Grundgedanken über Krieg und Kriegführung

Part 5

Chapter 53,381 wordsPublic domain

Die Größe eines Sieges steigt nicht bloß in dem Maße, als die besiegten Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die moralischen Wirkungen, die der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind größer beim Besiegten als beim Sieger; sie werden Veranlassung zu größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern. Auf diese moralische Wirkung muß man daher ein besonderes Gewicht legen. Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt. Wie sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und die Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch im Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen denen sich der Krieg bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter die Linie des ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich über sie erhebt.

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Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen, den sie geben soll und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht wird. Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab. Zu allen Zeiten und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt.

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Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften in die Schlacht, denn die Bewegungen, die unmittelbar vorhergehen, haben mindestens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, die das Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung. Dazu kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinandergekommen und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der Besiegte und somit das Bedürfnis hat, sich zu ordnen und mit frischer Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in einen Zustand der Krisis. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich. Außerdem hängt sich nun das volle Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die Tausende, die unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit vorderhand geschlossen zu sehen. Nur wenige, die man als Ausnahmen betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick hinaus. Nur in diesen wenigen ist, nachdem das Notwendige vollbracht ist, noch so viel freies Spiel des Mutes, um noch an *die* Erfolge zu denken, die in solchem Augenblick als eine bloße Verschönerung des Sieges, als ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber haben ihre Stimme im Rate des Feldherrn, denn durch die ganze Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen des sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn. Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger geschieht, als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur vom Ruhmdurst, der Energie und wohl auch der Härte des obersten Feldherrn abhängt.

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Ist der große Sieg erfochten, so soll von keiner Rast, von keinem Atemholen, von keinem Besinnen, von keinem Feststellen usw. die Rede sein, sondern nur von der Verfolgung, von neuen Stößen, wo sie nötig sind, von der Einnahme der feindlichen Hauptstadt, vom Angriff auf die feindlichen Hilfsheere, oder was sonst als Stützpunkt des feindlichen Staates erscheint.

Führt uns der Strom des Sieges an feindlichen Festungen vorbei, so hängt es von unserer Stärke ab, ob sie belagert werden sollen oder nicht. Bei großer Überlegenheit wäre es ein Zeitverlust, sich ihrer nicht so früh als möglich zu bemächtigen. Sind wir aber des ferneren Erfolges an der Spitze nicht sicher, so müssen wir uns vor den Festungen mit so wenigem als möglich behelfen, und das schließt ihre gründliche Belagerung aus. Von dem Augenblick an, wo die Belagerung einer Festung uns zwingt, mit dem Vorschreiten des Angriffs innezuhalten, hat dieser in der Regel seinen Kulminationspunkt erreicht. Wir fordern also ein schnelles, rastloses Vordringen und Nachdringen der Hauptmacht. Wir haben es schon verworfen, daß sich dieses Vorschreiten auf dem Hauptpunkte nach dem Erfolg auf den Nebenpunkten richtet. Solange der Feldherr seinen Gegner noch nicht niedergeworfen hat, solange er glaubt, stark genug zu sein, um das Ziel zu gewinnen, so lange muß er es auch verfolgen. Er tut es vielleicht mit steigender Gefahr, aber auch mit steigender Größe des Erfolgs. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, weiterzugehen, wo er glaubt, für seinen Rücken sorgen, sich rechts und links ausbreiten zu müssen, -- wohlan, so ist dies höchstwahrscheinlich sein Kulminationspunkt. Die Flugkraft ist dann zu Ende, und wenn der Gegner nicht niedergeworfen ist, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr geschehen.

Alles, was der Feldherr zur intensiven Ausbildung seines Angriffs durch Eroberung von Festungen, Pässen, Provinzen tut, ist zwar noch ein langsames Vorschreiten, aber nur ein relatives, kein absolutes mehr.

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Jeder Zwischenraum von einem Erfolg zum andern gibt dem Feinde neue Aussichten. Die Wirkungen des früheren Erfolges haben auf den späteren einen sehr geringen Einfluß, oft keinen, oft einen negativen, weil sich der Feind erholt oder gar zu größerem Widerstand entflammt wird oder neue Hilfe von außen bekommt, während da, wo alles in einem Zuge geschieht, der gestrige Erfolg den heutigen mit sich fortreißt, der Brand sich am Brande entzündet.

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Einer der wichtigsten und wirksamsten Grundsätze in der Strategie ist es: einen Erfolg, den man irgendwo erfochten hat, auf der Stelle so weit auszunutzen, als es die Umstände gestatten.

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Die Energie, mit der das Verfolgen geschieht, bestimmt hauptsächlich den Wert des Sieges. Die Verfolgung ist ein zweiter Akt des Sieges, in vielen Fällen sogar wichtiger als der erste. Indem sich die Strategie hier der Taktik nähert, um von ihr das rollende Werk in Empfang zu nehmen, läßt sie den ersten Akt ihrer Autorität darin bestehen, diese Vervollständigung des Sieges zu fordern.

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Das erste Verfolgen hat verschiedene natürliche Grade.

Der erste ist, wenn es mit bloßer Reiterei geschieht. Dann ist es im Grunde mehr ein Schrecken und Beobachten als ein wahrhaftes Drängen, weil der kleinste Bodenabschnitt gewöhnlich hinreicht, den Verfolgenden aufzuhalten. Soviel die Reiterei bei einer erschütterten und geschwächten Truppe gegen den einzelnen Haufen vermag, so ist sie doch gegen das Ganze immer nur die Hilfswaffe, weil der Abziehende seine frischen Reserven zur Deckung seines Rückzugs verwenden und so beim nächsten, unbedeutendsten Bodenabschnitt durch die Verbindung aller Waffen mit Erfolg widerstehen kann. Nur ein in wahrer Flucht und gänzlicher Auflösung befindliches Heer macht hier eine Ausnahme.

Der zweite Grad ist, wenn die Verfolgung durch eine starke Vorhut von allen Waffen geschieht, bei der sich natürlich der größte Teil der Reiterei befindet. Ein solches Verfolgen drängt den Gegner bis zur nächsten starken Stellung seiner Nachhut oder bis zur nächsten Aufstellung seines Heeres.

Der dritte und stärkste Grad ist, wenn das siegreiche Heer selbst im Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen. In diesem Fall wird der Geschlagene die meisten Aufstellungen, zu denen ihm die Gegend einige Gelegenheit bietet, auf die bloßen Anstalten eines Angriffs oder einer Umgehung wieder verlassen.

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Aber auch bei diesem ersten Verfolgen bleibt die Wirksamkeit des Sieges in den seltensten Fällen stehen, und es fängt nun erst die eigentliche Bahn an, zu der der Sieg die Schnellkraft verliehen hat. Dabei kann man wieder drei Grade unterscheiden: ein bloßes Nachrücken, ein eigentliches Drängen und einen Parallelmarsch zum Abschneiden.

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Der wirksamste Grad der (weiteren) Verfolgung ist der Parallelmarsch nach dem nächsten Ziel des feindlichen Rückzuges. Jedes geschlagene Heer wird hinter sich, näher oder entfernter, einen Punkt haben, dessen Erreichung ihm zunächst stark am Herzen liegt, sei es, daß sein fernerer Rückzug dadurch gefährdet werden kann, wie bei Straßenengen, oder daß es für den Punkt sehr wichtig ist, ihn *vor* dem Feinde zu erreichen, wie bei Hauptstädten, Magazinen usw., oder endlich, daß das Heer auf diesem Punkte neue Widerstandsfähigkeit gewinnen kann, wie bei festen Stellungen, Vereinigung mit anderen Korps usw.

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Bei der absoluten Gestalt des Krieges, wo alles aus notwendigen Gründen geschieht, alles rasch ineinandergreift, kein, wenn ich so sagen darf, wesenloser neutraler Zwischenraum entsteht, gibt es wegen der vielfältigen Wechselwirkungen, die der Krieg in sich schließt, wegen des Zusammenhanges, in dem, streng genommen, die ganze Reihe der aufeinanderfolgenden Gefechte steht, wegen des Kulminationspunktes, den jeder Sieg hat, über den hinaus das Gebiet der Verluste und Niederlagen beginnt -- wegen aller dieser natürlichen Verhältnisse des Krieges, sage ich, gibt es nur *einen* Erfolg, nämlich den *Enderfolg*. Bis dahin ist nichts entschieden: nichts gewonnen, nichts verloren. Hier muß man sich beständig sagen: das Ende krönt das Werk.

Die verlorene Schlacht und der Rückzug

Der Entschluß, das Gefecht aufzugeben, entspringt in der Hauptschlacht mehr als in irgendeinem andern Gefechte aus dem Verhältnis der übrigbleibenden frischen Reserven. Denn nur diese haben noch alle moralischen Kräfte, und die vom Zerstörungselement bereits ausgeglühten Schlacken zusammengeschossener und geworfener Bataillone können nicht auf gleiche Linie mit ihnen gestellt werden. Auch der verlorene Boden ist ein Maßstab verlorener moralischer Kräfte, wie wir anderswo gesagt haben. Er kommt wohl mit in Betracht, doch mehr als ein Zeichen eines erlittenen Verlustes denn als der Verlust selbst, und immer bleibt die Zahl der frischen Reserven das Hauptaugenmerk beider Feldherren.

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Gewöhnlich nimmt eine Schlacht ihre Richtung schon von vornherein, wiewohl auf eine wenig merkliche Art. Oft ist sogar diese Richtung schon durch die Anordnungen, die für sie getroffen sind, auf eine sehr entschiedene Weise gegeben, und dann ist es Mangel an Einsicht desjenigen Feldherrn, der die Schlacht unter so schlimmen Bedingungen eröffnet, ohne sich ihrer bewußt zu werden. Allein wo dieser Fall auch nicht stattfindet, liegt es in der Natur der Dinge, daß der Verlauf der Schlachten mehr ein langsames Umschlagen des Gleichgewichts ist, das bald, aber, wie gesagt, anfangs nicht merklich, eintritt und dann mit jedem neuen Zeitmoment stärker und sichtlicher wird, als ein oszillierendes Hin- und Herschwanken, wie man sie sich, durch unwahre Schlachtenbeschreibungen verführt, gewöhnlich denkt.

In den meisten Fällen wird der Feldherr den Verlust des Gleichgewichts lange schon vor dem Abzug gewahr, und die Fälle, wo irgendeine Einzelheit unvermutet stark auf den Hergang des Ganzen einwirkt, haben ihr Dasein meistens nur in der Beschönigung, mit der jeder seine verlorene Schlacht erzählt.

Der besiegte Feldherr sieht den schlimmen Ausgang gewöhnlich schon eine geraume Zeit vorher, ehe er sich zum Aufgeben der Schlacht entschließt. Allerdings gibt es Fälle, wo eine Schlacht schon eine sehr entschiedene Richtung nach einer Seite genommen hatte und doch eine Entscheidung nach der anderen Seite hin bekommen hat, aber sie sind nicht die gewöhnlichen, sondern selten. Indes auf diese seltenen Fälle rechnet jeder Feldherr, gegen den sich das Glück erklärt, und er *muß* darauf rechnen, solange ihm irgendeine Möglichkeit der Wendung bleibt. Er hofft, durch stärkere Anstrengungen, durch eine Erhöhung der übrigbleibenden moralischen Kräfte, durch ein Sichselbstübertreffen oder auch durch einen glücklichen Zufall den Augenblick noch gewendet zu sehen, und treibt dies so weit, wie Mut und Einsicht es in ihm miteinander abmachen.

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Das Verhältnis der übrig bleibenden frischen Reserven gibt meistens den Hauptgrund zur völligen Entscheidung ab. Der Feldherr, der seinen Gegner darin von entschiedener Überlegenheit sieht, entschließt sich zum Rückzug. Es ist gerade die Eigentümlichkeit der neueren Schlachten, daß alle Unglücksfälle und Verluste, die in ihrem Verlauf stattgehabt haben, durch frische Kräfte gutgemacht werden können, weil die neuere Art, wie die Truppen ins Gefecht geführt werden, ihren Gebrauch fast überall und in jeder Lage gestatten. Solange also der Feldherr, gegen den der Ausgang sich zu erklären scheint, noch eine Überlegenheit an Reserve hat, wird er die Sache nicht aufgeben. Aber von dem Zeitpunkt an, wo seine Reserven anfangen schwächer zu werden als die feindlichen, ist die Entscheidung als gegeben zu betrachten, und was er nun noch tut, hängt teils von besonderen Umständen, teils von dem Grade des Mutes und der Ausdauer ab, die ihm gegeben sind und die auch wohl in unweisen Starrsinn ausarten können.

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Wenn auf der einen Seite der gebieterische Stolz eines siegreichen Eroberers, wenn der unbeugsame Wille eines angeborenen Starrsinns, wenn das krampfhafte Widerstreben einer edlen Begeisterung nicht vom Schlachtfelde weichen wollen, wo sie ihre Ehre zurücklassen sollen, -- so rät auf der anderen Seite die Einsicht, nicht alles auszugeben, nicht das Letzte aufs Spiel zu setzen, sondern so viel übrig zu behalten, als zu einem geordneten Rückzuge nötig ist.

Wie hoch auch der Wert des Mutes und der Standhaftigkeit im Kriege angeschlagen werden muß und wie wenig Aussicht *der* auf den Sieg hat, der sich nicht entschließen kann, ihn mit der ganzen Kraftanstrengung zu suchen, so gibt es doch einen Punkt, über den hinaus das Verharren nur eine verzweiflungsvolle Torheit genannt werden kann.

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Ein in Feindesland Zurückgehender bedarf in der Regel einer vorbereiteten Straße. Einer, der unter sehr schlimmen Verhältnissen zurückgeht, bedarf ihrer doppelt. Einer, der in Rußland 120 Meilen weit zurück will, braucht sie dreifach. Unter vorbereiteter Straße verstehen wir eine, die von seinen Etappentruppen besetzt war und auf der er Magazine findet.

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In der verlorenen Schlacht ist die Macht des Heeres gebrochen worden, noch mehr die moralische als die physische. Eine zweite, ohne daß neue vorteilhafte Umstände ins Spiel kommen, würde zur gänzlichen Niederlage, vielleicht zum Untergange führen. Das ist ein militärisches Axiom. Nach der Natur der Sache geht der Rückzug bis zu dem Punkt, wo sich das Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt haben wird, sei es durch Verstärkung oder durch den Schutz bedeutender Festungen, oder durch große Abschnitte des Bodens oder durch die Ausdehnung der feindlichen Macht. Der Grad des Verlustes, die Größe der Niederlage wird diesen Moment des Gleichgewichtes nähern oder entfernen, noch mehr aber der Charakter des Gegners. Wie viele Beispiele gibt es nicht, daß das geschlagene Heer sich in einer geringen Entfernung wieder aufgestellt hat, ohne daß seine Verhältnisse seit der Schlacht sich im mindesten verändert hätten. Der Grund davon liegt entweder in der moralischen Schwäche des Gegners oder darin, daß das in der Schlacht gewonnene Übergewicht nicht groß genug ist, um zu einem nachdrücklichen Stoße zu führen.

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Das erste, was sich der Einbildungskraft -- und man kann auch wohl sagen: des Verstandes -- in einer unglücklichen Schlacht bemächtigt, ist das Zusammenschmelzen der Massen, dann der Verlust des Bodens, der mehr oder weniger immer, und also auch beim Angreifenden, eintritt, wenn er nicht glücklich ist. Dann die zerstörte ursprüngliche Ordnung, das Durcheinandergeraten der Teile, die Gefahren des Rückzugs, die mit wenig Ausnahmen immer, bald schwächer, bald stärker, eintreten. Nun der Rückzug, der meist in der Nacht angetreten oder wenigstens die Nacht hindurch fortgesetzt wird. Gleich bei diesem ersten Marsch müssen wir eine Menge von Ermatteten und Verstreuten zurücklassen, oft gerade die Bravsten, die sich am weitesten vorgewagt, die am längsten ausgeharrt haben. Das Gefühl, besiegt zu sein, das auf dem Schlachtfelde nur die höheren Offiziere ergriff, geht nun auf alle Klassen bis zum Gemeinen über, verstärkt durch den abscheulichen Eindruck, so viel brave Gefährten, die gerade in der Schlacht uns erst recht wert geworden sind, in Feindeshänden zurücklassen zu müssen, und verstärkt durch das erwachende Mißtrauen gegen die Führung, der mehr oder weniger jeder Untergebene die Schuld seiner vergeblich gemachten Anstrengung beimißt. Und dieses Gefühl, besiegt zu sein, ist keine bloße Einbildung, über die man Herr werden könnte. Es ist die offenkundige Wahrheit, daß der Gegner uns überlegen ist, eine Wahrheit, die in den Ursachen so versteckt sein konnte, daß sie vorher nicht zu ersehen war, die aber beim Ausgang immer klar und bündig hervortritt, die man auch vielleicht vorher erkannt hat, der man aber in Ermangelung von etwas Handgreiflicherem Hoffnung auf den Zufall, Vertrauen auf Glück und Vorsehung, mutiges Wagen entgegenstellen mußte. Nun hat sich dies alles als unzulänglich erwiesen, und die ernste Wahrheit tritt uns streng und gebieterisch entgegen.

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Wer auf dem allgemeinen Rückzuge nach verlorener Schlacht glaubt, durch einige schnelle Märsche einen Vorsprung zu gewinnen und leichter einen festen Stand zu bekommen, begeht einen großen Irrtum. Die ersten Bewegungen müssen so klein als möglich, und im allgemeinen muß es Grundsatz sein, sich nicht das Gesetz des Feindes aufdringen zu lassen. Diesen Grundsatz kann man nicht befolgen ohne blutige Gefechte mit dem nachdringenden Feind, aber der Grundsatz ist dieses Opfers wert. Ohne ihn kommt man in eine beschleunigte Bewegung, die bald ein Stürzen wird und dann an bloßen Nachzüglern mehr Menschen kostet, als die Schlachten der Nachhut gekostet hätten, außerdem aber die letzten Überreste des Mutes vernichtet.

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Eine starke Nachhut, von den besten Truppen gebildet, vom tapfersten General geführt und in den wichtigsten Augenblicken von der ganzen Armee unterstützt, eine sorgfältige Benutzung der Gegend, starke Hinterhalte, sooft die Kühnheit der feindlichen Vorhut und die Gegend Gelegenheit dazu geben, kurz die Einleitung und der Plan zu förmlichen kleinen Schlachten: das sind die Mittel zur Befolgung jenes Grundsatzes.

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Die Schwierigkeiten des Rückzuges sind natürlich größer oder kleiner, je nachdem die Schlacht unter mehr oder weniger günstigen Verhältnissen gefochten, und je nachdem sie mehr oder weniger ausgehalten worden ist. Wie man aus allem ordnungsmäßigen Rückzuge kommen kann, wenn man sich gegen einen überlegenen Gegner bis auf den letzten Mann wehrt, zeigen die Schlachten von Jena und Belle-Alliance.

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Um die Schwächen oder Fehler des Gegners zu benutzen, nicht einen Zollbreit weiter zurückzugehen, als die Gewalt der Umstände erfordert, hauptsächlich aber, um das Verhältnis der moralischen Kräfte auf einem so vorteilhaften Punkt als möglich zu erhalten, ist ein langsamer, immer widerstrebender Rückzug, ein kühnes, mutiges Entgegentreten, sooft der Verfolgende seine Vorteile im Übermaß benutzen will, durchaus nötig. Die Rückzüge großer Feldherren und kriegsgeübter Heere gleichen stets dem Abgehen eines verwundeten Löwen, und dies ist unstreitig auch die beste Theorie.

Verteidigung und Angriff

Was ist der Begriff der Verteidigung? Das Abwehren eines Stoßes. Was ist also ihr Merkmal? Das Abwarten dieses Stoßes. Dieses Merkmal macht jedesmal die Handlung zu einer verteidigenden, und durch dieses Merkmal allein kann im Kriege die Verteidigung vom Angriff unterschieden werden. Da aber eine absolute Verteidigung dem Begriff des Krieges völlig widerspricht, weil bei ihr nur der eine Teil Krieg führen würde, so kann auch im Kriege die Verteidigung nur relativ sein, und jenes Merkmal muß also nur auf den Gesamtbegriff angewendet, nicht auf alle Teile von ihm ausgedehnt werden. Ein einzelnes Gefecht ist verteidigend, wenn wir den Anlauf, den Sturm des Feindes abwarten. Eine Schlacht, wenn wir den Angriff, d. h. das Erscheinen vor unserer Stellung, in unserem Feuer, abwarten. Ein Feldzug, wenn wir das Betreten unseres Kriegstheaters abwarten. In allen diesen Fällen kommt dem Gesamtbegriff das Merkmal des Abwartens und Abwehrens zu, ohne daß daraus ein Widerspruch mit dem Begriff des Krieges folgt, denn wir können unsern Vorteil darin finden, den Anlauf gegen unsere Bajonette, den Angriff auf unsere Stellung und auf unser Kriegstheater abzuwarten. Da man aber, um wirklich auch seinerseits Krieg zu führen, dem Feinde seine Stöße zurückgeben muß, so geschieht dieser Akt des Angriffs im Verteidigungskriege gewissermaßen unter dem Haupttitel der Verteidigung; d. h. die Offensive, deren wir uns bedienen, fällt innerhalb der Begriffe von Stellung oder Kriegstheater. Man kann also in einem verteidigenden Feldzuge angriffsweise schlagen, in einer verteidigenden Schlacht angriffsweise seine einzelnen Korps und Divisionen gebrauchen, endlich in einer einfachen Stellung gegen den feindlichen Sturm schickt man ihm sogar noch die offensiven Kugeln entgegen. Die verteidigende Form des Kriegführens ist also kein unmittelbarer Schild, sondern ein Schild, gebildet durch geschickte Streiche.

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Was ist der Zweck der Verteidigung? Erhalten. Erhalten ist leichter als gewinnen. Schon daraus folgt, daß die Verteidigung bei vorausgesetzt gleichen Mitteln leichter ist als der Angriff. Worin liegt aber die größere Leichtigkeit des Erhaltens oder Bewahrens? Darin, daß alle Zeit, die unbenutzt verstreicht, in die Wagschale des Verteidigers fällt. Er erntet, wo er nicht gesät hat. Jedes Unterlassen des Angriffs aus falscher Ansicht, aus Furcht, aus Trägheit, kommt dem Verteidiger zugute. Dieser Vorteil hat den Preußischen Staat im Siebenjährigen Kriege mehr als einmal vom Untergang gerettet.

Dieser sich aus Begriff und Zweck ergebende Vorteil der Verteidigung liegt in der Natur aller Verteidigung. _Beati sunt possidentes._ Ein anderer, der aus der Natur des Krieges hinzukommt, ist der Beistand der örtlichen Lage, den die Verteidigung vorzugsweise genießt.

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Die Verteidigung hat einen negativen Zweck: das Erhalten; der Angriff einen positiven: das Erobern. Und da dieses die eigenen Kriegsmittel vermehrt, das Erhalten aber nicht, so muß man sagen: die verteidigende Form des Kriegführens ist an sich stärker als die angreifende.

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