Part 11
zeigt nicht jene Überfülle von Hausrat, welche wir heutzutage in unseren engen Wohnräumen unterzubringen lieben; insbesondere waren alle Geräte, welche, wie Truhen (_λάρνακες, χηλοί_) und Kästchen (_κιβώτια_), an Stelle unserer bei den Griechen nicht gebräuchlichen Schränke, zur Aufbewahrung von Kleidern u. dergl. dienten, nicht im großen Wohn- und Empfangssaal, sondern in Nebengelassen untergebracht. Rings an den Wänden lief eine niedere _Bank_, welche nach Art des orientalischen Diwans mit Polstern und Teppichen belegt war. Seitdem die asiatische Sitte, beim Ausruhen wie bei der Mahlzeit zu liegen statt zu sitzen, Eingang gefunden hatte, begegnet uns in jedem Hause die _Kline_ (_κλίνη_), ein vierfüßiges Lagergestell mit Gurten, Matratze und Kopfpolstern, welches als Speisesofa wie als Ruhebett diente. Der hohe _Thronsessel_ (_θρόνος_) mit Rücken- und Armlehnen nebst Fußbank (_θρῆνυς_), auf welchem bei Homer der Hausvater und werte Gäste Platz nehmen, ist nur noch der altehrwürdige Sitz für Götter, Priester, Richter und Beamte. Dem gewöhnlichen Gebrauche dient der _Lehnsessel_ (_κλισμός_) mit geschweifter Rücklehne und ebensolchen Füßen und besonders der niedrige Stuhl ohne Lehne oder _Hocker_ (_δίφρος_). Vor dem Ruhebett sehen wir auf Vasenbildern zumeist ein niederes, dreifüßiges _Eßtischchen_ (_τράπεζα_) mit Speisen und Getränken stehen. Bei Festgelagen werden mehrere zwei- und dreilägerige Ruhebetten um einen Speisetisch aufgestellt, wie wir dies beim römischen „_triclinium_“ (Dreisofa) wiederfinden. Der Beleuchtung dienen bei Homer mit Kienspänen und Pech gefüllte _Leuchtpfannen_ (_λαμπτῆρες_) und _Kienfackeln_, welch letztere später nur zum nächtlichen Ausgang benützt werden; innerhalb des Hauses werden kleine runde _Tonlämpchen für Öl_ (_λύχνος_) verwendet mit einem Henkel, einer Öffnung zum Einfüllen des Öls und einer oder mehreren Schnauzen für den Docht. Um das Licht zu steigern, werden mehrere solcher Lämpchen an einem hohen Gestell aufgehängt.
Besondere Kunst wurde auf die _Tongefäße_ verwendet. In den reichen Vasensammlungen zu Berlin und München sehen wir neben dem großen _Tonfaß_ (_πίθος_), welches einst dem Diogenes wie hundert anderen (in Athen namentlich zur Zeit des Peloponnesischen Kriegs) als Wohnung diente, den zweihenkeligen Krug, die _Amphora_ (_ἀμφορεύς = ἀμφιφορεύς_), den _Wasserkrug_ (_ὑδρία_), der, weil auf dem Kopf getragen, den Schwerpunkt weit oben hat, das schlanke, enghalsige _Salbenfläschchen_ (_λήκυθος_), den weitbauchigen _Mischkessel_ (_κρατήρ_), in welchem der Wein mit Wasser gemischt wurde, die tellerartige _Trinkschale_ (_φιάλη_), die Trinkschale mit Fuß und Henkel (_κύλιξ_), den tassenförmigen _Trinkbecher_ mit zwei hohen Henkeln (_κάνθαρος_), die Trink- und _Schöpftasse_ (_κύαθος_), das _Trinkhorn_ (_ῥυτόν_) in den verschiedensten Formen von Tierköpfen. Fast alle diese Gefäße sind mit Verzierungen und Bildern bemalt; nach der Eigentümlichkeit dieser _Malereien_ unterscheiden wir vier _Stilarten_, welche eine fortschreitende Entwicklung des künstlerischen Könnens sowohl im Bau der Gefäße als in der Zeichnung und Farbe darstellen.
1. Im _urgriechischen Stil_ wird die Malerei einfarbig auf den rohen Ton aufgetragen; dieselbe stellt entweder lineare Zeichnungen des Webstils oder Haustiere und europäisches Jagdwild oder Szenen des täglichen Lebens dar, alles schematisch steif in langen Reihen übereinander den Bauch des Gefäßes umschließend. Hervorragende Muster dieses Stiles sind die _Dipylonvasen_, welche beim Dipylon, dem großen Westtor Athens, gefunden wurden.
2. Der _asiatisierende Stil_ verrät seine Herkunft durch Bilder von orientalischen Tieren und Pflanzen, wie Löwen, Panthern, Antilopen, Greifen, Sphinxen; Palmetten, Lotosknospen, Rosetten und Arabesken. Es sind Erzeugnisse nicht einer jugendlichen, sondern einer betagten Kunst, welche mit konventionell stilisierten Formen arbeitet.
Seitdem es gelungen war, durch Mischung einen Ton von leuchtendem Rot und eine Malfarbe von tiefem Schwarz herzustellen, wird die hellenische Vasenmalerei durch die zwei Grundfarben Rot und Schwarz beherrscht.
3. Im _schwarzfigurigen Stil_ wurde das Gefäß mit jener tiefschwarzen Farbe überdeckt und nur für das Bild eine Fläche ausgespart, innerhalb deren der rote Tongrund sichtbar wurde. Auf diesen wurden die allgemeinen Umrisse der _Figuren_ mit einem spitzen Instrument eingeritzt, dann mittels des Pinsels _mit_ demselben _Schwarz ausgefüllt_ und die so entstandenen Schattenbilder im einzelnen durch feine, mit scharfem Griffel eingeritzte Linien näher ausgeführt. Hierauf wurde das ganze Gefäß mit einem zarten Firnis überzogen, welcher dem Rot und Schwarz einen metallischen Glanz verlieh, und nochmals gebrannt, wodurch sich die schwarze Lackfarbe mit dem Ton aufs innigste verband. Endlich wird mit Deckfarben, wie Weiß (auf nackten Körperteilen von Frauen) und Rotbraun, dem Verständnis nachgeholfen. An die Stelle der in langen Reihen eintönig wiederholten Darstellungen tritt das _Hauptbild_, welches eine Szene aus den alten Heldenliedern, Göttersagen oder dem täglichen Leben darstellt; das reine Ornament, wie Blätterkranz und Palmettenband, wird an den Fuß, Hals, Henkel und Deckel verwiesen, wo dasselbe den Aufbau des Gefäßes zu verdeutlichen hat. Dem Reichtum und der Schönheit dieser Ornamente gegenüber fällt die Unbeholfenheit in der Zeichnung der Körper, die Übertreibung der Muskeln und Bewegungen und die harte Gewandbehandlung unangenehm auf. Und doch zeigt die frische Beobachtung des Lebens ein jugendliches Streben, welches von der Zukunft Schönes hoffen läßt. Die häufigste Gefäßform dieses Stiles ist die _Amphora_, eine besondere Art der letzteren die _panathenäische Preisvase_ (vgl. § 53), welche die Sieger in den Wettkämpfen am Feste der Panathenäen mit Öl gefüllt erhielten. Das vordere Bild zeigt Athena mit Helm, Schild und Speer, zwischen zwei Säulen schreitend, das rückwärtige stellt den betreffenden Wettkampf dar.
4. _Der rotfigurige Stil_ zeigt die attische Vasenmalerei auf ihrem Höhepunkt. Dieser Stil, dessen früheste Muster der Zeit um 500 v. Chr. angehören, geht erst neben dem schwarzfigurigen her, um ihn hernach völlig zu verdrängen. Wurden bisher Bildflächen, so werden jetzt _Figuren von der roten Farbe des Tons_ aus dem das Gefäß deckenden Schwarz ausgespart; dieser hellrote Grund bot den freiesten Spielraum für die Innenzeichnung dar, welche nun aus strenger Schönheit zur freiesten Anmut sich entfaltet. Nur vereinzelt und dann sehr maßvoll werden Weiß, Dunkelrot, Braun oder auch Blattgold als Deckfarben benutzt; eine eigentümliche Behandlung dagegen zeigen die Salbgefäßchen, bei welchen die ganze zu bemalende Fläche mit weißem Kreidegrund überzogen ist. Das Lieblingskind des rotfigurigen Stiles ist die Trinkschale, deren runde Formen dem Zeichner ebenso schwierige als lohnende Aufgaben stellten.
Seitdem das Hellenentum durch die Züge Alexanders und seiner Nachfolger engere Verbindung mit dem Orient gewonnen und sich so zum _Hellenismus_ erweitert hat, dringt der orientalische Geschmack auch in das griechische Haus ein. Zwar bleiben die Formen der Geräte im allgemeinen dieselben, aber das Material wird kostbarer, die Arbeit raffinierter. Tische, Platten, Kästchen werden mit feinen Holzarten, wie Zeder, Ebenholz, Thuja, sogar Schildpatt und Elfenbein bekleidet; der schlichte Ton der Gefäße wird durch Glas, Bronze, Silber und Gold verdrängt, deren Glanz durch Kristalle und Edelsteine gesteigert wird. Die hochentwickelte attische Vasenmalerei geht um 100 v. Chr. zu Ende.
*§ 60. Die Kleidung*
_a) der Homerischen Zeit._
Zum Schutz gegen Nässe, Kälte und Hitze bietet die Natur dem Menschen das _Fell langhaariger Tiere_ dar, welches auch in der späteren griechischen Zeit noch Landleute, Jäger und Gebirgsbewohner tragen. An der langen, zähen Pflanzenfaser erlernt der Mensch das Spinnen und Weben. Als die Hellenen in ihre spätere Heimat zogen, verstanden sie schon die Wolle von Schafen und Ziegen in Fäden zu spinnen und diese mittels eines Gestelles zu einem Tuchstück zu weben, welches als Gewand umgelegt wurde. Den Namen für dieses _wollene Umschlagtuch (Chlaina)_ haben die Hellenen mit Italikern (_laena_) und Kelten (_lena_) gemein. Auf den ältesten Vasenbildern erscheint die Chlaina entweder nur als ein schmaler Überwurf, der hauptsächlich den Rücken bedeckt und mit seinen Zipfeln über die Schultern nach vorne herunterhängt, so daß Brust und Unterleib unbedeckt bleiben (s. S. 147, Fig. 1), oder sie hüllt den größten Teil des Körpers ein. Unter der Chlaina wurde in der älteren Zeit von den Männern noch ein _Lendenschurz_ getragen.
In Kleinasien erhielten Äolier und Ionier frühe von einem semitischen Volk ein neues Gewand aus neuem Stoffe, welches an die Stelle des alten Lendenschurzes trat: den langen, genähten, _linnenen Leibrock_ mit kurzen Ärmeln, und mit der Sache den Namen: griech. _Chiton_ = chald. kittan. Noch in später Zeit gilt der lange, schneeweiße Chiton als feierlich-altertümliche Gewandung, welche darum von Götterbildern, Priestern und Dichtern getragen wird. Der homerische Held schlüpft beim Aufstehen in einen kürzeren Chiton, bindet sich Sandalen unter die Füße und wirft die wollene Chlaina um. Von Kleinasien verbreitet sich der Chiton über ganz Hellas und wird zum alltäglich getragenen Unterkleid, das, wo Linnen fehlt, auch aus Wolle hergestellt wird.
So besitzt schon die homerische Männertracht die beiden Hauptarten von Kleidungsstücken, welche das ganze griechische Altertum hindurch gebräuchlich bleiben: das auf dem bloßen Leib getragene _Unterkleid_, welches hemdartig angezogen wird (_ἔνδυμα_), den _Chiton_, und das mantelartig umgelegte (_ἐπίβλημα, περίβλημα_) _Obergewand_, das bei Homer _Chlaina_, später _Himation_ heißt.
Schon Homer spricht von „lockenumwallten Achäern“ (_κάρη κομόωντες Ἀχαιοί_) im Gegensatz zu den künstlichen Frisuren der Barbaren. Noch später galt in Hellas frei wallendes Haar für die schönste Zierde des Edeln, wie z. B. die Behandlung von Haar und Bart an der elischen Zeusmünze (s. S. 99, 4) zeigt. Erst durch Alexander den Großen kommt die Mode auf, den Bart zu rasieren, welche sich bis in die Zeit Hadrians erhält.
Haben die Männer rasch die fremde Mode angenommen, so bewahren die _Frauen_ um so treuer die alte Wollentracht, am längsten unter allen die Dorierinnen. Herodot sagt: „Hellenische Frauentracht war im Altertum allgemein diejenige, welche wir nun die _dorische_ nennen.“ Als Hera sich schmückt, um Zeus zu berücken, tut sie dies mit _einem_ Gewand, dem _Peplos_, einem _großen Wollentuch_, in welches durch die ganze Breite oder nur an den Säumen mittels farbigen Einschlags Reihen von linearen Verzierungen, Pflanzen- und Tierbildern eingewoben sind. Dieses etwa 220 cm lange und 180 cm breite Tuch wird, nachdem ¼ der ganzen Länge nach außen umgeschlagen worden, unterhalb der freizulassenden Arme so um die Gestalt gelegt, daß die beiden Längsenden an der einen Körperseite hinab zusammenstoßen, welche somit nur mangelhaft gedeckt ist. Darauf werden Vorder- und Rückseite auf den Schultern durch Spangen (_περόναι_) verbunden und das Gewand ohne den frei herabfallenden Umschlag unter der Brust durch einen Gürtel zusammengefaßt, wobei der Überschuß der Länge unter dem Gürtel (_ζώνη_) herausgezogen als Bausch (_κόλπος_) über diesen herabfällt. Gegen Sonnenglut schützte ein schalartiges, linnenes _Kopftuch_ (_κρήδεμνον_), welches das Gesicht freilassend vom Kopf auf die Brust herabfiel.
Alle diese Gewandstücke wurden für gewöhnlich von der Frau mit ihren Sklavinnen im eigenen Hause hergestellt. Dabei bediente man sich bei gröberen, wollenen Gespinsten des alten auf zwei Pfosten ruhenden _Webgestelles_, von welchem die Kette _senkrecht_ herabhing; für feinere, linnene Gespinste dagegen bedurfte man des wohl aus Ägypten überkommenen vierfüßigen Webstuhles mit _wagrecht_ liegender Kette. Beide Arten von Webstühlen sind noch heute in Griechenland wie in Kleinasien im Gebrauch. Doch kannte schon das Altertum die _fabrikmäßige Herstellung_; so waren die Gewebe von Milet, Kos, Amorgos, Tarent wegen ihrer durchsichtigen Feinheit, der glänzenden Pracht ihrer Farben (Purpur und Pflanzensäfte), der Schönheit und des Reichtums ihrer bunten Muster hochgeschätzt und weithin verbreitet.
Neben dem Glanz der weißen Arme und der Kunst des Haarflechtens hebt Homer bei schönen Frauen und Mädchen insbesondere den Reichtum und die kostbare Arbeit der Gürtel, goldenen Diademe, Ohrgehänge, Halsketten, Armbänder und Spangen hervor.
Den reichen Prunk der ionischen Tracht vergegenwärtigt uns ein Dichter von Samos, Asios, welcher den Putz seiner Landsleute also schildert: „In schöne Gewänder gehüllt, die Locken wohlgeordnet, zogen sie hinaus zum heiligen Bezirke der Hera; die schneeweißen Leibröcke fielen bis auf die breite Erde herab; das gestrählte Haar in goldenen Fesseln wehte im Winde; goldener Schmuck, Zikaden gleichend, hob sich im Haare auf dem Scheitel, kunstvolle Armbänder umschlossen die Arme, und dazu trugen sie den kriegerischen Schild.“
_b) Die Tracht der klassischen Zeit._
Vergebens suchten in vielen Städten, wie in Athen, Korinth, Lokri, Syrakus, Kleiderordnungen gegen solchen _Luxus_ anzukämpfen. Dagegen vollzog sich anfangs des 5. Jahrhunderts in ganz Hellas eine tiefgreifende Wandlung der Lebensführung. Die siegreichen Kämpfe gegen die Großmächte Persien und Karthago hatten das hellenische Selbstgefühl mächtig gehoben. Die Zeit der prunkliebenden Herrschaft der Vornehmen und Reichen ging rasch zu Ende; der emporkommende Mittelstand verhalf der Einfachheit, Gleichheit und Freiheit zum Siege. Die überladene, feierlich steife Pracht des Orients verschwand aus dem täglichen Leben und ward nur den Götterbildern gelassen, denen das Reichste zukommen sollte, was die Erde bot. Das vornehme, knapp anliegende, im 6. Jahrhundert streng symmetrisch gefältelte _Linnengewand_, welches den Träger in eine prächtige, aber steife Hülle zwang, _wich dem kurzen wollenen Chiton_, der nun allgemein gebräuchlich wurde. Ihr eigenartiges Gepräge aber erhielt die Tracht der klassischen Zeit durch das _Obergewand_, dessen freier Umwurf und natürlich-großes Faltenspiel die Persönlichkeit lebhaft hervortreten ließ. „Machten bisher die Kleider die Leute, so machen jetzt die Leute die Kleider.“ Die Tracht wird hellenisch. Das Obergewand, für welches der Name _Himation_ üblich wird, ein länglich viereckiges Wollentuch, wird nicht mehr bloß umgehängt, sondern ganz umgelegt: von der linken Schulter wird es über den Rücken nach der rechten Seite gezogen entweder unter der rechten Achsel hindurch, so daß der rechte Arm freibleibt, oder über die rechte Schulter und den rechten Arm hinweg, so daß höchstens die rechte Hand herausschaut. Der Rest des Tuches wird über die linke Schulter geworfen. Hierbei wird auf die Erzielung eines schönen Faltenwurfs Wert gelegt. In vollendeter Weise ist dies erreicht bei der herrlichen Porträtstatue des Sophokles im Lateran (s. S. 147, Fig. 3). Handwerker, Landleute und Schiffer tragen nur _ein_ Wollgewand, das, auf der linken Schulter zusammengeheftet, die rechte Schulter und die Arme zu ungehinderter Bewegung frei läßt, die _Exomis_ (_ἐξωμίς_). Außerdem kam als Tracht der Reiter, die später vorzugsweise von den Epheben und auf Reisen getragen wurde, die _Chlamys_ (_χλαμύς_) auf, ein oval zugeschnittenes Wollenstück, welches auf der rechten Schulter oder vorn am Halse mit einer Spange befestigt und, ähnlich wie die Chlaina der ältesten Zeit (s. Fig. 1), so über den Rücken geworfen wurde, daß die langen Enden von beiden Schultern nach vorne herabhingen. – Zu Hause trug man gewöhnlich nur den Chiton (_γυμνός_); beim Ausgehen legte man das Himation darüber.
Auch jetzt hielt die _Frauentracht_ zäher am Überkommenen fest. Zwar hatte der _Linnenchiton_ längst Eingang gefunden – zuerst bei den Ionierinnen –, aber wie ihn die Frauen später als die Männer angenommen hatten, so behielten sie ihn nun auch, _neben dem_ aufkommenden _Wollenchiton_, länger bei und trugen ihn auf verschiedene Art, gewöhnlich mit Bausch und Überhang (wie bei dem homerischen Peplos). Ein schönes Beispiel dieser edlen Frauentracht bietet die S. 147 Fig. 4 abgebildete Karyatide vom Erechtheion (vgl. auch § 70). Dazu kommt noch ein großes _Umschlagtuch_ (_ἐπίπλημα, ἀμπεχόνιον_), das beim Ausgehen, ähnlich wie das Männerhimation, umgelegt wird. Über weitere Kleidungsstücke der Damen sind wir nur mangelhaft unterrichtet. Bei der weiblichen wie männlichen Tracht erzeugte die wechselnde Mode eine reiche Mannigfaltigkeit des Schnitts wie der Art des Tragens.
Während die _Farbe_ des Wollstoffs wie der Leinwand bei der Männerkleidung gewöhnlich weiß und nur an den Festen bunt war, dunkle Farben aber nur von den niederen Volksklassen und in der Trauer getragen wurden, erhielt sich bei den Frauen die Vorliebe für reich gemusterte, bunte, besonders safrangelbe Stoffe mit gestickten Säumen und Besatzstreifen, sowie für reichen Goldschmuck im Haare, an Ohren, Hals und Armen.
Eine _Kopfbedeckung_ hatten die Griechen für gewöhnlich nicht; auf Reisen trug man (wie der Götterbote Hermes) den breitkrempigen _Reisehut_ (_πέτασος_); Schiffer, Handwerker und Landleute (vgl. Odysseus, Charon, Hephäst) trugen eine feßartige _Filz-_ oder _Ledermütze_ (_πῖλος_). Neben den _Sandalen_, deren kunstvolles Riemenwerk wir am Fuße des Hermes zu Olympia bewundern, finden wir den roten _Schnabelschuh_, die Fußbekleidung der albanesischen Landbevölkerung im heutigen Hellas, und hohe _Stiefel_.
*§ 61. Die Familie.*
Bei Homer wird die Braut (_νύμφη_) durch reiche Geschenke (_ἔεδνα_) ihrem Vater abgekauft; in Sparta entführte der Jüngling seine Erwählte (nach vorausgegangener Verlobung) bei Nacht und brachte sie in seine Wohnung, um hier mit derselben einige Zeit in verborgener Ehe zu leben. Beiderlei Sitte, Brautkauf wie Brautraub, weist auf die ältesten Zeiten zurück. In späterer Zeit wird in Athen die Heirat zumeist von den Eltern vermittelt; die Väter schließen auch den _Heiratsvertrag_ (_ἐγγύησις_) ab, wobei die Frage der Mitgift (_προίξ_) geschäftsmäßig behandelt wird. Am _Hochzeitstage_ nehmen Bräutigam und Braut jedes in seiner Wohnung ein Bad, wozu das Wasser aus einer besonders heiligen Quelle geschöpft wird, und die Braut weiht eine Locke, sowie Gürtel und Spielzeug einer Göttin. Der Bräutigam kommt mit seinen Eltern, Verwandten und Freunden ins Haus der Braut, wo den Ehegöttern ein Opfer mit festlichem Schmaus dargebracht wird. Nach Sonnenuntergang wird die noch immer tiefverschleierte Braut unter Fackelschein und Absingung von Hochzeitsliedern (Hymenäen) zu Wagen, zwischen dem Bräutigam (_νυμφίος_) und dem Brautführer (_παράνυμφος_) sitzend, in das Haus des Bräutigams geführt. Dem Wagen folgt ihre Mutter mit einer Fackel, womit sie am neuen Familienherd eine Flamme entzündet. Am Hause des Bräutigams wird die Braut von dessen Mutter empfangen und, nachdem sie eine Quitte, das Symbol des Kindersegens, verzehrt hat, zum Brautgemach (_θάλαμος_) geleitet. Vor diesem stimmt der Chor der Jungfrauen und Jünglinge unter Leierspiel und Tanz frohe Lieder (Epithalamien) an. Am Morgen des nächsten Tages erhalten die Neuvermählten reiche Geschenke von den Verwandten und die junge Frau wird in die Phratrie des Mannes eingeführt.
Dem Odysseus, der sich nach Heimkehr sehnt, rät Nausikaa:
„Schnell durchwandle des Königes Saal, auf daß du der Mutter Thronsitz erreichest; sie sitzt am Herde im Glanze des Feuers Neben dem Throne des Vaters; – du fasse die Kniee der Mutter; Denn wofern nur jene dir hold im Herzen gesinnt ist, Hoffnung blüht dir alsdann, die Freunde und Heimat zu schauen.“
Hier spricht sich die altgriechische Sitte, _die Frau_ des Hauses hoch zu ehren, aus, eine Sitte, welche sich in Sparta am längsten erhalten hat, während zuerst in Ionien der orientalische Brauch Eingang fand, die Frau in ein besonderes Gemach (_γυναικωνῖτις_) zu sperren, wo sie als erste Sklavin die Aufsicht über Spinnen und Weben führt. Insbesondere aber wurde das Familienleben dadurch geschädigt, daß der Mann in Athen fast den ganzen Tag außerhalb des Hauses verbrachte, während die Frau, den Interessen des Mannes gänzlich entzogen, auch an Bildung weit hinter demselben zurückblieb. Mit dem Niedergang des politischen Lebens in hellenistischer Zeit erstarkte das häusliche Leben von neuem. Das weibliche Geschlecht gewinnt höhere Achtung; Plato verlangt sorgfältigere Erziehung und tiefere Bildung für die Mädchen, und in vielen Städten werden Mädchenschulen eingerichtet.
Reicher _Kindersegen_ galt als höchstes Glück und kräftigste Stütze des Alters (vgl. Il. 17, 301):
„Also denn sank er dahin, und nimmer lohnt er den Eltern Sorgliche Pflege der Kindheit.“
Mangel an männlicher Nachkommenschaft wurde schon deshalb schmerzlich empfunden, weil dadurch die Erhaltung des Ahnenkults der Familie gefährdet wurde; es wurde daher in diesem Fall meist ein Knabe aus fremder Familie an Kindes Statt angenommen.
Die Amme trägt das neugeborene Kind alsbald um den Herd, um es unter den Schutz der Hausgötter zu stellen; am zehnten Tag wird ein Geburtsopfer mit Familienschmaus gefeiert, wobei das Kind seinen Namen erhält, ein Knabe meist den des Großvaters von väterlicher Seite. (Vgl. Enkel – _enikel_, kleiner Großvater.)
*§ 62. Erziehung und Unterricht.*
Das Endziel hellenischer Jugenderziehung spricht der greise Phönix, Achills Lehrer, aus:
„Darum sandte er mich, um getreu dich zu lehren das alles, Daß du als Mann seist fertig im Raten und rüstig in Taten.“
Die schöne Kunst des spielenden Lernens war noch nicht erfunden; die Erziehung baute auf den Grundsatz:
„Jegliche Tugend des Mannes, dem Schweiße nur ist sie erreichbar.“
Nachdem die Zeit der Kinderspiele vorüber war, wurde der Knabe dem _Elementarlehrer_ (_γραμματιστής_) übergeben, bei welchem er Lesen und Schreiben lernte. Doch nicht auf bequemen Schulbänken, sondern auf gebogenem Knie, wie der Türke noch heute schreibt, zeichneten die Kleinen ihre Buchstaben mit dem Griffel auf die wachsüberzogene Holztafel. Dazu wurde Homer, Hesiod und Theognis gelesen, von welchen große Stücke auswendig gelernt wurden, und das einfache Rechnen geübt. Beim _Musiklehrer_ (_κιθαριστής_) lernte der Knabe Gesang, Flöten- und Saitenspiel, wovon die Griechen hohen Gewinn für die Entwicklung des Gemütslebens erwarteten. Indem der Junge hier die Lieder der alten Lyriker singen und spielen lernte, wurde er in die Gesetze der Metrik, Rhythmik und Prosodie (Aussprache) eingeführt. Im Laufe des 5. Jahrhunderts treten hierzu die neuen Lehrfächer Zeichnen und Geometrie. Von der niederen Elementarschule sondert sich der Unterricht beim _Literaturlehrer_ (_γραμματικός_) ab, welcher den Vortrag und die Erklärung der reichen Literaturwerke umfaßt. Als Hilfsbücher für diesen Unterricht werden Chrestomathien, Anthologien, mythologische Handbücher, chronologische Tabellen und Wörterbücher bearbeitet. Mit der Schulung des Geistes hielt die Bildung des Leibes gleichen Schritt. Den größten Teil des Tages verbrachte der Junge in der _Ringschule_, Palästra, wo er unter Leitung eines Turnlehrers (_παιδοτρίβης_) die einfachen gymnastischen Übungen – Sprung, Lauf, Diskoswerfen, Speerschießen und Ringen (vgl. § 68) – pflegte.