Chapter 14
Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.
Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.
Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:
„Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu dürfen —“ und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz:
„Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich Sie sprechen?“
Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.
Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und besaß nun selbst nichts!
Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen.
Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige bisher verschobene Fragen an Gebine.
„War jemand da, während ich fort war, Kind?“ warf sie hin.
„Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen —“
„Ein Mann oder ein Herr? — Wie sah er aus?“
„Es war — glaube ich — ein Matrose. — Ich fürchtete mich —“
Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde.
„Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?“ forschte Imgjor stark erregt.
Gebine nickte.
„Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals.“
Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte jener in der Nacht getragen.
„Und was sagtest du, Gebine?“
„Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem Herrn zurück, mit einem Rittmeister.“
„Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?“ Imgjor sprach's verwundert.
Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie antwortete nicht.
„Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?“
„Ja — ich — hatte so schreckliche Angst — Er guckte mich so sonderbar an — und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen.“
Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt.
Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: „In diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr entspringen alle anderen Laster. — Und noch eine Frage: Was äußerte der Mann, als du dies sagtest?“
„Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre.“
„Und du? du? Was — entgegnetest du, Gebine?“
„Ich sagte — ich sagte — daß es Ihr Bräutigam wäre —“
„Aber das war ja abermals eine Lüge!“ stieß Imgjor nun zornig heraus.
„Was sind das alles für Erfindungen — für Phantasien! — Ich bin außer mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon belogen? Oft? — Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte in die Tasche gesteckt?“
„O nein — nein — ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer nur die Wahrheit gesagt. — Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg. Ich hatte das Geld in Papier gewickelt — ich hatte es gar nicht nachgesehen —“
„Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast — ich werde mich erkundigen — mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück. Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder von dir zurück.“
Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte Imgjor: „O welche Einblicke in das Innere der Menschen, — täglich, stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?“ Und dann rief sie das Kind heran und sprach:
„Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es: Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen, aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen zu machen! So — und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich bin dir nicht böse.“
Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein Eden, ein unvergleichliches Paradies sei — in der großen Welt aber — eine Hölle —
* * * * *
Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren Obliegenheiten nach.
Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen.
Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein solches aushändigen werde.
Auf dem Wege dorthin erblickte sie — und das Herz wollte ihr stille stehen — jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden, abgelenkt.
Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.
Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch zufällig Doktor Kropp den Laden betrat.
Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen.
Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank, woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den Weg nach ihrer Wohnung zurück.
Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch die ihrigen gewesen.
Zuletzt gelangte er — eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen Garten zu — auf seine eigenen, von Stede bereits berührten Angelegenheiten.
„Ich möchte,“ hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren Gesichtes auf Imgjor, „mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö, mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe Kneedeholm zu haben sein werde.
Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!“
„Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten, in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus.
Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?“
„Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich vielleicht Ihr Herr Vater — auf Ihre Empfehlungen gestützt — mit einer solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?“
Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen solle.
Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen Enttäuschung fürchtete.
Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen jedermann eingeflößt.
Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens, ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.
Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung.
„Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr Doktor,“ begann sie. „Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde verdienen können.“
„Wie? In der That?“ stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich eine glückselige Hoffnung in ihm regte.
„Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir, wie das alles gekommen ist!“ drängte er, während sie sich auf einer vor dem kleinen See befindlichen Bank niederließen.
Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn sprechen.
Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert, daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn, wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern alles mitteilen.
Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.
Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte.
Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge Mädchen an seiner Seite.
„Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich, man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?“
„Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben — es ist vielleicht möglich — darf, kann ich es doch nicht brechen.“
„Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!“
„O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn nicht! Sie gehen zu weit!“ rief Imgjor. „Von dem, was er lehrt, ist er überzeugt!“
„Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt, diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist.“
„Nun wohlan! Ja — ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der Erledigung harrt.“
Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter — eben waren sie an ihrer Wohnung angelangt — mit einem freundlichen Blick Abschied.
* * * * *
Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter Herr sie zu sprechen wünsche.
„Frage erst nach seinem Namen!“ entschied Imgjor, von einer angenehmen Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.
Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer, küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er, Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu haben.
„Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück,“ schloß der Marquis.
„Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist. Allerdings — den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!“
Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte.
„Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren.“
Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem, alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein kurzes, zerstreutes: „Gewiß — allerdings!“
„Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben,“ lenkte Imgjor rasch und umsichtig ab. „Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater! Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei denn —“
„Nun, Imgjor?“ Curbière sprach's gespannt.
„Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!“
„Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?“
„Nein — hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte —“
„Und der wäre?“
„Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und finde ich solche, die gleich mir denken!“
Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen überzeugend widerlegt hatte, schloß er: „Und wollen Sie uns ein Opfer bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich.“
Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen, auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch diese Versuchung!
Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt, Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben — und Curbière gehörte ihrer Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: „Ich vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder ihn, noch einen anderen!“
Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück.
* * * * *
Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend, auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage, ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der Schlag gerührt habe.
Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden. Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie zu sorgen im stande sei.
Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr Abschied.
„Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit Geduld! Viele haben es noch weit schwerer —“
Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren mageren Fingern fest umklammerte.
„Gott segne Sie, Komtesse!“ schluchzte sie. „Ich werde immer an Sie denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie, als einen menschlichen Engel, herabflehen!“
Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen, den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie: „Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!“
Und: „Adieu! Adieu!“ schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.
Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch noch Dankbare. So überlegte sie abermals.