Grevinde

Chapter 16

Chapter 163,562 wordsPublic domain

Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf sie einzuwirken suchen.

Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten, welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen. Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.

Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den übrigen trennend, den Rückweg an.

Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie, mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen prügelte.

In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die Schwächere und Wehrlose zu vergehen?

Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.

Statt „Grevinde“ durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen, reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste, welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen.

Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten, trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.

* * * * *

Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen.

Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen, schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.

Und alles war wie ehedem.

In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch. In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend, in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten.

Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin.

Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen, schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig zurückzugewinnen.

Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor gekommen, — führten von selbst einen Ausgleich herbei.

Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.

„Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor? Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum —“ hatte Lucile eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus den Augen gestürzt. —

Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:

„Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig würdigen.

Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden. Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.

Zur Einleitung —“ hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor — „betrachten Sie sich dieses Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit meinem Ich zu bestehen hatte —“

Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem Munde ein Laut bewundernden Entzückens.

Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen Hände.

„Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen —“ stieß die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus.

„Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie, sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.

Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte, Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck.

Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen Starrsinns.

Doch nun hören Sie, wie alles verlief.

Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen, verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen unserer ersten Begegnung seine Braut.

Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris befindlichen Landsitz ein.

Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend, machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen nicht die erste sei, der er sich genähert.

Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war: ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen, das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den Altar treten.

Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte meine Hände und sagte:

„Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie mir gewähren?“

„Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag —“ entgegnete ich ohne Besinnen.

„Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes, sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!“

„Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard — sprich also — natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen widerstreitet —“

Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.

Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags, kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er mich ersuchen werde.

Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes ja!

„Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich schwöre es dir!“

Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit, zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und sagte:

„Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St. Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist, Lucile —

Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben.

Es liegen die Dinge nun, wie folgt:

Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch zu erörternde bindende Zusicherung zu geben.

Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.

Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer Beziehungen herbeizuführen vermag!“

„Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!“

„Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes geworden. Sie verlangt von uns — und deshalb will sie dich sprechen — die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen —“

„Ah — ah — welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde! Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch folgen?“ rief ich, meine Erregung nicht verbergend.

Lavard bewegte die Schultern.

„Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet —“

Ich zögerte. Dann sagte ich:

„Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.

Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme — es nach außen so hinstelle —“

„Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere Triebfeder war — für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen.“

„Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard? Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird — durch deinen Reichtum unterstützt — dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?“

„Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich unabwendbare Pflichten!“

Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer Gesundheit gesandt hatte.

Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie verlangte.

Wenig später — das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung Stattgefunden — wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann, mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm.

Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.

So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in rührendster Weise an den Tag legte.

Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung, Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die Kämpfe zwischen uns dreien.

Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann, Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu empfangen.

Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.

Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte, weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen.

Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt, Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte. —

Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch.

Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie mir in meine Gemächer brachte.

Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt, beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend früher bewiesen.

Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.

Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben. Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die, wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert hatte, für immer entzogen werde.

Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir gegenübertrat.

Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern, stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte.

Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt, sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.

Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.

Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in ihrer Hand geworden war.

Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine zeitlang ihr Kind gönnen.

Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.

Zuletzt war mein Entschluß gefaßt.

In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.

Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach, da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen.

Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.

Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten zwischen sich und den Kindern herbeizuführen.

Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du und Tante zu nennen.

Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast, namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.

„Ihr seht wie Schwestern aus!“ betonte sie lebhaft und richtete auch ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.

In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach griff sie begierig!

Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte, — ihrer abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend — auch danach, neben uns eine gleichberechtigte Rolle zu spielen.