Chapter 8
Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmächtig in den Armstuhl, zu dem ihn der Oberst geführt hatte. Dieser zog sich langsam zurück, nachdem er bemerkt hatte, daß Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn ergriffen sei, als daß ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer oberflächlichen Freundschaft zu beruhigen vermöchten. Als sich der schöne Kürassier in den großen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewöhnlich so ruhigen Zügen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin.
"Ich möchte wetten, daß Sie sehr aufgeregt sind," sagte er.
"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der Großherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher muß ich noch einen Besuch bei der Fürstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon weiß es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von früheren Zeiten zu schwatzen."
"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe.... Ich wette hundert Louisdors, daß Sie hier bleiben."
"Sie Unverschämter!..."
"Also habe ich die Wahrheit gesagt."
"Bösewicht!" versetzte die schöne Gräfin und schlug mit ihrem Fächer auf die Finger des Oberst.
"Nun, woran dachte ich denn?... Ich bin fähig, Sie zu belohnen, wenn Sie die Wahrheit erraten."
"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile."
"Anmaßender!..."
"Sie befürchten, Martial zu den Füßen einer Dame zu sehen...."
"Welcher Dame?" fragte die Gräfin, indem sie sich überrascht stellte.
"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt ..." antwortete der Oberst und deutete nach der Ecke, in der die schöne Unbekannte saß, die keinen Blick von der Gräfin wandte.
"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr Antlitz hinter ihrem Fächer, indem sie sich stellte, als spiele sie mit demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, daß Herr de la Roche-Hugon einige Gefahr laufen würde, wenn er der Unbekannten den Hof machen wollte, die sich, wie ein Störenfried, auf diesem Balle gezeigt hat. Ich möchte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam schön und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den Bällen erscheint, um alles zu sehen, während sie zu schlafen scheint, hat mich ungemein beunruhigt. Gewiß, Martial soll mir den Possen, den er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen."
"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt, als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, hält sein Wort. Indes kenne ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. Überdies haben wir eine Wette miteinander gemacht...." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser Stimme.
"Sollte es wahr sein?..." antwortete Frau von Vaudremont, während sie einen gefallsüchtigen Blick auf ihn richtete. "Würden Sie mir die Ehre erweisen, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?..."
"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen, was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus."
Der Oberst erriet, daß Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte, und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf geschickte Weise begonnen zu haben.
Es gibt bei allen Bällen Damen, die, ähnlich der Frau von Marigny, das Amt alter Seemänner übernehmen, die am Ufer des Meeres den Stürmen zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien, vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu erraten, der in dem Herzen der Gräfin vor sich ging. Vergebens fächerte sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Kühlung zu, vergebens lächelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begrüßt wurde, und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die alte Witwe, eine der klügsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zügen der Gräfin bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die leichtesten Falten, die die weiße und reine Stirn runzelten, das unmerkliche Zittern der Züge, das Spiel der anklägerischen Augenbrauen, die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wußte die alte Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die Kokette außer Dienst saß in einem Armstuhl, den sie vollkommen ausfüllte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe erzählen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie sah, daß sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres Herzens zu verhehlen wisse.
Frau von Vaudremont fühlte sich in der Tat ebenso schmerzlich ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Genüsse des Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschönern sollte. Sie erkannte in diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam für ihren Ruf, wie für ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den übrigen Frauen jener Epoche, indem die plötzliche Regung der Leidenschaften die Lebhaftigkeit der Gefühle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Fächer verbarg damals kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Gräfin für Martial war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der unerfahrenste Chirurg weiß, daß die Abtrennung eines lebenden Gliedes weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft hinzu, während ihre frühere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde.
Die alte Herzogin wußte alles zu erraten und beeilte sich nun, den Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse, selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont. Dieser schreckliche Blick ließ die junge Kokette befürchten, ihr Los möge in die Hände der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche den nächtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man müßte die Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu würdigen, den das Spiel ihrer Physiognomie der Gräfin einflößte. Frau von Marigny war hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so mußte man sagen: "Die Frau ist gewiß hübsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine so starke Auflage von Rot, daß sie fast gar nicht sichtbar wurden, allein ihre Augen empfingen keinen künstlichen Glanz durch dieses satte Karmin, sondern wurden dadurch nur noch düsterer. Sie trug eine Menge von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht lächerlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein künstliches Gebiß verschönt und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen ironischen Zug, der ihr eine Ähnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einfälle so sehr, daß man sie nicht der Bosheit beschuldigen konnte.
Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergießen, die zu den Füßen des Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein Lächeln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheißen!"
Diese unvorsichtige Enthüllung einer Verbindung, die zwischen Frau von Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem geübten Auge der Gräfin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren vorübergehenden Schmerz.
In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu erfahren, aber gleich vielen Altertümlern hatte er sein ganzes Latein bei diesen unglücklichen Nachforschungen verloren. In seiner Verzweiflung hatte er sich sogar an die Gräfin von Gondreville gewandt; aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt wurde...."
Nun wandte sich der Requêtenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die alte Dame einnahm, und überraschte sie bei jenem Blick des Einverständnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die Färbung, die sich über die Wangen der einsamen Dame ergoß, verlieh ihr einen solchen Glanz, daß der Requêtenmeister, bewegt durch den Anblick einer so mächtigen Schönheit, zu Frau von Marigny zu treten beschloß, obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah, lächelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, daß der Oberst darüber lächelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin," dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen bösen Streich spielen wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie beauftragt, über einen köstlichen Schatz zu wachen."
"Sehen Sie mich für einen schwarzen Hund mit glühenden Augen an?" fragte die alte Dame und ergötzte sich für einen Augenblick an der Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen Sie?" fuhr sie dann mit einer süßen Stimme fort, durch die Martial neue Hoffnung erhielt.
"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten Damen in jene Ecke verdrängt ist ... Sie sind ohne Zweifel mit ihr bekannt?...."
"Ja," sagte die Herzogin und lächelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie nicht? Sie ist so schön! Wollen Sie, daß wir Friede miteinander schließen? Wenn Sie mich über das belehren wollen, was ich gern erfahren möchte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß Ihr Gesuch um Zurückgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser kräftig unterstützt werden soll."
"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem trügerischen Ernst, "fuhren Sie mir die Gräfin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, daß ich ihr das ganze Geheimnis enthüllen will, das unsere Unbekannte so anziehend macht. Alle Männer, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich unwillkürlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat entreißen wollen. Der muß glücklich sein, der mit ihr tanzen wird!..." Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die Gräfin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, daß Sie den Namen der Unbekannten lieber aus dem Munde der schönen Gräfin hören werden, als aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, daß Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte, den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte: "Ich errate, meine Dame, daß Sie von mir sprechen, aber ich muß meine Schwäche anerkennen und gestehen, daß ich nicht erkenne, ob Sie Gutes oder Böses von mir reden."
Frau von Marigny drückte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand die hübsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!"
Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff, daß der Baron von Martial überflüssig sei und verabschiedete ihn mit einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns augenblicklich!"
Den Requêtenmeister freute es wenig, die Gräfin von den Künsten der gefährlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener männlichen Blicke auf sie, die so viel Macht über ein liebendes Herz besitzen, aber auch einer Frau so lächerlich erscheinen, wenn sie kalt gegen den geworden sind, in den sie verliebt war.
"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachäffen?..." sagte Frau von Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requêtenmeister spöttisch anzusehen.
Er kannte die Welt zu gut, besaß zu viel Feinheit und guten Geschmack, als daß er sich einem Bruch mit der hübschen Kokette hätte aussetzen wollen; überdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer plötzlichen Kälte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Tänzerinnen in Bewegung setzte. Die heiteren Töne des Orchesters erklangen und man hätte die durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger Schmetterlinge vergleichen können, die sich bei dem harmonischen Konzert der Vögel eines Gebüschs über einer Waldwiese erheben.
Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und stützte sich auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme über der Brust und blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, während er die Gräfin mit jener neuen Schönheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann werden oder eine Laune befriedigen solle.
Der Glanz der Lichter ließ so kräftig das schwermütige und düstere Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, daß man ihn mit einem bösen Geist hätte vergleichen können, und mehr als ein fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!"
Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tür zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gestützt, konnte der Oberst unbemerkt lachen. Er freute sich über den berauschenden Lärm des Balles. Er sah hundert hübsche Köpfe, die je nach den Launen des Tanzes hin und her schwebten. Er las in manchen Zügen, ebenso wie in denen der Gräfin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann wandte er sein Gesicht und verglich das düstere Aussehen des Grafen Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle saß, wo er ihn verlassen hatte, mit den sanften und klagenden Zügen der unbekannten Dame, auf deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines unwillkürliehen Schreckens erschienen. Der glückliche Kürassier hatte soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu hoffen, die Lehren zu merken, die der gekränkte Ehrgeiz gibt, das Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Lächeln von hundert hübschen Damen über Soulanges, Martial, die Gräfin oder die Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter, als sei er der König des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne daß er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht hätte. Es war etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Pläne, alles war auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf entringt: "Es ist doch eine hübsche Sache um einen Ball!..."
"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Gräfin, "ich bin weit älter, als ich scheine, denn ich zähle fünfundsechzig Jahre; ich habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreißt das Kleid, das er erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spät uns des Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern.... Fahren Sie fort, mein schönes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen sehen, was für ein angenehmes Leben Sie führen werden!"...
"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Mühe, glücklich zu werden! Nicht wahr?" rief die Gräfin kindlich aus.
"Meine Kleine, man muß es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem Vergnügen und dem Glück die Wahl treffen zu können. Hören Sie mich an! Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut genug, um sie glücklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!... Er ist ganz der Mann, der Ihr Vermögen verzehren könnte. Er ist ein Ränkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschäfte einleben kann, er weiß angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als daß er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen. Überdies, sehen Sie ihn nur an!... Werfen Sie nur einen Blick auf ihn!... Liest man es nicht auf seiner Stirn, daß er in diesem Augenblick keineswegs das hübsche junge Weib sieht, sondern nur die Besitzerin von zwei Millionen?... Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der zugleich Ansehen genießt. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht zu einem Geschäft der Liebe machen. Fängt man je eine Maus zweimal in derselben Falle? Jetzt muß ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein, und wenn Sie sich wieder verheiraten, so müssen Sie dabei wenigstens die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hören!" In diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natürlich auf das hübsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten ..." fuhr die Herzogin gutmütig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu häufen und auch wieder zu zerstreuen.... Allein ich beschwöre Sie, machen Sie sich nie eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stören, die Eintracht der Familien und das Glück der glücklichen Frauen zu vernichten. Ich habe diese gefährliche Rolle gespielt, meine Liebe ... und etwas zu spät habe ich erkennen gelernt, daß, wie jener Diplomat gesagt hat, ein Lachs besser ist als tausend Frösche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschöpfe; denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie einsehen, daß eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Genüsse gewährt, als die vergänglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewiß, ich bin hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten.... Ja, Sie, mein guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon erschienen bin, der nach Pöbel stinkt. Sieht man hier nicht sogar Schauspieler?... Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!... Ja, ja, sehen Sie mich nicht so erstaunt an.--Hören Sie mich an! Wollen Sie über die Männer lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu erfüllen haben.... Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fünfzehn Monaten, Gott weiß wie, berauscht haben ... ihn haben Sie für sein ganzes Leben unglücklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getäuscht hat. Soulanges leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine Freuden süß waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getäuscht! Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin faßte die Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich.
"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die Gräfin Soulanges!... Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes nur einen sehr schwachen Trost gewährt.... Sehen Sie sie an.... Sie erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als Glück und Liebe noch ihren Glanz über dieses jetzt gewelkte Antlitz verbreiteten!"
Die Gräfin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken versunken. Die Herzogin führte sie allmählich bis an die Tür des Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen Sie Soulanges!..."
Die junge und glänzende Gräfin schauderte zusammen als sie in der am wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl zurückgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein. Die Spieler kamen und gingen an ihm vorüber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten, als ein Mensch.
Der Anblick der trauernden Gattin und des düstern und finstern Gatten, die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden Hälften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfüllte die Gräfin mit großem Schrecken und böser Vorahnung. Sie fürchtete ein Bild dessen zu sehen, was die eigene Zukunft für sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch nicht so weit verhärtet, daß ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gänzlich fremd geworden, und sie preßte die Hand der Herzogin, während sie ihr mit einem freundlichen Lächeln dankte, in dem eine gewisse kindliche Anmut lag.
"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie fortan, daß wir es ebenso gut verstehen müssen, die Huldigungen der Männer von uns zu weisen, als sie zu erlangen...."--