Part 6
In dieser Stunde kommt uns die Ahnung von jenem Sein, das die Götter in ihrer Verklärung führen, von irdischen Obliegenheiten befreit. Auch Götter hatten Erdengeschäfte. Wir ahnen, von welchem Boden Platon zu seiner Erkenntnis der reinen Idee sich aufschwang. Welche Bereiche erschlossen sich in solchen schönheitstrunkenen Nächten, die warm und kristallklar zu ein und demselben Element mit den Seelen wurden ... welche Bereiche erschlossen sich den Künstlern und Philosophen hier, als den Gästen und nahen Freunden der Himmlischen!
Und damals, wie heute, drang, wie aus den Zelten eines Lustlagers, Gesang und Geschrei herauf aus der Stadt. Man braucht die Augen nicht zu schließen, um zu vergessen, daß jenes dumpfe Gebrause aus der Tiefe der Lärm des Athens von heute ist: vielmehr hat man Mühe das festzuhalten. In dieser Stunde, im Glanze des unendlichen Zaubers der Gottesburg, pocht und bebt und rauscht für den echten Pilger in allem der alte Puls. Und seltsam eindringlich wird es mir, wie das Griechentum zwar begraben, doch nicht gestorben ist. Es ist sehr tief, aber nur in den Seelen lebendiger Menschen begraben und wenn man erst alle die Schichten von Mergel und Schlacke, unter denen die Griechenseele begraben liegt, kennen wird, wie man die Schichten kennt, über den mykenäischen, trojanischen oder olympischen Fundstellen alter Kulturreste, aus Stein und Erz, so kommt auch vielleicht für das lebendige Griechenerbe die große Stunde der Ausgrabung.
Wir stehen auf dem hohen Achterdeck eines griechischen Dampfers und harren der Abfahrt. Der Lärm des Piräus ist um uns und unter uns. Wir wollen gen Delphi, zum Heiligtum des Apoll und Dionysos.
Mehr gegen den Ausgang des Hafens liegt ein weiß angestrichenes Schiff, ein Amerikafahrer, rings um ihn her auf der Wasserfläche, über die er emporragt, steht, wie auf Dielen, nämlich in kleinen Booten, eng gedrängt, eine Menschenmenge. Es sind griechische Auswanderer, Leute, die das verwunschene Land der Griechenseele nicht ernähren mag.
Dem Hafengebiet entronnen, genießen wir den frischen Luftzug der Fahrt. Unsere Herzen beleben sich. Wir passieren das kahle Inselchen, hinter dem die Schlacht bei Salamis ihren Verlauf genommen hat, den niedrigen Küstenzug, wo Xerxes seinen gemächlichen Thron errichten und vorzeitig abbrechen ließ. Der ganze, bescheidene Schauplatz deutet auf enge maritime Verhältnisse.
Die bergige Salamis öffnet in die fruchtbare Fülle des Innern ein weites Tal. Liebliche Berglehnen, Haine und Wohnstätten werden dem Seefahrer verlockend dargeboten: alles zum Greifen nahe! und es ist wie ein Abschied, wenn er vorüber muß.
Man weist uns Megara. Wir hätten es von der See aus nicht wiedererkannt: Megara, jetzt nur gespenstisch und bleich von seinen Hügeln winkend, die Stadt, die Konstantinopel gegründet hat. Wir werden den Weg der megarensischen Schiffe in einigen Wochen ebenfalls einschlagen.
Wenn wir nicht, wie bisher, über Steuerbord unseres Dampfers hinausblicken, sondern über seine Spitze, so haben wir in der Ferne alpine Schneegipfel des Peloponnes vor uns, darunter, vereinzelt, den drohenden Felsen der Burg von Korinth.
Wir suchen durch den zitternden Luftraum dieser augenblendenden Buchten den Standort des äginetischen Tempels auf, und meine Seele saugt sich fest an die lieblichen Inselfluren von Ägina. Warum sollten wir uns in der vollen Muße der Seefahrt, zwischen diesen geheiligten Küsten, der Träume enthalten und nicht der lieblichen Jägerin Britomartis nachschleichen, einer der vielen Töchter des Zeus, von der die Ägineten behaupteten, daß sie alljährlich von Kreta herüberkäme, sie zu besuchen.
Gibt es wohl etwas, das wundervoller anmutete, als die nüchterne Realität einer Mitteilung des Pausanias, etwa Britomartis angehend, wo niemals die Existenz eines Mitglieds der Götterfamilie, höchstens hie und da ein lokaler Anspruch der Menschen mit Vorsicht in Zweifel gezogen ist.
Nicht nur die Vasenmalereien beweisen es, daß der Grieche sich in allen Formen des niederen Eros auslebte: aber der schaffende Geist, der solche Gestalten, wie Britomartis, entstehen ließ und ihnen ewige Dauer beilegte, mußte das Element der Reinheit, in Betrachtung des Weibes, notwendig in sich bergen, aus dem sie besteht: keusch, frisch, unbewußt-jungfräulich, ist Britomartis im Stande glückseliger Unschuld bewahrt worden. Sie hat mit Amazonen und Nonnen nichts gemein. Es ist in ihr weder Männerhaß noch Entsagung, sondern sie stellt, mit dem freien, behenden Gang, dem lachenden Sperberauge, der Freude an Wald, Feld und Jagd, die gesunde Blüte frischen und herben Magdtums verewigt dar.
Überall auf der Fahrt sind Inseln und Küstenbereiche von lieblicher Intimität, und es ist etwas Ungeheueres, sich vorzustellen, wie hier die Phantasie eines Volkes, in dem die ungebrochene Weltanschauung des Kindes neben exakter und reifer Weisheit des Greisenalters fortbestand, jede Krümmung der Küste, jeden Pfad, jeden nahen Abhang, jeden fernen und ferneren Felsen und Schneegipfel mit einer zweiten Welt göttlich phantastischen Lebens bedeckt und bevölkert hat. Es ist ein Gewirr von Inseln, durch das wir hingleiten, uns jener Stätte mit jeder Minute nähernd, wo, gleichsam aus einem dunklen Quell, diese zweite Welt mit Rätselworten zurück ins reale Leben wirkte und damit zugleich die Atmosphäre des Heimatlandes mit neuem, phantastischem Stoff belud. Es gibt bei uns keine Entwicklung des spezifisch Kindlichen, das stets bewegt, stets gläubig und sprudelnd von Bildern ist, zum Weinen bereit und gleich schnell zum Jauchzen, zum tiefsten Abgrund hinabgestürzt und gleich darauf in den siebenten Himmel hinaufgeschnellt, glückselig im Spiel, wo nichts das vorstellt, was es eigentlich ist, sondern etwas anderes, Erwünschtes, wodurch das Kind es sich, seinem Wesen, seinem Herzen zu eigen macht.
Der große Schöpfungsakt des Homer hat dem kosmischen Nebel der Griechenseele den reichsten Bestand an Gestalten geschenkt, und die Zärtlichkeit, die der spätere Grieche ihnen entgegentrug, zeigt sich besonders in mancher Mythe, die wieder lebendig zu machen unternimmt, was der blinde Homer vor den Schauern des Hades nicht zu retten vermochte. Ich weiß nicht, ob hier herum irgendwo Leuke ist, aber ich wüßte keine Sage zu nennen, die tiefer in das Herz des Griechen hineinleuchtete, als jene, die Helena dem Achill zur Gattin gibt und beide in Wäldern und Tempelhainen der abgeschiedenen kleinen Insel Leuke ein ewig seliges Dasein führen läßt.
Unser Dampfer ist vor dem Eingang zum isthmischen Durchstich angelangt und einige Augenblicke stillgelegt. Mein Wunsch ist, wiederzukehren und besonders auch auf dem herrlichen Isthmus umherzustreifen, dieser gesunden und frischen Hochfläche, die würdig wäre, von starken, heiteren, freien und göttlichen Menschen bewohnt zu sein, die noch nicht sind. Das Auge erquickt sich an weitgedehnten, hainartig lockeren Kieferbeständen, deren tiefes und samtenes Grün, auf grauen, silbererzartigen Klippen, hoch an die blaue Woge des Meeres tritt. Auf diesen bewaldeten Höhen zur Linken hat man den Platz der isthmischen Spiele zu suchen. Man sollte meinen, daß keiner der zahllosen Spielbezirke freier und in Betrachtung des ganzen Griechenlandes günstiger lag, und ferner: daß nirgend so belebt und im frischen Zuge der Seeluft überschäumend die heilige Spiellust des Griechen sich habe auswirken können, wie hier.
Die Einfahrt in den Durchstich erregt uns seltsamerweise feierliche Empfindungen. Die Passagiere werden still, im plötzlichen Schatten der gelben Wände. Wir blicken schweigend zwischen den ungeheuren, braungelben Schnittflächen über uns und suchen den Streifen Himmelsblau, der schmal und farbig in unseren gelben Abgrund herableuchtet.
Kleine, taumelnde, braun-graue Raubvögel scheinen in den Sandlöchern dieser Wände heimisch, ja, der Farbe nach, von ihnen geboren zu sein. Eine Krähe, wahrscheinlich von unserm Dampfer aufgestört, strebt, ängstlich gegen die Wände schlagend, an die Oberfläche der Erde hinauf. Nun bin ich nicht mehr der späte Pilger durch Griechenland, sondern eher Sindbad der Seefahrer, und einige Türken, vorn an der Spitze des rauschenden Schiffes, jeder mit seinem roten Fez längs der gelblichen Ockerschichten gegen den Lichtstreif des Ausganges hingeführt, befestigen diese Illusion.
Der Golf von Korinth tut sich auf. Aber während wir noch zwischen nahen und flachen Ufern hingleiten, denn wir haben die weite Fläche des Golfes noch nicht erreicht, werden wir an einem kleinen Zigeunerlager vorübergeführt und sehen, auf einer Art Landungssteg, zerlumpte Kinder der, wie es scheint, auf ein Fährboot wartenden Bande mit wilden Sprüngen das Schiff begrüßen.
Nach einiger Zeit, während wir immer zur Linken das neue Korinth, die weite, mit Gerstenfeldern bestandene Fläche des einstigen alten, das von dem gewaltigen Felsen Akrokorinth drohend beschattet wurde und die bergigen Küsten des Peloponnes vor Augen hatten, eröffnet sich zur Rechten eine Bucht mit den schneebedeckten Gipfeln des Helikon. Eine Stunde und länger bleibt er nun, immer ein wenig rechts von der Fahrtrichtung, sichtbar, hinter niedrigen, nackten Bergen, die vorgelagert sind. Die Luft war bis hierher schwül und still, nun aber fällt ein kühler Wind von den Höhen des Heiligen Berges herab und in einige Segel, die leicht und hurtig vor ihm her über das blaue Wasser des Golfes vorüberschweben.
Aller Schönheit geht Heiligung voraus. Nur das Geheiligte in der Menschennatur konnte göttlich werden, und die Vergötterung der Natur ging hervor aus der Kraft zu heiligen, die zugleich auch Mutter der Schönheit ist. Wir haben heut eine Wissenschaft von der Natur, die leider nicht von einem heiligen Tempelbezirk umschlossen ist. Immerhin ist sie, und Wissenschaft überhaupt, eine gemeinsame Sache der Nation, ja der Menschheit geworden. Was auf diesem Gebiete geleistet wird, ist schließlich und endlich ein gemeinsames Werk. Dagegen bleiben die reinen Kräfte der Phantasie heute ungenützt und profaniert, statt daß sie am großen sausenden Webstuhl der Zeit gemeinsam der Gottheit lebendiges Kleid wie einstmals wirkten.
Und deshalb, weil die Kräfte der Phantasie heut vereinzelt und zersplittert sind und keine gemäße Umwelt (das heißt: keinen Mythos) vorfinden, außer jenem, wie ihn eben das kurze Einzelleben der Einzelkraft hervorbringen kann, so ist für den Spätgeborenen der Eintritt in diese unendliche, wohlgegründete Mythenwelt zugleich so beflügelnd, befreiend und wahrhaft wohltätig.
Sollte man nicht einer gewissen, nur persönlichen Erkenntnis ohne Verantwortung nachhängen dürfen, die den gleichen Vorgang, der jemals etwas wie eine Tragödie oder Komödie schuf, als Ursprung des ganzen Götterolymps, als Ursprung des gesamten, jenem angenäherten Kreises von Heroen und Helden sieht? Wo sollte man jemals zu dergleichen den Mut gewinnen, wenn nicht auf einem Schiffe im Golf von Korinth, im Angesichte des Helikon? Warum hätte sonst Pan getanzt, als Pindar geboren worden war? und welche Freude muß unter den Göttern des Olymps, von Zeus bis zu Hephaistos und Aidoneus hinunter, ausgebrochen sein, als Homer und mit ihm die Götterwelt aufs neue geboren wurde.
Die ersten Gestalten des ersten Dramas, das je im Haupte des Menschen gespielt wurde, waren »ich« und »du«. Je differenzierter das Menschenhirn, um so differenzierter wurde das Drama! um so reicher auch an Gestalten wurde es und auch um so mannigfaltiger, besonders deshalb, weil im Drama eine Gestalt nur durch das, was sie von den übrigen unterscheidend absetzt, bestehen kann. Das Drama ist Kampf und ist Harmonie zugleich, und mit der Menge seiner Gestalten wächst auch der Reichtum seiner Bewegungen: und also, in steter Bewegung Gestalten erschaffend, in Tanz und Kampf miteinander treibend, wuchs auch das große Götterdrama im Menschenhirn, zu einer Selbständigkeit, zu einer glänzenden Schönheit und Kraft empor, die jahrtausendelang ihren Ursprung verleugnete.
Polytheismus und Monotheismus schließen einander nicht aus. Wir haben es in der Welt mit zahllosen Formen der Gottheit zu tun, und jenseit der Welt mit der göttlichen Einheit. Diese eine, ungeteilte Gottheit ist nur noch ahnungsweise wahrnehmbar. Sie bleibt ohne jede Vorstellbarkeit. Vorstellbarkeit ist aber das wesentliche Glück menschlicher Erkenntnis, dem darum Polytheismus mehr entspricht. Wir leben in einer Welt der Vorstellungen, oder wir leben nicht mehr in unserer Welt. Kurz: wir können irdische Götter nicht entbehren, wenngleich wir den Einen, Einzigen, Unbekannten, den Alleinen, hinter allem wissen. Wir wollen sehen, fühlen, schmecken und riechen, disharmonisch harmonisch das ganze Drama der Demiurgen, mit seinen olympischen und plutonischen Darstellern. Im »Christentum« macht der Sohn Gottes einen verunglückten Besuch in dieser Welt, bevor er sie aufgibt und also zertrümmert. Wir aber wollen sie nicht aufgeben, unsere Mutter, der wir verdanken, was wir sind, und wir bleiben im Kampf, verehren die kämpfenden Götter, die menschennahen; freilich vergessen wir auch den menschenfernen, den Gott des ewigen Friedens nicht.
Ein kalter Gebirgswind empfängt uns bei der Einfahrt in die Bucht von Galaxidhi, den alten Krisäischen Meerbusen, und überraschenderweise scheint es mir, als liefe unser Schiff in einen Fjord und wir befänden uns in Norwegen, statt in Griechenland. Beim Anblick der Nadelwälder, von denen die steile Flanke der Kiona bedeckt ist, erfüllt mich das ganze starke und gesunde Bergglück, das mir eingeboren ist. Es zieht mich nach den Gipfeln der waldreichen Kiona hinauf, wohin ich die angestrengten Blicke meiner Augen aussende, als vermöchte ich dort noch heut einen gottselig begeisterten Schwarm rasender Bacchen zwischen den Stämmen aufzustöbern. Es liegt in mir eine Kraft der Zeitlosigkeit, die es mir, besonders in solchen Augenblicken, möglich macht, das Leben als eine große Gegenwart zu empfinden: und deshalb starre ich immer noch forschend hinauf, als ob nicht Tausende von Jahren seit dem letzten Auszug bacchischer Schwärme vergangen wären, und es klingt in mir ununterbrochen:
Dahin leite mich, Bromios, der die bacchischen Chöre führt! Da sind Chariten, Liebe da, Da dürfen frei die Bacchen Feste feiern.
Wer hält es sich immer gegenwärtig, daß die Griechen ein Bergvolk gewesen sind? Während wir uns Ithea nähern, tiefer und tiefer in einen ernsten Gebirgskessel eingleitend, erlebe ich diese Tatsache innerlich mit besonderer Deutlichkeit. Die Luft gewinnt an erfrischender Stärke. Die Formen der Gipfel stehen im tiefen und kalten Blau des Himmels kalt und klar, und jetzt erstrahlt uns zur Rechten, hoch erhaben über der in abendlichen Schatten dämmernden Bucht, hinter gewaltig vorgelagerten, dunkel zerklüfteten, kahlen Felsmassen ein schneebedecktes parnassisches Gipfelbereich.
Nun, wo die Sonne hinter der Kiona versunken ist und chthonische Nebel langsam aus den tiefen Flächen der Felsentäler, Terrassen und Risse verdüsternd aufsteigen, steht der Höhenstreif des heiligen Berges Parnaß noch in einem unwandelbar makellosen und göttlichen Licht. Mehr und mehr, indes das Schiff bereits seinen Lauf verlangsamt hat, erdrückt mich eine fast übergewaltige Feierlichkeit.
Man fühlt zugleich, daß man hier nicht mehr im Oberflächenbereich der griechischen Seele ist, sondern den Ursprüngen nahe kommt, nahe kommt in dem Maße, als man sich dem Kern der griechischen Landschaft annähert.
Man findet sich hier einer großen Natur gegenübergestellt, die nordische Rauheit und nordischen Ernst mit der Weichheit und Süße des Südens vereinigt, die hier und dort ringsumher beschneite Berggipfel in den nahen Höhenäther gehoben hat, deren Flanken bis zur Fläche des südlichen Golfes herabreichen, bis an die Krisäische Talsohle, die in gleicher Ebene, einen einzigen, weitgedehnten Ölwald tragend, den Grund des Tales von Krisa erfüllt. Man fühlt, man nähert sich hier den Urmächten, die sich den erschlossenen Sinnen eines Bergvolks, nicht anders wie das Wasser der Felsenquellen, die Frucht des Ölbaums oder des Weinstocks, darboten, so daß der Mensch, gleichwie zwischen Bergen und Bäumen, zwischen Abgründen und Felswänden, zwischen Schafen und Ziegen seiner Herden oder im Kampf, zwischen Raubtieren, auch allüberall unter Göttern, über Göttern und zwischen göttlichen Mächten stand.
Wir steigen, angelangt in Ithea, in einen Wagen, vor den drei Pferde gespannt sind. Die Fahrt beginnt, und wir werden durch Felder grüner Gerste in das Tal von Krisa hineingeführt. Im Getreide tauchen hie und da Ölbäume auf, und mehr und mehr, bis sie zu Hainen zusammentreten und wir zu beiden Seiten der staubigen Straße von Olivenwäldern begleitet sind. Im Halblicht unter den Wipfeln liegen quadratisch begrenzte Wasserflächen. Nicht selten steigt ein gewaltiger Baum daraus empor, scheinbar mit seinem Stamme in einem glattpolierten Spiegel aus dunklem Silber wurzelnd, einem Spiegel, der einen zweiten Olivenbaum, einen rötlichen Abendhimmel und einen anderen, nicht minder strahlenden Parnassischen Gipfel zeigt.
Bauern, die aus den Feldern heimwärts nach den Wohnungen im Gebirge streben, werden von uns im Dämmer der Waldstraße überholt. Es scheint ein in mancher Beziehung veredelter deutscher Schlag zu sein, so überaus vertraut in Haltung, Gang und Humor, in den Proportionen des Körpers, sowie des Angesichts, mit dem blonden Haar und dem blauen Blick, wirken auf mich die Trupps der Landleute. Wir lassen zur Linken ein eilig wanderndes und mit einer dunklen Genossin plauderndes, blondes Mädchen zurück. Sie ist frisch und derb und germanisch kernhaft. Die Art ihres übermütigen Grußes ist zugleich wild, verwegen, ungezogen und treuherzig. Sie würde sich von der jungen und schönen deutschen Bauernmagd, wie ich sie auf den Gütern meiner Heimat gesehen habe, nicht unterscheiden, wenn sie nicht doch ein wenig geschmeidiger und wenn sie nicht eine Tochter aus Hellas wäre.
Und ich gedenke der Pythia.
Religiöses Empfinden hat seine tiefsten Wurzeln in der Natur; und sofern Kultur nicht dazu führt, mit diesem Wurzelsystem stärker, tiefer und weiter verzweigt in die Natur zu dringen, ist sie Feindin der Religion. In diesem großen und zugleich urgesunden Bereich des nahen, großen Mysteriums denkt man nicht an die Götterbilder der Blütezeit, sondern höchstens an primitive Holzbilder, jene Symbole, die, durch Alter geheiligt, der Gottheit menschliche Proportionen nicht aufzwangen. Man gedenkt einer Zeit, wo der Mensch mit allen starken, unverbildeten Sinnen noch gleichsam voll ins Geheimnis hinein geboren war: in das Geheimnis, von dem er sich Zeit seines Lebens durchaus umgeben fand und das zu enthüllen er niemals wünschte.
Nicht der Weltweise war der Ersehnte oder Willkommene unter den Menschen jener Zeit, außer wenn er sich gleich dem Jäger oder dem Hirten -- der wahre Hirt ist Jäger zugleich! -- zur ach so wenig naiven Verehrung eines Idoles, einer beliebigen Rätselerscheinung, der nur im Rätsel belebten Natur, verstand, sondern ersehnt und willkommen war immer wieder nur das Leben, das tiefere Leben, das den Rausch erzeugende Rätsel.
Immer jedoch ist der Mensch dem Menschen Träger und Verkünder der tiefsten Rätsel zugleich gewesen und so ward das Rätsel stets am höchsten verehrt, wenn es sich durch den Menschen verkündigte, die Gottheit, die durch den Menschen spricht. Und um so höher ward es unter jenen Menschen verehrt, ward die Gottheit verehrt, je mehr sie den schlichten Mann, das gewöhnliche Weib aus dem Hirten- und Jägervolke gewaltsam vor aller Augen umbildete, so daß es von Grund auf verändert, von einem Gott oder Dämon beherrscht, als Rätsel erschien.
Ein so verändertes Wesen war vor urdenklichen Zeiten die erste bäurische Pythia, und sie erschien in den Händen des bogenführenden Jägers und Rinderherden besitzenden Hirten, in den Händen des Jäger- und Hirtengottes Apollon willenlos. Den Willen des Menschen zerbrach der Gott, wie man ein Schloß zerbrechen muß, das die Tür eines fremden Hauses verschließt, will man als Herrscher und Herr in dieses eintreten; und nicht der menschliche Wille, sondern gleichsam die Knechtschaft im göttlichen, nicht Vernunft, sondern Wahnsinn besaß vor den Menschen damals allein die Staunen und Schauder verbreitende Autorität.
Die Pferde beginnen bergan zu klimmen. Mehr und mehr, während wir aus den dunklen Olivenwäldern emportauchen, verdichtet sich um uns die Dämmerung. Die Luft ist warm und bewegungslos. Es ist eine Art tierischer Wärme in der Luft, die aus dem Erdboden, aus den Steinblöcken um uns her, ja überall her zu dunsten scheint. Überall klettern Ziegenherden. Ziegenherden kreuzen den Weg oder trollen ihn mit Geläut zu Tal. Ich fühle auf einmal, wie hier das Hirten- und Jägerleben nicht mehr nur als Idyll zu begreifen ist. In dieser brütenden Atmosphäre, wie sie über den schwarzen Olivenwäldern der Tiefe, in dem weiten, gewaltig zerklüfteten Abgrund zwischen den Wällen schroffer Gebirge steht, wird mein Blut überdies zu einem seltsamen Fieber erregt, und es ist mir, als könne aus dieser buhlerisch warmen, stehenden Luft die Frucht des Lebens unmittelbar hervorgehen. Das Geheimnis ist ringsum nahe um mich. Fast bang empfinde ich seine Berührungen. Es ist, als trennte -- sagen wir von den »Müttern«! nur eine dünne Wand oder als läge das ganze Geheimnis, in dem wir schlummern, in einem zurückgehaltenen, göttlichen Atemzug, dessen leisestes Flüstern uns eine Erkenntnis eröffnen könnte, die über die Kraft des Menschen geht.
Ich habe in diesem Augenblick mehr als je zu bedauern, daß mir der musikalische Ausdruck verschlossen ist, denn alles um mich wird mehr und mehr zu einer einzigen, großen, stummen Musik. Das am tiefsten Stumme ist es, was der erhabensten Sprache bedarf, um sich auszudrücken. Allmählich verbreitet sich jenes magische Leuchten in der Natur, das alles vor Eintritt völliger Dunkelheit noch einmal in traumhafter Weise verklärt. Aber Worte besagen nichts, und ich würde, mit der wahrhaft dionysischen Kunst begabt, nach Worten nicht ringen müssen.
Ich empfinde inmitten dieser grenzenlos spielenden Schönheit, die von einem grunderhabenen düsteren Glanze gesättigt ist, immer eine fast schmerzhafte Spannung, als ob ich mich einem redenden Brunnen, einem Urbrunnen aller chthonischen Weisheit gleichsam annäherte, der, wiederum einem Urmunde gleich, unmittelbar aus der Seele der Erde geöffnet sein würde.
Niemals, außer in Träumen, habe ich Farben gesehen, so wie hier auf dem Marktplatze von Chryso, in dessen Nähe das alte Krisa zu denken ist. In diesem Bergstädtchen werden unsere Zugtiere getränkt. In Eimern holt man das Wasser aus dem nahen städtischen Brunnen, der im vollen, magischen Licht des Abends sich, aus dem Felsen rauschend, in sein steinernes Becken stürzt. Hier drängen sich griechische Mädchen, Männer und Maultiere, während im Schatten des Hauses gegenüber würdige Bauern und Hirten beim Weine von den Lasten des Tages ausruhen. Alles dieses wirkt feierlich schattenhaft. Es ist, als bestünde in dem Menschengedränge des kleinen Platzes die geheiligte Übereinkunft, die innere Sammlung der delphischen Pilger nicht durch laute Worte zu stören.
Unter den schweigsam Trinkenden, die uns mit Würde beobachten und ganz ohne Zudringlichkeit, fällt manche edle Erscheinung auf. Von einem Weißbart vermag ich mein Auge lange nicht abzuwenden. Er ist der geborene Edelmann. Die Haltung des schlanken Greises, der seine eigene Schönheit durchaus zu schätzen weiß, ist durchdrungen von einem Anstand, der eingeboren ist. Aus seinem Antlitz sprechen Güte und Menschlichkeit: ich sehe in ihm das Gegenbild aller Barbarei. An diesem Hirten legt jede Wendung des Hauptes, jede gelassene Bewegung des Armes von edler Herkunft Zeugnis ab: von einer Jahrtausende alten, verfeinerten Hirtenwürde! denn wo wäre die Freiheit der Haltung, die stolze Gewohnheit des Selbstgenügens, die Würde des Menschen vor dem Tier, weniger gestört, als im Hirtenberuf.