Chapter 4
Adelaide ging in eine Kammer, die an das Wohnzimmer stieß, und in der sie ohne Zweifel schlief. Als sie zurückkehrte, übergab sie ihrer Mutter einen Schal von Kaschmir, der, als er noch neu war, für eine Königin nicht zu schlecht gewesen sein mochte. Hippolyt erinnerte sich nicht, je so reiche Farben, ein so vollendetes Muster gesehen zu haben, wie in diesem schönen Gewebe, allein der Schal war nun alt, hatte seine Frische verloren, war voll geschickt eingesetzter Flicken und harmonierte vollkommen mit dem übrigen Gerät. Frau Leseigneur hüllte sich kunstvoll hinein und in einer Art, die bewies, daß sie wirklich friere. Das junge Mädchen eilte darauf schnell in das "Kapernaum" und kehrte mit einer Hand voll Späne zurück, die sie in den Kamin warf, um die erloschenen Brände wieder anzufachen.
Es würde eine schwierige Aufgabe sein, die Unterhaltung wiederzugeben, die zwischen den drei Personen stattfand. Geleitet durch jenen Takt, den man fast stets durch Leiden erlangt, unter denen man von Kindheit an geseufzt hat, erlaubte sich Hippolyt nicht die geringste Bemerkung bezüglich der Lage seiner beiden Nachbarinnen, während er allenthalben die Kennzeichen einer großen und schlecht verhehlten Dürftigkeit erblickte. Auch die einfachste Frage würde unbescheiden gewesen sein und hätte nur einem alten Freunde verziehen werden können. Dennoch wurde der Maler sehr von diesem verborgenen Elend gerührt, sein edelmütiges Herz litt darunter; aber er wußte, daß auch das freundschaftlichste Mitleid beleidigend sein kann, und fand sich daher durch den Mißklang beengt, der zwischen seinen Gedanken und seinen Worten bestand. Die beiden Damen errieten gar leicht die geheime Verlegenheit, die durch einen ersten Besuch veranlaßt wird, vielleicht, weil sie dieselbe mitfühlen und die Natur ihres Geistes ihnen tausend Hilfsquellen gewährt, um jene Verlegenheit aufzuheben. Adelaide und ihre Mutter fragten den jungen Mann nach dem materiellen Verfahren seiner Kunst und nach seinen Studien, indem sie ihn allmählich zum Sprechen aufzumuntern suchten. Die Nichtigkeit ihrer von Wohlwollen beseelten Unterhaltung führte ohne Zwang dahin, daß er Bemerkungen und Reflexionen machte, die die Beschaffenheit seiner Sitten und seiner Seele verrieten.
Die alte Dame mochte einmal schön gewesen sein, allein ein geheimer Kummer hatte ihr Antlitz vor der Zeit welken lassen, so daß ihr nur noch die hervorspringenden Züge, die Umrisse, kurz, das Skelett einer Physiognomie übrig geblieben war, deren Gesamtheit auf eine große Feinheit deutete, während besonders das Spiel der Augen viel Anmut und jenen Ausdruck zeigte, der den Damen des alten französischen Hofes eigentümlich ist, und den man durch Worte nicht zu beschreiben vermag. Allein die Gesamtheit dieser feinen und hervortretenden Züge konnte ebensogut schlechte Gesinnung verraten, weibliche List und Schlauheit, selbst einen hohen Grad der Verdorbenheit vermuten lassen, als die Zartheit einer schönen Seele offenbaren. Der gewöhnliche Beobachter gerät vor weiblichen Gesichtern oft in Verlegenheit und weiß die Offenheit von der Verstellung, das Talent der Intrige von der Herzlichkeit nicht zu unterscheiden. Man muß die fast unmerklichen Nuancen zu erraten wissen. Es ist bald eine mehr oder weniger gekrümmte Linie, bald ein mehr oder weniger ausgehöhltes Grübchen, eine mehr oder weniger gewölbte oder hervorspringende Biegung, die man zu würdigen suchen muß; die Augen allein können uns das entdecken lassen, was ein jeder zu verstecken sucht, und die Wissenschaft des Beobachters liegt in der schnellen Wahrnehmungskraft seines Blickes. Es ging demnach mit dem Antlitz der alten Dame wie mit der Wohnung, die sie innehatte; es schien ebenso schwierig zu durchblikken, ob dieses Elend Laster berge oder eine hohe Rechtschaffenheit, sowie es schwierig war, zu erkennen, ob Adelaidens Mutter eine alte Kokette sei, gewöhnt, alles zu erwägen, alles zu berechnen, alles zu verkaufen, oder ein liebendes und schwaches Weib, voll Anmut und Zartgefühl. In jenem Alter, in dem Hippolyt Schinner stand, glaubt man aber am liebsten an das Gute, und er glaubte daher gewissermaßen den angenehmen und bescheidenen Duft der Tugend einzuatmen, indem er Adelaides Stirn sah und in ihre Augen blickte, die voll Herz und Geist waren. Während der Unterhaltung ergriff er die Gelegenheit, von den Porträts im allgemeinen zu sprechen, um dann zu dem schrecklichen Pastellgemälde übergehen zu können, von dem die Farben größtenteils abgefallen waren.
"Sie lieben diese Malerei wohl wegen der Ähnlichkeit, meine Damen, denn die Zeichnung selbst ist schauderhaft ..." sagte er mit einem Blick auf Adelaide.
"Es ist in Kalkutta gemalt, und zwar in großer Eile!" antwortete die Mutter mit bewegter Stimme. Dann betrachtete sie die formlose Skizze mit jener tiefen Versunkenheit, die die plötzliche Erinnerung an ein Glück verrät, das wohltuend für das Herz gewesen ist, wie der Tau des Morgens für die Blumen des Sommers. Zugleich lagen aber in dem Ausdruck, den die Züge der alten Dame zeigten, die Spuren einer tiefen Trauer; wenigstens glaubte sich der Maler die Haltung und das Aussehen seiner Nachbarin so erklären zu müssen. Er setzte sich neben sie und sagte mit freundschaftlicher Stimme: "Meine Dame, noch kurze Zeit, und die Farben dieses Pastellbildes werden verschwunden sein. Das Porträt wird bald nur noch in Ihrer Erinnerung bestehen, und wo Sie geliebte Züge erblickten, werden andere nichts mehr wahrnehmen können. Wollen Sie mir erlauben, dieses Bild auf die Leinwand zu übertragen? So wird es dauerhafter sein, als auf Papier.... Gewähren Sie mir, als ihrem Nachbar, die Gunst, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Es gibt Stunden, während deren ein Künstler sich gern von seinen großen Kompositionen erholt und dagegen eine einfachere Arbeit vornimmt. Es wird eine Zerstreuung für mich sein, dieses Bild zu malen."
Die alte Dame wurde lebhaft bewegt durch diese Worte, und Adelaide warf dem Maler einen jener verstohlenen Blicke zu, in denen sich das ganze Herz widerzuspiegeln scheint.
Hippolyt wollte auf irgendeine Weise mit seinen beiden Nachbarinnen in Verbindung treten und das Recht erlangen, an ihrem Leben teilzunehmen. Das einzige aber, was er tun konnte, war jenes Anerbieten; es befriedigte seinen Künstlerstolz und hatte nichts Verletzendes für die beiden Damen.--Frau Leseigneur nahm das Anerbieten an.
"Es scheint mir," sagte Hippolyt, "als ob die Uniform auf einen Marineoffizier deutete?"
"Ja," antwortete sie, "es ist die Uniform der Schiffskapitäne. Herr von Rouville, mein Mann, starb in Batavia an den Folgen einer Wunde, die er in einem Gefecht mit einem englischen Schiffe erhielt, dem er an Asiens Küsten begegnete. Er befehligte eine Fregatte von sechzig Kanonen, während die Revenge ein Schiff mit sechsundneunzig Kanonen war. Der Kampf war demnach sehr ungleich, aber Herr von Rouville verteidigte sich so mutig, daß er sich bis zum Eintritt der Nacht halten konnte, worauf er seinem Feind durch die Flucht entging. Als ich nach Frankreich zurückkehrte, war Bonaparte nicht mehr im Besitz der Macht, und man verweigerte mir eine Pension. Als ich abermals um eine solche nachsuchte, entgegnete mir der Minister mit Härte, daß der Baron von Rouville noch leben und ohne Zweifel Kontreadmiral sein würde, wenn er emigriert wäre. Ich hätte jene demütigenden Schritte gar nicht getan, hätte ich nicht um meiner armen Adelaide willen sie zu tun müssen geglaubt, und wäre ich nicht von meinen Freunden dazu veranlaßt worden. Was mich betrifft, so widerstrebte es mir stets, meine Hand auszustrecken und mich dabei auf einen Schmerz zu berufen, der einer Gattin weder Kraft noch Worte lassen kann. Ich hasse diesen Geldlohn für untadelhaft vergossenes Blut...."
"Meine Mutter, diese Erinnerung erschüttert Dich...." Nach dieser Bemerkung ihrer Tochter neigte die Baronin von Rouville ihr Haupt und schwieg.
"Mein Herr," sagte das junge Mädchen zu Hippolyt, "ich glaubte, die Arbeiten der Maler seien im allgemeinen wenig geräuschvoll.... Sie scheinen aber...."
Schinner errötete bei diesen Worten und lächelte; Adelaide endete aber ihre Bemerkung nicht und ersparte ihm eine Lüge, indem sie sich bei dem Rollen einer Kutsche, die vor der Türe anhielt, rasch erhob. Sie ging in ihre Kammer und kehrte sogleich mit zwei vergoldeten Leuchtern zurück, deren Kerzen sie schnell anzündete. Die Lampe stellte sie darauf in das Vorzimmer und öffnete sofort die Tür, ohne erst zu warten, daß die Klingel gezogen werde. Hippolyt hörte darauf einen Kuß empfangen und erwidern, und empfand einen peinlichen Schmerz. Der junge Mann erwartete mit Ungeduld den zu erblicken, der Adelaide so vertraulich behandelte; allein die Angekommenen unterhielten sich erst leise mit dem jungen Mädchen. Das Gespräch kam ihm zu lang vor. Endlich erschien sie wieder, und ihr folgten zwei Manner, deren Anzug, Physiognomie und Aussehen eine ganze Geschichte enthielten.
Der erstere mochte etwa sechzig Jahre alt sein und trug eines jener Kleider, die unter der Regierung Ludwig XVIII. erfunden wurden, und in denen der Schneider, der die Unsterblichkeit verdiente, das schwierigste Kleidungsproblem gelöst hatte. Dieser Meister verstand sich gewiß auf die Kunst der Übergänge, da jene so politisch bewegte Zeit überhaupt eine Zeit der Übergänge war. Jedesmal aber müssen wir demjenigen ein seltenes Verdienst zuerkennen, der seine Zeit zu beurteilen versteht. Jenes Gewand, an dessen Schnitt sich noch mancher in unserer Zeit erinnert, war weder bürgerlich noch militärisch, konnte aber nach dem Bedürfnis abwechselnd für bürgerlich und für militärisch gelten. Lilien waren auf die Umschläge der beiden Schöße gestickt, die vergoldeten Knöpfe waren gleichfalls mit Lilien geschmückt, und auf den Schultern erblickte man Knöpfe, um die Epauletten zu befestigen. Hose und Rock des Greises waren von königsblauem Tuche, und in dem Knopfloch erblickte man ein Ludwigskreuz. Das entblößte Haupt des Greises war gepudert, und in der Hand trug er einen dreieckigen Hut. Übrigens schien er noch so rüstig wie ein Fünfziger und sich einer kräftigen Gesundheit zu erfreuen. Seine Züge deuteten gleichzeitig auf den gesetzten und offenen Charakter der alten Emigranten und auf die freien und leichten Sitten, auf die heitern und sorglosen Leidenschaften jener Musketiere, die vordem in den Jahrbüchern der Galanterie so berühmt waren. Seine Bewegungen, sein Benehmen deuteten darauf, daß er den Ansprüchen seiner Jugend noch nicht entsagt habe und entschlossen sei, weder von seinem Royalismus abzulassen, noch von seiner Religion und seiner Neigung zu Liebeshändeln.
Ihm folgte eine ganz phantastische Gestalt, die man in den Vordergrund des Gemäldes heben müßte, um sie richtig zu schildern, die jedoch nur eine Nebenrolle spielt. Man denke sich eine trockene und hagere Person, ebenso gekleidet wie ersterer, aber gewissermaßen nur als dessen Widerschein, oder, wenn man lieber will, als dessen Schatten auftretend. Der Rock, der bei jenem neu war, erschien bei diesem abgenutzt, der Puder in den Haaren weniger weiß, die goldenen Lilien weniger glänzend, der Verstand schwächer, das Leben dem Endziel näher gerückt. Kurz, er verwirklichte auf bewundernswürdige Weise Rivarols witzigen Ausspruch in Bezug auf Champcenetz: "Er ist mein Mondschein!" Er war nur Doppelgänger des andern, aber blaß und arm, und zwischen beiden war ein Unterschied, wie zwischen dem ersten und dem letzten Abzuge einer Lithographie. Dieser stumme Greis war ein Geheimnis für den Maler und blieb auch ein solches, denn er sprach nicht und niemand sprach von ihm. War er ein Freund, ein armer Verwandter, ein Mann, der bei dem alten Stutzer blieb, wie ein Gesellschaftsfräulein bei einer alten Dame? War er ein Mittelding zwischen Hund, Papagei und Freund? Hatte er das Vermögen oder auch nur das Leben seines Wohltäters gerettet? War er der Trim eines neuen Kapitän Toby? An anderen Orten, als bei der Baronin von Rouville erregte er stets Neugierde, ohne sie je zu befriedigen.
Der Mann, der von den beiden Ruinen am besten erhalten war, ging höflich auf die Baronin von Rouville zu, küßte ihre Hand und setzte sich an ihre Seite; der andere begrüßte dieselbe und setzte sich dann neben sein Vorbild. Adelaide stützte ihre Ellenbogen auf die Rückenlehne des Stuhles, den der alte Edelmann eingenommen hatte, und ahmte so, ohne es zu wissen, die Stellung nach, die Guérin auf seinem berühmten Gemälde der Schwester Dido's gegeben hat. Die Vertraulichkeit des Edelmanns war die eines Bruders, und er nahm sich gewisse Freiheiten gegen Adelaide heraus, die dem jungen Mädchen für den Augenblick zu mißfallen schienen.
"Nun, Du schmollst wohl mit mir?" fragte er.
Dann warf er während seines weiteren Gesprächs auf Hippolyt Schinner jene schlauen und feinen Seitenblicke, die echt diplomatische Blicke sind, und deren Ausdruck stets eine kluge Besorgnis verrät.
"Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgültigkeit gegen die Künste bekannt sein muß."
Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, daß sie den Namen verschwieg, und begrüßte den jungen Mann.
"Gewiß!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemälden sprechen gehört.... Das Talent hat schöne Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann fort, während er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben müssen, erlangen Sie schon in der Jugend.... Allein die Arten des Ruhms sind Schwestern." Der Edelmann faßte dabei an sein Kreuz des heiligen Ludwig.
Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder, indem er sich begnügte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den schönen jungfräulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzückte. Bald versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und vergaß das tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn für ihn war Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphäre umgeben. Er antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er glücklicherweise hörte, denn es ist eine eigentümliche Fähigkeit unseres Geistes, daß er sich bisweilen gewissermaßen verdoppeln kann. Wem ist es nicht schon vorgekommen, daß er in ein angenehmes oder trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hörte und doch zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beiträgt, daß wir die Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfüllte ihn mit tausend Gedanken an das Glück, und er wollte nichts beobachten, was ihn umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz.
Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, daß die alte Dame und ihre Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde, betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgängerischen Verkörperung waren.
"Ich verliere immer...!" sagte der Edelmann.
"Sie werfen falsch ab...!" anwortete die Baronin von Rouville.
"Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen können..." sagte er.
"Haben Sie die Aß?" fragte die alte Dame.
"Ja," antwortete er.
"Soll ich Ihnen einen Rat geben?" fragte Adelaide.
"Nein, nein...! Bleib mir gegenüber! Palsambleu! Ich verlöre zu viel, wenn ich dich nicht mehr vor mir sähe."
Endlich war das Spiel beendet, der Edelmann zog seine Börse und warf zwei Louisdor auf den Tisch, während er nicht ohne einigen Unwillen sagte: "Vierzig Franken! Gerade zwei Louis...! Ha! Teufel! Es ist elf Uhr...!" "Es ist elf Uhr...!" wiederholte die stumme Person mit einem Blick auf Hippolyt Schinner.
Der junge Mann hörte diese Worte etwas deutlicher als alle übrigen und dachte, daß es Zeit sei, sich zu entfernen. Er kehrte nun in die Welt der gewöhnlichen Ideen zurück und fand einige Gemeinplätze, um wieder das Wort nehmen zu können, begrüßte die Baronin, ihre Tochter, die beiden Unbekannten und ging, während er nur an das erste Glück der wahren Liebe dachte, ohne daß er sich die kleinen Ereignisse zu erklären suchte, die während dieses Abends unter seinen Augen vorgegangen waren. Am folgenden Tage fühlte der junge Maler die heißeste Sehnsucht, Adelaide wiederzusehen, und wäre er seiner Leidenschaft gefolgt, so hätte er schon um 6 Uhr morgens, als er nach seiner Werkstatt eilte, seine Nachbarinnen besucht. Er besaß indes noch Vernunft genug, um den Nachmittag zu erwarten; sobald er aber glaubte, bei Frau von Rouville eintreten zu dürfen, eilte er die Treppe hinab, klingelte unter lautem Herzpochen und bat Fräulein Leseigneur, die ihm die Tür öffnete, schüchtern um das Bild des Barons von Rouville, während er errötete, wie ein junges Mädchen.
"Treten Sie doch ein!..." sagte Adelaide zu ihm, die ohne Zweifel Hippolyt bereits die Treppe von seiner Werkstatt herabkommen gehört und ihm entgegengeeilt war. Der Maler folgte ihr, beschämt, außer Fassung, ohne zu wissen, was er sagen sollte, vollkommen verwirrt durch das Glück, Adelaide zu sehen, das Rauschen ihres Gewandes zu hören, nachdem er den ganzen Morgen gewünscht hatte, in ihrer Nähe zu sein, nachdem er sich hundertmal erhoben hatte, um hinabzueilen.... Das Herz besitzt die wunderbare Macht, auch den unbedeutendsten Dingen einen außerordentlichen Wert zu verleihen. Welche Freude ist es nicht für einen Reisenden, ein Kraut, ein unbekanntes Blatt zu finden, nachdem er sein ganzes Leben an eine solche Nachforschung gewagt hat! Ebenso verhält es sich mit den Nichtigkeiten in der Liebe!
Die alte Dame war nicht in dem Salon. Als das junge Mädchen mit dem Maler allein war, brachte es einen Stuhl, um das Bild herabzunehmen; als es aber bemerkte, daß es auf die Kommode treten müsse, um das Bild von dem Nagel abzuhängen, wandte es sich an Hippolyt und sagte errötend:
"Ich bin nicht groß genug.... Hätten Sie vielleicht die Güte?"
Ein Gefühl der Scham, das sich im Ausdruck der Züge und im Ton der Stimme Adelaidens verriet, war der wahre Grund ihrer Bitte; Hippolyt begriff sie und warf ihr einen jener verständigen Blicke zu, die die süßeste Sprache der Liebe sind. Adelaide sah, daß sie von dem Maler verstanden sei und schlug daher ihre Augen mit einer Bewegung des Stolzes nieder, dessen Geheimnis allein die jungen Mädchen besitzen.
Der Maler fand kein Wort zu sagen, war fast eingeschüchtert und nahm das Gemälde herab, um es mit ernsten Blicken am Fenster zu betrachten. Dann ging er, ohne etwas anderes zu Fräulein Leseigneur zu sagen, als: "Ich werde es Ihnen bald wiederbringen." Beide hatten während dieses flüchtigen Augenblicks eine von jenen lebhaften Herzensregungen gefühlt, deren Wirkung auf den Geist mit jener Bewegung verglichen werden kann, die ein Stein hervorbringt, den man in einen See wirft, die süßesten Gedanken entstehen und folgen einander, endlos, vielfach, ohne Ziel, und das Herz, ebenso erregt wie jene kreisförmigen Wellen, die sich noch lange auf der Oberfläche des Wassers zeigen und sämtlich von dem Punkte ausgehen, wo der Stein hineingeworfen ist.
Hippolyt Schinner kehrte mit dem Bilde in seine Werkstatt zurück. Daß eine Leinwand bereits auf der Staffelei lag, daß die Palette bereits mit Farben bedeckt war, daß er die Pinsel gereinigt, zurechtgelegt, und das richtige Tageslicht gewählt hatte, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Bis zur Essenszeit arbeitete er an dem Bilde mit jenem Eifer, den die Künstler bei allen ihren Launen beweisen. Abends besuchte er wieder die Baronin von Rouville und blieb von neun bis elf Uhr; außer eine Abwechslung in den Gegenständen der Unterhaltung, glich dieser Abend in allem dem vorhergehenden. Die beiden alten Herren erschienen wieder zu derselben Stunde; es wurde abermals Pikett gespielt, dieselben Redensarten wurden von den Spielern ausgesprochen; selbst die verlorene Summe war die nämliche; nur war Hippolyt etwas kühner und wagte mit dem jungen Mädchen zu plaudern.