Chapter 2
Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet. Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere, zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten, daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.
Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.
Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch zum offenen Angriff vorging. „Die Personen, die Sie uns schilderten, Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre Einseitigkeit aufdrängt —“
„Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse —“ entgegnete Axel auf diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. „Nur glaube ich, daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern, diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern teile. — Nur eine Ausnahme giebt's — ich spreche nicht, um Komplimente zu sagen, gnädigste Komtesse — und diese fand ich hier auf Schloß Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden Richtersprüchen!“
Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.
Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten.
Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf:
„So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als Heilige verehrt werden!“
Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener, durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer mehr steigerte.
Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche Abfertigung nicht beizukommen vermochte.
Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen.
Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte, und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte, erschien sie wieder.
Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie eine trotzige Büßerin aus.
„Wo warst du, Imgjor?“ forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte.
„Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten —“ gab Imgjor kurz zurück.
Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor näherte — sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe erleuchteten Ecke des Kabinetts — und sie fragte, welche Lektüre sie so sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten:
„Ich lese Geist in der Natur von Oersted —“
„Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?“
„Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu erheben vermag!“
„Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche Erfahrungen gemacht, Komtesse?“
Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die Achseln. — Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu durchbrechen, die sie trennte.
Sanft sprechend, sagte er:
„Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns zusammenführen könnte?“
Aber was er erhoffte, ward ihm nicht.
Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im Ton:
„Nein, keinen, Graf Dehn!“
Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville, machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich rasch.
Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt, seufzte auf und trat zu den übrigen zurück.
Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und sagte mit liebenswürdiger Milde:
„Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!“
„Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre Worte so deuten?“ stieß Axel heraus.
„Ja, Graf Dehn!“ Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen.
Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien.
* * * * *
Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos ansehen müsse.
Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe.
Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber doch ohne Befremden, zugehört.
Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie:
„Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen:
Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten. Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt. Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich, sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen.“
„Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?“
„Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir also —“
„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner ich zu thun habe.“
Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend:
„Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die Opferfreudigkeit eines Engels.“
„Also ist sie wirklich das, was ich vermutete —“ stieß Graf Axel erfreut heraus.
„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art, ein nur der Glätte bedürfender Diamant —“
„Sie finden Imgjor so schön?“ fiel die Gräfin ein.
„Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je wieder begegnen zu können —“
„Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da können Sie sich entscheiden!“
Axel machte eine Verneigung, dann sagte er:
„Können, wollen Sie mir also — ich bitte, noch einmal auf Komtesse Imgjor zurückkommen zu dürfen — bei meiner Werbung behilflich sein, Frau Gräfin?“
„Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!“
„Darf ich den Grund wissen?“
Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton:
„Mich — mich — meidet sie eher, denn daß sie mich sucht —“
„Wie, Frau Gräfin? Imgjor — Sie — Ich bitte — erklären Sie —?“
Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief.
„Hesterne staae beredt!“ (Die Pferde stehen bereit!)
Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen Hengsten ihrer wartete. —
* * * * *
Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog. Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen.
Graf Knut — ein früherer dänischer Reiteroberst — besaß im Dorf, abseits, ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park, das er nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen Tante geerbt hatte.
Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu beteiligen.
Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen Füßen hingelagerte Kneedeholm.
Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder eine Partie gemacht.
An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten.
Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert wurde.
Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen.
Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben. Jeder Zwang war von Uebel.
Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein.
Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt.
Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte.
Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß. —
Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und wanderte ins Dorf.
Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und Tannen.
Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen.
Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst habe.
Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei.
Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen unbeugsamen Standesstolz.
Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte.
„Ein recht unangenehmer Mensch!“ warf Axel hin.
Graf Knut bewegte stumm die Schultern.
„Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?“
„Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu fällen —“ entgegnete Graf Knut. „Prestös Eltern fanden unter dem Druck eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos; die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß, Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere, allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige. Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber — was will man machen? Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und Erscheinungen zu Tage. Wir — die Gutsherren — haben die gute Zeit gehabt, nun wollen auch die Bauern einmal leben!“
„Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer meinem Werben um sie entgegengeht.“
„Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?“
„Ich gestehe es — außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!“
„Vielleicht doch _nicht_ —“ betonte der Graf, auf das Gespräch ohne Umschweife eingehend. „Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt und ist es, soviel ich weiß, noch —“
„Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!“ fiel Axel lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus. —
Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die Gräfin — eine selten vorkommende Erscheinung — mußte wegen einer Migräne das Zimmer hüten.
Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen.
Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle hinausgehende Annäherung wagt.
Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit zurück.
Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören.
Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges. Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und verführte ihn zu starkem Widerspruch.
„Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu ab —“ warf er, herabsetzend im Tone, hin.
Und mit einem „So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener —“ antwortete sie darauf.
Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte.
Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte.
Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede gewesen war, sagte er:
„Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf Rankholm, Komtesse?“
Statt einzutreten — eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht, durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte — blieb sie stehen, richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung seinen Worten begegnend:
„Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. Aber — ich spreche offen — ich finde die Personen hier wenig anziehend. Wäre nicht mein Vater —“ Sie hielt inne und während sie die Lippen schloß, reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer starken Empfindung Herr zu werden versucht.
Nun wurde Axel aufmerksam.
Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein:
„Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann fesseln!“
„Meine Mutter —?“ Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte, und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte.
Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu verwischen, indem sie sagte:
„Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit Mama und Imgjor“ — Und plötzlich abschweifend:
„Wie finden Sie Imgjor?“
„Bezaubernd!“
„So —!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken ganze Scharen zu ihren Füßen.“
Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard:
„Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte, Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks wochenlang zum Besuch bei sich sahen!“
„Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse! — Sie sind aus dem alten Lavardschen Blut.“
„Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht. Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum. Ich bin aber —“ hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig anschmiegenden Lächeln — „durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht abfällig beurteilen. — Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen. Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz.“
Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ.