Grevinde

Chapter 15

Chapter 153,676 wordsPublic domain

Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte, wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten. Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon, bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.

„Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,“ entgegnete der Doktor, Platz nehmend. „Er wolle,“ erklärte er, „mit Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte.“

„Ah — also wirklich!“ stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen, heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin sie sich wenden wolle, sagte sie: „Eine Woche brauche ich beinah' noch, um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte, Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß sie nur auf den rechten Weg leiten.“

„Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist, im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?“ wandte Kropp vermittelnd ein.

„Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters, suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun — ich erzählte Ihnen ja alles — hat sich ja überhaupt die Trennung zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben lassen — mir bleibt keine Wahl.“

„Doch, doch, Komtesse! — Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften! Auch ich gehöre zu ihnen —“ schloß Kropp feurig und einen liebewarmen Blick auf Imgjor richtend. „Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an, Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen, was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein! Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz gleichgiltig bin —“

„Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr Doktor!“ fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. „Aber ich kann — so schmerzlich mir diese Antwort ist — die Ihrige nicht werden. Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals wieder die Hand zum Bunde zu bieten.“

„Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben im kleineren Kreise beglückt — und lehrt es nicht, daß das eben auch das Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum: Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse! Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre, den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit, sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt, weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?“ schloß Kropp, als Imgjor nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein „Nein“ gesagt, wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.

* * * * *

Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war, wie so oft, Imgjor.

Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene verstärkt, als Lucile ihm nun auch — alle Bedenken, die sie früher mit Rücksicht auf sich selbst abgehalten — eröffnet hatte, was in jener Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war.

Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.

Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war — alle Bedenken und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle, Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.

Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem Arbeitstisch.

Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor, und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau.

Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie lauteten: „Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken. Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist.“

Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben, die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen die Seele.“

Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.

„Ich komme,“ hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf ihre Schwester, „um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht, noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn empfangen, liebe Imgjor?“

Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen.

„Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?“ warf sie tonlos hin. „Und wo?“

„Nun — bei dir — oder besser — bei uns!“

Imgjor schüttelte den Kopf.

„Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle Zeiten auseinandergesetzt.“

„Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn —“

„Ja, ich weiß: Wenn ich allem — allem entsage! — Ach, Lucile —“ setzte das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen.

„Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!“ stieß Imgjor heraus, hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der Brust entweichen.

„Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen, daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem Sinne — ich bitte — Lucile — fasse mein Naturell auf und so mühe dich, den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer _Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen.“ —

„Ja — ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile mir eine Antwort für Graf Dehn —“

„Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann wollt Ihr reisen?“

„Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit ausdehnen und dann — nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht, jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen.“

„Was will er denn noch hier?“ Imgjor sprach's mit ihrer alten Schroffheit.

Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem Buch gefunden, und sagte: „Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was du geschrieben hast, Imgjor!“

Und Lucile las: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter dumpfen Qualen allmählich die — Seele.“

Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: „Also morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann für immer einen Abschluß erhalten.“

Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte. Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.

Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.

* * * * *

In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.

Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr die Worte.

Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit sanfter Unterordnung im Ton:

„Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin —“ Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und fernere Worte versagten.

Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest:

„Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die Höflichkeit, — die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen — falls Sie einen Wunsch haben — solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind. Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!“

Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.

„Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall — ich bitte, ich beschwöre Sie — entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen, — zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind.

Ihr Pflegevater — es ist ersichtlich — wird sich innerlich und körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht. Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab, sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!“

Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle, sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.

Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte die seinige fest, und sagte:

„Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen könnte — ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß — so hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!“

Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz zermalmte. Und dann sprach er: „Wohlan denn! Ich habe dann nur den innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl — Komtesse — Imgjor — Imgjor — teure Imgjor“ —

Und dann geschah doch etwas.

Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im Ton: „Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!“

Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that er, wie sie wünschte.

Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte.

Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte — vielleicht, um sie dadurch eher gefügig zu machen — die sonst am ersten des Monats ihr stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr, weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war, hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden.

Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für gute Zwecke.

Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.

Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte Steuern von ihr.

Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem — nichts stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen wollen!

Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück! Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn, obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von sich gestoßen!

Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.

Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!

Jedes Menschenherz war — so überlegte Imgjor — zu rühren, wenn nur der Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.

Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an Rankholm.

Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend! — Eine namenlose Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken. — — —

* * * * *

Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen Briefes eine Ablenkung.