Gran Cañon

Part 4

Chapter 43,504 wordsPublic domain

Die mexikanische Missionskirche San Felipe besuchten wir nicht. Während die mexikanische Altstadt sonnige, staubige und langweilige Straßen und graue Lehmmauern hat, ist die Neustadt rein amerikanisch und besitzt Banken und Geschäftshäuser, Villenviertel mit schönen Häusern und Gärten, Alleen und einen „Public Garden“. Tamarisken und Pappeln sind überall zu sehen. Man tut alles, was man kann, um Vegetation und kühlende schattige Bäume aus dem dürren gelben Boden hervorzuzaubern. Die Straßenbahn der kleinen Stadt hat auch heute noch Frauen als Schaffner und Führer, die ihren Verdienst nicht aufgeben wollten, als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten. Im Indianerviertel von Isleta, dessen gelbe Lehmhäuser den Wohnstätten im westlichen Asien gleichen, besuchten wir einen prächtigen Alten, den achtundsiebzigjährigen Manuele Antonio Carpio, einen ausgezeichneten Typ, kupferbraun mit schneeweißem Haar. Das Innere seiner Hütte war einfach, aber sauber; auf dem Boden lagen sogar indianische Teppiche. Der Alte erntete auf seinen Wiesen sieben Tonnen „Alfalfa“ (Luzerne) und war mit dem Leben zufrieden.

Wir fahren nach Albuquerque zurück. Unser Tag neigt sich seinem Ende zu; wir nehmen an der dichtbesetzten Tafel unser Essen ein und wandern dann gleich den andern auf dem Bahnsteig auf und ab, den Abgang des Zuges erwartend. Die meisten Reisenden sind uninteressante, aber interessierte Touristen, die sich ihr großes Land ansehen. Auf ihrem Weg vom Atlantischen zum Stillen Ozean folgen sie der Sonne und gewinnen vier Stunden, denn der Erdteil hat vier verschiedene Zeiten: die Ostzeit, die Mittelwestzeit, die Bergzeit und die Pazifische Zeit. In Neumexiko stößt der Amerikaner, der aus einem der Oststaaten kommt, auf eine neue Welt. Hier bilden Spanien-Mexiko und die Indianer den vorherrschenden Einschlag, hier breiten sich die unendlichen, öden Flächen aus, mit ihren Rinder-, Pferde-, Schaf- und Ziegenherden, hier erheben sich die Bergketten auf einer Grundlage, die selbst hoch über dem Meer liegt, hier ist die Bevölkerung spärlich in einem Land, das U.❁S.❁A. noch nicht völlig erobert hat.

Um ½9 Uhr abends verließen wir Albuquerque. Etwa zehn Züge berühren täglich die Stadt. Vor der Abfahrt ist der Bahnsteig voller Menschen, und als wir in die Nacht hinausrollen, ist alles besetzt. Clarkson und ich nehmen in einem Pullmanwagen Platz, obgleich der Zug, der den Namen „The Scout“ trägt, auch einen „Tourist Car“ mitführt, der zwar 15 vom Hundert billiger, aber im großen und ganzen ebensogut ist wie ein Pullman. Der Raum wird sorgfältig ausgenutzt. Alles Handgepäck wird unter die Sitze geschoben, die großen Hüte der Damen steckt der Neger in Papierbeutel, die er an die Decke hängt, dann schlagen der schwarze Mann und sein ebenso schwarzer Gehilfe mit bewundernswerter Geschicklichkeit die oberen Schlafsofas herunter und verstauen die kleineren Sachen der Reisenden, Überkleider, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Handtaschen mit den Toilettensachen am Fußende der Betten. Währenddessen sitzen wir im Rauchabteil und studieren die Karte oder lesen die kleine Zeitung „The Albuquerque Herald“. Draußen sind ungefähr 25 Grad, aber im Wagen ist es erstickend warm. Wir haben daher das Fenster offen und begnügen uns mit dem Drahtgitter. Aber in der Nacht erwacht man infolge der Kälte, die einen überschleicht, und läßt das Fenster herab. Was die Landschaft betrifft, die wir in den nächsten sechs, sieben Stunden durchfahren, so soll es kein großer Verlust sein, daß Schlaf und Dunkelheit uns ihres Anblicks berauben. Den Rio Grande del Norte haben wir schon bei Tageslicht erblickt, aber es wäre interessant gewesen, den westlichen Teil von Neumexiko zu sehen, den die kontinentale Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean durchzieht.

Man wird von dem Neger geweckt und ist rechtzeitig zum Frühstück in Winslow fertig. Der Speisesaal ist hell und freundlich, da hier die Arkadengalerie fehlt, die sonst gewöhnlich dem Innenraum das Licht nimmt. An heißen Orten, wie Albuquerque, tut diese ihre guten Dienste, indem sie die Wärme und die Sonnenbestrahlung dämpft. In Winslow tischt uns auch „The Los Angeles Examiner“ seine Neuigkeiten auf -- Morde, Gerichtsverhandlungen, Ehescheidungen, Skandale, Boxen und Sport, die beliebtesten Gerichte für den amerikanischen Bildungshunger.

Dann fahren wir wieder hinaus in dieses entsetzlich öde Land, wo kein Lebewesen, keine Hütte, kein Zelt zu sehen ist und wo man vergebens nach einem lebenspendenden Wasserlauf sucht. Nur endlose leicht gewellte Einöde, so weit der Blick reicht. Sobald sich die Sonne ein Stück über den Horizont erhoben hat, wird die Wärme fühlbar, ohne jedoch irgendwie unangenehm zu sein. Hier und da weiden Rinder und Pferde zwischen spärlichen Rasenhöckern. Wir sind im Staat Arizona und nähern uns dem Hochland des Colorado. Im Norden sind niedrige Berge zu sehen. Wir kreuzen einen ersten Miniaturcañon, bald darauf einen zweiten tieferen. Über dem Horizont im Nordwesten schwebt ein mattrosa Schein, vermutlich ein Widerschein der Morgenröte im Gran Cañon, wie der „Eisblink“ im Eismeer die Nähe der Eisfelder verrät. Dunkelgrüne Gürtel dichter Buschvegetation bringen eine Abwechslung in das Bild. An einigen Stellen sind sie von flachen, mit Beifuß bewachsenen Furchen unterbrochen. Der Cañon Diablo ist tief, eng und dunkel wie ein Abgrund.

Ein paar Stunden vor Williams setzt lichter Wald von Kiefern und Wacholder ein, und je weiter wir nach Westen kommen, desto höher sind die Bäume. Der Boden zwischen ihnen schimmert grünlich von Gras. In dem durchschnittenen Gelände läuft die Eisenbahn zwischen Hügeln. Auf einem von ihnen ist ein Beobachtungsturm errichtet, von dem aus man ständig Ausschau hält über den Wald und im Falle eines Waldbrandes Warnungssignale aussendet. Im Norden taucht ein Berg auf, der alle andern der Gegend überragt, mit weißen Schneestreifen auf den Hängen. Flagstaff ist der Name einer größeren Station, die im Wald zwischen den Hügeln ganz prächtig liegt. Hier rasten einige Autos, beladen mit Kisten, Koffern, Zelten und anderm Gepäck. Es sind transkontinentale Touristen auf dem Weg nach Kalifornien, die es sich nicht entgehen lassen wollen, einen flüchtigen Blick auf den Gran Cañon zu werfen. Nicht weit vom Bahnhof wird Holz gefällt. Der Wald gehört dem Staat. In der Nähe vom Bahnhof Flagstaff erhebt sich auf einem Hügel die Lowell-Sternwarte, deren Astronomen das Studium des Mars zu ihrer Spezialität gemacht haben. In der Gegend der kleinen Stadt Flagstaff mit etwa 5000 Einwohnern sind mehrere rote Häuschen mit weißen Ecken und Fensterrahmen zu sehen, und ich fragte mich, ob ihre Bewohner nicht etwa schwedische Auswanderer sind. In einiger Entfernung im Norden sollen sich die Ruinen einer 1500 oder 2000 Jahre alten aztekischen Stadt befinden, mit gut erhaltenen Häusern, Befestigungen und einem Sonnentempel.

Im Norden sind die ganze Zeit hindurch die San-Francisco-Gipfel sichtbar, und gegen 10 Uhr kreuzen wir Arizona Divide, die Wasserscheide zwischen Ost- und Westarizona. Der Himmel ist ganz klar, aber im Wald ist die Wärme nicht schlimm. Die Landstraße schimmert rötlich; es ist dieselbe Straße, die wir schon so oft gesehen haben und die New York mit Los Angeles und San Francisco verbindet. Eine Reihe Lastautos befördern Baumstämme aus dem Flagstaffwald. Die Arbeiter, die mit dem Abholzen beschäftigt sind, wohnen in kleinen hübschen Holzhäusern, die sie sich selbst gebaut haben.

Der Wald wird lichter, und die Hügel aus vulkanischer Asche treten zurück, als wir uns Williams nähern. Um 12 Uhr erreichen wir den kleinen Ort mit 400 Einwohnern, einigen kleinen Straßen und niedrigen Häusern. Unser Zug hält zehn Minuten und verschwindet dann im Westen auf seiner langen Fahrt nach Los Angeles. Aber wir, die wir nach dem Gran Cañon wollen, bleiben zurück und vertreiben uns die Zeit damit, in dem typisch westamerikanischen Ort umherzuwandern, der mit der Zeit zu einer Stadt heranwachsen wird. Die bergumkränzte Ebene bietet ja Platz genug. Ford Harveys Haus am Bahnhof hat eine große, gemütliche Halle mit offenem Kamin, in dem im Winter ein tüchtiges Feuer brennt. Der Fußboden ist mit indianischen Matten bedeckt, die nicht gerade schön, aber mit ihren einfachen symbolischen geometrischen Mustern originell und hier wenn irgendwo am Platze sind.

Obwohl der Zug von Williams nach dem Gran Cañon schon wartet, dauert es noch zwei Stunden, bis er abgeht. Er besteht nur aus zwei Wagen, von denen der zweite ein „Parlour Car“ ist mit offener Aussichtsplattform. Die Zahl der Reisenden ist nicht groß; die beiden Wagen reichen vollkommen aus, auch nachdem um 3 Uhr Zug Nr. 9 von Chicago nach Los Angeles angekommen ist und noch einige Touristen mitgebracht hat, die nach dem Gran Cañon wollen. Wir steigen ein und fahren nach Norden. Die Luft ist herrlich und dank der Seehöhe von 2226 Meter, in der wir uns befinden, sogar kühl. Williams verschwindet hinter uns. Die Bahn läuft zwischen Hügeln und vereinzelten Bäumen in Kurven vorwärts. Nichts in der ganzen Umgebung läßt auf die Nähe des Gran Cañon schließen, und doch sind es bis dorthin nur noch ein paar Stunden Bahnfahrt. Aber nach zehn Minuten kommen wir am Anfang des Havasupai Cañon vorüber, der 88 Kilometer lang ist und in den Gran Cañon ausläuft. Doch wer könnte den Raum, die Lücke in der Erdkruste ahnen, in die dieses kleine unansehnliche Tal mündet? Nach allem, was man von andern gehört und in Abbildungen gesehen hat, ist man jedoch von feierlicher Spannung erfüllt und fragt sich, ob die Wirklichkeit den Erwartungen entsprechen wird, die man sich gemacht hat. Nach Norden Ausschau zu halten, in der Hoffnung, den ersten Anblick nicht zu verpassen, hat keinen Zweck, denn nur ein paar Sekunden lang erblickt man in unmittelbarer Nähe von El Tovar ganz flüchtig den Gran Cañon. Einer der merkwürdigen Charakterzüge dieses größten Erosionstales der Erde ist, daß man von seinem Dasein keine Ahnung hat, bis man nur wenige Schritt vor seinem Rande steht.

Bald sausen wir zwischen lichtstehenden Bäumen dahin, bald zwischen mäßig abgerundeten, mit Grashöckern bedeckten Hügeln. Die Gipfel des San-Francisco-Gebirges tauchen wieder auf, jetzt im Osten. Aber nach und nach verblassen und verschwimmen sie ebenso wie andere Berge in ihrer Nähe. Es weht Südwind. Infolge der Zuggeschwindigkeit spüren wir ihn nur während der kurzen Aufenthalte an den kleinen Stationen. Einmal mußten wir jedoch eine Viertelstunde warten, um zwei vom Gran Cañon kommende Züge vorüberzulassen. Auf dieser Bahn werden auch die Unmengen von Lebensmitteln befördert, die im Hotel El Tovar verzehrt werden; ja sogar das Wasser, nicht nur das Trink- und Kochwasser, sondern auch das Badewasser, wird in Zisternenwagen auf diesem Weg an den Rand des Cañon gebracht.

Bisweilen geht die Bahn durch dichtes Gebüsch. Die Hügel werden immer flacher, und wir eilen über öde Flächen. Bäume und Sträucher hören auf, nur Grashöcker wachsen da und dort auf der Prärie. Kleine kurze Brücken führen über trockenliegende Geländefurchen. Die Bahn stellt beinahe eine gerade Linie dar. Anita ist ein kleiner Ort mit Schulhaus für die Kinder der Gegend. Dann setzt wieder Wald aus Kiefern und Wacholder sowie „Buckhorn“, einer Kreuzdornart, ein. Zwischen den Bäumen schimmert der Boden gelbrot wie bisher. Schließlich wird das Gelände wieder hügelig, und die Bahn läuft in Bogen. Die Lokomotive heult in jeder Kurve, um zu warnen, aber selten ist in dieser öden Landschaft ein Lebewesen zu sehen. Nur manchmal erblickt man weidende Pferde und Rinder. Streckenweise zeigt der Wald fast nordische Schönheit.

Wir nähern uns dem Ziel! Nur noch zehn Minuten! Durch eine Lichtung im Wald erhaschen wir einen Schimmer der hellroten Bergwand jenseits des Abgrundes. Man findet kaum Zeit, Herzklopfen zu bekommen und in Erstaunen zu geraten, dann ist dieses erste Traumbild schon vorüber. Einige Minuten später hält der Zug bei El Tovar, und Autos bringen uns zum Hotel hinauf. Man hat nur ein paar Minuten zu fahren, einige Zickzackbiegungen, und ehe man sich dessen versieht, fährt das Auto vor der nach Süden liegenden Veranda eines ziemlich großen braunen Holzhauses vor, das im ländlichen Stil erbaut ist, zwei Stockwerke hat und an ein Touristenhotel erinnert. Auf dem Platz vor dem Hotel spielt sich der ganze Verkehr ab. Vom Gran Cañon ahnt man hier nichts, das Hotelgebäude nimmt einem die freie Aussicht.

Bereits in Chicago hatte ich darum gebeten, ein Zimmer zu erhalten, von dessen Balkon oder Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte und wo ich während einiger Ruhetage zeichnen und malen und die wechselnden Lichteffekte im Laufe des Tages beobachten könnte. Aber im Hotel El Tovar gab es keine solchen Zimmer und keine Balkone. Vermutlich ist diese Anordnung absichtlich, sonst wäre sie nicht begreiflich. Vielleicht bezweckt man damit, daß die Touristen nicht gleich bei der Ankunft abgelenkt werden, sondern sich in Ruhe und Muße einrichten, ehe sie ihre Schritte zum Rande des Abgrundes lenken.

El Tovar wimmelt von Gästen. Im Durchschnitt treffen täglich 500 ein, davon viele in eigenen Autos, wahrscheinlich die meisten, denn die Zahl der Autos beträgt täglich durchschnittlich 100 (die Mindestzahl ist 75, die Höchstzahl 120). Die meisten Touristen kommen früh am Morgen an und reisen am späten Abend wieder ab. Die 130 Zimmer des Hotels reichen daher gewöhnlich aus. Im Notfall werden auch die einfacheren Zimmer benutzt, die in kleinen provisorischen Hütten untergebracht sind und 1 oder 1½ Dollar kosten.

Bei unserer Ankunft in El Tovar empfing uns Herr Carleton J. Birchfield, den ich schon in Chicago kennengelernt hatte. Er ist Assistant General Advertising Agent bei The Atchison Topeka and Santa Fé Railway System und untersteht Herrn William H. Simpson, der, wie ich schon erwähnte, Assistant General Passenger Agent ist. Herr Birchfield ist stets von seinem Photographen Herrn Edw. H. Kemp begleitet; die beiden bringen jeden Sommer eine neue Ernte prächtiger Aufnahmen vom Gran Cañon heim.

Mit noch zwei andern maßgebenden Persönlichkeiten des Ortes machte ich sogleich Bekanntschaft, dem Obersten Crosby, Superintendent des Grand Canyon National Park, und Herrn Victor Petrosa, dem Manager des El Tovar Hotel. Beide waren mir während meines Aufenthalts in der liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise behilflich. Oberst Crosby orientierte mich in dem ausgedehnten Gebiet und versah mich mit allen notwendigen Karten und Begleitern, und Herr Petrosa sorgte für meine Verpflegung auf den Ausflügen.

Mit meinen neuen Freunden verständigte ich mich dahin, alles ruhig und überlegt zu nehmen. Man muß diese überwältigenden Landschaftsbilder stückweise genießen, in kleinen Bissen, sonst erstickt man. In meiner Schilderung des Gran Cañon werde ich den gleichen Grundsatz befolgen.

Viertes Kapitel.

Der erste Eindruck.

Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“, dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10 Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point. Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von 1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden.

Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich befindet -- es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine verlassen kann. Denn es +kann+ vorkommen, daß man schwindlig wird und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben, wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des Cañons wird davon nicht berührt.

Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“ genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab, und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden, und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch befinden mag.

Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des Colorado.

Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen, ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang, dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar.

Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend, ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand, Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs haben.

Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen, braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand. Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor. Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado 1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt.