Grundriß der Logik

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Aus Natur und Geisteswelt Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

637. Bändchen

Grundriß der Logik

Von ~Dr.~ Kurt Joachim Grau

Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1918

Berthold Goldstein

dem toten Freunde in treuem Gedenken

(Gefallen am 13. Juni 1915 beim Sturmangriff unweit Jaroslau in den Kämpfen zur Befreiung Galiziens)

„Ich bin der Meinung, man täte wohl, daß man die Mathematik, Historie und anderes +vor+ der ausführlichen Logik lernte; denn wie will der die Gedanken wohl ordnen, der noch wenig bedacht? Wenn man aber mit einem Vorrat guter Gedanken versehen, dann kann man sie mustern und abmessen, und mit Hilfe der darin sich zeigenden Ordnung desto besser auf etwas Neues kommen. Es ist hierin wie mit der Sprachkunst, da bin ich auch der Meinung, man solle sich bei Erlernung einer Sprache mehr an die Übung als Grammatik halten; wenn man aber schon ziemlich in der Sprache erfahren, dann dienet die Grammatik, darin höher zu steigen.“

G. W. +Leibniz+ (Brief an Gabriel Wagner, 1696.)

Vorwort.

Der vorliegende „Grundriß der Logik“ erwuchs im wesentlichen aus +pädagogischen+ Motiven. Dem Schüler und Studenten, ja dem philosophisch Interessierten überhaupt, einen kurzen, übersichtlichen Leitfaden in die Hand zu geben, der ihn über die Hauptfragen der Logik orientiert, über ihre verschiedenen Lösungsversuche und den gegenwärtigen Stand der Probleme, der ihm zugleich den Weg weist zu weiteren und tieferen Studien auf diesem nützlichen Gebiete menschlichen Wissens, hat dem Verfasser als Ziel und Aufgabe vorgeschwebt.

Daraus ergab sich, daß manches unerörtert bleiben mußte, was dem Zweck dieser als +Einführung+ gedachten Arbeit widersprochen und auch sonst allzusehr ins Spezielle, ins Polemische sowie in die Grenzgebiete logischer Betrachtung geführt hätte. Der Verfasser hat sich daher durchgehends bemüht, sich in der Darstellung streng an sein vorgeschriebenes Thema zu halten und alles Psychologische, Grammatische und Erkenntnistheoretische nur so weit heranzuziehen, wie es für die eigentliche Aufgabe, die Erörterung der +logischen+ Probleme, unumgänglich notwendig erschien. Daß eine solche Beschränkung nicht immer leicht ist, wird, wer je versucht hat, ein System der Logik abzuhandeln, wohl wissen; nicht minder aber auch, daß die Vorteile strenger Abgrenzung der Wissenschaften gegenüber deren Nachteilen bei weitem überwiegen. Auch sonst standen bei der Abfassung didaktische Gesichtspunkte +über+ den theoretisch-wissenschaftlichen. Der Grundriß sollte nicht so sehr untersuchen wie +darstellen+; sollte weniger dazu beisteuern, Probleme zu lösen als zu zeigen, wie aus +gegebenen+ Lösungsversuchen +neue+ Probleme entstehen. Die verschiedenen gegenwärtig miteinander streitenden Richtungen der Logik (die formale, metaphysische und erkenntnistheoretische, psychologisierende, mathematische, Inhalts- und Umfangs-, induktive und deduktive Logik) sind, wie ich glaube, in genügender Weise zum Ausdruck gekommen. Eine kritische Stellungnahme innerhalb dieser zum Teil arg auseinandergehenden Strömungen war unvermeidlich, entsprechend dem allgemein anerkannten Grundsatz, daß es nur +eine+ Wahrheit und in wissenschaftlichen Dingen gegenüber dem als unzureichend Erkannten keine Toleranz geben dürfe.

Daß ich mit erläuternden +Beispielen+ im Text nicht gespart habe, wird man mir nicht als eine unnötige Belastung des Bändchens auslegen wollen; haben diese doch (nach der treffenden Bemerkung +Drobischs+) im Lehrbuch der Logik eine ähnliche Funktion wie die veranschaulichenden Figuren im Lehrbuch der Geometrie.

Der Darstellung ist ein Literaturverzeichnis angehängt, das Fingerzeige zur weiteren Beschäftigung mit logischen Fragen enthält.

+Berlin+, im Sommer 1917.

=+Der Verfasser.+=

Inhaltsverzeichnis.

Einleitung: Seite

1. Die Stellung der Logik im System der Philosophie 1

2. Über Begriff, Aufgabe und Einteilung der Logik 4

3. Die geschichtlichen Voraussetzungen der neueren Logik 8

Erster Teil: Logische Elementarlehre.

I. Abschnitt: +Die Lehre vom Begriff+

1. Psychologische Vorbemerkungen über das Verhältnis von Sprechen und Denken 16

2. Die Gegenstände des Denkens und die Bedeutung der Begriffe 20

3. Das Wesen des Begriffes und sein Inhalt 23

4. Der Umfang des Begriffes und sein Verhältnis zum Inhalt 26

5. Arten und Ordnungsreihen der Begriffe; Kategorien 27

II. Abschnitt: +Die Lehre vom Urteil+

1. Arten und Ordnung der Urteile 32

2. Logische Theorie des Urteils 35

3. Formale und materiale Bedingungen der Urteilsgültigkeit 41

4. Das Subjektsglied der Urteile und die Subjekt-unbestimmten Urteile 46

5. Das Prädikatsglied der Urteile und die Arten der Prädizierungen 49

6. Wesen und Arten der Beurteilungen 56

7. Die zusammengesetzten Urteile (Urteilsverbindungen und Urteilsgefüge) 62

8. Wesen und Arten der Frage 68

III. Abschnitt: +Die Lehre vom Schlußverfahren+

1. Die unmittelbaren Schlüsse oder Folgerungen 72

2. Die Arten der mittelbaren Schlüsse und die kategorischen Deduktionen 77

3. Hypothetische Deduktionen und Zusammensetzungen deduktiver Schlüsse 86

4. Logische Theorie des deduktiven Schließens 91

5. Die induktiven Schlüsse und die Theorie der Induktion 93

6. Das Wesen und die logische Bedeutung der Analogieschlüsse 98

Zweiter Teil: Logische Methodenlehre.

I. Abschnitt: +Die Lehre vom wissenschaftlichen Untersuchungsverfahren+

1. Unwissenschaftliches und wissenschaftliches Denken und die Aufgaben der Methodenlehre 102

2. Wissenschaftliche Begriffsbildung und Begriffsbestimmung 105

3. Das analytische Untersuchungsverfahren 109

4. Das Experiment und die wissenschaftliche Erfindung als Hilfsmittel der Analyse 111

5. Das synthetische Untersuchungsverfahren (Gesetz, Theorie, Hypothese) 113

6. Die Klassifikation und das Begriffssystem der Wissenschaften 120

II. Abschnitt: +Die Lehre vom wissenschaftlichen Beweisverfahren+

1. Begriff und Arten des Beweises 123

2. Die Auffindung der Beweisgründe 126

3. Fehler und Unzulänglichkeiten des Beweises 129

4. Fiktionen und Utopien 132

Literaturnachweise 135

Sachregister 138

Einleitung.

1. Die Stellung der Logik im System der Philosophie.

Was Philosophie ist, was Philosophie soll, darauf gibt es fast ebenso viele Antworten, wie es Philosophen gegeben hat. Wer die Geschichte der Philosophie aufmerksam durchgeht, von den Tagen der Griechen bis auf die neueste Zeit, der steht wohl staunend vor der bunten Mannigfaltigkeit von Auffassungen, die Wesen und Zweck des philosophischen Denkens im Laufe der Jahrhunderte gefunden hat.

Nur der oberflächliche Betrachter vermag aus dieser Tatsache einen Einwand gegen die Existenzberechtigung der Philosophie herzuleiten. Es sind erfahrungsgemäß nicht die unfruchtbarsten Wissenschaften, die ihr spezielles Untersuchungsgebiet, den ihnen eigenen Standpunkt der Betrachtung und die dazu gehörige Methode erst spät finden; und alle Wege zur wahren Einsicht führen über Irrtümer und Täuschungen.

Dennoch gibt es heutzutage eine Anzahl Forscher, meist Vertreter der Naturwissenschaften, die der Philosophie mit mehr oder minder offen eingestandener Mißachtung gegenüberstehen und ihr den Rang einer Wissenschaft aberkennen wollen. Sehr zu Unrecht! Denn wer so denkt, übersieht ganz und gar die eigentümliche Stellung, welche die Philosophie bisher in der Geschichte der Wissenschaften eingenommen, und die außerordentlichen Leistungen, die sie für Ursprung und Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis vollzogen hat. Gerade die Philosophie ist es (die Geschichte bietet dafür die bündigsten Beweise), die fast alle anderen Wissenschaften, insbesondere die von der äußeren Natur, gewissermaßen geboren und an ihrer Mutterbrust großgezogen hat. Zur Zeit des Aristoteles, des größten Forschers des Altertums, gibt es nur +eine+ Wissenschaft, die Philosophie, und alle besonderen Erkenntnisse sind Zweige und Äste dieser einen. Dieselbe Auffassung findet sich der Hauptsache nach auch noch zu Anfang der Blütezeit der neueren Philosophie, im 17. Jahrhundert, bei Bacon, bei Gassendi, Hobbes und Descartes, nur daß hier bereits Wissenschaften wie die Theologie und Mathematik sich zum Teil emanzipiert haben, und die Philosophie selbst sich in einzelne Disziplinen zu sondern beginnt, wie Hobbes z. B. eine „~philosophia naturalis~“ und „~philosophia civilis~“ (Natur- und Bürgerphilosophie) unterscheidet, und wenig später in der englischen Philosophie des 18. Jahrhunderts (mit den Bezeichnungen „~natural philosophy~“ und „~moral philosophy~“) die Scheidung in die Philosophie des Geistes und der Natur aufkommt. Nennt doch auch selbst Newton sein großes wissenschaftliches Hauptwerk noch „~philosophiae naturalis principia mathematica~“ (Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie, erschienen im Jahre 1687). Das 18. und das 19. Jahrhundert sind die Epochen der +Differenzierung+ der Wissenschaften, d. h. der allmählichen Loslösung der Einzeldisziplinen von ihrem philosophischen Mutterboden, und zugleich Blütezeiten philosophischer Arbeit. Und gerade jetzt, in unseren Jahrzehnten, erleben wir wieder das Schauspiel, daß Wissenschaften, die bereits als Teile philosophischer Erkenntnis eine jahrhundertelange Geschichte aufweisen, nun sie genügende Reife erlangt haben, sich aus dem Schoße der Philosophie entfernen und zu selbständigen Forschungen heranwachsen: die Psychologie und die Ästhetik.

Diese allmähliche fortschreitende Absonderung philosophischer Disziplinen von ihrer Mutterwissenschaft ist nun freilich nicht einer völligen Trennung gleich zu erachten, dergestalt, daß die Philosophie, nachdem sie alle ihre Zweige und Äste zu selbständigen Einzelwissenschaften erhoben hätte, zuletzt selbst gleichsam leer und ohne Gegenstand ausginge. Vielmehr bleibt zwischen der Philosophie und den Einzelforschungen ein eigentümliches Verhältnis derart bestehen, daß die Philosophie die Einzelwissenschaften zwar nicht ihrem Inhalt, wohl aber ihrer +Form+ nach als Objekte der Forschung beibehält. Die Philosophie als Mutter aller wissenschaftlichen Erkenntnis ist in ihrem theoretischen Teil zugleich Wissenschaft aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Ihre Gegenstände sind das wissenschaftliche Denken und Erkennen, das wissenschaftliche Untersuchungs- und Begründungsverfahren schlechthin, kurzum das geistige Instrument, dessen sich der Forscher in seinem Wirken bedient, das er selbst aber als gegeben hinnimmt und zumeist nach Bestand und Voraussetzungen ununtersucht läßt.

Alle Wissenschaften bedürfen, um zu Resultaten zu kommen, als Mittel dazu des Denkens und des Erkennens. Ist die Philosophie Wissenschaft der wissenschaftlichen Verfahrungsweisen, so ist sie damit Wissenschaft vom Denken und Erkennen. Nun aber sind das Erkennen und Denken bereits Gegenstände einer anderen Wissenschaft, der Psychologie, die diese wie alle anderen psychischen Vorgänge nach ihrem Bestande und Verlaufe analysiert und ihre gesetzlichen Beziehungen untereinander sowie zu den physiologischen Korrelaten festzustellen sucht. Wozu bedarf es außerdem noch einer Philosophie, die das Denken und Erkennen zum Gegenstande besonderer Forschung macht?

Dieser naheliegende Einwand löst sich sofort, wenn wir den Begriff der Philosophie auf eine genauere Formel bringen, als es bisher geschehen ist. Philosophie ist (nach ihrem theoretischen Teile betrachtet) nicht schlechthin die Wissenschaft vom Erkennen und Denken. Sie untersucht diese nicht wie die Psychologie auf die tatsächlichen Elemente ihres Aufbaues; sie ist vielmehr die Wissenschaft von den im Denken und Erkennen immanent liegenden +allgemeinen+ Regeln und Gesetzen, die allem speziellen Denken und Erkennen Gesetz und Regel vorschreiben. Diese allgemeinen Gesetze und Regeln bleiben in den sogenannten positiven Einzelwissenschaften ununtersucht; sie gelten als selbstverständliche und darum unerörtert gelassene Voraussetzungen aller Wissenschaft. Solcher Voraussetzungen gibt es zweierlei Art: Voraussetzungen des Erkennens und des Denkens. Voraussetzungen des Erkennens sind z. B. die Annahme einer vom Wahrnehmen unabhängig-realen Welt von Körpern, die Annahme der objektiven Realität und Dreidimensionalität des Raumes, der Gültigkeit der Anwendung von Zeit, Zahl und Kausalbegriff auf die als real vorausgesetzte Körperwelt u. a. m.; wir nennen diese mit B. Erdmann (Logik I², S. 18) +materiale+ Voraussetzungen der Wissenschaft. Voraussetzungen des Denkens sind die Annahme der absoluten Allgemeingültigkeit der Formen unseres Urteilens und Schließens und deren ungeprüfte Anwendung in den Methoden der Wissenschaften; wir nennen diese -- im Gegensatz zu den materialen -- +formale+ Voraussetzungen der Wissenschaft. Entsprechend dieser Unterscheidung zerfällt die Philosophie (wenn wir, wie es hier geschehen ist, sie nur in ihrem +theoretischen+ Teile betrachten) in zwei Hauptdisziplinen: sie ist, wo sie die materialen Voraussetzungen untersucht, Wissenschaft von der Erkenntnis oder +Erkenntnislehre+; wo sie die formalen Voraussetzungen prüft, Wissenschaft vom Denken oder +Logik+.

2. Über Begriff, Aufgabe und Einteilung der Logik.

Betrachten wir das an die Funktionen der Sprache geknüpfte Denken nicht nach seinem Ursprunge und Verlaufe, sondern nach seinen gedanklichen Ergebnissen, den Urteilen und Fragen, so können wir an allem Gedachten unterscheiden zwischen der +Materie+ (Stoff, Inhalt), welche gedacht, und der +Form+, in der das Gedachte uns zum geistigen Eigentum wird. Um das an einem Beispiel zu erläutern: Nehmen wir die Urteile: „Friedrich der Große regierte 6 Jahre länger als Maria Theresia; Das spezifische Gewicht des Wismuts ist in flüssigem Aggregatzustande höher als in festem; Die Lichtstrahlen pflanzen sich in der Luft im allgemeinen ungefähr eine Million mal so schnell fort wie die Schallwellen“, so ist leicht zu ersehen, daß diese drei zwar einen verschiedenen Inhalt, aber die +gleiche+ Form haben. Sie sind sogenannte „quantitative Relationsurteile“, deren logisches Prädikat (~P~) das logische Subjekt (~S~) in ein bestimmtes Größen- oder Maßverhältnis zu einem im Prädikat bezeichneten Vergleichs- oder Beziehungsobjekt rückt. Und doch ist das eine dem Bestande der +Geschichte+, das andere dem Bestande der +Chemie+ und das dritte dem der +Physik+ entnommen. Geringe Überlegung lehrt demnach, daß das Denken zwar über unendlich viele verschiedene Stoffe, aber nur über relativ wenige +Formen+ verfügt, in denen es diese gedanklich fixiert. Es dürfte daher ganz treffend sein, das Denken etwa mit einer Art Münze zu vergleichen, in der die verschiedensten Metalle in verhältnismäßig wenigen festen Formen geprägt werden.

Wäre die Logik schlechthin die Wissenschaft vom Denken, untersuchte sie also sowohl den Inhalt des Denkens wie dessen Formen, so müßte sie offenbar dem Inbegriff aller Wissenschaften identisch sein. Mit anderen Worten: sie wäre eine Art Universalwissenschaft, und der Logiker müßte, wollte er zu Werke gehen, vorerst die Ergebnisse aller bisherigen wissenschaftlichen Arbeit beherrschen. Damit aber wäre sie eine überflüssige und fruchtlose Betätigung, abgesehen davon, daß sie in diesem Sinne ein für den Einzelmenschen unmögliches Unterfangen darstellte. Gegenstand der logischen Untersuchung ist nach dem Gesagten aber nicht der Inhalt des Denkens, sondern dessen Form. Die Logik ist mithin die Wissenschaft von den +Formen+ des +Denkens+, also eine +formale+ Wissenschaft. Das ist sie aber nicht in dem Sinne, in dem Kant sie definierte, daß sie nämlich von +allem+ und +jedem+ Inhalt des Denkens schlechthin abstrahiere. Form und Materie sind nur in bedingtem Maße voneinander zu trennen; denn wie die Form nicht ohne Inhalt, so ist der Inhalt nicht ohne Form möglich. Beide bedingen und ergänzen einander dergestalt, daß der Inhalt sich die Form schafft, und die Form wiederum dem Inhalt das logische Gepräge gibt. Die Logik kann also -- obschon eine formale Wissenschaft -- nur von allem besonderen und bestimmten Inhalte abstrahieren, nicht aber vom Inhalte des Denkens überhaupt und im allgemeinen (vgl. Drobisch, Neue Darstellung der Logik, 1863, § 5). -- Die Formen des Denkens sind es, die diesem -- gegenüber seinen mannigfachen Materien -- einen festen, gesetzlichen Charakter verleihen. Sie sind das Stetige im Flusse; der ruhende Punkt in der Erscheinungen Flucht; das Beharrende, Bleibende und Unveränderliche des Denkprozesses gegenüber dem wechselvollen Inhalte unserer Gedanken. Sie bilden mithin Gesetz und Regel des Denkens. Ist der Inhalt dasjenige, +was+ wir denken, so die Form das, +wie+ wir denken. Und diese Formen festzustellen, in den einfachsten wie in den kompliziertesten Denkprozessen, ihre Beziehungen zueinander, die Bedingungen ihrer Gültigkeit sowie ihre Bedeutung und ihren Wert speziell für die wissenschaftliche Forschung -- das ist die Aufgabe, die die logische Untersuchung des Denkens zu leisten hat. Danach ist die Logik -- als die Wissenschaft von den Formen des Denkens -- zugleich die Wissenschaft von den +Gesetzen+ des Denkens.

Mit dem Gesagten ist die Begriffsbestimmung der Logik noch nicht erschöpft. Als Wissenschaft von den Formen (und dementsprechend von den Gesetzen) des Denkens ist die Logik eine Disziplin, welche ihren Gegenstand in der Erfahrung vorfindet, ihn dort analysiert und auf Grund der Ergebnisse dieser Analyse durch synthetisches Fortschreiten zu den von ihr gesuchten Resultaten gelangt. Mit der Erreichung dieses Zieles sind die Aufgaben, die der Logik gestellt sind, erfüllt. Diese Auffassung widerspricht nun einer weitverbreiteten Annahme, der zufolge die Logik nicht bloß eine +feststellende+, sondern vielmehr eine +lehrende+ (normative) Disziplin sei. Nach dieser bestehe ihre Aufgabe darin, dem ungeübten Denker wahres und falsches Denken zum Bewußtsein zu bringen und ihn darüber zu unterrichten, wie man beides unterscheide und zu sicheren Resultaten im Denken gelange. Vornehmlich die deutschen Logiker des 18. Jahrhunderts, (so Christian Wolff und seine Schüler), haben diese Definition mit aller Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht und demzufolge die Logik als eine „Vernunft-lehre“, „Vernunft-kunst“ oder auch geradezu als „Kunst-lehre“ (Schule) des Denkens bezeichnet. -- In dieser Aufgabebestimmung steckt gewiß insofern ein richtiger Kern, als die Logik -- mehr vielleicht denn andere Wissenschaften -- die Eigenschaft hat, die Fähigkeit des Denkens bei dem, der sich mit ihr beschäftigt, zu schärfen. Ob sie indessen in dieser Hinsicht mehr zu leisten vermag als die Mathematik, ist zum mindesten sehr zweifelhaft. Und es wird gewiß keinem einfallen, etwa die Mathematik wegen ihrer das formale Denken fördernden Wirkungen eine normative Wissenschaft zu nennen. Der normative Charakter der Logik wird damit im Prinzip zugestanden; aber dieses Zugeständnis geht nicht weiter als bis zu der Behauptung, daß die Logik ihrem Wesen nach zunächst eine +feststellende+ Wissenschaft sei; und daß ihre Eigenschaft, darüber hinaus noch die Fähigkeit des Denkens zu stärken, nicht die Erfüllung einer ihrer unmittelbaren Aufgaben, sondern nur einen aus ihrem Wesen resultierenden Nebenerfolg darstellt.

Um Begriff und Aufgabe der Logik noch genauer zu kennzeichnen, ist es zweckmäßig, ihr Verhältnis zur Erkenntnistheorie, zur Psychologie des Denkens und zur Grammatik kurz zu beleuchten. Die +Erkenntnistheorie+ untersucht, wie oben gesagt, die allgemeinen, von den +Einzelwissenschaften+ ununtersucht gelassenen Voraussetzungen des Erkennens, ihrem Wesen nach die +materialen+; die Logik die von den Wissenschaften ungeprüften Voraussetzungen des Denkens, ihrem Wesen nach die +formalen+. Was sind nun Erkennen und Denken, und wie verhalten sie sich zueinander? -- „Erkennen“ bezeichnet im logischen Sinne den Inbegriff derjenigen Vorgänge, durch die ein Bestandteil des Bewußtseins als +Gegenstand+ erfaßt wird. Einen Bewußtseinsbestandteil als Gegenstand erfassen heißt aber: ihn nach seinem wesentlichen Inhalt bestimmen als das, was er ist, und ihn als von seinem Vorgestelltwerden unabhängig wirklich voraussetzen. Nun ist ersichtlich, daß sowohl das „nach seinem Inhalt bestimmen“ wie das „als unabhängig wirklich voraussetzen“ Funktionen sind, die +Urteils+charakter tragen. Da ferner alles Denken ein Urteilen ist, und danach das Erkennen selbst eine -- und zwar komplizierte -- Form des Denkens bildet, so sind die Voraussetzungen des Denkens (die formalen) auch zugleich +mittelbare+ Voraussetzungen des Erkennens, die des Erkennens (die materialen) aber +nicht+ solche des Denkens. Demzufolge ist die Logik als +Grundwissenschaft+ der Philosophie zu bezeichnen, die der Erkenntnistheorie ihrem Wesen nach notwendig voranzugehen hat. (Über die Probleme der Erkenntnistheorie vergl. man August +Messer+, Einführung in die Erkenntnistheorie, Leipzig 1909.)