Griechische Altertumskunde

Part 14

Chapter 143,136 wordsPublic domain

Einen Einschnitt in der Geschichte und Bedeutung der Akropolis bildet das Jahr 479. Nachdem die Perserscharen des Xerxes 480 nach vergeblichem Angriff auf die von Natur schwache, aber seit uralten Zeiten stark befestigte Westseite die Burg auf einer schmalen Hintertreppe in der Nähe des späteren Erechtheion (vgl. die Hintertreppe in Tiryns) erstiegen und alles Brennbare niedergebrannt hatten, zerstörten sie 479 beim zweiten Einfall in Attika vollends alles, was sie im vorigen Jahr übrig gelassen hatten. Das gleiche Jahr aber brachte die Siege der Griechen bei Platää und Mykale und damit für Athen eine Zeit raschen politischen Aufschwungs. Im Kriege mit Xerxes hatte man die Erfahrung gemacht, daß die Burg den Bürgern nicht den Schutz bot, dessen die bis dahin offene Stadt barbarischen Feinden und auch eifersüchtigen Stammesbrüdern gegenüber bedurfte. Sie konnte ja höchstens eine beschränkte Anzahl Bewaffneter aufnehmen. Man schritt also dazu, die Befestigungslinie möglichst weit hinauszuschieben und die ganze Stadt, ja auch den Hafen Peiraieus in dieselbe hereinzuziehen. Damit fiel bei den damaligen Mitteln der Belagerung die Bedeutung der Burg als der Hauptbefestigung Athens, eine Tatsache, die den Wandel der Zeiten recht deutlich macht: nicht mehr auf dem einen Herrschergeschlechte, sondern auf der Gesamtheit der freien Bürger ruhte der Staat. Wie nun schon bisher die Akropolis der Hauptkultsitz der Athener war, so sollte sie es in Zukunft erst recht bleiben, ja sie sollte aus einer Festung gleichsam ein großer Altar der Götter werden.

So beginnt denn alsbald rührige Arbeit auf der zerstörten Burg. Der _alte Athenatempel_ wurde wieder in stand gesetzt – man scheute sich, die alte Kultstätte zu verlassen –, nur die von den Persern zerstörte Säulenhalle wurde nicht wiederhergestellt, da man wohl alsbald den Plan ins Auge faßte, einen zweiten, dem Fortschritt der Zeit mehr entsprechenden, schöneren Tempel aufzurichten. Jedenfalls noch im 4. Jahrhundert v. Chr., vielleicht sogar noch im 2. Jahrhundert n. Chr. stand dieser altehrwürdige Bau und diente den obengenannten heiligen und profanen Zwecken. Dann wurde die bis dahin sehr unebene Oberfläche zur Aufnahme größerer Bauwerke umgestaltet. Denn während in der vorpersischen Zeit das Terrain schon von der Mittelachse des späteren Parthenon nach Süden abfiel, ließ jetzt _Kimon_ die große _Südmauer_ (Plan!) bis zur heutigen Höhe errichten und die zwischen der Mauer und jener Absenkung entstandene Lücke mit Schutt auffüllen, so daß nun erst das breite Unterlager entstand, auf dem in gehöriger Entfernung vom alten Athenatempel ein weit großartigerer Neubau aufgeführt werden konnte. Die Umgestaltung des Baugrundes war ein gewaltiges Werk, das fürstliche Mittel erforderte; gleichwohl war es nur eine Vorarbeit. Noch unter Kimons Staatsleitung wurden die _Fundamente des neuen Tempels_ gelegt und am Oberbau angefangen; wie dieser mächtige Führer der Aristokratie auch ein neues Burgtor erbauen ließ, von dem noch Reste hinter den späteren Propyläen zu Tage liegen. Unter ihm wurde auch zwischen Propyläen und altem Tempel zur Erinnerung an die Perserkriege auf Staatskosten die _Statue der Athena Promachos_ errichtet, ein ehernes Kolossalbild von der Hand des Pheidias, das Wahrzeichen der Burg, das den zur See heimkehrenden Athener schon von ferne grüßte.

Durch Kimons gezwungenen Rücktritt vom politischen Schauplatz (461) wurde diese Bautätigkeit unterbrochen. Und nun kam ein Stärkerer ans Ruder, dessen Name immer mit den glänzenden Prachtbauten der Akropolis zusammengenannt werden muß – _Perikles_. Unter seiner Staatsleitung wurde die Akropolis zu dem umgeschaffen, was sie im Altertum war und noch heute trotz aller Greuel der Verwüstung ist, zu dem unvergänglichen und unvergleichlichen Kleinod hellenischer Kunst. Trefflich schreibt über diese glanzvolle Bauperiode Plutarch (ca. 100 n. Chr.): „Von jedem einzelnen dieser Werke glaubt man, daß es nur in mehreren Menschenaltern zum Ziele gelangen könnte, und sie alle kamen in der Blütezeit einer einzigen Staatsleitung zur Vollendung. So verdienen denn die Werke des Perikles um so größere Bewunderung, weil sie, in kurzer Zeit ausgeführt, dennoch so lange Dauer erlangt haben. Denn schon damals war jedes derselben durch seine Schönheit alt, durch die Höhe seiner Kunst aber erscheint es bis heute neu und wie eben vollendet. Unberührt von der Zeit, bewahrt ihr Aussehen den Duft der Frische, als ob ihnen ein ewig blühendes Leben und eine niemals alternde Seele eingehaucht wäre.“ Unter Perikles wurde wieder von neuem angefangen: die unter Kimon gemachten Anfänge befriedigten seinen und seiner Gehilfen hohen Geist nicht mehr. Die halbbearbeiteten Werkstücke des Kimonischen Athenatempels wurden zur _Aufführung der großen Nordmauer_ (fälschlich Mauer des Themistokles genannt), und zur Ausfüllung des Raumes hinter derselben verwendet. In die Mauer wurden auch mit sinniger Absicht die Trümmer des von den Persern teilweise zerstörten alten Athenatempels verbaut: der Unterstadt zugekehrt, sollten diese Trümmer, ein ewiges Denkmal der persischen Barbarei, den Bürgern eine stete Mahnung an Zeiten schweren Unglücks, aber auch nationaler Erhebung der Vorfahren sein.

Eine völlige Neugestaltung erhielt der Aufgang zur Burg. Durch den Baumeister Mnesikles ließ Perikles hier die _Propyläen_ (437–432) erbauen. Dieses Prachttor, in der Hauptsache erhalten, ist ein unsymmetrischer Bau, was darin seinen Grund hat, daß der ursprüngliche Plan des Baumeisters nicht zur vollständigen Ausführung kam. Es zerfällt in drei ungleiche Teile: 1. den Mittelbau, in dem die Bestandteile der vorgeschichtlichen Propyläenbaues wiederkehren, nämlich die Quermauer mit fünf Toren, die (westliche) Vorhalle, deren Front von sechs dorischen Säulen getragen und deren Inneres durch zwei Reihen mit je drei ionischen Säulen in drei Hallen gegliedert ist, endlich die schmälere (östliche) Hinterhalle, deren Front abermals sechs dorische Säulen bilden; durch die dritte führt der Hauptaufgang zur Burg; 2. den Nordflügel, die sogenannte Pinakothek (Aufbewahrungsort für Votivgemälde); 3. den verkümmerten Südflügel. Dieses Prachttor allein ist Beweis genug, daß Perikles die Burg nicht mehr als Festung betrachtete, nicht minder der Umstand, daß durch ihn auf der großen Bastion, die schon in den ältesten Zeiten den Eckabschluß der Südmauer bildete, kühn und frei in die herrliche Landschaft hinausragend, der _kleine Tempel_ der _Athena Nike_ erbaut wurde.

Treten wir nun durch das Prachttor in den heiligen Bezirk der Burg ein, so erhebt sich vor unseren Augen in strahlender Schöne und doppelt imposant wegen seiner um etwa 10 m höheren Lage der _Parthenon_, der neue Tempel der Athena. An Stelle des Kimonischen Athenatempels, jedoch mit diesem im Grundriß nicht ganz zusammenfallend, wurde er unter Oberleitung des Pheidias von den Baumeistern Iktinos und Kallikrates in den Jahren 447–438 erbaut. Wir ziehen auf der alten Prozessionsstraße hinan und betreten den Tempel von Osten her, an seiner Vorderseite (bei den christlichen Kirchen des Mittelalters liegt im Gegenteil die Front gegen Westen, der Altarraum, der Chor, gegen Sonnenaufgang). Wir steigen die drei mächtigen Stufen, welche, wie fast bei allen griechischen Tempeln, die Grundlage (Krepis) bilden, hinauf und stehen nun auf der Fläche des Tempels, dem Stylobat, der eine Breite von 30,9 m und eine Länge von 69,5 m hat. Auf diesem erheben sich als Träger des Dachgebälks ringsum dorische Säulen – der Tempel ist also ein Peripteros – und zwar je 8 an den Schmal-, je 17 an den Langseiten (Höhe 10,4 m, unterer Durchmesser 1,9 m). Aus der Säulenhalle (Peristyl) gelangen wir zunächst in den Pronaos (in der Front sechs dorische Säulen) und von diesem in den eigentlichen Tempel. Dieser hieß, ebenso wie der (33 m lange) alte Athenatempel (s. S. 184 ff.), _Hekatompedos_, der 100füßige, wegen seines Längenmaßes von 100 altattischen Fuß = 32,84 m – man schließt daraus, daß seit der Erbauung des alten Athenatempels der altattische Fuß von 33 cm auf 32,84 cm gesunken sei. Zweimal neun dorische Säulen, über denen sich ein zweites Stockwerk von Säulen erhob, teilten den Raum in drei Schiffe. Im Mittelschiff stand dem Eintretenden gegenüber das 12 m hohe _Standbild der Göttin aus Gold und Elfenbein_, eines der Meisterwerke des Pheidias, von dessen Aussehen uns eine 1880 in Athen gefundene Marmorstatuette ein ziemlich genaues Bild gibt. Eine massive Wand schloß die Cella ab, wie beim alten Tempel. Hinter dem Haus der Göttin befand sich der Opisthodom, zu dem man von Westen her durch eine dem Pronaos gleiche Vorhalle eintrat. Dieser Raum, dessen Decke von vier Säulen getragen wird, führte den Namen _Parthenon_ im engeren Sinn: in ihm wurden Kultgeräte und Weihgeschenke aufbewahrt. Ist der ganze Bau, aus dem köstlichsten Material, pentelischem Marmor, mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit aufgeführt, ein architektonisches Meisterstück, so kommt zur Erhöhung der Wirkung noch plastischer Schmuck hinzu, in einem Reichtum, wie er sonst bei keinem griechischen Tempel wiederkehrt. Die 92 _Metopenplatten_ unter dem Dachgesims waren mit Hochreliefs geschmückt (Kämpfe der Giganten, Kentauren, Amazonen und Griechen vor Troja); in den beiden _Giebeln_ standen die mächtigen Giebelstatuen (Vorderseite: Geburt der Athene aus dem Haupte des Zeus inmitten der Versammlung der olympischen Götter, Rückseite: Streit der Athene und des Poseidon um Attika), und um den oberen Rand des Tempelhauses zog sich als fortlaufendes Band ein beinahe 160 m langer, 1 m hoher _Fries_ mit niederem Relief, den großen Festzug an den Panathenäen (vgl. § 53, S. 118 f.) darstellend. Die plastische Ausschmückung des Wunderbaues leitete Pheidias.

Ziemlich unversehrt erhielt sich derselbe aus dem Altertum bis in die Neuzeit. Zwar wurden nach seiner Umwandlung in eine christliche Kirche einige bauliche Veränderungen (Verlegung des Eingangs nach der Westseite und Anbau einer flachen Apsis) vorgenommen, und als er nach der Einnahme der Akropolis durch die Türken (1458) als Moschee dienen mußte, wurde an der Südwestecke ein Minarett errichtet, aber Giebel, Metopen und Fries waren gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch gut erhalten, wie aus den von dem Maler Carrey 1674 angefertigten Zeichnungen zu ersehen ist. Da wurde in dem 1687 zwischen den Venezianern und Türken entbrannten Kriege, als letztere auf der Akropolis eingeschlossen waren, am 26. September in den von den Türken als Pulvermagazin benutzten Parthenon eine Bombe geworfen, welche eine furchtbare Explosion bewirkte. Die ganze Mitte des Baues wurde herausgerissen; die in Trümmern umherliegenden Skulpturstücke wurden in der Folgezeit verschleppt oder zum Kalkbrennen verwendet. 1801–1806 brachte Lord Elgin die noch erhaltenen Werke der Plastik nach London, wo sie jetzt eine Hauptzierde des Britischen Museums bilden.

Ins Ende des 5. Jahrhunderts fällt die Vollendung des merkwürdigen Bauwerks nahe der Mitte der Nordmauer, direkt hinter dem alten Athenatempel, des _Erechtheions_. Dieser Tempel barg uralte Heiligtümer, das älteste, angeblich vom Himmel gefallene Holzbild der Athena, den Ölbaum und die Salzquelle, die Wahrzeichen, die Athena und Poseidon bei ihrem Wettstreit um das attische Land hervorgezaubert hatten. Hier handelte es sich um ausschließlich ionische Gottesdienste, und darum wurde der Tempel auch _in ionischem Stile_ erbaut, und zwar ist er als das vollendetste Musterbild dieses leichten, zierlichen, anmutigen Stils zu bezeichnen. Der Grundriß weicht von allen anderen griechischen Tempeln ab. Das Erechtheion zerfiel in _drei Teile_. Der _mittlere Hauptraum_, den man von Osten her durch eine herrliche, von sechs Säulen getragene _Vorhalle_ (Pronaos) betrat, war das _Heiligtum der Athena Polias_; hier befand sich jenes uralte Holzbild der Göttin, vor dem eine ewige Lampe brannte. Dieser Raum wurde im Westen von einer Massivmauer abgeschlossen. Wir müssen also, um in die anderen Gelasse zu kommen, wieder in die Vorhalle hinaustreten. Von dieser führte eine Freitreppe in nördlicher Richtung hinunter zu der 3 m tiefer liegenden _nördlichen Vorhalle_ (Prostasis), von der die weltberühmte Prachttüre ins Innere des _Hinterhauses_ führte. Dasselbe zerfiel in einen _Kellerraum_, in welchem die Salzquelle und die Dreizackspur Poseidons gezeigt wurden, und in ein _Obergelaß_, in dem drei Altäre, einer für Poseidon und Erechtheus, einer für den Heros Butes und einer für Hephäst, standen. Dies war _das eigentliche Erechtheion_, das dem ganzen Bau den Namen gab, wie der Perikleische Athenatempel nach seinem Hinterhaus Parthenon benannt wurde. Ebenso wie der Nordwand ist auch der _Südwand_ des Langhauses _eine (kleinere) Prostasis_ vorgelegt, deren zierliches Dach von Mädchen getragen wird, die vielgefeierte _Koren-_ (_κόρη_, Mädchen) oder _Karyatiden-Halle_ (vgl. Abbild. S. 147 Fig. 4), von der eine Treppe ins Innere des Hinterhauses hinabführte. Unmittelbar westlich vom Erechtheion stand der heilige Ölbaum der Athena.

Von anderen Heiligtümern ist noch zu nennen der heilige Bezirk (nicht Tempel!) der _Artemis Brauronia_ (deren Kult vom attischen Gau _Brauron_ stammte), eine große im Süden und Osten von offenen Säulenhallen umgebene Terrasse, die sich östlich an die Propyläen anschloß. Neben diesem Heiligtum befand sich die _Chalkothek_, ein großes Magazin für Weihgeschenke und Erzgeräte, die zum Dienst der Athena notwendig waren.

Damit haben wir die wichtigsten sicher bestimmbaren Bauwerke der Akropolis besprochen. Man würde nun aber irren, wollte man glauben, dies seien die einzigen Kunstwerke der Burg gewesen. Die ganze Burg war vielmehr ein großes Museum von Bildwerken aller Art, welche als _Weihgeschenke_ zu beiden Seiten der Wege, vor den Tempeln, in den heiligen Bezirken der Götter aufgestellt waren. Die verschiedensten Zeitalter konnten sich nicht genug tun, diese Hochburg der griechischen Kunst mit immer neuen Schätzen zu bereichern. Und als längst die Freiheit der Athener dahingesunken war, gewann der ewig junge Zauber höchster Geisteskultur, der die Stadt umschwebte, derselben fürstliche Gönner, die eine Ehre darein setzten, Athen, die Akropolis und damit sich selbst zu verherrlichen. Unter der unendlichen Zahl der _Weihgeschenke_ war wohl das großartigste das, welches König _Attalos I. von Pergamon_ (regierte 241–197 v. Chr.) an der Südmauer oberhalb des Dionysostheaters aufstellen ließ. Es waren vier figurenreiche Gruppen von Bronzestatuen: Kampf der Götter und Giganten, der Athener und Amazonen, der Griechen und Perser, der Pergamener und Galater. Über ihre Bedeutung s. § 72, S. 205. Nachbildungen einzelner Figuren sind in verschiedenen europäischen Museen erhalten.

Hier von der Südmauer herab haben wir auch den schönsten Überblick über die am Südabhang der Akropolis gelegenen Bauten. Da erblicken wir in schwindelnder Tiefe unter uns das große _Dionysostheater_, westlich davon, hart unter dem Burgfelsen, das _Asklepieion_, das Heiligtum des Heilgottes Asklepios, mit dem eine Kuranstalt verbunden war. Unterhalb desselben zieht sich in einer Länge von 163 m die Halle (Stoa) hin, die wahrscheinlich König _Eumenes_ II. von Pergamon (197–159 v. Chr.) den Athenern erbaute, und endlich im Anschluß daran erhebt sich das dramatischen und musikalischen Zwecken dienende _Odeion_, das der reiche Herodes Attikus aus Marathon, der Freund Mark Aurels, zwischen 160 und 170 n. Chr. errichtet hat.

*§ 71. Olympia.*

Von der Akropolis, dem Nationalheiligtum der ionischen Athener, begeben wir uns nach einem religiösen Mittelpunkt aller Hellenen, doch mit vorherrschend dorischem Gepräge, nach _Olympia_. Geschichte und Verlauf der olympischen Spiele wurden § 68 beschrieben.

Die Wiedererweckung Olympias nach mehr als tausendjährigem Schlaf ist eine Ehrentat des jungen Deutschen Reichs (1875–81), mit der die Namen des Archäologen und Historikers Ernst Curtius und seines hochsinnigen Gönners, des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, für immer verknüpft bleiben.

Indem wir den Rundgang durch den gewaltigen Gebäudekomplex von Olympia antreten, versetzen wir uns in das Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr., eine Zeit, da die Bautätigkeit in Olympia im wesentlichen abgeschlossen war. Der Kern der ganzen Anlage ist die _Altis_ (aus _ἄλσος_ = Hain), der heilige Bezirk des Zeus, in welchem die Tempel, Altäre und Weihgeschenke sich befanden. Wir betreten denselben durch das im Süden befindliche, wohl von Nero erbaute _Festtor_, das, wie ein Triumphbogen konstruiert, drei überwölbte Durchgänge hatte. Unter den zahllosen _Weihgeschenken_ erhebt sich auf hoher dreiseitiger Basis die von den Messeniern geweihte überlebensgroße _Nike_, ein Werk _des Paionios_ von Mende, welches, bis auf den Kopf wohlerhalten, bei der deutschen Ausgrabung wiedergefunden wurde.

Halblinks haltend, stehen wir alsbald vor dem Hauptbau der Altis, dem _Zeustempel_. Wahrscheinlich ca. 472 bis 460 von dem Eleier Libon aus einheimischem Muschelkalk in dorischem Stil erbaut, machte er einen weit massigeren und strengeren Eindruck als der Parthenon. Dem dreistufigen Unterbau ist an der Eingangsseite (Ost) ein Treppenbau vorgelegt, auf dem wir zur Säulenhalle (Peristyl) hinansteigen. An den Schmalseiten befinden sich je 6, an den Langseiten je 13 gewaltige Säulen (unterer Durchmesser 2,2 m, Höhe 10,4 m; Stylobat 200 olympische Fuß = 64,1 m: 27,7 m). Vom Peristyl treten wir in den Pronaos, der durch zwei Säulen zwischen zwei Anten gebildet ist, von da durch eine breite Türe in die einschließlich der Umfassungsmauern 100 olympische Fuß lange und 50 olympische Fuß breite Cella, die durch zwei Reihen von je sieben Säulen in ein breites Mittelschiff und zwei schmale Seitengänge zerfällt. Im Hintergrund der Cella schaute das vielbewunderte, etwa 40 Fuß hohe, sitzende _Kolossalbild des Zeus_, aus Gold und Elfenbein _von Pheidias_ gefertigt, mit mildem, hoheitsvollem Ernst auf den Besucher herab. (Vgl. die Münze von Elis S. 99, 4.) An plastischem Schmuck besaß der Tempel Giebelgruppen (im Osten: Vorbereitung zum Wagenrennen des Pelops und Dinomaos, im Westen: Kampf der Kentauren und Lapithen) und Metopenreliefs (die zwölf Arbeiten des Herakles) über dem Eingang zum Pronaos und Opisthodom.

Vom Tempel südöstlich gehend, gelangen wir an den weitläufigen _Palast_, den _Nero_, der selbst in Olympia auftrat, an der Stelle eines griechischen Gebäudes errichten ließ. Von da wenden wir uns nordwärts, vorbei an einer Reihe von Weihgeschenken, entlang der wegen ihres siebenfachen Widerhalles sogenannten _Echohalle_, dem prächtigen säulengetragenen Ostabschluß der Altis, welcher zur Zeit Philipps von Makedonien einer älteren, einfacheren Halle vorgelegt wurde. Hier fanden die Festgäste Schutz gegen die Witterung, von hier aus sahen sie der Prozession zum Zeusaltar und den Opfern zu. Am Nordende dieser Halle biegen wir rechts um und gelangen durch den überwölbten Tunnel (ältestes Beispiel eines regelrechten Gewölbes in Griechenland, 4. Jahrhundert) an das westliche Ende (den Ablauf) des 600 olympische Fuß = 192,27 m langen _Stadions_ (Laufbahn), das auf seinen künstlich aufgeschütteten, aber nicht mit Sitzen versehenen Wällen etwa 40 000 Zuschauern Raum bot. Südlich vom Stadion, mit diesem parallel laufend, lag der _Hippodrom_, den die Fluten des Alpheios ganz weggespült haben. Zurückkehrend sehen wir zur Rechten eine lange Reihe von _Zeusstatuen_, die Zanes (Zan, elische Form für Zeus), die aus Strafgeldern für Verletzung der Kampfregeln errichtet wurden. Hinter denselben erhebt sich eine Terrasse, auf der dreizehn _Schatzhäuser_ (Thesauren) stehen. Einzelne Städte errichteten dieselben, um in ihnen die Weihgeschenke der betreffenden Gemeinden zu vereinigen. Unterhalb dieser Terrasse stoßen wir wieder auf einen Tempel, das _Metroon_, der Göttermutter (_μήτηρ μεγάλη_) geweiht; es ist der späteste unter den drei Altistempeln (Diadochenzeit), in spätdorischem Stil mit schlanken Säulen in ziemlich kleinen Maßen erbaut. Zwischen Metroon und Zeustempel liegt der große _Zeusaltar_, dessen Grundriß eine Ellipse bildet, während er sonst, jedes künstlerischen Schmuckes entbehrend, nur aus Asche und Knochen aufgeschichtet war.

Vom Metroon unseren Gang nach Westen fortsetzend, stehen wir alsbald vor der _Exedra des Herodes Attikus_, einer prunkvollen Wasserkunst, die der fürstlich reiche Philosoph als Abschluß einer Wasserleitung erbauen ließ: im Vordergrund war ein stattliches Bassin, flankiert von zwei eleganten Rundtempelchen in korinthischem Stil und überragt von einer hohen, überwölbten Hauptkuppelnische, die alle Gebäude Olympias an Höhe übertraf. Wenden wir uns, so stehen wir gerade vor dem Eingang des dorischen _Heratempels_ (Heraion). Es ist der älteste Tempel der Altis und für die Geschichte der griechischen Architektur von besonderer Wichtigkeit. Im Grundriß fällt die langgestreckte Form auf (Peristyl 6 : 16 Säulen, Cella 50 : 18,7 m), welche für die ältesten Tempel charakteristisch ist. Eigentümlich ist ferner das Innere der Cella gebildet, indem aus den beiden Langseiten Quermauern vorspringen, wodurch je vier Nischen entstehen; in einer derselben wurde der berühmte Hermes des Praxiteles wiedergefunden. Die Cellawände, aus Lehmziegeln bestehend, die an der Sonne getrocknet waren (ältestes Beispiel in Griechenland!), waren mit einer horizontalen Holzdecke überdacht, über welcher sich erst der Dachstuhl erhob. Was aber am meisten auffällt, ist, daß die Säulen ganz verschiedene Maße und Formen zeigen. Dies rührt daher, daß die Säulen alle ursprünglich aus Holz bestanden und im Lauf der Zeiten, je nachdem die eine oder andere morsch wurde, der Bauweise der späteren Zeit entsprechend durch steinerne ersetzt wurden. Auch die oberen Bauteile bestanden aus Holz. Das Heraion liefert also den schlagenden Beweis für die schon früher vermutete Tatsache, daß der griechische Tempel ursprünglich ein Holzbau gewesen ist.