Große und kleine Welt

Chapter 2

Chapter 23,513 wordsPublic domain

Als Fougères Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das Haar, knöpfte seine flaschengrüne Sammetweste zu und war nicht wenig entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht saß auf einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehänge klingender Berlocks geschmückten Kürbis, dem zwei Steckrüben, die man nur irrtümlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die Melone schnaufte wie ein Walroß. Ein echter Künstler hätte den hiermit charakterisierten kleinen Flaschenhändler unverzüglich vor die Tür gesetzt, mit dem Bedauern, daß er leider kein Gemüse male. Fougères aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an, denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougères dem Magus zuwarf, bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", während Herr Vervelle die Stirn runzelte. Der Ehrenmann führte noch zwei andere Gemüsesorten in Gestalt seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem mahagonifarbenen Gesicht einer auf unförmlichen Füßen stehenden Kokosnuß, die nur mit einem Kopf gekrönt und von einem Gürtel eingeschnürt war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen. Ihre geschwollenen Hände staken kokett in unvorstellbaren Fausthandschuhen, die einem Korporal hätten gehören können. Ihren riesigen Hut überfluteten mächtige Straußenfedern, und ihre runden massigen Schultern waren mit Spitzen geschmückt. Dergestalt war die elfenhafte Erscheinung der Kokosnuß. Die Füße, die man treffender als Wurzelklötze bezeichnen würde, quollen in sechs Wülsten über die Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man weiß es nicht.

Ihr folgte ein junger, grün-gelber Spargel, dessen kleinen Kopf eine von Schleifchen gehaltene, rüben-rote Lockenfrisur zierte. Sie hatte spindeldürre Arme, einen leidlich weißen Teint, der mit Sommersproßen übersät war, große Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast gar keine Augenbrauen, einen Florentiner Strohhut, den züchtig zwei von weißen Satinlitzen eingefaßte Rosetten garnierten, die roten Hände der Tugend und die Füße der Mutter.

Aus der beglückten Miene, mit der diese drei Wesen in dem Atelier des Malers Umschau hielten, verriet sich ihre ehrfürchtige Begeisterung für die Kunst.

"Sie also werden uns malen, mein Herr?" fragte der würdige Vater.

"Ja, mein Herr!" anwortete Grassou.

"Vervelle, er hat das Ehrenkreuz!" flüsterte die Frau ihrem Manne zu, als der Maler ihnen den Rücken zuwandte.

"Glaubst du, ich würde unsere Bilder von einem Maler ohne Auszeichnung malen lassen?" sagte der gewesene Flaschenhändler.

Elias Magus verabschiedete sich von der Familie Vervelle und ging. Grassou begleitete ihn zur Treppe.

"Das war auch nur Ihnen möglich, solche Kugeln aufzufangen," sagte er.

"Hunderttausend Francs Mitgift!" sagte Magus.

"Ja, aber was für eine Familie!"

"Dreihunderttausend Francs späteres Erbteil, ein Haus in der Rue Boucherat und ein Landhaus in Ville d'Avray. Sie wären für Lebenszeit versorgt," sagte Elias.

Dieser Gedanke durchzuckte Grassous Gehirn wie die Morgensonne seine Mansarde.

Während er dem Vater des jungen Mädchens behilflich war, die richtige Stellung zum Porträtieren einzunehmen, erfreute er sich an dem gutmütigen Ausdruck dieses Mannes und bewunderte die violetten Farbtöne dieses Gesichts. Mutter und Tochter flatterten um den Maler herum und beobachteten voller Entzücken seine Vorbereitungen; er erschien ihnen wie ein Gott. Fougères gefiel sich in dieser Bewunderung. Das goldne Kalb strahlte sein phantastisches Licht über diese Familie.

"Sie müssen unheimliche Summen verdienen, nicht wahr?" sagte die Mutter. "Aber Sie geben das Geld wahrscheinlich ebenso schnell, wie Sie es verdienen, wieder aus."

"Nein, gnädige Frau," erwiderte der Maler, "ich gebe es nicht aus, denn ich wüßte nicht, wozu. Mein Notar arbeitet mit dem Gelde und führt Buch darüber; und sobald ich es ihm gegeben habe, denke ich nicht mehr daran."

"Ich habe mir sagen lassen," rief Papa Vervelle, "Ihr Künstler wäret wie die Siebe."

"Wer ist Ihr Notar, wenn es erlaubt ist?" fragte Frau Vervelle.

"Oh, ein guter Kerl, der runde Cardot."

"Aber nein, wie komisch!" lachte Vervelle. "Cardot ist auch unser Notar."

"Sie dürfen sich nicht bewegen," sagte der Maler.

"Aber so bleibe doch ruhig," rief die Gattin. "Du wirst schuld sein, wenn der Herr einen Fehler macht. Du solltest ihn nur bei der Arbeit sehen, so würdest Du verstehen...." "Ach Gott! Warum habt Ihr mich nicht im Malen unterrichten lassen!" sagte Fräulein Vervelle zu den Eltern.

"Virginie," rief die Mutter, "es gibt gewisse Dinge, die ein junges Mädchen nicht kennen darf. Bist Du erst einmal verheiratet--gut! Aber bis dahin gib Dich zufrieden."

Diese erste Sitzung genügte, um den ehrenwerten Künstler mit der Familie Vervelle schon recht befreundet werden zu lassen. In zwei Tagen sollten die Vervelles wiederkommen. Vater und Mutter ließen Virginie auf dem Heimweg ein wenig vorausgehen, aber trotz der Entfernung erlauschte sie folgende Worte, die ihre Neugier erweckten: "Ein dekorierter Mann ... siebenunddreißig Jahre ... ein Künstler mit Aufträgen, dessen Geld von unserm Notar verwaltet wird ... wie wäre es, wenn wir Cardot zu Rate zögen? Ha! Madame de Fougères wäre nicht übel!... Er sieht nicht aus wie ein übler Mensch.... Du meinst, besser ein Großhändler? Aber bei einem Kaufmann kannst Du, wenn er sich nicht bereits vom Geschäft zurückgezogen hat, nie wissen, wie es Deiner Tochter ergehen wird. Ein sparsamer Künstler dagegen ... außerdem lieben wir die Kunst ... kurz und gut...."

Während die Familie Vervelle ihre Eindrücke über den Maler austauschte, bildete sich auch Fougères seinerseits sein Urteil über die drei. Aber das Atelier war ihm zu eng und still dazu. Er begab sich auf die Straße und musterte die rothaarigen Frauen unter den Vorübergehenden, wobei er die seltsamsten Schlußfolgerungen zog: Gold sei das schönste der Metalle, und die gelbe Farbe kennzeichne das Gold, die Römer liebten Frauen mit goldrotem Haar und er fühle wie ein Römer ... und dergleichen mehr. Welcher Mann kümmert sich, nach zwei Jahren der Ehe noch um die Haarfarbe seiner Frau? Schönheit vergeht, aber die Häßlichkeit besteht. Geld ist der halbe Weg zum Glück.

Als der Maler abends zur Ruhe ging, fand er Virginie Vervelle bereits entzückend.

Als die drei Vervelles zur zweiten Sitzung das Atelier betraten, empfing der Maler sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. Der Schelm hatte heute seinem Bart besondere Aufmerksamkeit gewidmet; seine Wäsche war blütenweiß; anmutig hatte er sein Haar geordnet, und er trug eine sehr kleidsame Hose und puterrote Hausschuhe. Sein Gruß wurde von der Familie ebenfalls mit einem gewinnenden Lächeln beantwortet. Virginie, die so rot wurde wie ihr Haar, senkte die Augen und wandte den Kopf ab, als versenke sie sich in die Studien. Pierre Grassou war von diesen kleinen Zierereien entzückt; er fand Virginie graziös und glücklicherweise weder ihrem Vater noch ihrer Mutter ähnlich.

Während der Sitzung entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen der Familie und dem Maler, der so kühn war, den Vater Vervelle geistvoll zu finden. Die Vervelles nahmen mit ihren Schmeichelworten das Herz des Künstlers im Sturm. Er schenkte Virginie eine seiner Skizzen und der Mutter eine Studie. "Umsonst?" fragten sie. Pierre Grassou mußte lachen. "Sie dürfen Ihre Bilder nicht so wegschenken," sagte Vervelle, "das ist doch so gut wie bares Geld."--

Bei der dritten Sitzung erzählte Papa Vervelle von einer schönen

Gemäldegalerie, die er sich in seinem Landhaus in Ville d'Avray zugelegt habe. Sie enthalte Werke von Rubens, Gèrard Dou, Mieris, Terborch, Rembrandt, Paul Potter, einen Tizian und anderes. "Herr Vervelle hat sich eine Torheit geleistet," sagte Frau Vervelle sehr wichtig, "er besitzt für hunderttausend Francs Bilder."--"Ich bin eben Kunstliebhaber," sagte der ehemalige Flaschenhändler.

Als der Maler das Porträt der Frau Vervelle begann, nachdem das ihres Gatten nahezu vollendet war, fand die Bewunderung der Familie kein Ende. Der Notar hatte von dem Maler eine geradezu glänzende Schilderung gegeben: Pierre Grassou war in seinen Augen der ehrenwerteste Mann der Welt, einer der bestsituierten Künstler, der sich bis jetzt sechsunddreißigtausend Francs zusammengespart habe; die Tage des Elends seien für ihn vorbei, er habe eine Jahreseinnahme von zehntausend Francs; alles in allem, es sei ausgeschlossen, daß er eine Frau unglücklich machen werde. Diese Schlußbemerkung fiel entscheidend in die Wagschale. Die Vervelles unterhielten ihre Freunde nur noch mit Gesprächen über den berühmten Fougères. An dem Tage, da Fougères das Bild Virginiens in Angriff nahm, galt er schon als der zukünftige Schwiegersohn der Familie. Die drei Vervelles blühten und gediehen in der Atmosphäre dieses Ateliers, das sie nun schon als eine ihrer Residenzen ansahen. Eine unerklärliche Anziehungskraft ging von diesem sauberen, freundlich geordneten Raum auf sie aus. Abyssus, abyssum--der Bürger zieht den Bürger an.

Als die Sitzung zu Ende ging, erzitterte die Treppe unter heraufstürmenden schweren Schritten. Die Türe wurde aufgerissen und Josef Bridau trat ein. Er war erhitzt und aufgeregt, seine Haare wehten, sein dicker Schädel glühte. Wie Blitze flogen seine Blicke umher und er wirbelte alles im Atelier durcheinander, um sich dann plötzlich an Grassou zu wenden, während er versuchte, den über den Bauch zusammengezogenen Rock zuzuknöpfen, was nicht gelang, da von dem betreffenden Knopf nur noch der leere Stoffüberzug vorhanden war. "Das Holz ist teuer," sagte er zu Grassou.

"Ah!"

"Die Gläubiger sind hinter mir her.... Aber sag, malst Du dies Zeug da?"

"So schweig doch!"

"Ach so! Ja!"

Familie Vervelle fühlte sich durch das ungewöhnliche Auftreten dieses Menschen im tiefsten verletzt. Ihre natürliche Röte steigerte sich ins Kirschfarbene und endlich zu flammendem Purpur.

"Allerdings, so etwas bringt was ein!" begann Bridau wieder. "Hast Du Geld?"

"Brauchst Du viel?"

"Fünfhundert.... Ich bin einem Bluthund von Wucherer in die Finger gefallen. Wenn so eine Bestie einmal zugepackt hat, so läßt sie nicht locker, bis sie den Bissen geschluckt hat. Welche Rasse!"

"Ich werde Dir ein paar Zeilen an meinen Notar mitgeben...."

"Was, Du hast einen Notar?"

"Ja!"

"Nun, dann weiß ich doch wenigstens, warum Du die Wangen mit Rosentönen malst, die einen Parfümeur begeistern würden."

Grassou konnte es nicht verhindern, daß er errötete. Virginie verzog das Gesicht.

"Warum hältst Du Dich nicht an die Natur?" fuhr der große Maler fort. "Das Fräulein ist rot--nun also, ist denn das so schlimm? In der Kunst ist alles schön. Tu Zinnober auf Deine Palette und belebe die Wangen damit. Pinsele getrost die kleinen braunen Tüpfelchen hin und gib dem Ganzen etwas mehr Fettglanz. Willst Du mehr Geist haben als die Natur?"

"Hier...." sagte Fougères, "Du kannst mich ja solange vertreten, während ich schreibe."

Vervelle schob seinen Kugelkörper leise an den Tisch heran und beugte sich zum Ohr des Malers herab. "Dieser Brausekopf wird aber doch alles verderben!" flüsterte der besorgte Kaufmann.

"Wenn er das Bild Ihrer Virginie malte," erwiderte Fougères entrüstet, "so würde es tausendmal besser als meine Arbeit."

Auf diese Auskunft hin zog Vervelle sich vorsichtig wieder zurück und begab sich an die Seite seiner Frau, die über diesen Berserker einfach sprachlos war und sich nur höchst beunruhigt darüber zeigte, daß er an dem Porträt ihrer Tochter herumwerkelte.

"So--halte Dich an diese Angaben," sagte Bridau, als er die Palette gegen das Schreiben eintauschte. "Ich danke Dir nicht weiter! Nun kann ich doch nach Chateau d'Arthey zurückkehren, wo ich einen Speisesaal auszuführen habe; Leon de Lora macht die Türfüllungen. Wahre Meisterwerke! Du solltest uns einmal besuchen!" Er ging ohne Gruß; er hatte von dem Anblick Virginies genug bekommen.

"Wer ist denn dieser Mensch?" fragte Madame Vervelle.--"Ein großer Künstler," antwortete Grassou. Nach einer Minute des Schweigens fragte Virginie: "Sind Sie auch sicher, daß er an meinem Bilde nichts verdorben hat? Er hat mich erschreckt!"

"Er hat es verbessert," antwortete Grassou.--"Wenn dieser ein großer Künstler ist," sagte Madame Vervelle, "so muß ich doch sagen, daß ich die großen Künstler Ihrer Art vorziehe."--"Aber Mama, Herr Grassou ist doch ein viel größerer Maler; er malt mich in ganzer Figur," plapperte Virginie. Diese braven Leute fühlten sich durch die Allüren des Genies vor den Kopf gestoßen.--

Es war im Spätsommer, als Vervelle sich ein Herz faßte und den Maler zum nächsten Sonntag auf sein Landhaus einlud. "Ich weiß ja," sagte er bescheiden, "daß wir Bürgersleute einem Künstler nicht viel Anziehendes bieten können. Die Künstler brauchen Anregung, Schaugepränge und eine Umgebung geistvoller Personen. Bei mir werden Sie nichts finden als einen guten Wein; ich hoffe aber auch, daß meine Gemäldegalerie Ihnen hilft, die Langeweile zu verscheuchen, die einen Künstler wie Sie unter so einfachen Leuten befallen könnte."

Es entzückte den armen Pierre Grassou, der so wenig an Lobeserhebungen gewöhnt war, sich so gefeiert zu sehen. Dieser gütige Mensch, dieser kaum mittelmäßige Künstler, dies goldene Herz, diese treue Seele, dieser miserable Zeichner und brave Junge, den der königliche Orden der Ehrenlegion zierte, warf sich in Gala, um die letzten schönen Tage des Jahres in Ville d'Avray zu genießen. Er fuhr bescheiden im Omnibus. Das Schlößchen des ehemaligen Flaschenhändlers, das auf der Höhe von Ville d'Avray, dem schönsten Punkt der Ortschaft, mitten in einem fünf Morgen großen Park lag, erregte Grassous höchste Bewunderung. Virginie heiraten, hieß also, eines Tages Besitzer dieser schönen Villa werden!

Von den Vervelles wurde er mit so begeisterter Freude, Liebenswürdigkeit und ungeschickter Herzlichkeit aufgenommen, daß er sich beschämt fühlte. Es war ein Tag des Triumphes für ihn. In den zu Ehren des hohen Besuches sorgfältig geharkten Wegen führte man seine Zukunftspläne spazieren.

Sogar die Bäume sahen aus, als ob sie gekämmt worden wären. Die Rasenplätze waren frisch gemäht. Durch die reine Landluft schwebten verheißungsvoll wunderbare Küchengerüche herüber. Alles im Hause schien sich zuzuflüstern: "Wir haben einen großen Künstler zu Gast!" Papa Vervelle kugelte wie ein Apfel durch seinen Park, die Tochter schlängelte sich wie ein Aal daher, und die Mutter folgte mit wichtigtuerischer Miene hinterdrein.

Unermüdlich beschäftigten die drei Leute sich ohne Unterbrechung sieben Stunden lang um ihren Gast. Auf das Diner, das sich in seiner köstlichen Reichhaltigkeit sehr in die Länge zog, folgte der große Coup des Tages, die Besichtigung der Galerie. Drei Nachbarn, ehemalige Kaufleute, ein Erbonkel, den man zu Ehren des großen Künstlers eingeladen hatte, ein altes Fräulein Vervelle und die Gastgeber selbst folgten dem Maler in die Galerie. Sie waren alle begierig, sein Urteil über die berühmte Sammlung des kleinen Papa Vervelle zu hören und über den fabelhaften Wert der Bilder Gewißheit zu erlangen. Es schien, daß der Flaschenhändler mit König Louis Philipp und den Galerien von Versailles hatte wetteifern wollen. An den kostbaren Rahmen waren kleine Täfelchen angebracht, die auf goldenem Grund schwarze Aufschriften trugen. Sie lauteten: "Rubens, Tanz der Faune und Nymphen."--"Rembrandt, Inneres eines Anatomiesaales.--Dr. Tromp mit seinen Schülern." Die Galerie wurde durch Lampen erhellt, die besondere Beleuchtungseffekte erzielen sollten. Sie enthielt hundertfünfzig alte, verstaubte Gemälde. Vor einigen hingen grüne Vorhänge, die man in Gegenwart der jungen Leute geschlossen ließ. Der Künstler stand da, die Arme verschränkt und mit offenem Munde; er war sprachlos: in dieser Galerie fand er die Hälfte seiner eigenen Bilder wieder. Rubens, Paul Potter, Mieris, Gerard Dou,--zwanzig der größten Meister waren Werke seiner Hand.

"Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Wie bleich Sie geworden sind! Schnell ein Glas Wasser, Kind!" rief Mutter Vervelle. Der Maler zog Papa Vervelle am Rockknopf in einen Winkel der Galerie, unter dem Vorwand, einen Murillo betrachten zu wollen; die Bilder der Spanier waren damals in Mode. "Sagen Sie, haben Sie diese Gemälde bei Elias Magus erstanden?" --"Ja, lauter Originale!"

"Unter uns gesagt, zu welchem Preise hat er Ihnen diejenigen verkauft, die ich Ihnen jetzt bezeichnen werde?" Sie machten nebeneinander einen Rundgang durch den Raum. Die Gäste waren entzückt davon, mit welchem Ernst der Künstler sich an der Seite seines Gastgebers dem Studium der Meisterwerke hingab. "Dreitausend Francs!" sagte Vervelle mit flüsternder Stimme, als sie vor dem letzten Bilde angelangt waren, "aber ich gab ihm viertausend dafür."--"Einen Tizian für viertausend Francs?" sagte der Maler mit erhobener Stimme; "aber das wäre ja geschenkt!"--"Wie ich Ihnen sagte. Ich besitze hier für zusammen hunderttausend Taler Bilder!" rief Vervelle.

"Alle diese Bilder habe ich gemalt," sagte Pierre Grassou ihm ins Ohr, "und ich habe für alle zusammen nicht mehr als zehntausend Francs bekommen." "Beweisen Sie mir das," sagte der Flaschenhändler, "und ich werde die Mitgift meiner Tochter verdoppeln, denn dann sind Sie ja Rubens, Rembrandt, Terborch, Tizian in einer Person!"

"Und unser Magus ist ein höchst talentierter Bilderhändler!" meinte der Maler, der nun endlich begriff, warum seine Bilder im Laden des Elias ein so merkwürdiges Aussehen bekamen und weshalb der Alte immer so sonderbare Motive von ihm verlangt hatte.

Wollte man nun annehmen, daß Herr von Fougères--auf diesen Namen bestand seine Familie--bei seinen Bewunderern an Hochachtung eingebüßt hätte, so irrte man darin. Sein Ansehen stieg über alles Maß. Die Porträts der Familie Vervelle führte der Glückliche aber nun unentgeltlich aus und brachte sie seinem Schwiegervater, seiner Schwiegermutter und seiner jungen Gattin als Geschenk dar.... Pierre Grassou, der heute bei keiner Ausstellung fehlt, gilt in der Welt der Kleinbürger als ein guter Porträtmaler. Er hat ein Einkommen von zwölfhundert Francs im Jahre und bekleckst für fünfhundert Francs Leinwand. Seine Frau hat eine jährliche Rente von sechstausend Francs als Mitgift bekommen und die Eheleute wohnen im Hause der Schwieger- eltern. Die Vervelles und die Grassous verstehen sich ganz ausgezeichnet miteinander; sie halten sich eine gemeinsame Equipage und sind die glücklichsten Menschen von der Welt. Wo Pierre Grassou in bürgerlicher Sphäre eine Gesellschaft besucht, wird er als der größte Künstler seiner Zeit gefeiert. Von der Barrière du Trône bis zur Rue du Temple wird kein Familienbild in Auftrag gegeben, das nicht dieser große Maler ausführt und sich mit mindestens fünfhundert Francs bezahlen läßt. Fragt man die Bürger, warum sie gerade ihm den Vorzug geben, so antworten sie: "Man mag sagen, was man will, er ist ein Mann, der im Jahre seine zwanzig- tausend Francs zum Notar bringt!"

Da Grassou sich bei den Aufständen am 12 Mai trefflich gehalten hatte, wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Bataillonschef der Nationalgarde. Es blieb nicht aus, daß das Museum von Versailles einem so ausgezeichneten Staatsbürger ein Schlachtengemälde in Auftrag gab. Fougères trug seine Freude vor ganz Paris zur Schau und erzählte seinen ehemaligen Kameraden, die ihm begegneten, mit gleichgültiger Miene: "Der König hat ein Schlachtengemälde bei mir bestellt."

Frau von Fougères, die ihren Gatten mit zwei Kindern beschenkt hat, betet ihn an. Ein ausgezeichneter Gatte und guter Vater ist dieser Maler, aber er kann nicht den schmerzlichen Gedanken verwinden, daß die Künstler sich über ihn lustig machen, sein Name in den Ateliers nur als abschreckendes Beispiel genannt wird, die Presse sich nicht mit seinen Werken beschäftigt. Doch er arbeitet unentwegt weiter und hegt die Hoffnung, daß man ihn in die Akademie aufnehmen werde. Und, ein Akt herzerfreuender Rache, den berühmten Malern kauft er, wenn sie in Geldverlegenheit sind, ihre Bilder ab. Auf diese Weise tauscht er die elenden Schinken der Galerie in Ville d'Avray aus gegen wirkliche Meisterwerke, die nicht von ihm stammen.

DIE BÖRSE

Es gibt eine köstliche Stunde für Herzen, die sich leicht öffnen, für frische Herzen, die stets jung und zärtlich bleiben, und diese Stunde, die unbestimmteste und veränderlichste von allen, aus denen ein Tag besteht, beginnt in dem Augenblick, wo es noch nicht Nacht und nicht mehr Tag ist. Die Abenddämmerung wirft ihre matten Färbungen und wunderlichen Beleuchtungen auf alle Gegenstände, und süße Träumereien entstehen dann, während Licht und Dunkelheit miteinander kämpfen. Das Schweigen, das fast stets während dieses an Inspirationen reichen Augenblickes herrscht, macht ihn besonders den Dichtern, Malern und Bildhauern teuer. Sie sammeln sich, treten ein wenig von ihren Werken zurück, und da sie nicht mehr daran arbeiten können, so beurteilen sie sie und berauschen sich mit Wonne an ihren Schöpfungen, deren ganze Schönheit sich vor dem inneren Auge ihres Genius entfaltet.

Derjenige, der noch nie während dieses Augenblicks in poetische Träumereien versunken neben einem Freunde saß, wird nur schwer die unnennbaren Wohltaten desselben begreifen. Infolge des Halbdunkels verschwindet der materielle Trug, den die Kunst anwendet, um an die Wirklichkeit des Lebens glauben zu machen. Der Schatten wird dann Schatten, Licht ist Licht, das Fleisch wird lebendig, die Augen leuchten, Blut fließt durch die Adern und die Gewänder der gemalten Figuren scheinen zu rauschen. Die Einbildungskraft kommt auf wundersame Weise zu Hilfe, um an die Natürlichkeit der Einzelheiten glauben zu machen; man sieht nur noch die Schönheit des Werks, und wenn es sich um ein Gemälde handelt, so scheint es uns, als ob die dargestellten Personen redeten und sich bewegten.

Despotisch herrscht in dieser Stunde die Illusion; sie erhebt sich mit der Nacht. Und ist sie für den Verstand nicht eine Art von Nacht, an die wir so gern glauben? Die Illusion hat dann Schwingen, sie führt den Geist in die Welt der Phantasien, in eine Welt, die fruchtbar an wollüstigen Launen ist, und in welcher der Künstler ganz und gar die wirkliche Welt vergißt, die Vergangenheit, die Zukunft, sogar sein Elend.

In dieser magischen Stunde war es, als ein junger Maler, ein talentvoller Mann, der in der Kunst nur die Kunst selbst erblickte, die Doppelleiter bestiegen hatte, deren er sich bediente, um ein großes und hohes Gemälde zu entwerfen, das bereits zu einem großen Teile vollendet war. Er beurteilte sich jetzt selbst, bewunderte sich aufrichtig, überließ sich dem Strome seiner Gedanken und versank in eine jener Ueberlegungen, die das Herz entzücken und erheben, die ihm schmeicheln und es trösten. Seine Träumerei dauerte ohne Zweifel lange Zeit; die Nacht erschien, und sei es nun, daß er von seiner Leiter herabsteigen wollte, sei es, daß er eine unvorsichtige Bewegung machte, indem er sich auf ebener Erde glaubte, denn das Ereignis erlaubte ihm nicht, sich genau an die Ursachen seines Unglücks zu erinnern.... Er fiel.