Chapter 6
„Meine Eltern werden sehr glücklich sein —“ entgegnete Axel, „wenn Sie ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel. — Aber ob Komtesse Imgjor damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich seit den letzten Vorgängen haßt —“
Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete nichts.
* * * * *
Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt. Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt, dabei eine Rolle spiele.
In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus.
Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.
Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben, wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre.
Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei, die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus, die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die zahlreichen Arbeiterschaften.
Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune, beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.
Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen.
Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe.
„Wir sprechen noch näher darüber!“ hatte der Graf geschlossen. „Ich komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht gewonnen habe.
Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen.
Natürlich — Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der Bedingung verlassen wir Rankholm.“
Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.
„Jeder Gutsherr —“ erklärte er — „muß seinen Herd und sein Eigentum schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten —“
Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.
„Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!“ hatte er geäußert. „Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie, bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und anderen schon viel Herzeleid gebracht.“
Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten.
Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt werde.
„Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren —“ sagte sie. „Mein Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge einstweilen nicht berührt werden —“ schloß sie mit gedämpfter Stimme.
Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu gelangen.
Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie — Axel schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für welche helle Gewänder nicht geeignet waren, — ein dunkles Kleid. Sie sah wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein neckisch anschmiegendes Wesen heraus.
Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden. Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht hören.
Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten, einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung. Man jauchzte und weinte mit ihr.
Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit. Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.
Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm bevor.
Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende Stafetten gleich eingeholt werden.
„Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!“ drängte Graf Knut, nachdem Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. „Singen Sie gütigst zum Schluß noch mein Lieblingslied!“ —
„Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht — Welches ist's, Herr Graf?“ gab Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht, zurück. Und „Ach ja — gewiß — ich weiß jetzt!“ fügte sie dann äußerst bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:
„Einmal möcht', daß die Traumgedanken Sich verwandelten in Wirklichkeit! Einmal möcht' ich aus den Schranken Eingeh'n in die Seligkeit!
Seligkeit sind deine Lippen! Seligkeit ist deine Brust! Schenk, o Gott, der durst'gen Seele, _Einmal_ diese trunk'ne Lust!“
Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward. Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel, ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles, wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und empfahl sich.
Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der hier in das Thal hinabführte.
Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal vorsichtig in das Dorf hinab.
Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt. —
* * * * *
Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten, ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber. —
Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her, sondern auf dem Hofe.
Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr. Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war. Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte, sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.
Und keinem Zweifel unterlag's — es war Imgjor, die, sicher beunruhigt durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in die Nacht hinausgewagt hatte.
Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an dem er sich befand, zuletzt sogar — nur eine Armlänge von ihm entfernt — ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.
Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und sehnsüchtig aufgeseufzt hätte.
Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen, fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.
Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.
Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und Imgjor wich — er sah's von seinem Versteck aus — angstvoll erschrocken zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der Ton zu ihr gedrungen.
Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung fast gleichzeitig ein Geräusch — das Geräusch der Schritte einer eilig den Berg hinaufklimmenden Person — beider Ohr traf, und gleich darauf auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch Entgegeneilende einsprach:
„Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und Sterbenden —“
Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung. Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen, wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.
Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte, Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm und ihr lösen wolle.
„Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus Schlechtem kann nichts Gutes entstehen. —“
Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.
„Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns fanden —“
„Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir! — Ich darf, ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur —“
Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.
„So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die Polizei feststellen können —“
„Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein Mißtrauen —“
„Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene. Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir, welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt. Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?“
„Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt.“
„Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit! Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes, als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele finden?“
So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge — so edelmütig ihre Absichten auch seien — sich keiner Gefahr aussetzen.
Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte, hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.
* * * * *
Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:
„Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte, verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!“
Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf.
Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung zustrebten.
Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne.
Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei — jetzt stimmte er Luciles Auffassung bei — als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu dienen hatte, verschmähte.
Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die nachfolgenden Zeilen an Imgjor:
„Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten, den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen, der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie, wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen, wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D.“
Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.
Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter der er sich verbarg.
Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß.
Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er, rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war — Axel zweifelte nicht daran — von Prestö!
Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle meisterhaft zu verbergen.
Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn sich ihnen anschließen würden.
Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn begegnete sie — wie er es vorausgesetzt hatte — mit der gewohnten völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen.
Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.
„Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?“
„Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um ihn — wie es schon gesagt sei — sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu entfernen.“
„Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?“