Chapter 12
Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum! — Wenn Sie aber trotz alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern.“
Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und Mienen:
„Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner, sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen Sie mir!
Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!“ schloß sie mit einem noch bezaubernderen Ausdruck.
Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:
„Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen.“
Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.
Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden Speisen und seltenen Weinen beisammen.
Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:
„Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich mit dem jungen Grafen Kilde unterhält.“
Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren Menschenbeglückungskittel abthun würde!“
„Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?“
„Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit —“
„Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen ganz superben Geschmack besaß?“
„Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in Amerika aufhalten.“
„Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden.“
„Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe, der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und uns besuchen will —“
„Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?“
„Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis von Curbière kennen gelernt habe.“
„Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht eifersüchtig zu werden vermag?“ warf Curbière liebenswürdig neckend hin.
Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:
„Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards —“
In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu ihnen herüberdrangen.
Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte:
„Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum in solchem Alter —“
„Ja, und wie man sie lieben und achten muß!“ fiel Lucile ein. „Ich habe erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich unvergleichlich bewährt.“
Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:
„Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?“
Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte.
„Weshalb fragst du?“ stieß sie heraus.
„Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde —“
Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte, erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit zärtlichem Ausdruck fort:
„Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!“
* * * * *
Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor — es war halb drei Uhr morgens — vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten Empfindungen, die Treppe hinauf.
Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt.
Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte.
Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.
Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern.
Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht, der seine Hand vergeben und den sie — Scham, Reue und Auflehnung gegen sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele — wegen seiner Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.
Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden. Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer Schwester.
Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß ihr Herz unwillkürlich — ihr unbewußt — Nahrung suchend, nach diesem Ersatz gegriffen habe.
Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie.
Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele, mußte sie zurückerlangen.
Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen, das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören.
Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat?
Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen! Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!
Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend machen konnte.
Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die Erinnerung an Prestö.
Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.
Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu warnen, wieder in ihr aufgestiegen.
Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen. —
Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren, dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel, einer marmornen Psyche.
Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das auf ihrem Tisch lag.
„Was ist Glück?“ lautete der Titel.
Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung — und sie brachte Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt glücklich?
Sie schüttelte wehmütig den Kopf.
Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte.
Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind.
Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe, daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre!
Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind — und immer noch ein solches an mangelnder Erfahrung — bitterlich geweint.
Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit! Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn sprechen zu hören vermeint:
„Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten, jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und gegenseitigen Bevormundungssucht.
Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen, welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben, sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln, selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden, begründen und Resolutionen fassen.
Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe. Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten, also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge, nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen.
Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um seine Existenz mit.
Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe sich umschauen.
Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt, ist das Beginnen von Thoren.
Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand keine Antwort darauf.
* * * * *
Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer Bestürzung, daß sie bestohlen worden war.
Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu unterstützen.
Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein.
Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.
Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos erregte.
Das Schreiben lautete:
„Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort, als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz — etwas aus dir macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich verunehrt wird.
Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun, und man weiß auch — warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen sind!
Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die Flucht ergreifen mußt!“
Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.
Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!
Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen.
Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte, der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier! —
Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu anderen, zu den alten Entschlüssen.
Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten würde. Ja, dazu war sie entschlossen! —
Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ und nur durch praktisches Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier, umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit ihm ausgetauscht.
Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.
Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.
„Mir ging es wie Ihnen, Komtesse,“ erklärte er. „Ich habe wohl hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.
Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:
„So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid, welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste stellen!
Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert zuletzt, wo ihr zu bitten habt.
Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet, plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton:
Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel bessere Speise.
Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:
„Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden, welch' eine Unwürdige du bist!“
Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie:
So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.
Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden. —
Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich nicht damit begnügen, blos zu sein.“
Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort, das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach, sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen.
„Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren, Stärkeren senden.“
Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines Marquis von Curbière auf.
Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.
Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht rühren, die Muskeln nicht anstrengen!
In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.
Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der Kronprinzeßgade.
Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem Widerstand, ihren Leib.
„Sie sind doch Grevinde!“ flüsterte er, sie fester und fester an sich ziehend. „So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der Glückliche!
Ich bitte, mein süßes Kind — komm mit — komm mit auf die Bank! Laß uns plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!“
Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der Halbohnmächtigen unter den Bäumen.
* * * * *
Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende, einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des Schlosses.