismus ist erst das Endergebnis einer langen individuellen Entwicklung, winzige Unterschiede im Anfangsstadium können tiefgehende Unterschiede bei den späteren Stadien bedingen -- kleine Ursachen, große Wirkungen. -- Es ist ganz leicht vorstellbar, daß kleine Unterschiede im Gefüge zweier äußerlich überhaupt nicht unterscheidbarer Eizellen, z. B. kleine chemische Verschiedenheiten bedingen, daß aus der einen ein Europäer, aus der anderen ein Hottentotte wird. Es ist auch gar nicht gesagt, daß zwischen der Größe der Unterschiede zweier Keimzellen und der Größe der Unterschiede der fertigen Organismen eine bestimmte Beziehung besteht.

Wir wollen nun weiterhin, ohne damit zunächst irgendwelche zytologische Vorstellungen zu verbinden, den Teil einer Zelle, in dem in uns vorläufig noch unbekannter Weise ihre Arteigenheit begründet ist, mit einem von ~Naegeli~ eingeführten Ausdruck als #Idioplasma# bezeichnen. ~Es beruhen nach dieser Begriffsbestimmung alle erblichen Unterschiede zwischen zwei fertigen Individuen entwicklungsmechanisch in letzter Linie auf Unterschieden im Bau oder Chemismus des Idioplasmas.~ Diese Idioplasma-Unterschiede sind das ~Primäre~, die ~äußerlich~ an den ~ausgewachsenen~ Organismen erkennbaren Unterschiede sind etwas ~ganz Sekundäres~. Irgendein kleiner Unterschied zwischen den Idioplasmen zweier Eizellen ist vielleicht die entwicklungsmechanische Ursache einer ganzen Reihe von Unterschieden in den verschiedensten Teilen des fertigen Organismus.

~Vererbung von einem Elter bzw. einem Elternpaar auf die Nachkommen beruht darauf, daß die Nachkommen ganz oder teilweise das gleiche Idioplasma haben wie der Elter oder bei geschlechtlicher Fortpflanzung wie die Eltern.~

2. Die Variationserscheinungen.

Die Vererbung ist fast nie eine vollkommene, d. h. die Nachkommen sind fast nie dem Elter bzw. den Eltern völlig gleich, und ebenso sind fast immer die Geschwister untereinander verschieden. Man sagt, die Nachkommen „~variieren~“. ~Es ist die wichtigste Aufgabe der Vererbungswissenschaft, die Gesetzmäßigkeiten klarzulegen, nach denen dies Verschiedensein, diese Variation vor sich geht.~

Ursache des Verschiedenseins der Kinder von den Eltern und der Kinder voneinander, d. h. Ursachen des Variierens kennen wir im wesentlichen dreierlei, und so lassen sich auch ~drei Gruppen von Variationen~ unterscheiden:

1. Die eine von diesen drei Hauptursachen beruht darauf, daß auch der erblichen Anlage nach, d. h. idioplasmatisch völlig gleiche Individuen ~je nach den äußeren Verhältnissen, unter denen sie aufgewachsen sind~, je nach ihrer „Peristase“, sehr verschieden sein können. Wir bezeichnen diese Art der Variation als Variieren durch Modifikation oder in einer in diesem Buche verabredungsgemäß durchgeführten neuen Bezeichnung als #Paravariation#.

2. Eine zweite Ursache des Variierens beruht darauf, daß bei der geschlechtlichen Fortpflanzung ein neues Individuum fast immer dadurch entsteht, daß zwei Zellen sich vereinigen, ~die ihrer erblichen Anlage nach, d. h. im Idioplasma verschieden sind~, und daß so eine ~Vermischung~ eine Kombination ~zweier Vererbungsrichtungen~ erfolgt. Man spricht dann von #Mixovariationen#.

3. Eine dritte Ursache des Variierens beruht darauf, daß aus irgendwelchen Gründen und zu irgendwelchem Zeitpunkt eine ~Änderung im Gefüge des, im allgemeinen freilich sehr stabilen, Idioplasmas~ erfolgt und daß so Zellen und daraus Individuen mit verändertem Idioplasma hervorgehen, die entsprechend auch in ihren sekundären äußeren Eigenschaften verändert sind. Variationen, die auf einer solchen Änderung des Idioplasmas beruhen, bezeichnet man vielfach als ~Mutationen~, wir wollen sie als #Idiovariationen# bezeichnen.

a) Die Paravariation.

Um die Gesetze der Paravariationen zu untersuchen, muß man ausgehen von Fällen, wo nicht gleichzeitig die verschiedenen Ursachen des Variierens mitspielen, wo vor allem die Wirkungen der geschlechtlichen Vermischung zweier Vererbungstendenzen ausgeschaltet sind. Wir wählen deshalb zur Ableitung der wichtigsten Gesetzmäßigkeiten am besten einen Organismus, der dauernd oder doch zeitweilig Fortpflanzung ohne geschlechtliche Vereinigung verschiedener Idioplasmen aufweist. Wir müssen also entweder mit sich ungeschlechtlich vermehrenden Organismen arbeiten oder mit Organismen, die sich „autogam“[3] fortpflanzen. Das letztere ist zum Beispiel bei den ~Bohnen~ der Fall, die Zwitterblüten haben, und bei denen fast immer der Blütenstaub nur auf die Narbe der ~gleichen~ Blüte gelangt und sie befruchtet. Die idioplasmatisch gleichen Individuen, die durch ~ungeschlechtliche Vermehrung eines Ausgangsindividuums~ entstanden sind, bezeichnet man in der Vererbungsliteratur als einen „#Klon#“. Die in gleicher Weise erblich einheitlichen Individuen, die man erhält als Nachkommenschaft ~eines Ausgangsindividuums bei einem autogamen Organismus~ bezeichnet man als „#Reine Linie#“.

Wir wollen hier als Schulbeispiel etwa eine Kultur von ~Paramaecium caudatum~, einem in allen Pfützen und Tümpeln häufigen kleinen einzelligen Infusor nehmen, das sich in kleinen Glasgefäßen eine lange Reihe von Generationen hindurch rein vegetativ fortpflanzen läßt. Man bekommt so, wenn man mit einem Ausgangstier ein Aquarium beschickt, rasch einen großen Schwarm von Tieren, die alle ihrer ~erblichen Anlage nach, d. h. idioplasmatisch gleich sind~. Äußerlich sind aber die einzelnen Tiere eines solchen Klons trotzdem stark verschieden, weil sie im einzelnen immer unter etwas anderen Bedingungen sich entwickelt haben. Das eine hat z. B. immer genug Nahrung bekommen, das andere hat zeitweilig gehungert, das eine hat sich verletzt, das andere nicht, das eine befand sich an einer besonders stark belichteten oder an einer besonders warmen Stelle des Kulturgefäßes usw.

Für dieses Verschiedensein erblich gleicher Organismen, das bedingt ist durch die ungleichen Außeneinflüsse, die auf die Tiere einwirken, gelten ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten: Untersucht man irgendeine beliebige Eigenschaft aller Tiere eines solchen Schwarmes statistisch, so findet man meist, daß weit nach der einen Seite abweichende Individuen selten sind, ebenso auch weit nach der anderen Seite abweichende. Je mehr sich aber die Eigenschafts-Ausbildung dem Mittel nähert, desto häufiger sind die betreffenden Individuen. Das zeigt sehr schön die Tabelle I, in der von einem Klon von ~Paramaecium~ die Körperlänge statistisch aufgenommen ist. ~Figur 1~ zeigt das gleiche Zahlenmaterial in Form einer Variationskurve.

Tabelle I:

==============+===+===+===+===+===+===+===+===+===+ Länge in µ |136|140|144|148|152|156|160|164|168| --------------+---+---+---+---+---+---+---+---+---+ Zahl der Tiere| mit | 2 5 5 14 26 27 40 52 39 dieser Länge | ---------------------------------------------------

==============+===+===+===+===+===+===+===+=== Länge in µ |172|176|180|184|188|192|196|200 --------------+---+---+---+---+---+---+---+--- Zahl der Tiere| mit | 32 26 14 12 3 2 1 dieser Länge | ----------------------------------------------

Weshalb die Variationskurven so häufig gerade diese Form haben, d. h. mehr oder weniger der ~Binominalkurve~ gleichen, ist leicht einzusehen: Die Größe der Paramaecien wird, um bei diesem Beispiel zu bleiben, durch alle möglichen verschiedenen Faktoren beeinflußt. Ganz besonders groß wird z. B. ein Tier nur dann, wenn es dauernd sehr gut genährt wurde, nie verletzt wurde, immer im genügend sauerstoffreichen Wasser war, nie durch zu grelles Licht, oder zu hohe Temperatur, oder zu niedere Temperatur geschädigt wurde usw. Nur ein Tier, das in ~allen diesen Dingen Glück~ hat, wird ~besonders groß~, und ebenso wird nur ein Tier, das ~in allen diesen Dingen Unglück~ hat, ~besonders klein~. ~Meist wird es sich aber treffen, daß ein Tier teils Glück, teils Unglück hat, d. h. es wird meist eine mittlere Größe haben.~

Immerhin ist aber diese ganze Frage doch so wichtig, daß es sich lohnt, abzuleiten, weshalb gerade die bestimmte Form der Kurve zustande kommt.

Faktoren, die alle die Größe eines Paramaeciums in einem Aquarium beeinflussen, gibt es zahllose. Wir wollen einmal nur die vorhin genannten herausgreifen und wollen auch die Annahme machen, es gäbe für diese 5 Faktoren immer nur je zwei Alternativen, eine die Größe fördernde und eine die Größe hemmende. Wir wollen ferner die fördernden Alternativen mit einem großen, die hemmenden mit dem entsprechenden kleinen Buchstaben bezeichnen. Das gäbe folgendes:

Fördernde Alternativen Hemmende Alternativen

_A_ Ernährung gut _a_ Ernährung schlecht _B_ genügend Sauerstoff _b_ nicht genügend Sauerstoff _C_ günstige Belichtung _c_ zu grelles Licht _D_ keine Schädigung durch _d_ zeitweilige Schädigung durch Kälte Kälte _E_ keine Schädigung durch _e_ zeitweilige Schädigung durch Hitze Hitze

Auch wenn wir nur diese fünf voneinander unabhängige Faktoren in Rechnung stellen, können die einzelnen Tiere einer Kultur schon sich unter #32# verschiedenen Bedingungen entwickeln. Ein Tier, das unter der ausschließlich günstigen Bedingung A B C D E aufwächst, wird besonders groß, ein Tier, das unter der nur teilweise günstigen Bedingung A b c D e aufwächst, das also zwar gut genährt ist, auch nicht unter Kälte leidet, das aber durch Sauerstoffmangel, Hitze und zu grelles Licht geschädigt wird, wird wesentlich kleiner sein. Nehmen wir der Einfachheit halber an, daß jeweils ein fördernder Faktor ein Tier um eine Längeneinheit größer werden lasse, so haben wir folgendes: