Griechischer Frühling

Part 8

Chapter 83,394 wordsPublic domain

Wer je sein Ohr an die Wände jener Werkstatt gelegt hat, deren Meister den Namen Goethe trug, der wird erkennen, daß nicht nur Wagner, der Famulus, den Menschen mit Göttersinn und Menschenhand zu bilden und hervorzurufen versuchte: alles Sinnen, Grübeln, Wirken, Dichten und Trachten des Meisters war eben demselben Endzweck rastlos untertan. Und wer nicht in jedweder Bildung seines Geistes und seiner Hände das glühende Ringen nach Inkarnation des neuen und höheren Menschen spürt, der hat den Magier nicht verstanden.

Es ist bekannt, wie gewissen griechischen Weisen, und so dem Lykurg! Bildung ein Bilden im lebendigen Fleische, nicht animalisch unbewußt, sondern bewußt »mit Göttersinn und Menschenhand« bedeutete. Was wäre ein Arzt, der seine Kranken bekleidet sieht, und was ein Erzieher, dem jener Leib samt dem Geiste, dem er höhere Bildung zu geben beabsichtigt, nicht nackt vor der Seele stünde? Aus dem Grunde der Stadien sproßten, nackt, die athletischen Stämme einer göttlichen Saat des Geistes hervor. Und hier, auf dem Boden des delphischen Stadions, gebrauche ich nun zum ersten Male in diesen Aufzeichnungen das Wort Kultur: nämlich als eine fleischliche Bildung zu kraftvoll gefestigter, heiterer, heldenhaft freier Menschlichkeit.

Zwei Vögel, unsern Zeisigen ähnlich, stürzen sich plötzlich aus irgend einem Schlupfloch der Felsen quirlend herab und löschen den Durst aus dem Spiegel der Lache vor mir im Stadion. Ihr piepsendes Spiel weckt Widerhall, und das winzige Leben, der sorglose, dünne Lärm der kleinen Geschöpfe, die niemand stört, offenbaren erst gleichsam das Schicksal dieser Stätte in seiner ganzen Verwunschenheit.

Während ich auf die grüne Erde hinstarre und der Füße jener zahllosen Läufer und Kämpfer gedenke, aller jener göttergleichen, jugendlich kraftvoll schönen Hellenen, die sie erdröhnen machten, vernehme ich wiederum aus den Felsen den gewaltigen Widerhall von Geräuschen, die mir verborgen sind. Aus irgend einem Grunde erhebe ich mich, rufe laut und erhalte ein sechsfaches mächtiges Echo: sechsfach schallt der Name des delphischen Gottes, des Python-Besiegers, aus dem Inneren der Berge zurück.

Ich bin allein. Die dämonische Antwort der alten parnassischen Wände hat bewirkt, daß mich die Kraft der Vergangenheit mit ihren triumphierenden Gegenwarts-Schauern durchdringt und erfaßt und daß ich etwas wie ein Bad von Glanz und Feuer empfinde. Beinahe zitternd horche ich in die neu hereingesunkene, fast noch tiefere Stille hier oben hinein.

Der Morgen ist frisch. Wir schrieben den ersten Mai ins Fremdenbuch. Vor der Türe des Gasthauses warten schäbige Esel und Maultiere, die uns nach Hossios Lucas bringen sollen. Ins Freie tretend, beginne ich mit letzten Blicken Abschied zu nehmen. Ich begrüße die Kiona, den weißen Gipfel des Korax-Gebirges, dort, wo die Dorfstraße, wie es scheint, in den Luftraum verläuft. Ich begrüße drei kleine Mädchen, die, trödelnd, ebenso viele Schäfchen vor sich her treiben, begrüße sie mit einer ihnen unverständlichen Herzlichkeit. Eines der hübschen Kinder küßt mir zum Dank für ein kleines, unerbetenes Geschenk die Hand.

Wir lassen die Mäuler voranklingeln. Wieder schreiten wir an den Felsen vorüber, mit den Höhlungen leerer Gräber darin, und wieder erschließt sich dem Auge die steinigte Böschung des delphischen Tempelbezirks. Wer alles dieses tiefer begreifen wollte, müßte mehr als ein flüchtiger Wanderer sein. Immerhin sind mir auch hier die Steine nicht stumm gewesen.

Wir haben den Grund von Delphi, der Stadt, die unterhalb unseres Weges lag, über allerlei Mauern und Treppchen kletternd, durchstreift, und während wir jetzt unsere Reise fortsetzen, zieht uns das Leuchten der Tempeltrümmer, zwischen tausendjährigen Ölbäumen, zieht uns der weiße Marmor umgestürzter Säulen an. An den kastalischen Wassern nehmen wir wiederum einen kleinen Aufenthalt. Ich habe mich auf einen großen Felsblock niedergelassen, in der wundervoll hallenden und rauschenden Kluft, den Felsenbassins jenes alten Brunnen- und Baderaums gegenüber, wo die delphischen Pilger von einst sich reinigten.

Ein Tempelchen, mit Nischen der Nymphen, war grottenartig in die Felswand gestellt.

Heut sind die Bachläufe arg verunreinigt, die Wasserbecken mit Schlamm gefüllt. Oben durch die feuchte und kalte Klamm fliegen lange Turmschwalben und jagen einander mit raubvogelartigem, zwitscherndem Pfiff.

Wir wiegen uns nun bereits eine gute Weile auf unseren Maultieren. Der Weinstock, das Gewächs des Dionysos, begleitet uns in wohlgepflegten, wohlgeordneten Feldern die parnassischen Höhen hinan. Immer wieder begegnen uns wollige Herden mit ihren Hirten. Ich bemerke plötzlich den mir von gestern bekannten stattlichen Weißbart auf dem Bauche im Grase liegend am Straßenrand und empfinde mit ihm, was sein leise ironisches, überlegen lachendes Antlitz zum Ausdruck bringt. Hinter dem Patriarchen steigen seine Herden zwischen Rainen, Steinen und saftigen Gräsern umher und füllen die Luft mit der Glockenmusik seines reichen Besitzes. Die Sonne strahlt, der Tag wird heiß.

Schon im Altertum wurden solche Wege wie diese auf Mäulern zurückgelegt. So wird auch das Um und An einer Bergreise, an Rufen, Geräuschen und Empfindungen, nicht anders gewesen sein, als es heute ist. Maultiere haben die Eigentümlichkeit, am liebsten nicht in der Mitte des Weges, sondern immer womöglich an steilen Rändern zu schreiten: was dem ungewohnten Reiter zuweilen natürlich Schwindel erregt. Allmählich gewinne ich im Vertrauen auf das sich mehr und mehr entfaltende Klettertalent meines Reittieres eine gewisse, schwindelfreie Sorglosigkeit. Immer wilder und einsamer wird die Berggegend, bis hinter Arachova die Einöde, das heißt die parnassische Höhenzone beginnt. Von der gesamten südlichen Flora ist nichts übrig geblieben. Der letzte Weinstock, der letzte Feigenbaum, die letzte Olive liegt hinter uns. Nun aber tut sich ein weiter und grüner Gebirgssattel vor uns auf, von jener gesunden, alpinen Schönheit, die ebenso heimatlich, als über alles erquickend ist.

Der weite Paß, mit flach geschweifter, beinahe ebener Grundfläche, ist Weideland: das heißt, ein saftiger Wiesenplan, auf dem der Huf des schreitenden Maultiers lautlos wird und der Pfad sich verliert. Das helle, ruhige Grün dieser schönen Alm ist eine tiefe Wohltat für Auge und Herz, und der starke, düster-trotzige Föhrenstand, der die steile Flanke einer nahen Bergwand hinaufklettert, fordert heraus, ihm nachzutun. Ich weiß nicht, was in dieser Landschaft so fremdartig sein sollte, daß man es nicht in den deutschen Alpengebirgen, um diese oder jene Sennhütte her, ebenso antreffen könnte, und doch würde der gesunde Jodler des einsamen Sennen hier einen Zauber vernichten, der unaussprechlich ist.

Das hurtige Glöckchen des Maultieres klingelt am Rand einer teichartig weit verbreiteten Wasserlache dahin, die, in den hellen Smaragd der Bergwiese eingefügt, den blauen Abgrund des griechischen Himmels, die ernste Wand der wetterharten Apolloföhren, und das hastende, kleine Vögelchen in einem ruhigen Spiegel wiedergibt.

Über die Art, wie für den, der sich einmal in das Innere des Mythos hineinbegeben hat, jeder neue sinnliche Eindruck wiederum ganz unlöslich mit diesem Mythos verbunden wird und ihn zu einer fast überzeugenden Wahrheit und Gegenwart steigert, möchte manches zu sagen sein. Es beträfe nicht nur den Prozeß eines gläubigen Wiedererweckens, sondern jenen, durch den die menschliche Schöpfung der Welt überhaupt entstanden ist, es beträfe das Wesen jener zeugenden Kraft, die im dichtenden Genius eines Volkes lebendig ist und darin sich die Seele des Volkes verklärt.

Plötzlich taucht in der panisch beinahe beängstigenden, nordischen Vision von Bergeinsamkeit die wilde Gestalt eines bärtigen Hirten auf, der uns in schneller Gangart, fünf schwarze Böcke vor sich hertreibend, von jenseit, über die grüne Matte entgegenkommt. Die schönen Tiere, die von gleicher Größe und, wie gesagt, schwarz wie Teufel sind, machen den überraschendsten Eindruck. Noch niemals sah ich ein so unwahrscheinliches Fünfgespann. Wer wollte da, wenn eine auserlesene Koppel solcher Böcke, wie zum Opfer geführt, ihm entgegenkommt, und zwar über einen parnassischen Weidegrund, die Nähe des Gottes ableugnen, der einst durch Zeus in die Gestalt eines Bockes verwandelt ward, um ihn vor Heres Rache zu schützen, und dem diese Höhen geheiligt sind.

Wie diese Tiere einhertrotten, unwillig, durch den rauhen Treiber mehr gestört als in Angst versetzt, mit dem böse funkelnden Blick beobachtend, jeder mit seinem zottligen Bart, jeder unter der Last und gewundenen Krönung eines gewaltigen Hörnerpaares, scheinen sie selber inkarnierte Dämonen zu sein, und in wessen Seele nur etwas von dem alten Urväter-Hirten-Drama noch rumort, der fühlt in diesem klassischen Tier einen wahrhaft dämonischen Ausdruck zeugender Kräfte, dem es leider auch seinen Blocksberg-Verruf in der verderbten Weltanschauung der christlichen Zeit zu verdanken hat.

Wir besteigen nach kurzer Rast unsere Maultiere, die wiederum mager, schäbig und scheinbar kraftlos, wie zu Anfang der Reise dastehen. Das unscheinbare Äußere dieser Tiere täuscht uns nicht mehr über den Grad ihrer Zähigkeit.

Zur Linken haben wir nun eine rötlich graue, senkrechte Wand parnassischer Felsmassen, deren Rand einen Gießbach aus großer Höhe herabschüttet. Es ist ein lautloser Wasserfall, der, ehe er noch den Talgrund erreicht, in Schleiern verweht.

Die Maultiere müssen neben dem Lauf eines ausgetrockneten Felsenflußbettes abwärts klettern und erweisen, mehr und mehr erstaunlich für uns, ihre wundervolle Geschicklichkeit. Man würde vielleicht von diesen Felstälern sagen können, daß sie Einöden sind, wenn ihre zitternde, leuchtende und balsamische Luft nicht überall von den wasserartig glucksenden Lauten zahlloser Herdengeläute erfüllt wäre.

Der Paris-artige Knabe, der vorhin, während wir Rast hielten, mit zwitschernden Lauten unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, war ein Hirt. Hoch auf der Spitze eines vereinzelten Felskegels, der an der Kreuzungsstelle einiger Hochtäler sich erhebt, steht, gegen den Himmel scharf abgegrenzt, wiederum ein romantisch drapierter Ziegenhirt, mit dem landesüblichen Hirtenstabe. Sofern uns ein Mensch begegnet, ist es ein Hirt, sofern unser Auge in der felsigten Wildnis Menschengestalt zu unterscheiden vermag, unterscheidet es auch ringsum sogleich ein Gewimmel von Schafen oder Thymian rupfenden Ziegen.

In einem Engpaß, durch den wir müssen, hat sich ein Strom von dicker, wandelnder Wolle gestaut, der sich, wohl oder übel, vor den Hufen des langsam schreitenden Maultiers teilen muß. Der Reiter streift mit den Sohlen über die braunen Vliese hin, nachdem die Leitböcke ihre gewaltigen, tiefgetönten Glocken antiker Form, feurig glotzend, ungnädig prustend, vorüber getragen haben.

Diese steinigten Hochtäler, zwischen Parnaß und Helikon, erklingen -- nicht von Kirchengeläut! -- aber sie sind beständig und überall durchzittert vom Klange der Herdenglocken. Sie sind von einer Musik erfüllt, die das überall glucksende, rinnende, plätschernde Element einer echten parnassischen Quelle ist. Ob nicht vielleicht die Glocke unter dem Halse des weidenden Tieres, die Mutter der Glocke im Turme der Kirche ist, die ja, ins Geistige übertragen, den Parallelismus zum Hirtenleben nirgend verleugnen will? Dann wäre es von besonderem Reiz, den appollinischen Klang zu empfinden, den alten parnassischen Weideklang, der in dem Gedröhne städtischer Sonntagsglocken enthalten sein müßte.

Im Klangelement dieser parnassischen Quelle, dieses Jungbrunnens, bade ich. Es beschleicht mich eine Bezauberung. Ich fühle Appollon unter den Hirten und zwar in schlichter Menschengestalt, als Schäferknecht, wie wir sagen würden, so, wie er die Herden des Laomedon und Admetos hütete. Ich sehe ihn, wie er in dieser Gestalt jede gewöhnliche Arbeit des Hirten verrichten muß, dabei gelegentlich Mäuse vertilgt und den Eidechsen nachstellt. Ich sehe ihn weiter, wie er, ähnlich mir, in der lieblich monotonen Musik dieser Täler gleichsam aufgelöst und versunken ist und wie es ihm endlich, besser als mir, gelingt, die Chariten auf seine Hand zu nehmen. Chariten, musische Instrumente tragend, auf der Hand, war er zu Delphi dargestellt.

Vorsichtig schreitet mein Reittier über eine große Schildkröte, die von den Treibern nicht beachtet wird; ich lasse sie aufheben und die lachenden Aggogiaten reichen mir das, zwischen gewaltigen Schildpattschalen, lebhaft protestierende Tier. Ich sehe an den Mienen der Leute, daß die Schildkröte unter ihnen sich der Popularität eines allbeliebten Komikers zu erfreuen hat, eines lustigen Rats, über den man lacht, sobald er erscheint und bevor er den Mund öffnet. In das Vergnügen der Leute mischt sich dabei eine leise Verlegenheit, wie sie den ernsten Landmann unverkennbar überschleicht, der auf den Holzbänken einer Jahrmarktsbude sein Entzücken über die albernen Späße des Hanswurst nicht zu verbergen vermag. Auch fühlt man heraus, wie das schöne Tier nicht minder geringschätzt, ja verachtet ist, als beliebt: eine Verachtung, eine Geringschätzung, die in seinem friedlichen Wesen und seiner Hilflosigkeit gegenüber den Menschen, trotz seines doppelten Panzers, ihren Ursprung hat.

»Als er sie sah, da lacht er alsbald und sagte die Worte: Du glückbringendes Zeichen, ich schmähe dich nicht, sei willkommen. Freudegeberin heil! Gesellin des Tanzes und Schmauses.«

»Als er sie sah, da lacht er alsbald!« nämlich Hermes, der Gott, vor Zeiten. Ganz so ergreift unsere kleine Reisegesellschaft beim Anblick des klassischen Tieres unwiderstehliche Heiterkeit.

Wir ziehen weiter, nachdem wir das alte homerische Lachen, das Lachen des Gottes, zu Ende gelacht haben. Aber wir töten nicht, wie Hermes, das Tier, sondern nehmen es lebend unter unseren Gepäckstücken mit. Ich denke darüber nach, wie wohl die Leier ausgesehen und wie wohl geklungen hat, die Hermes aus dem Panzer der Schildkröte und aus Schafsdärmen bildete und die in den Händen Apolls ihren Himmel und Erde durchhallenden Ruhm gewann.

Aber wir sind nun in sengenden Gluten des Mittagslichts zu einem wirklichen, reichlich Wasser spendenden parnassischen Brunnen gelangt, aus dem die Tiere und Treiber gierig trinken. Dicke Strahlen köstlichen Wassers stürzen aus ihrer gemauerten Fassung hervor und rauschend und brausend in das steinerne Becken hinein. Es ist wie ein Reichtum, der sich hier ausschüttet, der nirgends so, als in einem heißen und wasserarmen Lande empfunden wird.

Wir ruhen aus in dem wohligen Lärm und dem kühlen Gestäube des lebenspendenden Elementes.

Das Kloster Hossios Lukas bietet uns Quartier für die Nacht. Vom behäbigen Prior empfangen, geleitet von dienstfertigen Mönchen, treten wir, durch ein kleines Vorgärtchen, ohne Treppen zu steigen, ins Haus. Gleich linker Hand ist ein Zimmer, das uns überwiesen wird. Auf den gebrechlichen Holzaltan des Zimmerchens tretend, blicken wir in den tiefen Klosterhof und zugleich über die Dächer der Mönchskasernen in das vollkommen einsame, wilde Hochtal hinaus.

Eng und nur wenig Hofraum lassend, sind die Klostergebäude in, wie es scheint, geschlossenem Kreis um eine alte byzantinische Kirche gestellt, die sie zugleich beschützen und liebevoll einschließen. Das Hauptportal der Kirche liegt schräg in der Tiefe unter uns. Wir können mit den nahen Wipfeln alter Zypressen Zwiesprache halten, die seit Jahrhunderten Wächter vor diesem Eingang sind.

Der Prior wünscht uns die Kirche zu zeigen, die innen ein trauriges Bild der Verarmung ist. Reste von Mosaiken machen wenig Eindruck auf mich, desto mehr ein Geldschrank, der, an sich befremdlich in diesem geweihten Raum, zugleich ein wunderlicher Kontrast zu seinem kahlen, ausgepoverten Zustand ist.

Dem Prior geht ein jugendlich schöner Mönch mit weiblicher Haartracht an die Hand. Er öffnet Truhen und Krypten mit rostigen Schlüsseln. Das Auge des jungen Mönches verfolgt uns unablässig mit bohrendem Blick. Als wir jetzt wiederum auf dem Balkon unseres Zimmers sind, taucht er auf einem nahen Altane neugierig auf.

Während über den Dächern und in der Wildnis draußen noch Helle des sinkenden Tages verbreitet ist, liegt der Hof unter uns bereits in nächtlicher Dämmerung. Ich horche minutenlang in die wundervolle Stille hinunter, die durch das Geplätscher eines lebendigen Brunnens nur noch tiefer und friedlicher wird. Mit einem Male ist es, als sei die Seele dieser alten winkligen Gottesburg aus tausendjährigem Schlummer erwacht. Arme werden hereingelassen und es wird von den Brüdern unterm Klosterportale ziemlich geräuschvoll Brot verteilt.

Nach einigem Rufen, Treppengehen und Türenschließen tritt wieder die alte verwunschene Stille ein, mit den einsamen Lauten des Röhrenbrunnens. Dann klappert die dicke Bernsteinkette des freundlichen Priors unten im Hof. Man hört genau, wie er sein Spielwerk gewohnheitsgemäß bearbeitet, das heißt die Bernsteinkugeln ununterbrochen durch die Finger gleiten läßt und gegeneinander schiebt.

Ich gehe zur Ruhe, im Ohre feierlich summenden Meßgesang, der schwach aus dem Innern der Kirche dringt.

Der Aufbruch von Hossios Lukas geschieht unter vielen freundlichen Worten und Blicken der Mönche, die um uns versammelt sind. Ich komme eben von einer schönen Terrasse des Klosters zurück, die, inmitten der steinigten Ödenei, von alten, vollbelaubten Platanen beschattet ist. Terrassen für den Gemüsebau setzten sich in die Tiefe fort und hie und da sind dem Felsenschutt des verlassenen Tales Wiesen und Ackerstreifen abgerungen. Ich sah die kleinen »Mädchen für alles« der älteren Brüder und Patres mit Besen und Wassereimern in lebhafter Tätigkeit, die Patres selber, wie sie rotkarrierte Betten auf ihren morschen Balkonen ausbreiteten. Die kleinen »Mädchen für alles« sind junge Lehrlinge, deren schönes, langes Haar, wie das von Mädchen, im Nacken zu einem Knoten aufgenommen ist. Es ist ein wolkenlos heiterer Morgen mit einer frühlingshaften Wonne der Luft, die göttlich ist und die in jedem Auge wiederleuchtet. Noch klingt mir der Gruß des Bruders Küper, sein frisches [Griechisch: Kalimera] im Ohr, womit er mich grüßte, als ich unten am Brunnen vorüberging, wo er trällernd ein Weinfaß reinigte. Es war ein Gruß, der ebenfalls von dem frischen Glück dieses Morgens widerklang.

Kaum hat unsere kleinere Karawane sich nur ein wenig, zwischen Gebüschen von Steineichen hintrottend, aus dem Bereich des Klosteridylls entfernt und schon umgibt uns wieder das alte ewige Hirtenidyll. Ich unterscheide mit einem Blick vier einzelne Schafherden, deren Geläute herüberdringt, und plötzlich erscheinen, Wölfen gleich, gewaltige Schäferhunde über uns an der Wegböschung. Man scheucht sie mit großen Steinen zurück.

Wir biegen nach einem längeren Ritt in ein abwärts führendes, enges Tal, das, wie es scheint, recht eigentlich das Dionysische ist. Wir müssen zunächst durch eine gedrängte Herde schwarzer Ziegen förmlich hindurchschwimmen, unter denen sich prächtige Böcke auszeichnen, jenen ähnlich, die ich auf der Höhe des Passes sah. Und wie ich die Blicke über die steinigten Talwände forschend ausschicke, sehe ich sie mit schwarzen Ziegen, wie mit überall hängenden, kletternden, kleinen schwarzen Dämonen bedeckt.

Der Eingang des schwärzlich wimmelnden Tales wird von dem vollen Glanz des Parnasses beherrscht, der aber endlich dem Auge entschwindet, je weiter wir in das Tal hinabdringen: das Tal der Dämonen, das Tal des Dionysos und des Pan, das immer mehr und mehr von gleichmäßig schwarzen Ziegen wimmelt. Wohl eine Viertelstunde lang und länger ziehen wir mitten durch die Herden dahin, die zu beiden Seiten unseres gestrüppreichen Pfades schnauben, Steineichenblätter abrupfen und hie und da leise meckern dazu. Überall raschelt, reißt, stampft und prustet es zwischen den Felsen, in den Gebüschen: da und dort wird ein Glöckchen geschlenkert. Mitunter kommen wir in ein ganzes Glockenkonzert hinein, dessen Lärm das gesprochene Wort verschlingt.

Ich habe, auf meinem Maultier hängend, Augenblicke, wo mir dies alles nicht mehr wirklich ist. Ein alter Knecht und Geschichtenerzähler fällt mir ein, der mir in ländlichen Winterabenden ähnliche Bilder als Visionen geschildert hat. Er war ein Trinker, und als solcher ja auch verknüpft mit Dionysos. In seinen Delirien sah er die Welt, je nachdem, von schwarzen Ziegen oder Katzen erfüllt, wobei er von alpdruckartiger Angst gepeinigt wurde.

Der Schritt des Maultiers, die Glocke des Maultiers, allüberall das Eindringen dieser fremden Welt, dazu die ungewöhnliche Lichtfülle, die Existenz in freier Luft, Ermüdung des Körpers durch ungewöhnliche Reisestrapazen, jagen auch mir einen Anflug von Angst ins Blut. Ich habe vielleicht eine Vision und es ist mir manchmal, als müsse ich diese zahllosen schwarzen Ziegen vor meinen Augen wegwischen, denen mein Blick nicht entgehen kann.

Ein weites Quertal nimmt uns auf und wie ein Spuk liegt nun die Vision der schwarzglänzenden Ziegen hinter mir. Wir überholen einen reisenden Kaufmann, dessen Maultier von einem kleinen Jungen getrieben wird. So schön und vollständig, wie nie zuvor, steht der Parnaß, von dem wir bereits Abschied genommen hatten, vor uns aufgerichtet: ein breiter silberner Wall mit weißen Gipfeln. Ich gewinne den Eindruck, der appollinisch strahlende Glanz strömt in das Tal, das der Berg beherrscht.

Wir reisen nun schon seit einiger Zeit durch die Ebene hin. Neben flacheren Felsgebieten und einem verzweigten Flußbett, das mit Gebüschen bewachsen ist, breiten sich Flächen grüner Saat, über denen klangreich die Lerche zittert.

Es ist faszinierend, zu sehen, wie der Parnaß nun wiederum diese Ebene überragt. Auf breitester Basis ruhend, baut sich der göttliche Berg aus eitel Glanz in majestätischer Schönheit auf. Hier wird es deutlich, wie die bezwingende Gegenwart solcher Höhen göttlichen Ruhm vor den Menschen, die sie umwohnen, durchsetzen und behaupten muß. Ich empfinde nicht anders, als stammte der trillernde Rausch des Lerchengeschmetters, das leuchtende Grün der Saaten, der zitternde Glanz der Luft von diesem geheiligten Berge ab und nähre sich nur von seinem Glanze.

Oftmals wende ich mich auf meinem Maultier nach der verlassenen Felsenwelt der Hirten und Herden zurück, während sich über mir Parnaß und Helikon mit dem Glanz ihrer silbernen Helme über die weite Ebene grüßen. Flössen doch alle Quellen dieser heiligsten Berge wieder reichlich voll und frisch in die abgestorbenen Gebiete der europäischen Seele hinein! Möchte das starre Leuchten dieser olympischen Vision wiederum in sie hineinwachsen und den übelriechenden Dunst verzehren, mit dem sie, wie ein schlecht gelüftetes Zimmer, beladen ist.

Nun sitze ich, von der glühenden Sonne nicht ganz geschützt, unterm Vordach einer Weinschenke. Parnassische Hirten und Hirtenhunde umgeben mich, unter den wettergebräunten Männern sind blonde Köpfe, deren antiker Schnitt unverkennbar ist. Der kühne Blick verrät dionysisches Feuer im Blut. Der Bartwuchs, ohne gepflegt zu sein, ähnelt in Form, Dichte und Kräuselung durchaus gewissen antiken Plastiken, die Helden oder Halbgötter darstellen.