Part 4
Die Hügel jenseits des Alpheios bilden eine Art Halbkreis, und ich empfinde sie fast, unwillkürlich forschend hinüberblickend, als einen amphitheatralischen Rundbau für göttliche Zuschauer. Rangen doch auf dem schlichten Festplatz unter mir Götter und Menschen um den Preis.
Meinen Sinn zu den Himmlischen wendend, steige ich langsam wieder in das Vergessenheit und Verlassenheit atmende Wiesental: das Tal des Zeus, das Tal des Dionysos und der Chariten, das Tal des idäischen Herakles, das Tal der sechzehn Frauen der Hera, wo auf dem Altar des Pan Tag und Nacht Opfer brannten, das Tal der Sieger, das Tal des Ehrgeizes, des Ruhmes, der Anbetung und Verherrlichung, das Tal der Wettkämpfe, wo es dem Herakles nicht erspart blieb, mit den Fliegen zu kämpfen, die er aber nur mit Hilfe des Zeus besiegte und dort hinüber, hinter das jenseitige Ufer des Alpheios, trieb.
Und wieder schreite ich zwischen den grauen Trümmern hin, die eine schöne Wiese bedecken. Überall saftiges Grün und gelbe Maiblumen. Das Elsternpaar von gestern fliegt vor mir her. Die Säulen des Zeustempels liegen, wie sie gefallen sind: die riesigen Porostrommeln schräg voneinander gerutscht. Überall duftet es nach Blumen und Thymian um die Steinmassen, die sich im wohltätigen Scheine der Morgensonne warm anfühlen. Von einem jungen Ölbäumchen, nahe dem Zeustempel, breche ich mir, in unüberwindlicher Lüsternheit, seltsamerweise zugleich fast scheu wie ein Dieb, den geheiligten Zweig.
Abschiednehmend trete ich heut das zweitemal vor die Giebelfiguren des Zeustempels, in dem kleinen Museum zu Olympia, und dann vor den Hermes des Praxiteles. Ich lasse dahingestellt, was offenkundig diese Bildwerke unterscheidet, und sehe in Hermes weniger das Werk des Künstlers, als den Gott. Es ist hier möglich, den Gott zu sehen, in der Stille des kleinen Raums, an den die Äcker und Wiesen dicht herantreten. Und so gewiß man in den Museen der großen Städte Kunstwerke sehen kann, vermag man hier in die lebendige Seele des Marmors besser zu dringen und fühlt heraus, was an solchen Gebilden mehr, als Kunstwerk ist. Die griechischen Götter sind nicht von Ewigkeit. Sie sind gezeugt und geboren worden.
Dieser Gott ist besonders bedauernswert in seiner Verstümmelung, da ihm eine überaus zärtliche Schönheit, ein weicher und lieblicher Adel eigen ist. Ambrosische Sohlen sind immer zwischen ihm und der Erde gewesen. Man hat ein Bedauern mit seiner Vereinsamung, weil die unverletzliche, unverletzte, olympisch-weltferne Ruhe und Heiterkeit noch auf seinem Antlitz zu lesen ist, während draußen Altäre und Tempel, fast dem Erdboden gleichgemacht, in Trümmern liegen.
Seltsam ist die hingebende Liebe und Schwärmerei, die dem Bildner den Meißel geführt hat, als er den Rinderdieb, den Schalk, den Täuscher, den schlauen Lügner, den lustigen Meineidigen, den Maultier-Gott und Götterboten darstellte, der allerdings auch die Leier erfand.
Wie schwärmende Bienen am Ast eines Baumes, so hängen die Menschen am Zuge, während wir langsam in Patras einfahren. Lärm, Schmutz, Staub überall. Auch noch in das Hotelzimmer dringt der Lärm ohrenbetäubend. Geräusche, als ob Raketen platzten oder Bomben geworfen würden, unterbrechen das Gebrüll der Ausrufer. Patras ist, nächst dem Piräus, der wichtigste Hafenplatz des modernen Griechenland. Wir sehnen uns in das Unmoderne.
Endlich, nachdem wir eine Nacht hier haben zubringen müssen, sitzen wir, zur Abfahrt fertig, wieder im Bahncoupé. Vor den Türen der Waggons spielt sich ein tumultuarisches Leben mit allerlei bettelhaften Humoren ab. Ein junger, griechischer Bonvivant schenkt einem zerlumpten, lümmelhaft aussehenden Menschen Geld, zeigt flüchtig auf einen der jugendlichen Händler, die allerlei Waren feilbieten, und sofort stürzt sich der bezahlte, tierische Halbidiot auf eben den Händler und walkt ihn durch. Noch niemals habe ich überhaupt binnen kurzer Zeit so viele, wütende Balgereien gesehen. An zwei, drei Stellen des Volksgewimmels klatschen fast gleichzeitig die Maulschellen. Man verfolgt, bringt zu Fall, bearbeitet gegenseitig die Gesichter mit den Fäusten: alles, wie wenn es so sein müßte, in großer Harmlosigkeit.
Zu den schönsten Bahnlinien der Welt gehört diejenige, die von Patras, am Südufer des korinthischen Golfes entlang, über den Isthmus nach Athen führt. Der Golf und seine Umgebung erinnern an die Gegenden des Gardasees. Paradiesische Farbe, Glanz, Reichtum und Fülle in einer beglückten Natur. Der Isthmus zeigt einen anderen Charakter: Weideflächen, vereinzelte Hirten und Niederlassungen. Am Nordrand durch Hügel begrenzt, die, bedeckt von den Wipfeln der Aleppo-Kiefer, zum Wandern anlocken. Alles ist hier von einer erfrischenden, beinahe nordischen Einfachheit.
Die grünen Flächen der Landenge liegen in beträchtlicher Höhe über dem Meere. Nach den großartigen und prunkhaften Wirkungen des peloponnesischen Nordufers überrascht diese schlichte und herbe Landschaft und berührt wohltätig. Eine Empfindung kommt über mich, als sähe ich diese Fluren nicht zum ersten Mal. Das Vertraute daran ist, was überrascht. Ich kann nicht sagen, daß mich etwa je auf der italienischen Halbinsel eine Empfindung des Heimischen, so wie hier, beschlichen hätte. Dort blieb immer der Reiz: das schöne Fremdartige. Ich spüre schon jetzt: ich liebe dies Land. Schon jetzt, im Anfang, erfaßt die Erkenntnis mich, wie ein Rausch, daß eben nur dieser Grund die wahre Heimat der Griechen sein konnte.
Ich spreche den Namen Theseus aus. Und nun hat sich in mir ein psychischer Vorgang vollzogen, der mich, angesichts des isthmischen, ernsten Landgebiets, der griechischen Art, sich Halbgötter vorzustellen, näher bringt. Ich empfinde und sehe in Theseus den Mann von Fleisch und Blut, der wirklich gelebt und dessen Fuß diese Landenge überschritten hat; der, zum Heros gesteigert, noch immer so viel vom Menschen besaß, als vom Gott und auch so noch mit der Stätte seines Wanderns und Wirkens verbunden blieb.
Warum scheuen wir uns und erachten für trivial, unsere heimischen Gegenden, Berge, Flüsse, Täler zu besingen, ja, ihre Namen nur zu erwähnen in Gebilden der Poesie? Weil alle diese Dinge, die als Natur jahrtausendelang für teuflisch erklärt, nie wahrhaft wieder geheiligt worden sind. Hier aber haben Götter und Halbgötter, mit jedem weißen Berggipfel, jedem Tal und Tälchen, jedem Baum und Bäumchen, jedem Fluß und Quell vermählt, alles geheiligt. Geheiligt war das, was über der Erde, auf ihr und in ihr ist. Und rings um sie her, das Meer, war geheiligt. Und so vollkommen war diese Heiligung, daß der Spätgeborene, um Jahrtausende Verspätete, daß der Barbar noch heut -- und sogar in einem Bahncoupé -- von ihr im tiefsten Wesen durchdrungen wird.
Man muß die Bäume dort suchen, wo sie wachsen, die Götter nicht in einem gottlosen Lande, auf einem gottlosen Boden. Hier aber sind Götter und Helden Landesprodukte. Sie sind dem Landmann gewachsen, wie seine Frucht. Des Landbauers Seele war stark und naiv. Stark und naiv waren seine Götter.
Theseus, um es noch einmal zu sagen, ist also für mich kein riesenmäßiger, leerer Schemen mehr, ich empfinde ihn einerseits nah, schlicht und materialisch, als Kind der Landschaft, die mich umgibt. Andererseits erkenne ich ihn als das, wozu ihn die Seele des Griechen erhoben hat, die aber doch Gott, wie Landeskind, an die Heimat bannte.
Die Landschaft behält, von einer Strecke dicht über dem Meere abgesehen, fortan den ernsten Ausdruck. Der Abend beginnt zu dämmern, ja, verdüstert sich zu einer großartigen Schwermut, von einem Zauber, der eher nordisch, als südlich ist. Es fällt lauer Regen. Das graue Megara, das einen Hügel überzieht, wirkt wie eine geplünderte Stadt. Zwischen Schutthaufen, in ärmlichen Winkeln halb eingestürzter Häuser, scheinen die Menschen zu leben. Man glaubt eine Stadt zu sehen, über die ein Eroberer mit Raub, Brand und Mord seinen Weg genommen hat.
Kurz hinter Eleusis steigt der Zug nochmals bergan, durch die Vorhöhen des Parnes. Bei tieferer Dunkelheit, zunehmendem Regen und kalter Luft kommt mir die steinigte Einöde, in die ich hineinstarre, fast norwegisch vor. Ich bin sehr glücklich über den Wetterumschlag, der mir die ungesunde Vorstellung eines ewiglachenden Himmels nimmt. Die Gegend ist menschenleer. Nur selten begegnet die dunkle Gestalt eines Hirten, aufrecht stehend, dicht in den wolligen Mantel gehüllt. Und während der kalte und feuchte Wind meine Stirne kühlt, Regentropfen mir ins Gesicht wirft, und ich die starke, kalte Regen- und Bergluft in mich einsauge, hat sich ein neues Band geknüpft zwischen meinem Herzen und diesem Lande.
Was Wunder, wenn durch die Erregung der langen Fahrt, in Dunkelheit, in Wind und Wetter, einer höchsten Erfüllung nah, die Seele in einen luziden Zustand gerät, wo es ihr möglich wird, von allem Störenden abzusehen und deutliche Bilder längst vergangenen Lebens in die phantastische, sogenannte Wirklichkeit hineinzutragen. Fast erlebe ich so den tapferen Bergmarsch eines Trupps atheniensischer Jünglinge, etwa zur Zeit des Perikles, und freue mich, wie sie, gesund und wetterhart, der Unbill von Regen und Wind, wie wir selbst es gewohnt sind, wenig achten. Ich lerne die ersten Griechen kennen. Ich freunde mich an mit diesem Schwarm, ich höre die jungen Leute lachen, schwatzen, rufen und atmen. Ich frage mich, ob nicht vielleicht am Ende Alcibiades unter ihnen ist? Es ist mir, als ob ich auch ihn erkannt hätte! Und dies Erleben wird so durchaus eine Realität, daß irgend etwas so Genanntes für mich mehr Realität nicht sein könnte.
Wir rollen hinab in die attische Ebene. Die Lichter einer Stadt, die Lichter Athens, tauchen ferne auf. Das Herz will mir stocken ...
Ein grenzenloses Geschrei, ein Gebrüll, das jeder Beschreibung spottet, empfängt uns am Bahnhof von Athen. Mehrere hundert Kehlen von Kutschern, Gepäckträgern und Hotelbediensteten überbieten sich. Ich habe einen solchen Schlachttumult bis diesen Augenblick, der meinen Fuß auf athenischen Boden stellt, nicht gehört. Die Nacht ist dunkel, es gießt in Strömen.
Eine Stadt, wie das moderne Athen, das sich mit viel Geräusch zwischen Akropolis und Lykabethos einschiebt, muß erst in einem gewissen Sinn überwunden werden, bevor der Geist sich der ersehnten Vergangenheit ungestört hingeben kann. Zum dritten Mal bin ich nun im Theater des Dionysos, dessen sonniger Reiz mich immer aufs neue anlockt. Es hält schwer, sich an dieser Stelle in die furchtbare Welt der Tragödie zu versetzen, hier, wo sie ihre höchste Vollendung gefunden hat. Das, was ihr vor allem zu eignen scheint, das Nachtgeborene, ist von den Sitzen, aus der Orchestra und von der Bühne durch das offene Licht der Sonne verdrängt. Weißer und blendender Dunst bedeckt den Himmel, der Wind weht schwül, und der Lärm einer großen Stadt mit Dampfpfeifen, Wagengerassel, Handwerksgeräuschen und dem Geschrei der Ausrufer überschwemmt und erstickt, von allen Seiten herandringend, jedweden Versuch zur Feierlichkeit.
Was aber auch hier sogleich in meiner Seele sich regt und festnistet, fast jeder andren Empfindung zuvorkommend, ist die Liebe. Sie gründet sich auf den schlichten und phrasenlosen Ausdruck, den hier die Kunst eines Volkes gewonnen hat. Alles berührt hier gesund und natürlich, und nichts in dieser Anlage erweckt den Eindruck zweckwidriger Üppigkeit oder Prahlerei. Irgendwie gewinnt man, lediglich aus diesen architektonischen Resten, die Empfindung von etwas Hellem, Klar-Geistigem, das mit der Göttin im Einklang steht, deren kolossalisches Standbild auf dem hinter mir liegenden Felsen der Akropolis errichtet war, und deren heilig gesprochenen Vogel, die Eule, man aus den Löchern der Felswand, und zwar in den lichten Tag und bis in die Sitzreihen des Theaters hinein, rufen hört.
Ich wüßte nicht, wozu der wahrhaft europäische Geist eine stärkere Liebe fühlen sollte, als zum Attischen. Bei Diodor, den ich leider nur in Übersetzung zu lesen verstehe, wird gesagt: die alten Ägypter hätten der Luft den Namen Athene gegeben, und Glaukopis beziehe sich auf das himmlische Blau der Luft. Der Geist, der hier herrschte, blieb leicht und rein und durchsichtig, wie die attische Luft, auch nachdem das Gewitter der Tragödie sie vorübergehend verfinstert, der Strahl des Zeus sie zerrissen hatte.
Als höchste menschliche Lebensform erscheint mir die Heiterkeit: die Heiterkeit eines Kindes, die im gealterten Mann oder Volk entweder erlischt, oder sich zur Kraft der Komödie steigert. Tragödie und Komödie haben das gleiche Stoffgebiet: eine Behauptung, deren verwegenste Folgerungen zu ziehen, der Dichter noch kommen muß. Der attische Geist erzeugt, wie die Luft eines reinen Herbsttages, in der Brust jenen wonnigen Kitzel, der zu einem beinahe nur innen spürbaren Lachen reizt. Und dieses Lachen, durch den Blick in die Weite der klaren Luft genährt, kann sich wiederum bis zu jenem steigern, das im Tempel des Zeus gehört wurde, zu Olympia, als die Sendboten des Caligula Hand anlegten, um das Bild des Gottes nach Rom zu schleppen.
Man soll nicht vergessen, daß Tragödie und Komödie volkstümlich waren. Es sollen das diejenigen nicht vergessen, die heute in toten Winkeln sitzen. Beide, Tragödie, wie Komödie, haben nichts mit schwachen, überfeinerten Nerven zu tun, und ebensowenig, wie sie, ihre Dichter -- am allerwenigsten aber ihr Publikum. Trotzdem aber keiner der Zuschauer jener Zeiten, etwa wie viele der heutigen, beim Hühnerschlachten ohnmächtig wurde, so blieb, nachdem die Gewalt der Tragödie über ihn hingegangen war, die Komödie eines jeden unabweisliche Gegenforderung: und das ist gesund und ist gut.
Die ländlichen Dionysien wurden an der Südseite der Akropolis, im Lenäon, nach beendeter Weinlese abgehalten. Was hindert mich, trotzdem, das sogenannte Schlauchspringen mir unten in der Orchestra meines Theaters vorzustellen? Man sprang auf einen geölten, mit Luft gefüllten Schlauch, und suchte, einbeinig hüpfend, darauf Fuß zu fassen. Das ist der Ausdruck überschäumender Lustigkeit, ein derber überschüssiger Lebensmut. Und nicht aus dem Gegenteil, nicht aus der Schwäche und Lebensflucht entstehen Tragödie und Komödie!
Ein deutscher Kegelklub betritt, von einem schreienden Führer belehrt, den göttlichen Raum. Man sieht es den hilflos tagblinden Augen der Herren an, daß sie vergeblich hier etwas Merkwürdiges suchen. Ich würde ihren gelangweilten Seelen gönnen, sich wenigstens an der Vorstellung aufzuheitern, dem tollen Sprung auf den öligen Schlauch, die mich ergötzt.
Heut betrete ich, ich glaube zum viertenmal, die Akropolis. Es ist länger als fünfundzwanzig Jahre her, daß mein Geist auf dem Götterfelsen heimisch wurde. Damals entwickelte uns ein begeisterter Mann, den inzwischen ein schweres Schicksal ereilt hat, seine Schönheiten. Es ist aber etwas anderes, von jemand belehrt zu werden, der mit eigenen Augen gesehen hat, oder selber die steilen Marmorstufen zu den Propyläen hinaufzusteigen und mit eignen Augen zu sehn.
Ich finde, daß diese Ruinen einen spröden Charakter haben, sich nicht leicht dem Spätgeborenen aufschließen. Ich habe das dunkle Bewußtsein, als ob etwa über die Säulen des Parthenon von da ab, als man sie wieder zu achten anfing, sehr viel Berauschtes verfaßt worden wäre. Und doch glaube ich nicht, daß es viele gibt, die von den Quellen der Berauschung trunken gewesen sind, die wirklich im Parthenon ihren Ursprung haben.
Wie der Parthenon jetzt ist, so heißt seine Formel: Kraft und Ernst! Davon ist die Kraft fast bis zur Drohung, der Ernst fast bis zur Härte gesteigert. Die Sprache der Formen ist so bestimmt, daß ich nicht einmal glauben kann, es sei durch die frühere, bunte Bemalung ihrem Ausdruck etwas genommen worden.
Ich habe das schwächliche Griechisieren, die blutlose Liebe zu einem blutlosen Griechentum niemals leiden mögen. Deshalb schreckt es mich auch nicht ab, mir die dorischen Tempel bunt und in einer für manche Begriffe barbarischen Weise bemalt zu denken. Ja, mit einer gewissen Schadenfreude gönne ich das den Zärtlingen. Ich nehme an, es gab dem architektonischen Eindruck eine wilde Beimischung. Möglicherweise drückte das Grelle des farbigen Überzugs den naiven Stand der Beziehungen zwischen Göttern und Menschen aus, indem er fast marktschreierisch zu festlichen Freuden und damit zu tiefer Verehrung einfing.
Jeder echte Tempel ist volkstümlich. Trotz unserer europäischen Kirchen und Kathedralen glaube ich, gibt es bei uns keine echten Tempel in diesem Betrachte mehr. Vielleicht aus dem Grunde, weil sich bei uns die Lebensfreude von der Kirche geschieden hat, die nur noch gleichsam den Tod und die Gruft verherrlicht. Die Kirchen bei uns sind Mausoleen: wobei ich nur an die katholischen denke. Einen protestantischen Tempel gibt es nicht. Da nun aber das Leben lebt und lebendig ist, so erzeugt sich auch immer unfehlbar wieder der Trieb zur Freude. Und er ist es, der heute das Theater, den gefährlichsten Konkurrenten der Kirche, geschaffen hat. Ich behaupte, was heut die Menschen zur Kirche treibt, ist entweder Todesangst oder Suggestion. Das Theater bedarf solcher Mittel nicht, um Menschen in seine Räume zu bringen. Dorthin drängen sie sich vielmehr, wie Spatzen, von einem fruchtbeladenen Kirschbaume angelockt.
Wenn heut bei uns eine Gauklergesellschaft auf dem Dorfplan Zelte errichtet, herrscht sogleich unter der Mehrzahl der Dörfler, vor allem aber unter den Kindern, festliche Aufregung. Kunstreiter oder Bänkelsänger mit der neuesten Moritat, sie genießen, obgleich in Acht und Bann seit Jahrtausenden, immer die gleiche, natürliche Zuneigung. Der Karren des Thespis war nicht in Acht und Bann getan; ja, Thespis erhielt im Theater, im heiligen Bezirk des Dionysos, seine Statue, und doch scheint er auch nur mit der Moritat von Ikarios umhergezogen zu sein. Kurz, was heute in Theater und Kirche zerfallen ist, war damals ganz und eins; und, weit entfernt ein memento mori zu sein, lockte der Tempel ins höhere, festliche Leben, er lockte dazu, wie ein buntes, göttliches Gauklerzelt.
Während unsre Kirchen eigentlich nur den Unterirdischen geweiht zu sein scheinen, galten die griechischen Tempel als Wohnung der Himmlischen. Deshalb senkten sie lichte Schauder ins Herz, statt der dunklen, und die Pilger ergriff zugleich, in der olympischen Nähe, Furcht, Seligkeit, Sehnsucht und Neid.
Starker Wind. Gesundes, sonniges Wetter. In der Luft wohnt deutscher Frühling. Der Parthenon: stark, machtvoll, ohne südländisches Pathos, rauscht im Winde laut, wie eine Harfe oder das Meer. Ein deutscher Grasgarten ist um ihn herum. Frühlingsblumen beben im Luftzug. Um alle die heiligen Trümmer auf dem grünen Plateau der Akropolis weht Kamillen-Arom. Es ist ein unsäglich entzückender Zustand, zwischen den schwankenden Gräsern auf irgendeinem Stück Marmor zu sitzen, die Augen schweifen zu lassen, über die blendend helle, attische Landschaft hin. Hymettos zur Linken, Penthelikon, als Begrenzung der Ebene. Der Parnes, bei leichter Rückwärtswendung des Kopfes sichtbar. Silbergraue Gebirgswälle, im weiten Kreisbogen um Athen und den Götterfelsen gelagert, der mit dem Parthenon auf dem Scheitel alles beherrscht. Hier stand Athene, aufrecht, mit der vergoldeten Speerspitze. Vom Parnes grüßte der Zeus Parnethios, vom Hymettos grüßte der Zeus Hymethios. Vom Penthele ein zweites Bild der Athene. Attika war von Göttern bewohnt, von Göttern auf allen umliegenden Höhen bewacht, die einander mit göttlichen Brauen zuwinkten. Geradeaus, unter mir, liegt tiefblau, in die herrliche Bucht geschmiegt, das Meer. Aegina und Salamis grüßen herüber ... Ich atme tief! ...
Ich sitze auf einem Priestersessel im Theater des Dionysos. Hähne krähen; es ist, als ob Athen und die Demen nur von Hähnen bewohnt wären. Der städtische Lärm tritt heut ein wenig zurück, und das Geschrei der Ausrufer ist durch das oft wiederholte Geschrei von weidenden Eseln abgelöst. Brütende Sonne erwärmt die gelblichen Marmorsessel und Marmorstufen.
Etwa 30000 Zuschauer wurden auf diesen Stufen untergebracht, von denen nicht allzuviele Reihen erhalten sind; und hinter und über der letzten, obersten Reihe thronten die Götter: denn dort überragt das ganze Theater die rötliche Felswand der Akropolis, gewiß noch heut der seltsamste, rätselvollste und zugleich lehrreichste Fels der Welt.
Noch heute, jenseit von allem Aberglauben jener Art, wie er im Altertum im Volke lebt und dichtet, empfinde ich doch die Kraft, die schaffende Kraft dieses Glaubens tief, und wenn mein Wille allein es meistens ist, der die ausgestorbene Götterwelt zu beleben sucht, hier, angesichts dieses ragenden Felsens, erzeugt sich augenblicksweise, fast unwillkürlich ein Rausch der Göttergegenwart. Zweifellos war es ein Grad der Ekstase, der jene Dreißigtausend hier, auf dem geheiligten Grund des Eleutherischen Dionysos, im Angesichte der heiligen Handlung des Schauspiels befiel, den zu entwickeln dem glaubensarmen Geschlecht von heut das Mittel abhanden gekommen ist. Und ich stehe nicht an, zu behaupten, daß alle Tragiker, bis Euripides, so sehr sie sich von der derb naiven Gläubigkeit der Menge gesondert haben mögen, von Gottesfurcht oder Götterfurcht und vom Glauben an ihre Wirklichkeit, besonders hier, am Fuße und im Bereich des Gespensterfelsens, durchdrungen gewesen sind.
Die Akropolis ist ein Gespensterfelsen. In diesem Theater des Dionysos gingen Gespenster um. In zahllosen Löchern des rotvioletten Gesteins wohnten die Götter, wie Mauerschwalben. Es ist eine enggedrängte, überfüllte, göttliche Ansiedelung: hatten doch, nach Pausanias, die Athener für das Göttliche einen weit größeren Eifer, als die übrigen Griechen. Die Art, wie sie allen möglichen Göttern Asyle und wieder Asyle gründeten, deutet auf Angst. Während ich solchen Gedanken nachhänge, höre ich hinter mir wiederum den Vogel der Pallas, aus einem Felsloch, klägliche Laute in den Tag hineinwimmern und stelle mir vor, wie wohl die atemlos lauschenden Tausende ein Schauer bei diesem Ruf überrieselt hat.
Die Seelenverfassung der großen Tragiker wurde unter anderem auch von dem Umstand bedingt, daß sie Götter als Zuschauer hatten. Daß es so war, ist für mich eine Wirklichkeit. Die Woge des Glaubens, die ihnen aus dreißigtausend Seelen entgegenschlug, verstärkt durch die Nähe göttlicher Troglodyten und Tempelbewohner des Felsens, war allein schon wie eine ungeheure Sturzwelle, und jede Skepsis wurde hinweggespült.
»An der sogenannten südlichen Mauer der Burg, dem Theater zugekehrt, ist ein vergoldetes Haupt, der Gorgone Medusa geweiht, und um dasselbe ist die Ägide angebracht. Am Giebel des Theaters ist im Felsen unter der Burg eine Grotte; auch über dieser steht ein Dreifuß; in ihr sind Apollo und Artemis, wie sie die Kinder der Niobe töten«, schreibt Pausanias. Ein Heiligtum der Artemis Brauronia ist auf der Burg. Der große Tempel der Pallas Athene, ein Heiligtum des Erechtheus, des Poseidon, Altäre des Zeus, zahllose Statuen von Halbgöttern, Göttern und Heroen sind da, Äskulap hat im Felsen sein Heiligtum, Pan seine Grotte, sogar Serapis hat seinen Tempel. Zwei Grotten standen Apollon zu, dem »Apoll unter der Höhe«. Ein tiefer Felsspalt ist der Ort, wo der Gott Creusa, die Tochter Erechtheus', überraschte und den Stammvater aller Jonier mit ihr zeugte. Hephästos besaß seinen Altar und so fort.
Alle diese Gottheiten lebten nicht nur auf der Burg. Sie durchwanderten bei Nacht und sogar am Tage die Straßen der Stadt. Der Mann aus dem Volke, das Weib aus dem Volke war nicht imstande, die Gebilde des nächtlichen Traums von denen des täglichen Traums zu sondern. Beide waren ihnen so gut, wie das, was sie sonst mit Augen wahrnahmen, Wirklichkeit.