Griechische Altertumskunde

Part 9

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Bei der _Darbringung eines blutigen Speiseopfers_ besprengen die Teilnehmer sich und den Altar mit Wasser, das durch Eintauchen eines brennenden Scheits (_δαλίον_) vom Altare _geweiht_ worden ist; dann streuen sie herumgereichte _Opfergerste_ (_ὀλαί_, bei Homer _οὐλαί, οὐλοχύται_) dem mit Bändern und Kränzen geschmückten Opfertier auf den Kopf. Dasselbe muß durchaus fehlerfrei sein; den oberen Göttern werden mit Vorliebe hellfarbige, den Unterirdischen und Toten schwarze Tiere geopfert. Alsdann _schneidet_ man dem Opfertiere einige _Kopfhaare ab_ und wirft sie ins Feuer, wodurch dasselbe dem Tode geweiht wird. Alle Anwesenden werden nun zu _frommem Schweigen_ aufgefordert (_εὐφημεῖτε_) und unter _Flötenmusik_ und _Gesang von Päanen_ der Gott um gnädige Annahme des Opfers angefleht. Man biegt dem Opfertiere den Kopf zurück – größere Tiere werden zuvor durch einen Schlag auf den Kopf betäubt –, _durchschneidet den Hals_ und läßt das Blut auf den Altar oder in die Opfergrube fließen. Dann _zieht man die Haut ab und be__reitet_ zuerst die _inneren Teile_ (_σπλάγχνα_), welche am schnellsten fertig werden, am Feuer zu.

Die Götter erhalten in Homerischer Zeit hauptsächlich die Schenkelknochen (_μηρία_) mit mehr oder weniger Fleisch daran, in eine Fetthaut gehüllt mit daraufgelegten Fleischstücken, in späterer Zeit außer anderen Knochen namentlich den unteren Teil des Rückgrats und den Schwanz. An dem zum Himmel emporsteigenden _Fettdampf_ (_κνίση_) erfreuen sich die Götter in besonderem Maße.

Auf den Opferbrand gießen alle Anwesenden Spenden gemischten Weins. Alsdann wird das _übrige Fleisch gebraten und verzehrt_. An den Opferschmaus schließen sich oft Reigentänze an. An den großen Staatsfesten wird das Volk auf Staatskosten gespeist.

Den _Unterirdischen_, ebenso bei Eid- und Sühneopfer müssen _die Tiere ganz verbrannt_ werden. Der Lebende darf nichts davon genießen (_θυσίαι ἄγευστοι_), sonst ist er selbst dem Tode verfallen. Der _Hekate_ werden hauptsächlich _Hunde_ geschlachtet. Die Opfer für die chthonischen Gottheiten finden abends oder nachts statt, die für die Himmlischen morgens oder vormittags.

Den _Heroen_ und _den Seelen der Verstorbenen_ überhaupt opfert man (_ἐναγίζειν_, dagegen _θύειν_ den Göttern opfern) an oder auf ihrem Grabe mit Vorliebe schwarze Schafe, deren Blut man zum Zweck der „Blutsättigung“ (_αἱμακουρία_) der Seelen ins Erdreich fließen läßt. Einen _Seelenkult_ hatten die Griechen schon in vorhomerischer Zeit, und Rudimente desselben finden sich in den Homerischen Gedichten, z. B. die Tier- und Menschenopfer bei der Bestattung des Patroklos und das Opfer, welches Odysseus nach seiner Heimkehr allen Toten und dem Teiresias insbesondere darzubringen verspricht (Od. 10, 521–526; 11, 29–33, vgl. auch § 69). Aber unter dem Einfluß der sich immer weiter verbreitenden Homerischen Vorstellung, wonach die Seelen der Verstorbenen für immer vom Reich der Lebenden geschieden und ohne Einwirkung auf dasselbe in einem fernen Höhlenreiche kraft- und bewußtlos ein schattenhaftes Dasein führen, kam der Seelenkult allmählich außer Übung und erhielt sich nur in einzelnen Lokalkulten, z. B. bei den böotischen Bauern, um jedoch im Anschluß an den namentlich vom delphischen Orakel (vgl. § 50) geförderten _Heroenkult_ zu neuem Leben zu erwachen. Als _Heroen_ verehrte man in der Folgezeit fast alle Helden der epischen Dichtung, daneben in engeren Kreisen sonst nicht bekannte Gestalten als „Landesheroen“, sodann die Städtegründer, historische wie mythische, ferner die in den Perserkriegen Gefallenen, schließlich alle Personen, die sich im Leben irgendwie als Könige, Gesetzgeber, Dichter, Sieger in Wettspielen usw. ausgezeichnet hatten.

Bei _Sühneopfern_ nimmt das Tier an Stelle des Menschen die Schuld und den Fluch auf sich. So scheinen mannigfach Tieropfer alte, dem Griechentum ursprünglich fremde und von den Orientalen übernommene _Menschenopfer_ abgelöst zu haben (vgl. das Opfer der Hirschkuh für Artemis an Stelle der Iphigenie in Aulis). Sage und Geschichte liefern Beispiele freiwilliger Aufopferung in gefahrvollen Lagen, bei Seuchen und Hungersnot, sowie vor wichtigen Entscheidungen, Schlachten oder Seefahrten. Noch im zweiten Jahrhundert nach Chr. wurden dem Zeus Lykaios in Arkadien an den Lykaien Menschen geopfert. Doch kamen solche Fälle gewiß nur vereinzelt vor und wurden von den Griechen selbst als rohe, barbarische Sitte empfunden.

*§ 52. Die Mysterien.*

Neben der allgemeinen Gottesverehrung gab es noch besondere, von einem geschlossenen Kreis von Eingeweihten begangene Geheimkulte, _die Mysterien_ (_μύω_ schließe die Augen, den Mund; auch _τελεταί_, Weihen, genannt). Unter ihnen nahmen _die eleusinischen Mysterien_ weitaus die erste Stelle ein.

Im eleusinischen Lande, wo die von Hades geraubte Persephone wieder ans Licht der Sonne gekommen und ihrer Mutter wiedergeschenkt worden war(7), hatte Demeter selbst, so berichtet der homerische Hymnus auf Demeter, den heiligen Dienst gestiftet. Wer an diesem teilnimmt, darf ein bevorzugtes Schicksal im Jenseits und schon in diesem Leben Glück und Reichtum erhoffen. Seitdem Eleusis (wohl im 7. Jahrh.) mit Athen vereinigt und die dortige Feier zum athenischen Staatskult erhoben worden war, _dehnte sich der Kreis der Verehrer_ nicht nur über Attika, sondern _über ganz Griechenland aus_; jeder Grieche ohne Unterschied des Stammes, Männer und Frauen, selbst Kinder und Sklaven wurden zugelassen; einzige Bedingung war rituale Reinheit, so daß also Mörder und wegen Mords Angeklagte ausgeschlossen waren.

Der vornehmste Priester war der _Hierophant_, der die geheimnisvollen Heiligtümer zu zeigen und zu erklären hatte; seine Würde war in dem eleusinischen Adelsgeschlecht der Eumolpiden erblich; ihm zur Seite stand die _Hierophantin_. Die nächsten Priester im Range waren der _Daduchos_ (Fackelträger), der _Keryx_ (Herold) und der _Altarpriester_ (_ὁ ἐπὶ βωμῷ_), alle drei aus dem attischen Geschlecht der Keryken. Die äußeren Anordnungen besorgte der Archon Basileus, unterstützt von vier Epimeleten.

Im Anthesterion (Februar) wurden die _kleinen Mysterien_ zu Agrai, einer Vorstadt Athens, mit Reinigungen und Aufnahme der Mysten gefeiert. Erst nachdem man verschiedene Grade durchlaufen hatte, gelangte man in die Klasse der _Epopten_, der Schauenden.

Die _großen Eleusinien_ fanden im Boedromion (Sept.) statt, nachdem ein allgemeiner Gottesfriede (_ἐκεχειρία_) für 7–8 Wochen angesagt war. Auf die feierliche Bekanntmachung (_πρόρρησις_) des Archon Basileus hin sammelte sich die ganze Festgemeinde in Athen und begab sich zur Reinigung ans Meer (_ἅλαδε μύσται_). Nach mehrtägigen Opfern und Umzügen brachte man am 20. Boedromion in feierlicher _Prozession_ das Bild des _Iakchos_, des von Zeus Chthonios und Persephone gezeugten Unterweltsgottes, der häufig mit Dionysos gleichgesetzt wurde, auf der heiligen Straße unter Iakchosrufen und Gesängen nach dem vier Wegstunden entfernten Eleusis in den Demetertempel, später in das von Perikles erbaute Telesterion (Weihehaus). Die Feier der folgenden Tage beging man mit Opfern, Fackeltänzen, wiederholten Reinigungen, mehrtägigem Fasten und Genuß des Kykeon, eines Mischtranks aus Wasser, Mehl und Polei, den auch Demeter nach ihrer Aufnahme in Eleusis zuerst gekostet haben soll.

Den Mittelpunkt aber bildeten die _eigentlichen Mysterien_. Diese bestanden nicht etwa in Geheimlehren, die in bestimmte Begriffe und Worte gefaßt gewesen wären, vielmehr in lebenden Bildern und dramatischen Darstellungen der Schicksale der gefeierten Gottheiten, z. B. des Raubs der Kore, der Irren der Demeter und der Wiedervereinigung der Göttinnen. Es war „_ein religiöser Pantomimus_, von heiligen Gesängen und formelhaften Sprüchen begleitet“ und durch Pracht der Ausstattung, Lichteffekte und Musik wirksam unterstützt. Infolgedessen konnte eine Profanierung der Mysterien nicht durch Ausplaudern, sondern nur durch Nachäffung geschehen, wie eine solche 415 dem Alkibiades zur Last gelegt wurde.

_Die Hoffnung auf ein seliges Los_ der in Eleusis Geweihten _im Jenseits_ wurde vielleicht durch Vorführung von Szenen aus dem jenseitigen Leben oder durch unmittelbare Verkündigung der (etwa bei der Darstellung der Stiftung des eleusinischen Festes erscheinenden) Demeter selbst geweckt und genährt. Trotz mancher Lobpreisungen der Alten scheint indes die sittliche Wirkung der Mysterien keine besonders tiefe und nachhaltige gewesen zu sein.

*§ 53. Feste.*

Außer den großen hellenischen Nationalfesten (s. § 67) wurden noch eine Menge Feste in den einzelnen Städten den verschiedenen Gottheiten zu Ehren gefeiert. Genauer sind wir über den _athenischen Festkalender_ unterrichtet. Das attische Jahr begann mit dem ersten Neumond nach der Sommersonnenwende. Die Hauptfeste waren im Monat

I. _Hekatombaion_ (ungefähr unserm Juli entsprechend):

am 1. (oder 7.?) ein _Fest Apollos_, des Sonnengotts, da jetzt die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel erreicht hatte; am 12. die _Kronien_, Kronos zu Ehren; am 16. die _Synoikien_ zur Erinnerung an die politische Einigung Attikas durch Theseus (s. § 20); am 24.–29. (?) _die großen Panathenäen_, pentaeterisch (s. § 67) in jedem dritten Olympiadenjahr 6 Tage lang gefeiert, das glänzendste Fest Athens. Die jährlich begangenen kleinen Panathenäen beschränkten sich auf eine kürzere Festfeier. Die großen Panathenäen soll Peisistratos gestiftet haben. An diesen fanden _musische_, _gymnische_ und hauptsächlich _hippische_ Agone (vgl. § 67) statt. Die Sieger in den beiden letzteren erhielten Amphoren (s. § 59) mit Öl von den heiligen Bäumen der Athena in der Akademie. Rhapsoden trugen seit der Peisistratidenzeit die Homerischen Gedichte vor. Daran schloß sich die Aufführung des Waffentanzes, _Pyrrhiche_, und der Wettstreit der _Euandria_, wobei jede Phyle eine Anzahl schöner, großer und kräftiger Männer vorführte und die stattlichste Schar als Preis ein Rind erhielt. Eine nächtliche Feier, _Pannychis_, mit Gesang, Tanz und Fackelwettlauf (_λαμπαδηφορία_) leitete den Haupttag ein, an dem die ganze Bürgerschaft in feierlicher Prozession (_πομπή_) vom Kerameikos durch die Hauptstraßen nach der Akropolis zog, um der Stadtgöttin Athena das von athenischen Frauen und Mädchen gewobene _Prachtgewand_ (_Peplos_, vgl. § 58), in das auf safranfarbigem Grunde die Kämpfe der Götter und Giganten eingestickt waren, darzubringen. Dasselbe war als Segel am Mast eines Schiffes aufgespannt, das im Festzug auf Rollen fortbewegt wurde. Den Festzug hat Pheidias auf dem Relieffries des Parthenon (s. § 70) verewigt. Auf der Burg wurde der Athena ein großes Opfer (Hekatombe) dargebracht und das ganze Volk davon gespeist. Eine Nachfeier bestand in einer _Regatta_, einem Bootwettfahren (_νεῶν ἅμιλλα_), im Peiraieus.

II. _Metageitnion_ (August): ein kleineres _Apollofest_.

III. _Boedromion_ (Sept.):

am 5. ein allgemeines Totenfest, die _Genesia_ (s. § 63); am 6. Gedächtnistag der bei Marathon Gefallenen; am 7. (?) die _Boedromien_, Apollo zu Ehren; am 16.–25. (?) die _großen Eleusinien_ (s. § 52).

IV. _Pyanepsion_ (Okt.):

am 7. die Pyanepsien, nach den gekochten Bohnen benannt, deren Erstlingsfrüchte Apollo dargebracht wurden; (?) die _Oschophorien_, als Dankfest für die Wein- und Olivenernte dem Dionysos und der Athena gefeiert; an der Spitze des Festzuges gingen zwei Knaben in langem Chiton mit Weinreben (Oschoi) in den Händen; am 8. das _Theseusfest_; am 9.–13. die _Thesmophorien_, nur von Frauen unter mancherlei ausgelassenen Scherzen der Demeter und Persephone zu Ehren gefeiert; am 19.–21. (?) die _Apaturien_, drei Tage lang von den Phratrien begangen; an ihnen wurden die seit dem letzten Apaturienfeste geborenen Kinder in die Phratrie des Vaters eingeführt (vgl. § 32); am 30. das _Schmiedefest_ (Chalkeia) des Hephäst und der Athena.

V. _Maimakterion_ (Nov.): in dieser stürmischen Jahreszeit, in der kein größeres Fest stattfand, suchte man den zürnenden Zeus (_μαιμάκτης_) durch Gebet und Opfer zu versöhnen.

VI. _Poseideon_ (Dez.): das _Tennenfest_ (_Ἁλῷα_), der Demeter, Kore und dem Dionysos, und _die ländlichen Dionysien_ (_Διονύσια τὰ κατ’ ἀγρούς_), dem Dionysos zu Ehren in den einzelnen Demen, namentlich von der Landbevölkerung, als ländliche „Kirchweihen“ unter mancherlei Scherzen und Neckereien begangen. An dem letzteren Feste wurden, nach der Überlieferung zuerst in dem Demos Ikaria, später namentlich im Peiraieus, dramatische Aufführungen veranstaltet.

VII. _Gamelion_ d. h. Ehemonat (Jan.): an den _Gamelien_ brachte man den Ehegöttern Opfer dar; an den _Lenaien_, dem Kelterfest (von _ληνός_ Kelter), wurden vom Staate mit großem Aufwand Bühnenspiele aufgeführt (vgl. § 54).

VIII. _Anthesterion_ (Febr.): 11.–13. die _Anthesterien_. Am ersten Tage der „_Faßöffnung_“ (_Πιθοιγία_), füllte man den ausgegorenen Wein aus den Fässern in Amphoren ab. Der folgende „_Kannentag_“ (_Χόες_) brachte ein großes Trinkgelage mit Wetttrinken aus Kannen auf ein Trompetensignal. An ihm fand auch die symbolische Vermählung der Basilissa, der Gattin des Archon Basileus, als Vertreterin des Landes, mit Dionysos statt. Der dritte Tag, das „_Topffest_“ (_Χύτροι_), war den Unterirdischen geweiht; in Töpfen stellte man gekochte Früchte und Sämereien dem Seelengeleiter Hermes und den Toten auf.

An den Anthesterien, dem Hauptfeste aller Seelen, glaubte man, kämen die Toten ins Reich der Lebendigen herauf, und man bewirtete deshalb die umherschwärmenden Seelen der Angehörigen; am Ende des Festes trieb man sie wieder aus den Wohnungen aus mit dem Rufe: Hinaus, ihr Keren (alter Name für Seelen), die Anthesterien sind zu Ende (_θύραζε Κῆρες, οὐκ ἔτ’ Ἀνθεστήρια_).

(?) Die _kleinen Mysterien bei Agrai_ s. § 52.

(?) Die _Diasien_, ein Sühnefest für Zeus Meilichios.

IX. _Elaphebolion_ (März): an den _Elaphebolien_, dem Hirschjagdfest, wurde der Artemis Backwerk in Form von Hirschen geopfert;

am 9./14. die _großen_ oder _städtischen Dionysien_ (_Δ. τὰ μεγάλα, τὰ ἐν ἄστει_), das glänzendste athenische Fest nach den Panathenäen. Im Festzug (_πομπή_) wurde das Bild des Dionysos von den Epheben in die Akademie und von da in die Orchestra des Dionysostheaters gebracht. Es folgten Wettkämpfe von Knaben- und Männerchören im Vortrag von Dithyramben. Den Glanzpunkt bildeten die dreitägigen großen dramatischen Aufführungen (s. § 54). Ein Nachfest bildeten die Pandia.

X. _Munychion_ (April):

am 6. (oder 7.) die _Delphinien_, Apollo zu Ehren; am 16., an den _Munychien_, wurden der Artemis auf der gleichnamigen Halbinsel runde, mit Lichtern besteckte Kuchen (_ἀμφιφῶντες_) geopfert, welche den Vollmond darstellten; damit verband sich die Gedächtnisfeier des Siegs bei Salamis; am 19. die _Olympien_, Zeus zu Ehren.

XI. _Thargelion_ (Mai): die _Thargelien_, ein großes Sühnefest des Apollo und der Artemis, an welchem die Erstlinge der Feldfrüchte diesen wie dem Helios und den Horen dargebracht wurden;

am 19. die _Bendideia_, der (mit Artemis gleichgesetzten) thrakischen Göttin Bendis mit Fackelwettrennen zu Pferde gefeiert.

An den _Kallynterien_ und _Plynterien_ wurde der Tempel der Athene gereinigt und ihr Bild im Meere gebadet.

XII. _Skirophorion_ (Juni):

am 12. die _Skirophorien_, von den Frauen der Athena zu Ehren gefeiert; am 14. das Zeusfest der _Dipolia_.

*§ 54. Dramatische Aufführungen.*

Das Bühnenspiel ist aus dem Dienst des Gottes Dionysos hervorgegangen und blieb stets ein Teil seiner Feste, so daß es, wenigstens im 5. Jahrhundert, nur an diesen aufgeführt wurde. Wie bei vielen andern Gottesdiensten (Mysterien in Eleusis s. § 52) bestand die Feier eben darin, daß die _Beteiligten die Schicksale des Gottes und seiner Begleiter, welche sie im Lied besangen, zugleich miterlebten_. Eine Gruppe hat sich, um die Rolle der Satyrn, der Begleiter des Gottes, zu spielen, in Bocksfelle gehüllt und singt – daher Tragödie, _τραγῳδία_ = Gesang der Böcke, _τράγοι_ –, rings um den Altar des Gottes tanzend, von den Freuden und Leiden desselben; diesen selbst stellt der Vorsänger des Chores dar. Wie der Gott eine lebensfrohe und eine düstere Seite aufweist, so zeigt auch sein Dienst bald wilde Ausgelassenheit in der _Komödie_, bald schauerlichen Ernst in der _Tragödie_. Bald werden auch die Mythen anderer Gottheiten hereingezogen, und das Schauspiel wahrt seinen dionysischen Charakter nur dadurch, daß auf die tragische Darstellung stets ein _Satyrspiel_ folgt. Um 500 haben die Bühnenspiele schon eine bestimmte Ordnung. Die Tragödien werden vornehmlich an den großen oder _städtischen Dionysien_ im März, die Komödien an den _Lenaien_ im Januar aufgeführt (s. § 53). Die Leitung des letzteren, älteren Festes steht dem König, die des ersteren dem Archon zu. Außerdem gelangen noch an den _ländlichen Dionysien_ in einzelnen Gauen (unter der Leitung des betreffenden Demarchen) Dramen zur Aufführung.

Die Feier hat die Form eines _Wettkampfes (Agon) zwischen drei Aufführungen_. Es werden im tragischen Agon an drei Spieltagen je drei Stücke (eine Trilogie) nebst einem Satyrspiel vorgeführt. Eine Zeitlang wurden diese drei Stücke nach einem wohl von Äschylos eingeführten Brauche so komponiert, daß sie ihrem Inhalt nach zusammenhingen und ein Ganzes bildeten (vgl. die Schillersche Wallensteintrilogie); eine solche Trilogie besitzen wir noch aus dem Altertum in der 458 aufgeführten äschyleischen „Orestie“, welche aus den drei Stücken: Agamemnon, Choephoren und Eumeniden besteht; allein schon Sophokles ging von dieser Kompositionsart ab und reichte Stücke ein, die in keinem inhaltlichen Zusammenhang miteinander standen.

Die Stellung, Ausstattung und Einübung des Chores liegt dem _Choregos_ (vgl. § 45, 1) ob; derselbe hat für die Komödie 24, für die Tragödie anfangs (bis Äschylos) 12, seit Sophokles 15 Chormitglieder (Choreuten) zu stellen. Im Jahr 411 wurde der Aufwand eines Choregos für die Tragödie auf 3000 Drachmen berechnet. Der Lohn desselben war eben sein Sieg im Wettkampf, welchen er mit dem _Dichter_ teilte. Dieser, „Lehrer“ (Didaskalos) genannt, war Textdichter, Komponist der gesungenen Partien, Regisseur und ursprünglich, wie Äschylos, selbst Schauspieler. Die Dichter, welche um Zulassung ihres Stücks zur Aufführung bitten („um einen Chor bitten“ _χορὸν αἰτοῦσι_), werden vom Festleiter auf die Würdigkeit ihrer Person und Stücke geprüft, die Ordnung im Agon wird durchs Los bestimmt.

Die _Schauspieler_, ursprünglich nur Gehilfen des Dichterschauspielers, werden seit Sophokles selbständiger. Die ersten Darsteller (Protagonistai) erklären sich beim Festleiter bereit, die Rollen mit ihren Gehilfen, den Deuteragonisten und Tritagonisten, zu übernehmen. Dieser wählt auf Grund eines künstlerischen Wettkampfes zwischen den Bewerbern aus und weist dieselben den Dichtern zu. Dichter wie Schauspieler erhalten ein bestimmtes Honorar. Mit der Ausdehnung der Bühnenspiele wuchs auch die Zahl und das Ansehen der Schauspieler. Dieselben taten sich mit Rhapsoden, Flöten- und Zitherspielern in wohlorganisierte Vereine (_σύνοδοι_) zusammen, welche sich „dionysische Künstler“ (_οἱ περὶ τὸν Διόνυσον τεχνῖται_) nannten.

Die _Kampfrichter_ wurden vor dem Spiel ausgelost; ihr Urteil bezog sich gleichermaßen auf die Dichtung, Ausstattung und Darstellung. Der _Eintritt in das Theater_ war ursprünglich frei, kostete aber später 2 Obolen, welche Perikles dem Volk durch das Schaugeld (_θεωρικόν_ s. § 28) ersetzte. Freien Eintritt hatten nur die Inhaber von _Ehrensitzen_, welche, wie wir noch heute sehen, vorzugsweise die unterste Reihe einnahmen. Diese waren für Priester und Archonten bestimmt, wurden indes auch für besondere Verdienste, z. B. an Feldherren oder auswärtige Fürsten verliehen. Mit regster Anteilnahme folgten die Athener drei Tage lang hintereinander, vom frühen Morgen bis zum Abend auf den Marmorbänken sitzend, den Aufführungen; laut waren die Kundgebungen des Beifalls oder Tadels, gründlich und allgemein das Verständnis für Bühnenkunst. Als es mit der tragischen Kunst im 4. Jahrhundert abwärts ging, beschloß das Volk, daß vor den neuen Stücken der lebenden Tragiker stets eine Tragödie eines verstorbenen Dichters, „eine alte“, aufgeführt werde, und ließ daher, um den Text vor Willkürlichkeiten der Schauspieler zu sichern, unter der Finanzverwaltung Lykurgs (338 bis 326) ein staatliches Normalexemplar der Stücke der drei großen tragischen Heroen anfertigen. „Es ist nur _ein_ Athen gewesen,“ sagt Lessing, „es wird nur _ein_ Athen bleiben.“

*§ 55. Das Theater.*

Das griechische Theater der ältesten Zeit hatte zwei Hauptteile, die _Orchestra_, den Tanzplatz des Chors, welcher den in Wechselrede ihm antwortenden Schauspieler (_ὑποκριτής_ von _ὑποκρίνομαι = ἀποκρίνομαι_) umkreiste, und den _Zuschauerraum_ (s. S. 127).

Die _Orchestra_, ein geebneter, mit Sand bestreuter Platz (daher Konistra d. h. Staubplatz genannt), war ursprünglich kreisrund (vgl. Schiller: „umwandelnd des Theaters Rund“) und behielt diese Form lange Zeit; wir finden sie z. B. noch bei dem von Polyklet, einem Zeitgenossen des Pheidias, erbauten Theater von Epidauros, dem schönsten und besterhaltenen des alten Griechenland (s. Abbildung Titelbild). Später wurde die Orchestra um ein Kreissegment verkleinert. In der Mitte derselben stand der Altar des Dionysos, die _Thymele_ (_θυμέλη_).

Als dritten Hauptteil weisen die ausgegrabenen Theaterruinen ein _Bühnengebäude_ auf, das aus einem zurückliegenden Hauptbau und zwei vorspringenden Seitenflügeln (_παρασκήνια_) besteht. Der von Hinterbau und Seitenflügeln eingeschlossene Raum, der jedoch nur eine geringe Tiefe besitzt (z. B. in Epidauros nur 2,41 Meter), diente nach der bisherigen Annahme in der Zeit des entwickelten Dramas als Spielraum für die Schauspieler, als _Logeion_ d. h. Sprechplatz, auch _Proskenion_ genannt. Diese Sprechbühne mit gedieltem Fußboden sollte nach Vitruvs Anweisung 10 bis 12 Fuß über die Orchestra erhöht sein, womit die Maße der bis jetzt untersuchten griechischen Theater übereinstimmen. Da aber bei einer so starken Erhöhung der in der Orchestra stehende Chor nur schwer mit den Schauspielern in Wechselrede treten konnte, wie dies doch das griechische Drama verlangt, so half man sich bis jetzt mit der _Annahme_, daß über der Hälfte der Orchestra oder Konistra jedesmal _ein hölzernes Gerüst für den Chor_ aufgeschlagen worden sei, das Orchestra im eigentlichen Sinn (im Gegensatz zur Konistra) oder, nach anderer Ansicht, Thymele geheißen habe.

Bei dieser Annahme bleibt das Bedenken bestehen, ob denn die Schauspieler auf jenem schmalen als Logeion oder Proskenion bezeichneten Raume überhaupt spielen konnten; man hat deshalb neuerdings vermutet, daß nicht für den Chor, sondern _für die Schauspieler_ jedesmal _ein hölzernes Gerüst_ als Spielplatz errichtet worden sei, während der Chor zu ebener Erde sich bewegt habe.

Im Gegensatz zu diesen Vorstellungen will _die neueste Forschung_ einerseits durch genaue Untersuchung der monumentalen Überreste (Dörpfeld u. a.), andererseits durch scharfe Beobachtung der in den erhaltenen Dramen über Standort der Schauspieler und des Chors sich findenden Andeutungen den Nachweis führen, daß _im griechischen Theater bis zur römischen Zeit keine erhöhte Sprechbühne existiert habe_, daß also in der ganzen klassischen Zeit Schauspieler und Chor räumlich nicht voneinander geschieden gewesen, sondern beide gemeinsam in der Orchestra aufgetreten seien. So erkläre sich u. a. auch die Einführung des hohen Schuhs, des _Kothurns_, „der den Schauspielern als ein bewegliches Gerüst unter die Füße gegeben wurde, das ihnen Bewegungsfreiheit gestattete und sie über den sie umgebenden Chor heraushob“.