Grevinde

Chapter 11

Chapter 113,575 wordsPublic domain

Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter, welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den Hauptarzt gerichtet hatte.

Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse — einem zurückliegenden, von einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber — befand sich eine Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes, auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte.

Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe.

„Die Grevinde,“ wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten.

Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten.

Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene.

Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau.

Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem ohnehin verletzten Körper bei.

Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den beiden Megären auf.

„Ah, ihr Furien!“ entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust.

In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten in den Flur zurück.

„Die Grevinde! Die Grevinde!“ hatten die Hereindrängenden einander zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre Tochter Partei.

Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte, auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben würde.

Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel stationierte Polizeiofficiant auf.

Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor, und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation.

„Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier ist Geld! Teilt es euch —“ rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem mitanwesenden Wirt übergebend. „Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist.“

Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend, befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten.

Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin ihre Infamien vor.

„Sie haben die Wahl —“ schloß Imgjor — „alles als erfunden zu bezeichnen und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, ausgesagt — —“

Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger Auflehnung.

„Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine Angelegenheiten zu mischen!“ erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen habe.

Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen, die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten.

Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode geöffnet und das Geld herausgenommen habe.

Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert.

Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie Holm.

Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte Erklärung.

„Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem Kerbholz wegen anderer Sachen!“

Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung.

Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge Gnade für Recht ergehen lassen —

„So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!“ stieß Imgjor, ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus.

Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.

In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange.

Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches Beispiel vor Augen.

Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit einer inneren Erziehung begonnen werden?

Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:

„Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen.“

Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt.

Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja, machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter künftigen Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ.

Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte.

* * * * *

Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken zu nehmen.

Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten Augen:

„Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?“

„Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?“

„Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir davon —“

„Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich ihr nirgends in den Weg — Wahrlich, dieses Treiben —“

Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort:

„In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen, daß ich teilnehme —“

„Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen, aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun.“

Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln.

„Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich Kopenhagen ganz verließe —“

„Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe.

Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in einer Uebersetzung gebracht.“

„Ein Artikel über mich?“ fragte Imgjor betroffen. „Was enthält er? Dem Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!“

„Sie sind allzu bescheiden, Komtesse — Die ungewöhnliche Erscheinung, daß sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig seiner Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich damit zu beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?“

„Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon so viele und solche, die mich nicht erheben —“

„Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe in Ihrem Sinn?“

„Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere.“

„Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten verfolgen Sie?“

„Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern.“

„So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten „neuen“ Ideen? Sie überraschen mich!“

„Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch anders denken, Herr Doktor?“

„Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt.

Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen.“

„Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam —“ Imgjor ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen.

Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht, ihre Schritte in einen der Siechensäle.

In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei oder dreimal am Tage.

Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die Hausvorschriften zu halten hatten.

Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle.

Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten.

Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an.

„Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst. Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen, und jedenfalls — ich wiederhole meine Worte — wünsche ich von Ihren eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden.“

„Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte, Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine Vorgesetzte —“

„Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!“

Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch.

„Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden.

Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein Lavard!“

„Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard, sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!“

„Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine Dir —“

Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor, von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über Imgjor und deren Benehmen aus.

Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise. Anderfalls werde sie gehen!

„Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!“ entgegnete die Oberin, die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ.

„Warum noch reden!“ betonte Imgjor kalt. „Es unterliegt doch keinem Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen!

Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden, aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen. — Klagen über Fräulein Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung. —

Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen! Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?“

„Nun ja, nun ja — es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich niemanden hindern, seinen Weg zu gehen —“ stieß, statt auf diese Rede einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. „Ich darf Sie also nicht erwarten, Komtesse?“

„Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin —“ entgegnete Imgjor, verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen. —

* * * * *

Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden, vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die Stallungen und eine Reitbahn.

Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und Dienern beizuwohnen.

An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die Verlobung zwischen ihnen erfolgt.

Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert.

Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling, und — Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr Erscheinen zugesagt hatte.

In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher. Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von Rosenberg.

Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten.

Ein leises und lautes „Ah!“ der Bewunderung entrang sich dem Munde der Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat.

Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke, aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand.

Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige, zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte, den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank umfließenden Seidenleibchens.

Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah — der Zufall hatte es gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt hatte — löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe und eilte mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu.

Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah, und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand entgegenstreckte.

„Ah! Wie schön Sie sind — Psyche und Juno streiten um den Preis!“ sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des gewandten Mannes Munde.

Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ.

„Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr Eigentum, das Dänemark besitzt?“ sprach sie dann, den Ausdruck des Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend.

Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr gewachsen. Er fand sich rasch wieder.

Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit:

„Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!“

„Wie sollte es —“ entgegnete Imgjor unbiegsam — „einem Weltmann wie Ihnen nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr Marquis!“

„Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen — so ist's doch, Komtesse? — lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten Schönheitssinns war?