Part 13
_Die erste gezählte Feier fällt in das Jahr 776_ v. Chr. Damals habe Iphitos im Verein mit Lykurgos die Begehung der Spiele neu geordnet und mit Koroibos, dem Sieger im Wettlauf, die Aufzeichnung der Sieger begonnen, welche den Olympiaden ihren Namen gaben. _Die Zählung der Olympiaden_ ist indes erst durch den griechischen Geschichtsforscher Timaios (geb. ca. 350 v. Chr.) der _allgemein-griechischen Zeitrechnung_ zugrunde gelegt worden. _War das Fest ursprünglich ein eintägiges, so wurde seine Dauer 472 v. Chr. auf fünf Tage ausgedehnt_; war ja doch mit der Teilnahme auch die Zahl der üblichen Kampfesarten außerordentlich gewachsen.
Das Fest wurde noch lange gefeiert, nachdem der große Konstantin das Christentum staatlich anerkannt hatte; erst Theodosius erließ 393 n. Chr. ein Verbot desselben, dem 30 Jahre später Theodosius II. Nachdruck verschaffte, indem er in den Zeustempel Feuer legen ließ. Die gewaltigen Säulen und das Steingebälk desselben warfen Erdbeben (522 und 551 n. Chr.) zu Boden, und der Kladeos bedeckte die ganze Stätte mit 6 m hohem Sand und Geröll. (Beschreibung von Olympia s. § 71.)
_Die Feier des Festes_ verlief in seiner Glanzzeit (400 v. Chr.) etwa folgendermaßen: Sobald „die elischen Friedensbringer Zeus’ des Kroniden, der Jahreszeiten Herolde“, den Beginn des heiligen Mondes (_ἱερομηνία_) verkündet hatten und bei allen Hellenen umherzogen und zum Feste einluden, war in ganz Hellas Gottesfriede (_ἐκεχειρία_). Wer diesen verletzte, hatte schwere Buße zu zahlen. _Der Haupttag des Festes fiel auf den ersten Vollmond nach der Sommersonnenwende_, die ganze Dauer desselben in die Gluthitze des Hochsommers, Ende des Juni und Anfang des Juli. Längst vorher waren die Kampfbewerber in Olympia zusammengeströmt, um hier in dem Gymnasium und der Palästra die letzten Übungen durchzumachen und sich einer Prüfung ihrer Würdigkeit zu unterwerfen.
Hernach kamen die _Festgesandtschaften_ (_θεωρίαι_) der hellenischen Städte; die üppige Pracht ihrer Gewänder, Schmuckstücke, Wagen, Pferde und Schätze sollte den Reichtum und die Macht ihrer Heimat vor ganz Hellas zeigen. Endlich strömte die zahllose Schar der Hellenen aller Gaue und Mundarten zusammen und lagerte sich in der weiten Alpheiosebene unter freiem Himmel, begierig, in den nächsten Tagen Hellas’ Pracht und Macht, Kunst und Herrlichkeit zu schauen. Die Leitung des ganzen Festes und die Entscheidung über die Kampfpreise lag in den Händen von neun, später zehn, aus den elischen Bürgern gewählten „_Hellanodikai_“.
_Der erste Tag_ begann mit dem _Opfer_, welches die Eleer dem _olympischen Zeus_ am großen Aschenaltar darbrachten; darauf opferten auch die Festgesandtschaften und überreichten die kostbaren Weihgeschenke ihrer Städte. Sodann ließen die Hellanodikai die Kampfbewerber schwören, daß sie sich während der letzten zehn Monate nach den Vorschriften gewissenhaft vorbereitet haben und sich keiner unerlaubten Mittel im Kampfe bedienen werden, und verlosten die einzelnen Paare. Wer hierbei übrig blieb, wartete als Zuschauer (_ἔφεδρος_), um hernach mit einem Sieger zu kämpfen. Wer keinen Gegner fand, siegte, „ohne staubig zu werden“ (_ἀκονιτί_).
Schon vor dem Grauen des _zweiten Tages_ waren die das _Stadion_ (Laufbahn) umschließenden Wälle und der Abhang des Kronoshügels dicht besetzt mit Tausenden von Zuschauern, die des großen Schauspieles harrten, das heute mit den _Wettkämpfen der Knaben_ im Lauf, Ringen und Faustkampf seinen Anfang nahm.
Darauf folgten _am dritten Tag_ die Kampfspiele der Männer, und zwar:
1. _Der Wettlauf_, das älteste aller Kampfspiele. Man begann mit dem Dauerlauf (_δόλιχος_), wobei es galt, die genau 600 olympische Fuß (= 192 m) lange Laufbahn 24mal zurückzulegen. Völlig nackt eilten die Läufer über die Bahn im tiefen Sand dahin. Schön sagt ein Epigramm von einem Sieger im Lauf:
„Nur an den Schranken erblickten wir ihn, des Menekles Sprößling, Oder am äußersten Ziel, nicht in der Mitte der Bahn.“
Bei dem darauf folgenden einfachen Wettlauf (_στάδιον_) wurde die Bahn nur einmal, bei dem Doppellauf (_δίαυλος_) sodann zweimal durchmessen. Der Sieg im einfachen Wettlauf galt für besonders ehrenvoll, weil nach dem Sieger die Olympiade benannt wurde.
2. Der _Ringkampf_ (_πάλη_). Sieger war, wer seinen Gegner dreimal so geworfen hatte, daß dieser mit beiden Schultern den Boden berührte; dabei war vieles erlaubt, was heute als unstatthaft gilt: dem Gegner ein Bein zu stellen, denselben in die Kniekehle zu schlagen, ein Bein emporzureißen, die Glieder zu verdrehen, ihn durch Seitensprung von hinten zu fassen oder mit den Schenkeln zu umschlingen.
3. Der _Faustkampf_ (_πυγμή_). Hierfür wurden die Hände und Unterarme mit weichen Riemen von Ochsenhaut umwunden, die später noch mit Metallplatten belegt wurden. Wer nicht rechtzeitig mit dem Arme parierte oder mit dem Körper ausbog, dem fielen die Fausthiebe wie Hammerschläge auf Haupt und Brust nieder. Deutlich bezeugen dies noch heute die verschwollenen „Faustkämpferohren“ an alten Bildwerken.
4. Der _vereinte Ring- und Faustkampf_ (_παγκράτιον_), welcher nicht mit dem Werfen, sondern erst dann endete, wenn der Geworfene durch Ausstrecken der Hand sich für besiegt erklärte. Mag diese Kampfart von Hause aus berechtigt gewesen sein, insofern hier nur die mit geschulter Gewandtheit vereinte Körperkraft siegte: späterhin hat dieselbe jene Zunft der Berufsathleten mit den „gewaltigen Stieresmuskeln, Schultern ganz von Erz“ großgezogen, welche dem Schöpfer des „Herakles Farnese“ das Vorbild geliefert haben.
Der _vierte Tag_ brachte 1. das glänzendste Schauspiel: die _Wagenrennen_. Man rannte mit Viergespannen (seit 404), auch mit Zweigespannen von ausgewachsenen Pferden (_συνωρὶς τελείων ἵππων_) oder (seit 380) von Fohlen (_πώλων_). Zahllose bildliche Darstellungen, insbesondere aber die herrlichen Schilderungen Homers (Il. 23, 262 ff.) und Sophokles’ (Elektra 698 ff.) vergegenwärtigen uns die tieferregte Anteilnahme der Zuschauer. Besondere Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit erforderte das Umfahren der Zielsäule (_νύσσα_); bei dem Gedränge, das hier entstand – es liefen immer alle konkurrierenden Gespanne auf einmal –, waren Unglücksfälle nicht selten. Wie heutzutage siegten die Pferde und ihr Besitzer, nicht etwa der Wagenlenker oder Reiter, der im Fall des Sieges nur eine Siegerbinde (Tänia) erhielt. Seit 648 war auch das _Wettreiten_ (_κέλητι_) in Olympia eingeführt.
Hierauf folgte 2. der _Fünfkampf_ (_πένταθλον – ἅλμα, ποδωκείην, δίσκον, ἄκοντα, πάλην_), welcher die Vereinigung der ältesten und einfachsten Wettkämpfe und damit die Blüte hellenischer Gymnastik darstellt. „Die Kämpfer im Pentathlon“, sagt Aristoteles, „sind die schönsten Leute, da ihr Körper zur Kraftleistung und zur Schnelligkeit in gleicher Weise befähigt ist.“ Nach dem feierlichen Vortrag eines „pythischen Liedes“ durch den Flötenspieler begann der Kampf mit dem _Weitsprung_. Man sprang mit Schwungkolben (_ἁλτῆρες_), unseren Hanteln ähnlich, in den Händen, welche sowohl die Weite des Sprunges als die Sicherheit des Niederkommens steigerten. Es folgte der Wurf des _Diskos_, einer linsenförmigen Erzscheibe, welche möglichst weit frei durch die Luft geschleudert werden mußte. Mit _Speerwurf_ nach einem Ziele, _Lauf_ und _Ringkampf_ schloß das Pentathlon. Die lange Reihe der dreitägigen Wettkämpfe endete mit 3. dem _Kriegerlauf_ (_ὁπλιτῶν δρόμος_), einem Wettlauf junger Krieger, welche früher in voller Waffenrüstung, später nur mit ehernem Schilde bewehrt liefen.
Der _fünfte Tag_ war der _Tag der Sieger_. Nachdem schon vorher jeder Sieger einen Palmzweig erhalten hatte, überreichten ihnen jetzt die Hellanodiken das köstlichste Besitztum eines Hellenen, den zum Kranze gebogenen Ölzweig, den ein Knabe, dem beide Eltern noch lebten (_παῖς ἀμφιθαλής_), mit goldenem Messer vom heiligen Ölbaum (_κότινος_) geschnitten hatte. Herolde verkündeten allem Volk die Namen der Sieger, ihrer Väter und Heimatsorte. In festlichem Zuge, voran die reichgeschmückten Festgesandtschaften, zogen die Sieger zu den Altären der Götter, ihre Dankopfer darzubringen. Festliche Reigen sangen frohe Lieder, bis die Sieger zum _Festmahl im Prytaneion_ gerufen wurden, wo Dichter wie Pindar durch Siegeslieder (_ἐπινίκια_) ihren Ruhm feierten. Große Ehren erwarteten die Sieger zu Hause: so singt Xenophanes von Kolophon (ca. 530 v. Chr.):
„Ja, wenn einer den Sieg mit hurtigen Füßen erwürbe, Oder im Fünfwettkampf, wo das Gehege des Zeus Liegt an Pisas Flut in Olympia, oder als Ringer, Oder auch, daß er der Faust schmerzende Künste versteh’, Oder den schrecklichen Kampf Pankration, wie sie ihn heißen, Herrlicher scheint er dann allen den Bürgern zu schau’n, Wird bei Spielen die Ehre des vordersten Sitzes erhalten Und durch Speisung geehrt aus dem Vermögen des Volks, Auch ein Geschenk von der Stadt wird stets ihm bleiben als Kleinod.“
Als Alkibiades einst einen dreifachen Wagensieg errungen, bewirtete er die ganze Festmenge, wozu ihm Lesbos den Wein gab. In der Altis (§ 71) konnte der Sieger eine Statue mit Inschrift aufstellen lassen; doch erst nach dem dritten Siege durfte sie Porträtähnlichkeit haben. Aber so groß einst die Zahl dieser _Siegerstatuen_ gewesen war, keine derselben ist unversehrt gefunden worden. Auch nach dem Ende des Festes blieben Tausende in Olympia versammelt. Ein großer Markt von Handwerkern, Künstlern, Kaufleuten hatte sich ringsum ausgebreitet; Beschlüsse und Verträge von Staaten wurden verkündet; Geschichtschreiber und Dichter lasen ihre Werke vor, Redner und Philosophen hielten Vorträge (_ἐπιδείξεις_): Herodot, Gorgias, Hippias, Prodikos, Lysias (_or._ 33) und andere haben hier zu ganz Hellas gesprochen.
V. ABSCHNITT.
*KLASSISCHE RUINENSTÄTTEN.*
Nicht bloß aus den Schätzen der Literatur schöpfen wir die Kenntnis des griechischen Altertums, sondern auch der unerschöpflich reiche Boden von Hellas selbst spendet uns immer reichlicher fließende Quellen für die Erkenntnis des öffentlichen Lebens, der Kunst und des Gottesdienstes jenes edelsten Volkes der alten Welt; wie Dio Chrysostomus in der 31. Rede sagt: „noch mehr freilich tun die Steine und die Trümmer der Bauwerke die hehre Pracht und Hoheit von Hellas kund.“ Und zwar sind die Ruinenstätten Griechenlands Zeugen der verschiedensten Kulturepochen von den Tagen des heroischen Königtums bis in die Zeiten der römischen Kaiser herab.
*§ 69. Tiryns und Mykenä.*
Wir beginnen unseren Rundgang mit der sagenumsponnenen Burg des „festummauerten“ _Tiryns_ (s. Plan), dem Herrschersitz des Perseus, wohin die alte Sage die Geburt des Herakles verlegt. Von der uralten Seestadt Nauplia, am inneren Winkel des Argolischen Meerbusens, wandern wir auf der Straße nach Argos dahin und gelangen etwa beim 4. Kilometerstein an einen langgestreckten, etwa 30 m langen und fast 100 m breiten Hügel rechts der Straße, der sich von allen Seiten frei nur 18 m über die argivische Ebene erhebt (22 m Meereshöhe). Wir begeben uns an die vom Meere abgekehrte östliche Langseite des Kalksteinfelsen, an welcher der fahrbare Hauptaufgang zur Burg emporführt. Um die Steigung aus der Ebene allmählich zu überwinden, ist in nord-südlicher Richtung dem Berg entlang eine Rampe aufgemauert (1), auf der man (bei 3) an einen _Mauerdurchlaß_ (nicht Tor!) gelangt, der rechts von einem massigen, noch heute mehr als 7 m hohen _Turm_ (2) überragt wird.
Wir sind in den Mauerring eingetreten. Von dem Durchlaß zweigt rechts der Weg zur niedriger gelegenen Mittelburg ab, während der Weg zur Oberburg in der bisherigen Richtung weiterführt, von hohen Mauern umschlossen. Der Weg ist gesperrt durch das feste _Burgtor_ (4). Wir durchschreiten dasselbe, gelangen auf einen weiten Vorplatz (5) und stehen nun vor dem auf der Südseite der Oberburg angelegten _großen Propylaion_ (Torbau, 6), das nicht zur Befestigung, sondern zum Schmuck diente. Die Bestandteile der sehr einfachen, im wesentlichen bis in die Blütezeit der griechischen Baukunst beibehaltenen Anlage sind 1. die eigentliche Torwand (in der Mitte) mit der zweiflügeligen Tür, 2. die Vorhalle, deren Schauseite gebildet ist durch zwei Säulen zwischen zwei „Anten“ (Mauerenden), 3. die Hinterhalle.
Haben wir diesen Torbau passiert, so öffnet sich vor uns der _große Vorhof_ (7), und wir stehen nun auf der Stätte der erfolgreichen Ausgrabungen Schliemanns und Dörpfelds in den Jahren 1884/85, die uns zum erstenmal eine klare Vorstellung von der Anlage eines _heroischen Herrscherpalastes_ gegeben haben. Ein zweites, _kleineres Propylaion_ (8) von derselben Anlage wie das erste, in dem wir das homerische _πρόθυρον τῆς αὐλῆς_ (Od. 1, 103) erkennen dürfen, führt uns in den säulenumgebenen _Hof der Männerwohnung_ (9), die _αὐλή_. Noch ist der solide Kalkestrich erhalten, auf dem vor drei Jahrtausenden die Herren der Burg, ihre Mannen und Gäste wandelten. An der Südseite befindet sich der mächtige _Altar_ (s. Plan), auf dem der Herr des Hauses opferte (Il. 11, 772 ff.).
An die Nordseite des Hofes, also gegen Süden geöffnet, schließt sich der _Männersaal_ (_μέγαρον_) an, der Mittelpunkt des Palastes, der höchste Punkt der Burg. Vom Hofe aus betritt man zuerst die _Vorhalle_ (10) (_αἴθουσα δώματος_); von dieser führen drei Türen zu einem _Vorsaal_ (_πρόδομος_), von diesem eine Tür in den _eigentlichen Saal_ (11). Die Menge der zu durchschreitenden Vorräume (sechs im ganzen) kennzeichnet die Hoheit des Herrschers. Vier Holzsäulen in der Mitte dienten als Stützen für das Dach, das wohl in der Mitte eine Öffnung für Oberlicht und Rauchdurchlaß hatte. Zwischen diesen Säulen war nämlich der runde Herd angeordnet. Der Grundriß des Megaron kehrt fast genau wieder bei den ältesten griechischen Tempeln, den Wohnhäusern der Götter.
Sehr überraschend war, daß sich bei den Ausgrabungen keine direkte Verbindung vom Männersaal zum _Frauengemach_ (IV) vorfand. Letzteres lag, rings von anderen Gemächern umgeben, schwer zugänglich im innersten Teil des Palastes. Wir erreichen es, wenn wir vom großen Propylaion (6) aus den langen Korridor (I), dann den Vorhof (II), endlich den Hof (III) durchschreiten. Die Ähnlichkeit mit dem Männersaal springt sofort ins Auge, nur die Maße sind bedeutend kleiner. Unter den _Nebengelassen_, die wohl zum großen Teil als Schlafgemächer für Herrschaft und Gesinde dienten, ist besonders hervorzuheben das kleine, fast quadratische _Badezimmer_ (12), dessen Boden aus einem einzigen kolossalen Stein besteht.
Wir wenden uns nun zu den riesenhaften _Befestigungen_. Den späteren Griechen erschienen sie so gewaltig, daß sie den Bau derselben dämonischen Wesen, den Kyklopen, zuschrieben, und daß der griechische Baedeker Pausanias (2. Jahrh. n. Chr.) sie den ägyptischen Pyramiden an die Seite stellte. Mächtige, kaum bearbeitete Blöcke sind aufeinandergetürmt, die Fugen durch kleinere Steine und Lehmmörtel ausgefüllt. Höchst interessant ist die Mauerkonstruktion an der Süd- und Ostseite. Von dem großen Burghof (7) führt nämlich, den Mauerkern durchbrechend, eine schmale Treppe (A) in den 7 m tiefer gelegenen, überwölbten Korridor (C); in diesen münden fünf stattliche, gleichfalls überwölbte Kammern (BB). Über diesen unterirdischen Gängen und Kammern erhob sich der massive Mauerbau, der an dieser Stelle, ein unzerstörbares Bollwerk bildend, die mächtige Dicke von ca. 17 m erreichte, während sonst die Mauerstärke gegen 8 m beträgt. Ganz gleich ist die Anlage an der Nordostseite. Ohne Zweifel dienten diese kasemattenartigen Kammern, die sich in ganz ähnlicher Konstruktion in Karthago finden, als Magazine für Lebensmittel, Waffenvorräte u. dgl.
Die Königsburg von Tiryns weist auf einfache, ursprüngliche Lebensverhältnisse, wie die Gedichte Homers. Sie zeigt einfachen, an orientalische Muster gemahnenden Schmuck und ist an Pracht und Ausdehnung nicht zu vergleichen mit den Palästen der assyrischen und ägyptischen Herrscher. Und doch zeigt die kolossale, übrigens durch und durch praktische und übersichtliche Anlage, daß der bauende Herrscher eine _despotische Gewalt_ über seine Untertanen besessen haben muß, vermöge deren er sie zwang, die _Steinkolosse_ (die Bodenplatte des Badezimmers wiegt ca. 400 Ztr., die Mauersteine meist 80–200 Ztr.; der Türsturz des Löwentors von Mykenä etwa 600 Ztr., ein Stein am sog. Schatzhaus des Atreus gar 2400 Ztr.) aus den Steinbrüchen beizuschaffen und zusammenzufügen. _Tiryns war für jene Zeiten eine Festung ersten Ranges_, die dem Herrscherhaus unbedingte Sicherheit gegen feindliche Angriffe bot. Die wichtigsten Mittel der Verteidigung sind richtig und mit sicherem Blick verwendet, außer den starken Mauern Türme (d, e, 2, den Mauerdurchlaß rechts, also den Angreifer an der unbeschildeten Seite flankierend), ferner möglichste Beschränkung der Zugänge: es sind deren nur zwei, das Haupttor, durch welches der Fahrweg führt, und die schmale, von Westen direkt auf die Mittel- und Oberburg führende Treppe (b), die leicht zu sperren war und bei Überfällen einen geschickten Ausweg bot, um entweder den von Osten Angreifenden in den Rücken zu fallen oder im letzten Augenblick die Burg unbemerkt zu verlassen. Außerdem ist für Vorratskammern (B, f) und Wasser (c Zisterne) Vorsorge getroffen. Kurz, wir haben in Tiryns das vollendetste und besterhaltene Muster einer vorhomerischen Königsburg.
Wenden wir den Blick von der Burg gen Norden, so haben wir vor uns den Berg, der das hochberühmte Heraion, den Tempel der argivischen Hera, trug; hinter demselben liegen die Ruinen der Königsburg _Mykenä_, des Herrschersitzes Agamemnons. Wenn Tiryns die nahe Meeresküste und Ebene beherrschte, so war Mykenä ein Bergschloß, das, ebenso uneinnehmbar, die von Norden kommenden Straßen sperrte. Die einer etwas späteren Zeit angehörigen _Mauern_ der Burg sind regelmäßiger und kunstvoller als in Tiryns; außer den oben beschriebenen sog. kyklopischen Mauern finden sich nämlich hier auch solche, die aus sorgfältig aneinandergepaßten polygonen und oblongen Steinen gebildet sind. Aber auch hier finden wir nur zwei Zugänge, von denen der westliche als das _Löwentor_ weltbekannt ist. Zu demselben führt ein prachtvoll gemauerter Torweg, dessen rechte Seite durch einen Turm gedeckt ist. Das Tor ist gebildet durch zwei mächtige Türpfosten, über welche der Türsturz gelegt ist, ein einziger kolossaler Stein von 5 m Länge, 2,5 m Tiefe, ca. 1 m Höhe. Eine zweiflügelige Türe, die mit Querbalken gesperrt wurde, schloß die Öffnung. Über dem Türsturz ist hier, wie bei allen Toren dieser Epoche, in der über dem Tor aufsteigenden Mauer ein dreieckiger Raum ausgespart, damit der Druck der Mauer nicht die Mitte des Türsturzbalkens belaste. Dieses Dreieck ist in Mykenä mit einer ziemlich dünnen Platte ausgefüllt, worauf in erhabener Arbeit zwei als Wappentiere gegen eine Säule ansteigende _Löwen_ dargestellt sind, wohl das älteste Denkmal der Bildhauerei auf griechischem Boden.
Im übrigen nimmt Mykenä eine einzigartige Stellung ein durch seine _Grabbauten_. 1876 wurden von Schliemann innerhalb des Burgrings beim Löwentore in einem von einer doppelten Reihe aufrechtstehender Platten umschlossenen Kreise von 26,5 m Durchmesser sechs in den Felsen der Burg gehauene _Schachtgräber_ mit reichen Goldschätzen (Totenmasken, Bechern, Diademen und sonstigen Schmuckgegenständen) aufgedeckt. Über dem vierten Grabe fand sich eine ummauerte Opfergrube, durch welche man die Spenden für die Toten in die Erde fließen ließ, ein monumentaler Beweis dafür, daß schon in der ältesten Zeit bei den Griechen ein Seelenkult bestand (vgl. § 51). Großartige _Kuppelgräber_ befinden sich außerhalb der Burg, die _sog. Schatzhäuser_ (Thesauren), von welchen das _des Atreus_ am besten erhalten ist. Ein 6 m breiter und 35 m langer Gang, _Dromos_, führt durch ein von zwei mächtigen Steinbalken überdecktes Portal in einen kreisrunden Kuppelbau, _Tholos_, von 15 m Durchmesser am Fußboden und gleicher Höhe; der bienenkorbartige Raum ist durch 33 horizontale übereinander vorragende Steinringe von sorgfältigster Konstruktion gebildet. Von dem Hauptraum führt eine Türe in ein in den Felsen eingehauenes _Nebengemach_ von 6,5 m Quadratfläche und 3 m Höhe, wohl die _eigentliche Grabkammer_, während der gewölbte Hauptraum für die Darbringung der Totenopfer bestimmt war. (Vgl. auch § 63.)
*§ 70. Die Akropolis von Athen.*
Von den Königsburgen der sagenberühmten Herrengeschlechter richten wir den Blick auf die heilige Götterburg der Athener, die _Akropolis_. Nicht von jeher hat dieselbe heiligen Zwecken gedient. Reichen Wechsel der Menschen und Verhältnisse hat sie im Lauf der Jahrhunderte gesehen. Ein frei und kühn aufragender Kalkfels (156 m über dem Meer, ca. 80 m über der Stadt, gegen 300 m lang und bis zu 130 m breit), war die Akropolis in kriegerischer, friedloser Zeit wie geschaffen zur Anlage einer festen Burg, hoch genug, um die umliegenden niedrigeren Hügel und die Ebene zu beherrschen, ohne daß jedoch der Verkehr mit der unteren Gegend irgend erschwert gewesen wäre, und weit genug vom Meere entfernt, um gegen räuberische Überfälle von dieser Seite her gesichert zu sein. An die Akropolis knüpfen sich die ersten historischen Erinnerungen der Athener an, hier war die älteste Ansiedelung; an die Burg lehnte sich allmählich, ähnlich wie im Mittelalter, die Stadt an. Dementsprechend ist die ursprüngliche, noch in den attischen Urkunden der späteren Zeit übliche Bezeichnung der Burg einfach _Polis_; seitdem eine Unterstadt entstanden war, kam zur genaueren Unterscheidung der Name _Akropolis_ auf.
So befand sich denn auf der Burg, vermutlich in ähnlicher Anlage wie auf Tiryns, der uralte _Herrschersitz_ des sagenhaften Königs Kekrops (daher Kekropia) und seiner Nachfolger, später des Theseus und seines Geschlechts; Reste des alten Königspalastes sind auf der Nordseite der Burg östlich vom Erechtheion aufgedeckt worden (s. Plan!). Natürlich war derselbe von mächtigen sogenannten kyklopischen (§ 69) Mauern umgeben, die am stärksten sein mußten im Westen, weil hier der Berg von dem niedrigeren Areopag nur durch eine kleine Einsattelung getrennt ist. Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß uns auch von dieser ansehnlichen Befestigung Reste erhalten sind in mächtigen Mauerstücken südlich von den Propyläen, an der SW.-Ecke des Parthenon und der SO.-Ecke der Burg. Mauer und Palast, von den Athenern auf die Ureinwohner, die Pelasger, zurückgeführt, hießen später das _Pelasgikon_.
Auch nach dem Aufhören der Königsherrschaft behielt die Akropolis ihren Charakter als Festung. Hier residierten die Peisistratiden, wohl in dem alten Königspalast. Aus ihrer Zeit (6. Jahrh.) stammte der durch eine glückliche Entdeckung des Jahres 1885 in seinen Fundamenten aufgefundene _alte Athenatempel_ der Burg (s. Plan).
Es war die alte Hauptstätte des Athenakultes, die Peisistratos, der Stifter des Hauptfestes der Stadtgöttin, der Panathenäen, verschönte, indem er um das schon früher erbaute eigentliche Tempelhaus eine Säulenhalle dorischen Stils legte, so daß der Tempel ein sog. Peripteros wurde. Wegen seiner Länge von 100 altatt. Fuß = 33 m hieß der Tempel _Hekatompedos_, der 100füßige. Das Material des Baues war Kalkstein aus dem Peiraieus, sog. Poros. Durchschritt man die Säulenhalle von Osten her, so gelangte man zunächst in die Vorhalle (Pronaos), von hier in das durch zwei Säulenreihen in drei Schiffe geteilte, eigentliche Gotteshaus (Naos), in dem ein altes Kultbild der Göttin stand. Hinter diesem Hauptraum, von ihm durch eine massive Wand getrennt, lag das aus einem Saal und zwei Kammern bestehende Hinterhaus (Opisthodomos), das nur von Westen aus betreten werden konnte. Dies war das Schatzhaus der Athena; hier wurden die Gelder der Göttin und seit 454 v. Chr. der Tribut der athenischen Bundesgenossen aufbewahrt und verwaltet.