Grundgedanken über Krieg und Kriegführung
Part 7
In der Strategie gibt es keinen Sieg. Der strategische Erfolg ist von der einen Seite die günstige Vorbereitung des taktischen Sieges. Je größer dieser strategische Erfolg ist, um so wahrscheinlicher wird der Sieg im Gefecht. Von der anderen Seite liegt der strategische Erfolg in der Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Je mehr Ereignisse die Strategie durch ihre Kombinationen *nach* einer gewonnenen Schlacht in die Folgen derselben hineinzuziehen, je mehr sie von den nachfallenden Trümmern, deren Grundfeste durch die Schlacht erschüttert worden, an sich zu reißen vermag, je mehr sie in großen Zügen eintreibt, was in der Schlacht selbst mühevoll einzeln errungen werden mußte, um so großartiger sind ihre Erfolge.
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Die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber freilich einer Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten liefert.
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Man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man, was häufig geschieht, vom schädlichen Einfluß der Politik auf die Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die Politik selbst, die man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d. h. trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinne auch nur vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen.
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Die Aufgabe und das Recht der Kriegskunst der Politik gegenüber ist es hauptsächlich, zu verhüten, daß die Politik Dinge fordere, die gegen die Natur des Krieges sind, daß sie aus Unkenntnis über die Wirkungen des Instruments Fehler begehe im Gebrauche desselben.
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Nichts ist im Leben so wichtig, als genau den Standpunkt zu ermitteln, von dem die Dinge aufgefaßt und beurteilt werden müssen, und dann an ihm festzuhalten. Denn nur von *einem* Standpunkt aus können wir die Masse der Erscheinungen in ihrer Einheit auffassen, und nur die Einheit des Standpunkts kann uns vor Widersprüchen sichern.
Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen. Ist sie großartig und kräftig, so wird es auch der Krieg. Nur durch diese Vorstellungsart wird der Krieg zur Einheit, nur mit ihr kann man alle Kriege als Dinge *einer* Art betrachten, und nur durch sie wird dem Urteil der rechte und genaue Stand- und Gesichtspunkt gegeben.
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Die ungeheuren Wirkungen der Französischen Revolution nach außen sind offenbar viel weniger in neuen Mitteln und Ansichten der französischen Kriegführung zu suchen, als in der ganz veränderten Staats- und Verwaltungskunst, im Charakter der Regierung, im Zustande des Volkes usw. Daß die anderen Regierungen alle diese Dinge unrichtig ansahen, -- daß sie mit gewöhnlichen Mitteln Kräften die Wage halten wollten, die neu und überwältigend waren: das alles sind Fehler der Politik. Man kann sagen: die zwanzigjährigen Siege der Revolution sind hauptsächlich die Folge der fehlerhaften Politik der ihr gegenüberstehenden Regierungen gewesen, wenn auch der eigentliche Überfall, von dem sich die Intelligenz getroffen fühlte, innerhalb der Kriegführung stattfand.
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Wenn blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel sind, so muß dies eine Veranlassung sein, den Krieg mehr zu würdigen, aber nicht die Waffen, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu machen, bis einmal wieder einer dazwischenkommt mit einem scharfen Schwerte und uns die Arme vom Leibe weghaut.
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Ein Fürst oder Feldherr, der seinen Krieg genau nach seinen Zwecken und Mitteln einzurichten weiß, nicht zu viel und nicht zu wenig tut, gibt dadurch den größten Beweis seines Genies. Aber die Wirkungen dieser Genialität zeigen sich nicht sowohl in neuerfundenen Formen des Handelns, die sogleich in die Augen fallen, als im glücklichen Endergebnis des Ganzen. Es ist das richtige Zutreffen der stillen Voraussetzungen, es ist die geräuschlose Harmonie des ganzen Handelns, die wir bewundern sollten und die sich erst im Gesamterfolge verkündet.
Inhaltsübersicht
Seite
Geleitwort des Herausgebers 3
Wesen und Ziel des Krieges 6
Kriegskunst und Theorie 10
Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr 15
Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege. Ungewißheit der Nachrichten 31
Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg 37
Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht. Sieg und Verfolgung 43
Die verlorene Schlacht und der Rückzug 62
Verteidigung und Angriff 68
Betrachtungen und Ausblicke 81
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:
Folgende Berichtigungen am Originaltext wurden aus grammatikalischen oder Konsistenzgründen vorgenommen:
- Im Kontext "mit einer guteingeölten Maschine": Änderung von "guteingeölt" in "gut eingeölt".
- Im Kontext "Stoß zweier lebendigen Kräfte": Änderung von "lebendigen" in "lebendiger".
- Im Kontext von "das ursprüngliche Motiv des Kriegs": Änderung von "Kriegs" in "Krieges".