Griechische Altertumskunde

Part 1

Chapter 12,845 wordsPublic domain

Sammlung Göschen

*Griechische* *Altertumskunde*

Von *Professor Dr. Richard Maisch* neu bearbeitet von *Professor Dr. Franz Pohlhammer*

_Mit neun Vollbildern_

Dritte, verbesserte Auflage _Unveränderter Abdruck_

_Berlin und Leipzig_ *G. J. Göschen’sche Verlagshandlung G. m. b. H.* 1914

Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.

*INHALTSVERZEICHNIS.*

Verzeichnis der Vollbilder. Literatur. Einleitung. § 1. Begriff der griechischen Altertumskunde. § 2. Die Quellen der griechischen Altertumskunde. I. Abschnitt. Land und Volk von Hellas. A. Das Land. § 3. Orographie des europäischen Hellas. § 4. Hydrographie. § 5. Klima und Pflanzenwuchs. § 6. Gaben des Bodens. § 7. Bedeutung des Landes für die Kultur seiner Bewohner. B. Das Volk. § 8. Vorgeschichte der Griechen. § 9. Ausdehnung und Gesamtname des Griechentums. § 10. Die griechischen Stämme. I. Ionier. II. Dorier. III. Äoler. II. Abschnitt. Sparta. § 11. Geschichtliche Grundlagen der Verfassung Spartas. § 12. Periöken und Heloten. § 13. Die Spartiaten. § 14. Das Königtum. § 15. Die Gerusie. § 16. Die Ephoren. § 17. Die Volksversammlung. § 18. Die spartanische Zucht (agoge). § 19. Heerwesen und Kriegführung. III. Abschnitt. Athen. A. Verfassungsgeschichte. § 20. Die altattische Phylen- und Geschlechterordnung. § 21. Das Königtum. § 22. Übergang vom Königtum zur Adelsherrschaft. § 23. Das Rechtswesen, geschriebene Gesetze, Drakon. § 24. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des 7. Jahrhunderts. § 25. Solon. § 26. Die Tyrannis des Peisistratos. § 27. Die Begründung der Demokratie durch Kleisthenes. § 28. Die Vollendung der Demokratie nach den Perserkriegen. § 29. Erschütterung und Wiederherstellung der Demokratie. (411-403.) § 30. Die Demokratie von 403 bis auf die Diadochenzeit (323). § 31. Der attische Staat in der Diadochenzeit und unter römischer Herrschaft. B. System der Staatsverfassung. § 32. Die Elemente der Bevölkerung. § 33. Die Volksversammlung. § 34. Der Rat der Fünfhundert und der Rat vom Areopag. § 35. Die Beamten. Das Rechtswesen. § 36. Die neun Archonten. § 37. Die Gerichtshöfe. § 38. Die Formen der öffentlichen Klage. § 39. Der gewöhnliche Prozeßgang. § 40. Das Verfahren vor dem Areopag und den andern Blutgerichtshöfen. Das Finanzwesen. § 41. Attische Längen-, Flächen- und Hohlmaße. § 42. Das Münz- und Gewichtssystem. § 43. Die allgemeine Finanzlage. § 44. Einnahmen und Ausgaben. § 45. Die Leiturgia (Staatsleistung). Innere Verwaltung. § 46. Öffentliche Aufsichtsbehörden. § 47. Kriminalpolizei. Der Kultus. § 48. Kultstätten. § 49. Priester und Seher. § 50. Orakel. § 51. Gebet und Opfer. § 52. Die Mysterien. § 53. Feste. § 54. Dramatische Aufführungen. § 55. Das Theater. Das Kriegswesen. § 56. Das Landheer. § 57. Die Flotte. C. Häusliches Leben. § 58. Das Haus a) der Homerischen Zeit. b) Das Haus der klassischen und der hellenistischen Zeit. § 59. Die Wohnungseinrichtung § 60. Die Kleidung a) der Homerischen Zeit. b) Die Tracht der klassischen Zeit. § 61. Die Familie. § 62. Erziehung und Unterricht. § 63. Bestattung und Grab. IV. Abschnitt. Panhellenisches. § 64. Das Gastrecht. § 65. Tempelvereine (Amphiktyonien). § 66. Staatenvereine. § 67. Nationalfeste. § 68. Die olympische Feier. V. Abschnitt. Klassische Ruinenstätten. § 69. Tiryns und Mykenä. § 70. Die Akropolis von Athen. § 71. Olympia. § 72. Pergamon. Deutsches Register. Griechisches Register. Bemerkungen zur Textgestalt

*VERZEICHNIS DER VOLLBILDER.*

Seite Zuschauerraum und Orchestra des Theaters von Epidauros (Titelbild) Auswahl griechischer Silbermünzen 99 Grundriß des Theaters von Epidauros 127 Duris-Schale 133 Die Tracht der Homerischen und der klassischen Zeit 147 Plan von Tiryns 179 Plan der Akropolis von Athen 185 Plan von Olympia 195 Plan von Pergamon 201

*LITERATUR.*

(Vgl. _Hübner_, Bibliographie der klassischen Altertumswissensch., Berlin 1889.)

_ Pauly_, Realenzyklopädie der klass. Altertumswissenschaft. Herausgegeben von G. Wissowa, Stuttgart 1893 ff. _ Daremberg et Saglio__, Dictionnaire des antiquités grecques et romaines, Paris_ 1877 ff. _ Baumeister, A._, Denkmäler des klassischen Altertums. 3 Bde., München und Leipzig 1885, 1887, 1888. _ Schreiber, Th._, Kulturhistor. Atlas, I. Griechen u. Römer, Leipzig, 2. Aufl. 1888.

_ I. v. Müller_, Handb. der klass. Altertumswissen., Nördlingen-München 1886 ff. Band I. Einleitende und Hilfs-Disziplinen (Metrologie v. H. Nissen), 2. Aufl. 1892. " III. Hellenische Landeskunde u. Topographie v. H. G. Lolling, 1889. " III. 2, 2. Topographie von Athen von W. Judeich, 1905. " III. 4. Grundriß der griech. Gesch. v. R. Pöhlmann, 2. Aufl. 1896. " IV. 1, 1. Die griechischen Staats- u. Rechtsaltertümer v. G. Busolt, 2. Aufl. 1892. " IV. 1, 2. Die griechischen Privat- und Kriegsaltertümer von I. v. Müller und Ad. Bauer, 2. Aufl. 1893. " V. 3. Griechische Kultusaltertümer von P. Stengel, 2. Aufl. 1898. " VI. Archäologie. Nebst Anhang über die antike Numismatik von K. Sittl, 1895. _ Hermann, K._ Fr., Lehrbuch der griech. Antiquitäten, neu herausgegeben von Blümner und Dittenberger, Freiburg 1882 ff. Band I. 1. Staatsaltertümer von V. Thumser, Abt. 1, 2, 1889, 1892. " II. 1. Rechtsaltertümer von G. Thalheim, 4. Aufl. 1895. " II. 2. Kriegsaltertümer von H. Droysen 1889. " III. 2. Bühnenaltertümer von A. Müller 1886. " IV. Privataltertümer von H. Blümner 1882. _ Schömann, G. F._, Griechische Altertümer, 4. Aufl. Neu bearbeitet von J. H. Lipsius, 2 Bde., Berlin 1897–1902.

_ Neumann u. Partsch_, Physik. Geogr. v. Griechenland, Breslau 1885. _ Philippson, A._, Der Peloponnes. Berlin 1892. _ Bursian, C._, Geographie von Griechenland, 2 Bde., Leipzig 1862–72. _ Curtius, E._, Peloponnesos, 2 Bde., Gotha 1851–52.

_ Duncker, M._, Geschichte des Altertums, Bd. 5–9, Leipzig 1881–86. _ Meyer, Ed._, Geschichte des Altertums, Bd. 3 ff., Stuttgart 1901 f. _ Beloch, J._, Griechische Geschichte, 3 Bde., Straßburg 1893–1904. _ Busolt, G._, Griechische Geschichte, 3 Bde., 2. Aufl., Gotha 1893–1904. _ Curtius, E._, Griechische Geschichte, 3 Bde., 6. Aufl., Berlin 1887–89. _ Grote, G._, _History of Greece_. _New. edit._ London 1869–70, 12 Bde. Deutsch, 2. Aufl., 6 Bde., Berlin 1880–82. _ Holm, Ad._, Griechische Geschichte, 4 Bde., Berlin 1886–94. _ Niese, B._, Geschichte der griech. und maked. Staaten seit der Schlacht bei Chäronea, 3 Bde., Gotha 1893–1903.

_ Gilbert, G._, Handbuch der griech. Staatsaltert., Leipzig, Bd. I² 1893, II 1885. _ Meier u. Schömann_, Der attische Prozeß. Neu bearbeitet von Lipsius, Berlin 1883–87. _ Böckh, A._, Die Staatshaushaltung der Athener, 3. Aufl., bes. v. Fränkel, Berlin 1886. _ Hultsch, Fr._, Griech. u. römische Metrologie, 2. Bearb., Berlin 1882. _ Head__, Historia nummorum. Manual of greek numismatics. Oxford 1887._ _ Mionnet__, Description of médailles antiques grecques et romaines_, 16 Bde., Paris 1807–37. _ Mommsen, A._, Chronologie. Untersuchungen über das Kalenderwesen der Griechen, Leipzig 1883. _ Mommsen, A._, Feste der Stadt Athen im Altertum, Leipzig 1898. _ Rohde, E._, Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglauben der Griechen, _Freiburg_ i. B., 2. Aufl. 1898. _ Dörpfeld, W._, Das griechische Theater, Athen 1896. _ Puchstein, O._, Die griechische Bühne, Berlin 1900. _ Rüstow_ u. _Köchly_, Geschichte des griech. Kriegswesens. Aarau 1852. _ Guhl_ u. _Koner_, Leben der Griechen u. Römer, 6. Aufl. von R. Engelmann, Berlin 1893. _ Ménard et Sauvageot__, La vie privée des anciens, 4 voll., Paris 1880–83._

_ Blümner, H._, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern, 4 Bde., Leipzig 1875–87. – Das Kunstgewerbe im Altertum, 2 Abt., Leipzig u. Prag 1885. – Leben und Sitten der Griechen, 3 Abt., Leipzig u. Prag 1887. _ Durm_, Die Baukunst der Griechen, 2. Aufl., Darmstadt 1892. _ Helbig, W._, Das homerische Epos aus den Denkmälern erläutert, 2. Aufl., Leipzig 1887. _ Studniczka_, Beiträge zur Geschichte der altgriech. Tracht, Wien 1885. _ Genick_, Griechische Keramik, Berlin 1883. _ Lau, Th._, Die griechischen Vasen, Leipzig 1877. _ Dumont et Chaplain__, Les céramiques de la Grèce propre, Paris_ 1881 ff. _ Furtwängler, A._, und _C. Reichhold_, Griechische Vasenmalerei. Auswahl hervorragender Vasenbilder. München 1904 ff. _ Grasberger_, Erziehung u. Unterricht im klass. Altertum, Würzburg 1864–81.

_ Schuchardt_, Schliemanns Ausgrabungen, 2. Aufl., Leipzig 1891. _ Schliemann, H._, Tiryns, Leipzig 1886. _ Curtius, E._, Die Stadtgeschichte von Athen, Berlin 1891. _ Wachsmuth, C._, Die Stadt Athen im Altertum, Bd. I 1874, II, 1. 1890. _ Olympia_, Die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabungen Hsg. v. E. Curtius und Fr. Adler. Bd. 1–5, Berlin 1890–96. _ Bötticher, Ad._, Olympia, das Fest und seine Stätte, 2. Aufl., Berlin 1886. _ Ussing, J. L._, Pergamos. Seine Geschichte und Monumente. Berlin u. Stuttgart 1899. _ Altertümer von Pergamon_. Band II, Das Heiligtum der Athena Polias Nikephoros von R. Bohn, Berlin 1885. Band IV, Die Theaterterrasse von R. Bohn 1896. Band V, Das Trajaneum von H. Stiller 1895. Bd. VIII, Die Inschriften von P. von M. Fränkel 1890–95.

*EINLEITUNG.*

*§ 1. Begriff der griechischen Altertumskunde.*

_Die griechische Altertumskunde_ will ein Bild _des öffentlichen wie häuslichen Lebens der alten Griechen_ nach seiner durch die Eigentümlichkeit von Land und Leuten gegebenen Grundlage, seiner zeitlichen Entwicklung wie örtlichen Verschiedenheit innerhalb der einzelnen Staaten geben. _Indem sie die Formen dieses Lebens als Einrichtungen und Zustände ins Auge faßt, zeichnet sie den Schauplatz, auf welchem die Personen handeln und die Ereignisse sich abspielen, welche den Inhalt der Geschichte ausmachen._ Weil nun aber die Überlieferung eine sehr ungleichmäßige und lückenhafte ist, so kann die Darstellung nicht bei allen Staaten und Zeiträumen gleichmäßig verweilen; sie wird sich da reicher gestalten, wo der Strom jener Überlieferung reicher fließt, oder wo die geschichtliche Anteilnahme eine lebhaftere ist.

So gebietet die Beschaffenheit unserer Quellen die Beschränkung auf die beiden Städte, welche in der Geschichte Griechenlands die hervorragendste Rolle gespielt und die Eigenart der beiden Hauptstämme, des ionischen und dorischen, am schärfsten ausgeprägt haben: _Athen_ und _Sparta_. Und auch hier können wir nicht die gesamte Kulturentwicklung von ihren Anfängen bis zum schließlichen Absterben genauer verfolgen, sondern müssen uns in der Hauptsache mit einer näheren Betrachtung der eigentlich „klassischen“ Zeit des griechischen Altertums, des _5. und 4. Jahrhunderts vor Chr._ begnügen.

*§ 2. Die Quellen der griechischen Altertumskunde*(*1*)*.*

Unsere Kenntnis des griechischen Altertums schöpfen wir teils aus _literarischen_, teils aus _monumentalen_ Quellen.

Die _ersteren_ beginnen mit dem Homerischen _Epos_, das ein anschauliches Bild der Kultur jenes Zeitalters vor unsern Augen aufrollt. Über die weitere Entwicklung der _staatlichen_ Institutionen geben uns die _Historiker_ (Herodot, Thukydides, Xenophon, Polybius, Diodor, Plutarch u. a.) und Redner (Lysias, Isokrates, Demosthenes, Äschines usw.) einzelne Nachrichten, eine zusammenhängende Darstellung lieferte _Aristoteles_ in seiner Politik und seinen Politeiai (s. § 22). Für die Kenntnis des _Privatlebens_ der Griechen ist die alte _Komödie_ (Aristophanes) eine Hauptquelle. Viele wertvolle Einzelnotizen über alle Gebiete des antiken Lebens finden wir endlich in den alten Kommentaren oder _Scholien_ und _lexikographischen Werken_ (Suidas, Hesychius, Harpokration, Stephanus von Byzanz u. a.).

Die zweite Gattung bilden die _monumentalen_ Quellen. In besonderem Maße gilt von dem griechischen Altertum das Dichterwort:

„Könnte die Geschichte davon schweigen, Tausend Steine würden redend zeugen, Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.“

Als solche Zeugen sprechen zu uns die aus dem Schutt der Jahrtausende ans Licht geförderten _Ruinen_ von Troja, Mykenä und Tiryns, von Olympia, Delphi und Pergamon, es sprechen zu uns die unsterblichen Denkmäler der Akropolis von Athen, alle die zahlreichen uns erhaltenen Schöpfungen der Architektur, Plastik und Malerei wie des Kunsthandwerks. Die in Tausenden von _Inschriften_ auf uns gekommenen authentischen Urkunden geben uns über das staatliche Leben wichtige unmittelbare Aufschlüsse; wir lesen hier Volks- und Ratsbeschlüsse, sakrale Verordnungen, Verträge, Bauinschriften, Freilassungsurkunden, öffentliche Rechnungen, Schatz- und Tributlisten, Verzeichnisse der Archonten, Prytanen, Kultbeamten, Sieger, Epheben usw. Von ähnlicher Bedeutung für unsere Kenntnis des privaten Lebens (besonders Kostümkunde) sind die in reicher Fülle erhaltenen _Vasenbilder_, welche die mannigfachsten Stoffe und Erscheinungen des täglichen Lebens darstellen.

Endlich ist auch noch das _Leben der heutigen Neugriechen_ zur Vergleichung beizuziehen, das manche Rückschlüsse auf das Altertum gestattet, insofern besonders bei dem niederen Volke manche Sitten und Gebräuche des Altertums bis auf den heutigen Tag sich getreu erhalten haben.

I. Abschnitt.

*LAND UND VOLK VON HELLAS.*

*A. Das Land.*

*§ 3. Orographie des europäischen Hellas.*

Die _starke Gliederung_, welche für ganz Europa charakteristisch ist, erreicht in seinem südöstlichen Vorsprung ihren höchsten Grad. Der massige Rumpf der Balkanhalbinsel setzt sich in der schmäleren Halbinsel „Griechenland“ fort, welche, an Größe etwa dem Königreich Bayern gleichkommend, sich zwischen dem Ionischen und Ägäischen Meer weit nach Süden erstreckt, von zahlreichen Buchten zerschnitten und von einem bunten Kranz von Inselgruppen umgeben. Ebenso abwechslungsreich wie die horizontale Gliederung ist _die vertikale Gestaltung. Das Land ist zum größten Teil von Gebirgen erfüllt_, welche die Ebenen an Ausdehnung weit übertreffen. Die Gebirge Griechenlands bestehen teils aus kristallinischen Schiefern und Marmoren (vornehmlich auf der Ostseite: Kambunische Berge, Olymp, Ossa, Pelion, das südliche Euböa, die größten Teile von Attika und Lakonien, die Kykladen, zum Teil auch Kreta), teils aus Sedimentgesteinen der Kreide- und Eozänformation (überwiegend Kalksteine).

Diese Gesteine sind stark gefaltet und zu Gebirgen aufgerichtet. Man unterscheidet zwei Faltengebirgssysteme: 1) _das große dinarische Gebirgssystem_, welches mit einem Faltenbau von ausgesprochenem Parallelismus von NNW. nach SSO. streicht und _den ganzen westlichen Teil der Balkanhalbinsel_ bis zur Südspitze durchzieht;

2) die _ostgriechischen Gebirge_, welche, in nach N. geöffnetem Bogen von W. nach O. streichend, quer gegen die Ostküste Griechenlands auslaufen. Die _östliche Küste_ ist daher _weit reicher gegliedert und aufgeschlossen_ als die westliche, welche den dinarischen Gebirgszügen parallel läuft.

Vulkanische Massen sind da und dort (Thera, jetzt Santorin, dessen Vulkan noch heutzutage zeitweise tätig ist, Melos, Kalauria, Methana, Ägina) zum Ausbruch gekommen, und es treten vielfach heiße Quellen („Bäder des Herakles“ zu Ädepsos auf Euböa, Thermopylen u. a. m.) und Gasausströmungen (Mosychlos auf Lemnos, Solfatara von Susaki) auf.

Beim _akrokeraunischen Vorgebirge_ tritt das dinarische Gebirgssystem in das westliche _Nordgriechenland_ ein; ganz _Epirus_ ist erfüllt von jenen parallel gerichteten Höhenzügen mit langgestreckten Talmulden dazwischen. In engen Schluchten durchbrechen die Flüsse mit Zickzackwindungen die Gebirgszüge, um von einer Mulde zur anderen zu gelangen. Es ist eine wilde Gebirgslandschaft, welche nur an der Küste kleine Ebenen besitzt. Die östlichsten dieser Bergkämme werden als _Pindos_ (höchster Gipfel 2336 m) zusammengefaßt, im W. von dem tiefen Tal des Arachthosflusses, im N. durch den _Lakmonpaß_ begrenzt, der Länge nach in wilder Engschlucht durchflossen vom größten Flusse Griechenlands, dem Acheloos. Nach O. fällt der Pindos zum Tiefland von _Thessalien_ ab, das rings von Gebirgen umwallt ist: im O. von den kristallinischen Gebirgen _Olympos_ (2985 m), (dem höchsten Berg der hellenischen Welt und daher Sitz der Götter), _Ossa_, _Pelion_, welche im N. durch die wenig bekannten _kambunischen Berge_, im S. durch den _Othrys_ mit dem Pindos verbunden sind. Eine niedrige Hügelkette scheidet das Innere des Beckens in zwei selbständige, äußerst fruchtbare Ebenen, die größten Griechenlands. Zwei Ausgänge führen aus diesen zum Meer: zwischen Olymp und Ossa bricht der Abfluß des Tieflandes, der thessalische Peneios, in dem vielgerühmten Engpaß _Tempe_ durch; zwischen Pelion und Othrys dringt das Meer als _Pagasäischer_ Golf tief ins Innere ein.

Gegen S. folgt eine Einschnürung des Festlandes durch zwei Golfe (den _Malischen_ und den von Ambrakia), welche Nord- und _Mittelgriechenland_ scheiden. Die westlichen Landschaften des letzteren (_Akarnanien_ und _Ätolien_) enthalten die Fortsetzung der Bergzüge von Epirus, ein rauhes, schluchtenreiches Gebirgsland, durchströmt vom Acheloos, der mit sumpfiger Deltaebene in den Golf von Paträ mündet.

In den östlichen Landschaften (_Lokris_, _Doris_, _Phokis_, _Böotien_, _Attika_) findet sich eine doppelte Reihe östlich streichender Bergzüge: im N. _Öta_ (2158 m) und _Knemis_ 924 m), im S. _Ghiona_ (2512 m), _Parnaß_ (2459 m), _Helikon_ (1749 m), _Kithäron_ (1411 m) und _Parnes_ (1412 m). Zwischen beiden Reihen liegt die böotische Tiefebene mit dem _Kephissos_, der in den Sumpf _Kopais_ mündet. Letzterer hat nur unterirdische Abflüsse, die Katavothren.

Die Fortsetzungen beider Gebirgsreihen nach O. bilden die große Gestade-Insel _Euböa_ (Dirphys 1745 m), welche vom Festland durch einen Meeresarm getrennt ist, der an seiner schmalsten Stelle (_Euripos_) nur etwa 45 Schritte breit ist. An die südliche Kette schließen sich die kristallinischen Gebirge von _Attika_ an: _Pentelikon_ (1109 m), _Hymettos_ (1027 m) und die Berge von _Laurion_. Zwischen diesen liegen die drei kleinen attischen Ebenen.

Mittelgriechenland wird von dem südlich vorlagernden _Peloponnes_ geschieden durch einen tiefen Graben, welcher fast ganz vom Meer bedeckt ist: von W. treten der _Golf von Paträ_, die _Straße von Naupaktos_, _der Golf von Korinth_, von O. der _Saronische_ Golf in den Graben ein. Nur eine schmale, niedrige Landbrücke verbindet beide Länder: der aus jungen gehobenen Meeresablagerungen bestehende _Isthmus von Korinth_. Südlich steigen aus dem Graben die Gebirge des Peloponnes in steilen Terrassen jugendlicher Ablagerungen auf (_Achaja_). Der _mittlere und westliche Teil der peloponnesischen Gebirge_ gehört dem großen dinarischen Gebirgssystem an und setzt mit seinen von NNW. nach SSO. gerichteten Bergzügen das akarnanisch-ätolische Gebirge fort: die höchsten Spitzen, zunächst dem Korinthischen Golf und der Terrassenlandschaft Achaja, heißen: _Erymanthos_ (2224 m), _Aroania_ (2355 m) und _Kyllene_ (2374 m). An die beiden letzten hängen sich die parallel gerichteten Höhenzüge, welche das _Hochland von Arkadien_ bilden, in dessen östlichen Teil mehrere _fruchtbare Ebenen_ eingesenkt sind, welche durch Katavothren entwässert werden. Nach SO. setzt sich dieses Hochland in dem breiten Höhenwall _Parnon_ fort, der im _Kap Malea_ ausläuft. Im S. des Erymanthos dagegen sind die Gebirge durch bewaldete Hochebenen unterbrochen, welche von tiefen Tälern zerschnitten sind, so von dem Tal _des elischen Peneios_ und dem _des Alpheios_, deren Unterläufe die fruchtbare _Schwemmlandebene von Elis_ durchziehen. Jenseits dieser Unterbrechung findet der Erymanthos seine Fortsetzung in den weit niedrigeren Gebirgen von Triphylien und Messenien. Zwischen diesen und dem Parnon erhebt sich als mächtige Aufwölbung der überwiegend kristallinische _Taygetos_ (2409 m), der in der äußersten Südspitze Griechenlands, dem _Kap Tänaron_, endigt. Rings um denselben breiten sich drei durch niedrige Schwellen verbundene Becken aus: _Messenien_ mit dem Pamisos, _Lakonien_ mit dem Eurotas, und die Landschaft von _Megalopolis_ mit dem oberen Alpheios. Gebirge mit west-östlicher Streichrichtung hat der Peloponnes nur in der Halbinsel _Argolis_ (Arachnäon); diese werden nach W. von den arkadischen Gebirgen geschieden durch die _Tiefebene_ von _Argos_ mit dem _Inachos_ und durch den _Golf von Nauplia_.

Das griechische Festland ist im W. begleitet von der Kette der _Ionischen Inseln_, welche sich in ihrem Baue als Glieder des festländischen Gebirges kundgeben; im O. finden wir _Euböa_, ebenfalls ein losgelöstes Stück des Festlandes, die nördlichen _Sporaden_ und die _Kykladen_. Dieser Archipel wird im S. geschlossen durch das langgestreckte _Kreta_, das den Parnon mit dem kleinasiatischen Tauros zu verbinden scheint.

*§ 4. Hydrographie.*

_Die Gebirge Griechenlands sind meist felsig und unfruchtbar_, da durch den Wechsel von trockener und regenreicher Jahreszeit die Entstehung einer zusammenhängenden Decke von Verwitterungslehm verhindert wird. Daher sind meist nur die Talauen und vereinzelte Gehänge dem Anbau zugänglich. _Am ungünstigsten für den Pflanzenwuchs zeigt sich der Kalkstein_, welcher alles Wasser in die Tiefe versinken läßt, wo es durch ein Netz unterirdischer Wasserläufe abfließt, um an andern Stellen in mächtigen Quellen zutage zu treten. _Günstigere Bedingungen bieten der Pflanzenwelt die Schiefergebirge_, welche das Wasser an der Oberfläche abfließen lassen. Die _Wasserläufe sind fast sämtlich Wildbäche_, die gewöhnlich ganz trocken liegen, dagegen zuzeiten gewaltig anschwellen. Diese Bäche haben durch ihren Schutt und Schlamm _die Ebenen_ gebildet, welche meist von geringer Ausdehnung, aber von um so größerer Fruchtbarkeit sind und die _Mittelpunkte der geschichtlichen Entwicklung_ bilden. Heute sind dieselben infolge von Versumpfung ungesund und weniger bevölkert als im Altertum.

*§ 5. Klima und Pflanzenwuchs.*