Part 9
Ich teile die Reste meiner Mahlzeit mit einem weißen, gewaltigen Schäferhund. Und nachdem wir einen Blick auf den schmerzvoll grinsenden Löwen von Cheronea geworfen, ist der parnassische Hirtentraum zu Ende geträumt. Doch nein, an der kleinen Haltestelle der Eisenbahn, die wir erreicht haben, und die von einem Sumpfe voll quakender Frösche umgeben ist, finden wir ein gefesseltes schwarzes Lamm. Es hat, mit dem Rücken nach unten, am Sattel eines Maultieres hängend, eine Reise von zehn Stunden, durch die Hochtäler des Parnaß, von Delphi her, im Sonnenbrande zurückgelegt. Es trägt den Ausdruck hoffnungsloser Fügung im Angesicht. Sein Eigentümer ist jener Kaufmann, den wir überholten, und dessen Maultier ein Knabe trieb. Er wird um sein Osterlamm beneidet und Bahnbeamte treten hinzu, fühlen es ab nach Preis und Gewicht und Fettgehalt. Schließlich legt man das arme, unsäglich leidende, schwarze parnassische Lamm, mit zusammengebundenen Füßen dicht an die Geleise, damit es leicht zu verladen ist. Ich sehe noch, wie es an seinen Fesseln reißt und verzweifelt emporzuspringen versucht, als die Maschine herandonnert und gewaltig an ihm vorüberdröhnt.
Wir haben Athen verlassen, um über Korinth, Mykene, Argos und andere klassische Plätze schließlich nach Sparta zu gelangen. Am Nachmittag ist Korinth erreicht, nach längerer Bahnfahrt, die uns nun schon bekannte Bilder wiederum vor die Augen geführt hat, darunter flüchtige und doch warme Eindrücke von Eleusis, Megara, dem schönen Isthmus und der Eginetischen Bucht.
Ein Wagen führt uns unweit vom Rande des Golfes, dem Fuße von Akrokorinth entgegen, einer drohenden Felsmasse, die von den Resten roher Befestigungen verunziert ist.
Über den Golf herüber weht eine frische, fast nordische Luft, aus der Gegend des Helikon, dessen leuchtender Gipfel schemenhaft sichtbar bleibt. Der Wagen rollt auf schlechten Feldwegen zwischen grünen Saaten dahin.
Der korinthische Knabe hatte für Körper und Geist einen weiten, unsäglich mannigfaltigen Tummelplatz. Den furchtbarsten Burgfelsen über sich, schwamm er im Lärm und Getriebe einer Hafenstadt, die im weiten Kreise von grünen oder nackten Hügeln umgeben war. Überall erlangte sein Blick die geheiligten Höhen der Götter- und Hirtenwelt, die wiederum bis in das Herz der Stadt hineinreichte. Für Wanderungen oder Fahrten taten sich Peloponnes und Isthmus auf und auf diesem herrlichen Erdenfleck genoß er die gleichsam geborgene Schönheit eines südlichen Alpensees und auch die grenzenlose Wonne des freieren Meeres.
Wir besteigen Pferde, und diese erkletterten nun mühsam den Felsen von Akrokorinth, der mehr und mehr, je weiter wir an ihm hinaufkriechen, wie eine verdammte Stätte erscheint: ein düsteres Tor durch einen Ring von Befestigungsmauern, führt in ein ödes Felsenbereich.
Wir sind -- die Pferde haben wir vor dem ersten Tore zurückgelassen! -- einer zweiten Ringmauer gegenübergestellt, die abermals ein Tor durchbricht. Eilig klimmen wir weiter aufwärts: eine weißliche Sonne hat sich schon nahe bis an den Horizont herabgesenkt. Kalter Bergwind fegt durch ein zweites ungeheures Trümmerbereich, und wir finden uns vor dem engsten jener Mauerringe, die den Gipfel des Festungsberges einschließen. Diesen Gipfel erkletterten wir nun durch ein drittes Tor. Es ist eine Wüstenei, ein Steinchaos. Fremd und schon halb und halb in Schatten gesunken, liegt die gewaltige Bergwelt des Peloponnes unter uns. Wir eilen, aus dieser entsetzlichen Zwingburg durch die Trümmerhöfe wieder hinabzukommen. Wirkliches Grauen, wirkliche Angst tritt uns an.
Nach den geheiligten Hügeln und Bergen, deren Bereich ich in den letzten Wochen betrat oder wenigstens mit dem Blick erreichte, ist dies der erste, der unter einem unabwendbaren Fluch verödet scheint.
Seltsam wie das bange Gefühl, was der nahende Abend einflößt mit dem kleinen Kreis sonderbar banger Phantasiegestalten in Einstimmung ist, die für mich, seitdem ich ein bewußteres Leben führe, mit dem Namen Korinth verbunden sind. Schon vor etwa achtundzwanzig Jahren, während einer kurzen akademischen Studienzeit, drängten sich mir die rätselvollen Gestalten des Periander, seiner Gattin Melissa und des Lykophron, seines Sohnes, auf. Ich darf wohl sagen, daß die Tragödie dieser drei Menschen in ihrer unsäglich bittersüßen Schwermut all die Jahre meine Seele beschäftigt hat.
Periander! Melissa! Lykophron!
Periander, auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmählich ähnlich wie Saul, ähnlich wie der spartanische König Pausanias, in einen finsteren Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen Schicksal großer Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen Dämonen verfolgt werden, die ihnen dahin lockend voranschritten. Er hatte die Einwohnerschaft Korinths von den furchtbaren Felsen herunter terrorisiert und dezimiert. Er hatte Lyside, die Tochter des Tyrannen Prokles, geheiratet, der zu Epidaurus saß. Die Gattin, zärtlich von ihm Melissa genannt, ward später von ihm aus unbekannten Gründen heimlich ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last gelegt. Prokles, Lysidens Vater, ließ eines Tages vor den beiden inzwischen herangewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Söhnen Melissens und Perianders, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung von dem Verbrechen des Vaters aufgehen ließen, und diese Ahnung bewirkte nach und nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall.
Der große Britte hat die Tragödie eines Sohnes geschrieben, dessen Mutter am Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die psychologischen Möglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu jeder Tiefe erschöpft. Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach überhaupt unerschöpflich ist, derart zwar, daß er sich selber in immer neuen Formen, aus immer neuen Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist das Problem Periander Lykophron noch rätselvoller und furchtbarer, als es das Rätsel Hamlets und seiner Mutter ist. Dabei hat dieser göttliche Jüngling Lykophron mit dem Dänenprinzen Ähnlichkeit ... man könnte ihn als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet bezeichnen.
Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finstrer Entschlossenheit.
Während Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier -- denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere Herrscher dulden muß, so erreicht er doch die Trennung von allen, das Alleinsein, immer gewiß. Er gräbt sich meistens jeden gemütischen Zufluß der Seele ab, wodurch sie denn, wie ein Baum bei Dürre, qualvoll langsam zugrunde geht.
Also während Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von Korinth, in seinem Palast auf dem öden Burgfelsen, mit den Dämonen und mit dem Schatten Melissens rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm abgekehrt, sondern von Grund aus alles und jedes, außer das Leben! was er ihm zu verdanken hatte -- alles und jedes, was ihm durch Geburt an Glanz und Prunk mit dem Vater gemeinsam war, dermaßen gründlich von sich getan, daß er, obdachlos und verwahrlost, in den Hallen und Gassen des reichen Korinth umherlungernd, von irgendeinem anderen Bettler nicht mehr zu unterscheiden war.
Hier noch wurde er aber von dem allmächtigen Vater mit rücksichtsloser Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch weder Härte noch Zärtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der vergifteten Liebe abzuschwächen.
Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die Eigenart der Tragik, die in der Brust Perianders wütete, daß er einen geliebten und bewunderten Sohn, das köstlichste Gut seines späteren Lebens, plötzlich und unerwartet durch den Fluch seiner häßlichen Tat vernichtet fand. Damit war ihm vielleicht der einzige Zustrom seines Gemütes abgeschnitten und das Herz des alternden Mannes ward von dem Grauen der großen Leere, der großen Öde umschränkt.
Ich bin überzeugt, daß tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die grauenvollsten Phänomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In solchen Kämpfen kann es geschehen, daß glühende Zuneigung und glühender Haß parallel laufen -- daß Liebe und Haß in jedem der Kämpfenden gleichzeitig und von gleicher Stärke sind: das bedingt die ausgesuchten Qualen und die Endlosigkeit solcher Gegensätze. Liebe verewigt sie, Haß allein würde sie schnell zum Austrag bringen. Was könnte im übrigen furchtbarer sein, als es die Fremdheit derer, die sich kennen, ist?
Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acheron, um irgendeine Frage, die ihn quälte, durch den Schatten Melissens beantwortet zu sehen. Melissa dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und erklärte, sie friere, denn man habe bei der Bestattung ihre Kleider nicht mit verbrannt.
Als die Boten heimkehrten, hierher nach Korinth, konnte Periander nicht daran zweifeln, daß wirklich der Schatten Melissens zu ihnen geredet hatte, denn sie brachten in rätselhaften Worten die Andeutung eines Geheimnisses, dessen einziger Hüter Periander zu sein glaubte.
Durch dieses Geheimnis wurde ein perverses Verbrechen des Gatten verdeckt, der seine Gattin nicht allein getötet, sondern noch im Leichnam mißbraucht hatte: eine finstere Tat, die das schreckliche Wesen des Tyrannen gleichsam mit einem höllischen Strahle der Liebe verklärt.
Er ließ nun in einem Anfall schwerer Gewissensangst die Weiber Korinths, wie zum Fest in den Tempel der Hera berufen. Dort rissen seine Landsknechte ihnen gewaltsam Zierat und Festkleider ab und diese wurden zu Ehren Melissens, und um ihren Schatten zu versöhnen, in später Totenfeier verbrannt.
Periander, Melissa, Lykophron. Es hat immer wieder, während beinahe dreier Jahrzehnte, Tage gegeben, wo ich diese Namen lebendig in mir, ja oft auf der Zunge trug. Sie waren es auch, die, Sehnsucht erweckend, vor mir her schwebten, als ich das erstemal den Anker gehoben hatte, um hierher zu ziehen. Auch während der kleinen Schiffsreise jüngst, durch den Golf von Korinth, hat mein Mund zuweilen diese drei Namen lautlos geformt, nicht minder oft auf der Fahrt nach Akrokorinth. Und hier, im fröstelnden Schauder heftiger Windstöße, auf dem gespenstischen Gipfel des Burgfelsens, habe ich im kraftlosen Licht einer bleichen Sonne, die unterging, die fröstelnden Schatten Perianders, Melissens und Lykophrons dicht um mich gespürt.
Unten, im Dämmer der Rückfahrt, während die Feldgeister über der in Gerstenhalmen wogenden Gräberstätte des alten Korinth sich zu regen beginnen, zuckt im Rädergeroll der nächtlichen Fahrt ein und das andere Bild der lärmenden alten Stadt vor der Seele auf. Mitunter ist alles plötzlich von einer so tosenden Gegenwart, daß ich Geschwätz und Geschrei des Marktes um mich zu hören glaubte, und alles dieses mit dem Anblick weiter abgelegener Felder verquickt, die sich rings um den übermächtig hineingelagerten, finsteren Gewalttäterfelsen wie Leichentücher weit umherbreiten.
Und ohne daß dieser tote Dämmer, dieses ewig teilnahmlose Gegenwartsbild verändert wird, sehe ich die Lohe der Totenfeier Melissens nächtlich hervorbrechen und fühle das Fieber, das die leidenschaftliche Kraft des großen Periander auf die Bewohner der geknechteten Stadt überträgt. Der Heratempel ist vom Geschrei der Weiber erfüllt, denen die Bravi die Kleider vom Leibe reißen, die Gassen vom Geschrei jener anderen, die nackt und beraubt entkommen sind. Nicht weit vom Tempel, den Blick in den rötlichen Schein der Feuersbrunst mit einem starren Lächeln gerichtet, steht Lykophron: durch Schmerz und die Wollust der Selbstkasteiung fast irrsinnig, das Antlitz durch Hunger und innere Wut verzerrt, aber in diesem Augenblick nicht nur vom Wiederscheine des Feuers, sondern von einem bösen Triumphe verklärt. Rings lärmen und brüllen die Leute um ihn: es ist durch Verordnung Perianders aufs strengste verboten, ihn anzureden.
Als aber am folgenden Tage Periander selbst dies zu tun unternimmt, erhält er von seinem Sohne nur diese Antwort: man wird dich in Strafe nehmen, weil du mit Lykophron gesprochen hast.
Gegen zwölf Uhr mittags, nachdem wir am Morgen Korinth verlassen haben, befinde ich mich in einer Herberge, von der aus man die argivische Ebene übersieht. Sie ist begrenzt von gewaltigen peloponnesischen Bergzügen und augenblicklich durchbraust von einem heißen Wind, der in der blendenden Helle des Mittags die Saatfelder wogen macht.
Der Raum, in dem die Kuriere das Frühstück auftragen, hat den gestampften Boden einer Lehmtenne. Er ist zugleich Kaufladen und Weinausschank. Es riecht nach Kattun. Blaue Kattune sind in den Wandregalen aufgestapelt. Dank den Kurieren, die in Athen eine Korporation bilden, herrscht in den Herbergen, die sie bevorzugen, eine gewisse Sauberkeit.
Ich bin vor die Tür des kleinen Wirtshauses getreten. Die von den Bergen Arkadiens eingeschlossene Ebene ist noch immer durchbraust von Sturm und steht noch immer in weißer Glut. In weißlich blendendem Dunst liegt der Himmel über uns. Die Burg von Argos, Larissa, ist in der Talferne sichtbar, der Boden des Tals ist in weite Gewände abgegrenzt, die teils von wogender Gerste bedeckt, teils unbestellt und die trockene rote Scholle zeigend, daliegen.
Diese Landschaft erscheint auf den ersten Blick ein wenig kahl, ein wenig nüchtern in ihrer Weiträumigkeit. Ich bin nicht geneigt, sie als Heimat jener blutigen Schatten anzusprechen, die unter den Namen Agamemnon, Klytämnestra, Tyest und Orestes ruhelos durch die Jahrtausende wandern. Ihre Heimat war im Haupte des Äschylos und des Sophokles.
Die Gestalten der großen Tragödiendichter der Alten sind von einem Element des Grauens getragen und in ihm zu körperlosen Schatten aufgelöst. Es ist in ihnen etwas von den Qualen abgeschiedener Seelen enthalten, die durch die unwiderstehliche Macht einer Totenbeschwörung, zu einer verhaßten Existenz im Lichte gezwungen sind. Auf diese Weise wecken sie die Empfindung in uns, als stünden sie unter einem Fluch, der ihnen aber, so lange sie noch als Menschen unter Menschen ihr Leben lebten, nicht anhaftete. Der schlichte Eindruck einer realen landschaftlichen Natur bei Tageslicht widerlegt jeden Fluch und zwingt der bis zum Zerreißen überspannten Seele den Segen natürlicher Maße auf.
Den Tragikern bleibt in dieser Beziehung Homer vollkommen gesondert gegenübergestellt. Seine Dichtungen sind keine Totenbeschwörungen. Über seinen Gedichten ist nirgend das Haupt der Medusa aufgehängt. Gleicht das Gedicht des Tragikers einem Klagegesang -- seines gleicht überall einem Lobgesang, und wenn das Kunstwerk des Tragikers von dem Element der Klage, wie von seinem Lebensblute durchdrungen ist, so ist das Gedicht Homers eine einzige Vibration der Lobpreisung. Die dichtende Klage und heimliche Anklage und das dichtende Lob, wer kann mir sagen, welches von beiden göttlicher ist?
Die Tragödie ist immer eine Art Höllenzwang. Die Schatten werden mit Hilfe von Blut gelockt, gewaltsam eingefangen und brutal, als ob sie nicht Schatten wären, durch Schauspieler ins reale Leben gestellt: da müssen sie nun nichts anderes als ihre Verbrechen, ihre Niederlagen, ihre Schande und ihre Bestrafungen öffentlich darstellen. Hierin verfährt man mit ihnen erbarmungslos.
Seit Beginn meiner Reise liegt mir eine wundervolle Stelle der Odyssee im Sinn. Der Sonnengott, dem man seine geliebte Rinderherde getötet hat, klagt die Frevler, die es getan haben, die Genossen des Odysseus, im Kreise der Götter an und droht, er werde, sofern man ihn nicht an den Tätern räche, fortan nicht mehr den Lebenden, sondern den Toten leuchten:
»Büßen die Frevler mir nicht vollgütige Buße des Raubes; Steig' ich hinab in Aïdes Reich, und leuchte den Toten!«
Wer wollte diese erhabenste und zugleich herrlichste Drohung in ihren überwältigenden Aspekten nicht empfinden. Es ist nicht mehr und nicht weniger als der ganze Inhalt eines künftigen Welt-Epos, dessen Dante geboren werden wird. Aber wenn nicht mit der ganzen apollinischen Lichtgewalt, so doch mit einem Strahle davon erscheinen die Gestalten Homers beglückt und sind damit aus dem Abgrund der Toten zu neuem Leben geweckt worden und es ist nicht einzusehen, warum der Gott nicht auch dem dramatischen Dichter einen von seinen Strahlen leihen sollte. Ist doch das Dramatische und das Epische niemals rein getrennt, ebensowenig wie die Tendenzen der Zeit und des Ortes. Und wer wüßte nicht, wie das Epos Homers zugleich auch das gewaltigste Drama und Mutter zahlloser späterer Dramen ist.
Wenn wir einen Durchbruch des apollinischen Glanzes in die Bereiche des Hades als möglich erachteten, so möchte ich die Tragödie, cum grano salis, mit einem Durchbruch der unterirdischen Mächte, oder mit einem Vorstoß dieser Mächte ins Licht vergleichen. Ich meine damit die Tragödie seit Äschylos, von dem es heißt, daß er es gewesen ist, der den Erinnyen Schlangen ins Haar geflochten hat.
Nehmen wir an, die Tragödie habe dem gleichen Instinkt gedient, wie das Menschenopfer. Dann trat allerdings an Stelle der blutigen Handlung der unblutige Schein. Trotzdem in Wahrheit aber Menschenblut nicht vergossen wurde, hatte die bange und schreckliche Wirkung an Macht gewonnen und sich vertieft: derart, daß erst jetzt eine chthonische Wolke gewaltsam lastend und verdüsternd in den olympischen Äther stieg, deren grauenerregende Formen mit den homerischen Lichtgewölken olympischen Ursprungs rangen, und schließlich den ganzen Olymp der Griechen verdüsterten.
Wir brechen auf, um die Trümmer von Mykene und die unterirdischen Bauten zu sehen, die man Schatzhäuser nennt. Ich bin durchaus homerisch gestimmt, wie denn mein ganzes Wesen dem Homerischen huldigt, auch wenn ich nicht des wundervollen Schatzes gedenken müßte, der im Museum zu Athen geborgen liegt und der aus den Gräbern von Mykene gehoben ist. Wo ist das Blutlicht, mit dem Äschylos und Sophokles durch die Jahrhunderte rückwärts diese Stätte beleuchteten? Es ist von der Sonne Homers getilgt. Und ich sehe in diesem Augenblick die Greueltaten der Klytämnestra, des Agist und des Orest höchstens mit den Augen des Menelaos in Sparta an, als er dem jugendlichen Telemach, der gekommen ist, nach Odysseus, seinem Vater, zu forschen, davon erzählt.
»Aber indessen erschlug mir meinen Bruder ein Anderer Heimlich mit Meuchelmord durch die List des heillosen Weibes ... Dennoch, wie sehr ich auch trauere, bewein' ich alle nicht so sehr Als den einen ...«
womit er Odysseus -- nicht einmal Agamemnon! -- meint, den lange Vermißten.
Wer, der die kerngesunde Königsidylle jenes Besuches liest, den Telemach in Sparta abstattet, könnte dagegen des Glaubens sein, daß der erprobte Held, Mann und Bruder sich sophokleischen Blutträumen überlassen hätte? Zumal, wenn er sagt:
»Laßt uns also des Grams und unserer Tränen vergessen«
oder wenn Helena bei ihm ruhte, noch immer »Die Schönste unter den Weibern.«
Das Löwentor, der mykenaische Schutthügel und die Hügel ringsum sind von Sonne durchglüht und von Sturm umbraust. Überall füllt Duft von Thymian und Myrrhen die Luft. Ganz Griechenland duftet jetzt von Thymian und Majoran. In den Kalksteintrümmern der alten Stadt schreien Eulen einander zu, wach und lebhaft, trotz hellblendender Sonne. Weiß wie Schlacke liegt Trümmerstück an Trümmerstück.
Die Burg hat eine raubnestartige Anlage: in Hügeln versteckt und von höheren felsigen Bergen gedeckt, übersah sie das ganze rossenährende Argos. Zur Seite hatte sie eine wilde Kluft, die jeden Zugang verhinderte.
Es ist von eigentümlichem Reiz, sich nach den mykenaischen Gräberfunden in dieser Umgebung ein Leben in Üppigkeit und Luxus vorzustellen: Männer und Frauen, die sich schnürten, und besonders Frauen, deren Toiletten an Glanz und Raffinement der Toilette einer spanischen Tänzerin, die in einem pariser Theater tanzt, gleichgekommen sind. Aber schließlich ist es wieder Homer, der überall den Sinn für Komfort und Luxus entwickelt und nie vergißt, Bäder, duftende Betten, reinliches Linnen, hohe und hallende Säle, Schmuck und Schönheit der Weiber, ja sogar den Wohlgeschmack des Getränks und der Speisen gebührend zu würdigen.
Die unterirdischen Kuppelbauten, die Pausanias Schatzhäuser nennt, sind ihrer eigentlichen Bestimmung nach noch heute ein Rätsel. Sie waren bekannt, wie es scheint, durch das ganze griechische Altertum und wahrscheinlich, so weit sie frei lagen, wie noch heute, erfüllt von Bienengesumm. Das »Schatzhaus des Atreus«, ist vollkommen freigelegt. Die weiche, sausende Chormusik der kleinen honigmachenden Priesterinnen der Demeter, die den unterirdischen Bau erfüllt, verbreitet mystische Feierlichkeit. Sie scheinen im Halblicht der hohen Kuppel umherzutaumeln. Sie fliegen, an den unbestrittenen Besitz dieser Räume gewöhnt, gegen die Köpfe der Eintretenden. Ihr sonorer Flug bewegt sich mit Gehen und Kommen in eine niedrige Nebenkammer, die sehr wohl eine Grabkammer sein könnte. Aber die Menge der Schatzhäuser würde durch eine Bestimmung als unterirdische Tempelgräber, für Totenopfer und Totenkult, nicht erklärt. Ich stelle mir aber gern inmitten dieses sogenannten Artreusschatzhauses einen Altar vor und das Feuer darauf, das den Raum erleuchtet und lärmend belebt und dessen Rauch durch die kleine runde Öffnung der Kuppel abzieht und oben scheinbar aus der Erde selber hervordringt.
Drei Schimmel ziehen unsern Wagen im Galopp durch die Vorstädte von Tripolitza in die arkadische Landschaft hinaus. Der wolkenlose Himmel ist über weite Ackerflächen gespannt, auf denen Reihen bunter, griechischer Landleute arbeiten. Der Tag wird heiß. Die Luft ist erfüllt von Froschgequak.
Nun, nach einer längeren Fahrt durch kleine Ortschaften, verlassen wir die Ebene von Thegea. Die schöne Landstraße steigt bergan, und statt der Felder haben wir rötlich-graue Massen kahlen Gesteins zur Rechten und Linken, die spärlich mit Thymiansträuchern bewachsen sind. Es beginnt damit ein Arkadien, das mehr einer Wüstenei, als dem Paradiese ähnlich sieht. Nach einiger Zeit ist in der Höhe ein Dorf zu sehen, mit einigen langen, dünn belaubten Pappeln, die das Auge hungrig begrüßt. Nur wenig lösen sich die Häuser der Ortschaft von ihrem steinigten Hintergrund, der mit schmalen Gartenstreifen rötlicher Erde durchsetzt ist.
Die Spitzen des Parnon werden zur Linken sichtbar, auf denen der Schnee zu schwinden beginnt. Ein kühler Wind setzt ein und erquickt inmitten dieser arkadischen Wüste.
Ich hatte hier einen womöglich noch größeren Reichtum an Herden zu sehen gehofft, als zwischen Parnaß und Helikon: aber auf weitgedehnten, endlosen Trümmerhalden und auf der Landstraße begegnet nur selten Herde und Hirt. Die Gegend ist arm und ausgestorben, die ehemals das waldreiche Paradies der Jäger und Hirten gewesen ist.
Die Straße wendet sich auf einer freien Paßhöhe rechts und tritt in das Gebiet von Lakonika. Der Taygetos liegt nun breit und mächtig mit weißen Gipfeln vor uns da.
Aus einer ärmlichen Schenke ertönt Gesang. Und zwar ist es eine Musik, die an das Kommersbuchtreiben deutscher Studentenkneipen erinnert. Die Stimmen gehören Gymnasiallehrern aus Sparta an, die, noch im Osterferien-Rausch, fröhlich dorthin zurückreisen.
Es erscheinen jetzt Äcker, Gartenflächen, Wiesen und Bäume oasenartig. Die Erde zwischen Felsen und Bäumen ist rot, und hier und da stehen rötliche Wasserlachen.