Grevinde

Chapter 9

Chapter 93,710 wordsPublic domain

Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs Ziel steuernd:

„Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen und kennen ihren Namen —“

„Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und zu an ein Fräulein. Sie heißt — sie heißt — Ingeborg Jensen.“

„Hm — Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß —“

„Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das steht mit drauf.“

„So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen der Ueberraschung. Sie verstehen?“

Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf gefragt hatte, nahm er Abschied.

Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern.

Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als Absenderin vermerkt war.

Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger Erregung.

Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las?

Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen?

Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen.

Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu unternehmen.

Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben.

Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus dem Schloßhof hinaus.

Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten.

Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu vergleichen.

Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht wieder zum Vorschein gekommen.

„Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke,“ hub Lucile an, „will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen. Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?“

Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen, ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte er nach schicklicher Einleitung:

„Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu raten —“

Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute im Dorf geschehen war.

Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse.

Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen könne.

Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein.

„Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken, daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen und — pardon — Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine Schwester zu werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch ferner als mir zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich nicht verändert und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' diesen Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich werden würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz zweifellos.“

Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden Gegenwort gelangte.

Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm — ohne Luciles Freundschaft — einen unhaltbaren Stand haben werde.

Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich.

Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal Gegenstand seiner Ueberlegung sein.

Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung vollzogen.

Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte.

Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton zwingend:

„Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es — und daß wir ihn beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was ihr gutdünkt.“

Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten.

Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen.

„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse,“ hub er an.

„Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen zurücktreten müssen.

Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung.

Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie hineinlegen.

Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen — die meinem Herzen nach Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht — verzeihen Sie mir diese offene Sprache! — nicht falsch beurteilt werden will.

Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche, begraben zu müssen.

Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet, knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor zustellen.“

Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht.

„Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf,“ hub sie an. „Was Sie vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester, sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten.“

„Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke ich Ihnen!“ stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus.

„Immer entscheiden Frauen richtig!“

Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom in die Wangen, und sie zitterte heftig.

Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere Qualen.

* * * * *

Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor.

Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung, die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte, zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend:

„Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville, bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun gleich ihr letztes Wort vernehmen —“

Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen.

Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er:

„Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?“

„Nein und ja,“ entgegnete der Graf. „Es war dies der einzige Punkt, der mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen, widerstrebe doch seinem Empfinden —“

„Ah — ah — oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!“ fiel Graf Dehn verächtlich ein.

„Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf —“ hier wandte sich Axel an den Hausherrn. „Ich möchte jetzt beinahe einen Eid darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt.“

* * * * *

Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen.

Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor, welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war, auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu.

„Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!“ hub Lucile, sich Imgjor nähernd, an.

„Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer — Ich bitte —!“

„Was ist denn?“ fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. „Willst du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde.“ — Und dann in einem veränderten Ton: „Ach — glaube mir, Lucile — ich leide! Ich nehme die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich kann doch nicht anders!“

Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus — auch lehnte sie sich plötzlich — des Ortes nicht achtend — an Luciles Brust.

„Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen dort weitem reden. Ah — ah — wie du fassungslos bist! Arme, liebe Seele!“

Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr liebevoll in die Augen.

„Ich bitte dich —“ redete sie auf sie ein — „sprich dich einmal ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich, Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?“

„Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt. — In allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen. Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich bin — plötzlich — selbst — irre — geworden. — Vielleicht liebt er mich gar nicht — wollte er nur mein Geld — wie all' die anderen —“

Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des schönen Mädchens.

Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten.

Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren gebrochen.

Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen hervorzutreten.

Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie:

„Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere Eindrücke gestützt — ich wiederhole dir's — die ungünstigste Meinung. Die Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. Papa will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß Prestö deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe. Unsere Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz von Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet hat. Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten. Das junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?“

„Ja — ja — gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie gelesen?“

„Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt, und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu, nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?“

Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken. —

„Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte — oder ob er wenigstens in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide! Mir ahnt es — diese Probe wird dich heilen!“

Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus ihrem Munde.

„Also doch — doch — in Kopenhagen, und mir sagte er —“ stieß sie gegen ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest: „Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht mehr in Kopenhagen sei.

Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen.

Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu entsprechen. — Sträubt er sich aber — nun so —“ Sie unterbrach sich, richtete den Blick geradeaus und schluchzte:

„O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln! Zeige mir den rechten Weg!“

Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend, sagte sie:

„Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser Stunde gegen dich gewesen bin!“

„Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?“

„Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll —“ hier flammte des Mädchens Auge begeistert auf — „auch ferner die leidende Menschheit sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein Vater ein Mann aus dem Volke, sank er, — einer von den Tausenden, welche Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten —, so will ich versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren, will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich, Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn —?“

Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:

„Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt, mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du ihn — ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet —“

Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen.

Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls verhindert, zu reden.

* * * * *

Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen.