Chapter 5
Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu bekennen, worum es sich handelte, — gewann sie nicht über sich.
„Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!“ herrschte jetzt heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville — Axel sah's — auf Imgjors Seite.
In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.
„Bitte! Rede doch — gieb keinen Anlaß zum Verdruß!“ stand in ihrem auf Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.
Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.
Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ, während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das Zimmer.
Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so begegnete, ließen sie so handeln.
Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so geschah's jetzt mit Worten.
Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen mochte.
Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm gegenüber nicht völlig gefühllos war.
„Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl —“ hub er in einem versöhnlichem Tone an. „Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß, daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte —“
„So — so — In der That?“ fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.
Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von höchstem Unwillen haftete.
Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich, während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.
Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.
Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion.
Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.
Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können.
Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu vereinsamen.
Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer Hand.
Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft hatte.
Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: „Ich wiederhole, es giebt keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte, ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I.“
So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.
Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien.
Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten.
„Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?“
„Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich —“
„Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen —“ Axel sprach's zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.
Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten, so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war.
Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die Honoratioren aus dem Dorfe.
Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.
Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte, eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang gegeben.
Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen angemessen.
Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl der Damen selbst.
Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.
„Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?“ neckte sie. Und er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz nahm: „Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!“
„Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn —“ entgegnete Lucile. „Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie, daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?“
„Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich, Komtesse!“ fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. „Heute namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich — Sie sprachen von Ihrem Fräulein Schwester — bereits mein Schicksal entschieden hat.“
„Wie? — Es ist etwas geschehen? Ah — ahnte mir's doch!“ Lucile sprach's stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und ihren Nachbar schieben wollte.
„O ich bitte, erzählen Sie mir!“ fuhr sie fort und warf zugleich einen Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden hinüberschaute.
Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.
„Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel, über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen könnten!“
Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:
„Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal: Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen —“
„Wie? Sie glauben —?“
Lucile nickte.
„Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen.“
„Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse —“
„Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre Eindrücke, wenn ich bitten darf?“
Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte:
„Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn beschäftigt.
Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor nützlich sein können — ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher Weise ich mir das vorstelle — lassen mich unter der Bitte vorläufiger Verschwiegenheit reden!“
Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen war, und schloß mit den Worten:
„Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein Schwester Rankholm verließe — dringen Sie gleich — ich bitte — darauf, damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!“
„Ja, ja“ — Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.
„Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden. Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf sich nehmen.“
„Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!“ fiel Axel ein.
„Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt.“
„Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,“ — betonte Lucile — „ihn aber — glauben Sie es — bestimmt ihr Geld und die Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und Besitz handelt —“
„Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser Egoist und Fanatiker, aber —“
„Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen strengen Grundfarben und Koncilianz?“
„Sie beschämen mich, Komtesse —“
„Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank, — ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur — so wäre sie die Rechte für einen Mann, wie Sie es sind. — Ach, meine Mutter hat viel verschuldet! Sie — sie — hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben —“
„Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß Sie sie nicht blindlings lieben —“
Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:
„Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über Mamas Haltung Imgjor gegenüber —“
In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen. Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung. Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.
Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen, Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.
Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen deutlich sagen:
„Also, bitte, übermorgen Abend!“ zugleich aber traten beide, Axel bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit gegen ihn und verließ das Gemach.
„Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er begegnete mir hier gerade beim Fortgehen —“ erklärte Imgjor, als sich Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits verlassen wolle.
Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte, von ihrem Hunde zu sprechen begann.
Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren, kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen entgegenschreitenden Nichte des Pastors. —
* * * * *
Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine, davon ergriffen seien.
Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden. Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.
Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.
„Nun, Kind — hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!“ warf die Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.
Imgjor bewegte den Kopf.
„In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann.“
„Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht —“ entschied die Gräfin.
„Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?“
„Du hast —“ entgegnete die Gräfin — „nicht nur auf den Drang, zu helfen, den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm.
Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich unnötig mitten in die Gefahr zu begeben. —“
„Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden annehmen?“
„Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins Praktische zu übertragen sucht.
Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf, wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!“
„Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama. So bringe ich euch in keine Gefahr —“ fiel Imgjor, ohne dem von ihrer Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger Beharrlichkeit ein.
„Nein!“ erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede anzuheben vermochte. „Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit unvermeidlich. Eben lese ich in der ‚Orebye Tidende‘, was der Monsieur dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich will ihn hier nicht mehr haben!“
„Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst! Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt fürs Schloß kannst du ihn abschaffen —“
„Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet, welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben — ihm, gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken — so erscheint mir der Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen. — Nicht wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?“
Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.
„Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn —“ fuhr der Graf, ohne auf einer besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu beharren, zu Axel gewendet fort: „Sie vermögen Auskunft zu geben, ob meine Tochter dort war —?“
„Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt wurde, gefallen haben.“
In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.
Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer Entschiedenheit im Ton: „Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa. Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne.“
Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend, empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet.
„Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!“ befahl sie.
„Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit, aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht, Lavard?“ fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.
Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte, schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen Willens besaß.
Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa, bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.
„Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen entgegengetreten sind, Graf Dehn!“ begann sie. „Und wie finden Sie Imgjors Benehmen?“ fuhr sie fort. „Ist es nicht unerhört, in welcher Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich bezeichneten. Imgjor wird — ich hoffe, daß Papa darauf besteht — Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie es allein mit uns aushalten können?“
„Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen, wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu überzeugen.“
„Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?“
Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo —“
„Nun?“
„Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden aufnehmen!“
In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte, blitzte es auf.
„Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!“ stieß sie heraus. „Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde.“