Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's
Part 9
Niemand als der treuen Johanna Dieffenbach vertraute sie ihre Gefühle. Diese, die ihre Freunde nie im Stiche ließ, wo es galt, schrieb sogleich aus Berlin, den 18. Dezember 1838: »In dieser Minute habe ich Deinen Brief erhalten, und rufe Dir auf der Stelle zu, komm, komm hieher, zu mir, zu mir, Du geliebte Elisa! Für's erste würde Dir die Stille hier auch wohlthun, und weitere Pläne lassen sich hier gemeinschaftlich berathen. Soll ich, soll mein Freund Kaufmann Dich holen kommen? Ein Wort, und Du sollst nicht einsam, mit schwerem Herzen, den Weg hieher machen; denn hieher, und nirgends anders gehe zuerst. -- Und wenn innige, herzliche Freundschaft Trost gewährt, so findest Du ihn an meinem Herzen, das mehr als ein anderes Dir nachfühlen kann. Gott hat mir beigestanden, wo ich so ganz verzagte, und mir ein ruhigeres Leben geschenkt, als ich's je vorher hatte. Vertraue Du nur, es wird Dir auch nicht fehlen! Ewig Deine Johanna.« --
Es ist schwer zu glauben, daß ein Verhältniß zerstört sei, das für das Leben dauern sollte, daß nach so vielen Jahren einer poetischen, beglückenden Freundschaft ein solches Ende folgen könne. _Elisa_ duldete weiter. Die Freundin schrieb ihr den 24. Januar 1839 wieder, wie folgt: »Wärest Du armes Herz nur erst hier, fort von da, wo Du jede Stunde auf's neue verletzt werden mußt. Kein Schmerz verwundet so tief, als sich getäuscht zu finden, wo man so ganz vertraut hat, erkaltet zu fühlen, was unser Herz so lange mit unwandelbarer Treue festgehalten, sich abwenden zu sehen, was durch Hingebung unseres ganzen Wesens wir für immer uns verbunden glaubten. O, so grausam scheidet nicht der Tod, unsere theuren Gestorbenen leben uns in der Seele fort, wir dürfen ihrer freudig gedenken. Aber Freunde, die dieses Namens unwerth, aller Liebe, Treue, Hingebung, aller Opfer uneingedenk, dies alles mit engherziger Selbstsucht und Undank lohnen können, die verbittern nicht bloß die Gegenwart, auch der schönen Vergangenheit können wir nicht gedenken, ohne daß uns wie eine dunkle Wolke die schmerzliche Erfahrung vor die Seele tritt. Glaube Du Geliebte, Tag und Nacht beschäftigt Dein Schicksal mich, ich fühle Dir alles nach, weil Dein Loos das meine war. Dieser Zustand des Verlassenseins, der Einsamkeit ist furchtbar, auch ich dachte damals verzweifeln zu müssen, keines Menschen Trost fand bei mir Gehör.« -- Mit ihrer großartigen Freundschaft stellte sich Johanna _Elisen_ vollständig zur Verfügung; diese sollte bestimmen, ob sie kommen, und _Elisen_ mit sich führen, ob sie zusammen reisen, wie und wo sie leben wollten; sie hoffte, eine Reise in neue, schöne Gegenden solle _Elisen_ zerstreuen und ihren Kummer heilen.
Diese zögerte noch immer, einen Entschluß zu fassen; sie ahnte, daß etwas Entsetzliches vorginge, ohne zu wissen, was es sei. Was Immermann ihr verschwieg, wurde ihr nun von Andern mitgetheilt: daß er verlobt sei. Das konnte sie nicht glauben! Ihr edles Gemüth hielt es für nicht möglich, daß er dasjenige, was er vor allen Andern ihr mitzutheilen schuldig war, ihr verheimlichen könne.
Die Gewißheit ließ nicht lange auf sich warten. Immermann legte ihr eines Tages auf seinen Schreibtisch, den sie, wie bereits gesagt worden, allein zu ordnen pflegte, und dessen Papiere sie alle lesen durfte, einen Brief, der ihr alles entdeckte. Es war der schrecklichste Augenblick ihres Lebens. Nach zwölf Jahren, die sie dem Glücke des Freundes ausschließlich gewidmet hatte, nach zwölf Jahren voll Treue und liebender Sorgfalt, war nun alles zu Ende! -- Ihre bangen Ahnungen hatten sie nicht getäuscht! Und der einfachen Jugendlichkeit eines Kindes war es vom Schicksal bestimmt, den Sieg davonzutragen über eine Frau von so feinem und hohen Geist, von so schönem Herzen, von so bezaubernder Liebenswürdigkeit wie _Elisa_! -- Sie, die vertraute Freundin, wollte er aufgeben, für ein fremdes junges Mädchen, das er nur einige Male erblickt hatte! --
Wie _Elisa_ in Magdeburg lebte, hatte sie bei Immermann's Mutter ein Kind gesehen, das dort fröhlich umherspielte: es war Marianne Niemeyer! So war diejenige, die _Elisens_ Freundschaftsverhältniß zu Immermann stören sollte, schon beim Beginne desselben gegenwärtig gewesen. Seltsame Fügung! --
Diesem tragischen Geschick gegenüber, fühlte _Elisa_ unwiderleglich in ihrem Herzen, daß es nur _einen_ Ausweg für sie gebe: fortzugehen auf immer. Immermann hatte das nicht gedacht, sondern die inneren Vorwürfe, die er sich machen mußte, mit der Hoffnung zu besänftigen gesucht, sie werde sich bereden lassen, trotz seiner Heirath, bei ihm zu bleiben; die Freundin könne einen Platz neben der Frau haben. Aber mit edlem Unwillen wies _Elisa_ solch einen Vorschlag zurück, den anzunehmen unter ihrer Würde gewesen wäre. Immermann war bestürzt, außer sich, als er vernahm, daß er sie verlieren sollte! --
Sie schwieg, außer gegen Johannen, gegen alle Welt über das, was vorgefallen; gegen niemand kam ein Wort der Klage über ihre Lippen. Anders er; in der Aufregung lief er zu allen gemeinschaftlichen Freunden, vertraute ihnen, _Elisa_ zürne ihm, und bat um ihre begütigende Vermittelung und Ausgleichung. In so zarte Verhältnisse kann kein Dritter sich mischen, ohne zu verletzen; die Freunde, die nun kamen, und _Elisen_ bestürmten, sie solle doch bei Immermann bleiben, konnten natürlich nichts ausrichten; vergeblich wollten sie es so schön finden, wenn _Elisa_ die mütterliche Freundin der jungen Gattin würde. -- Immermann erwartete damals von Düsseldorf versetzt zu werden, _Elisa_, meinten sie, solle dann das junge Ehepaar an den neuen Wohnort begleiten. -- _Elisa_ empfand aber tief das Widrige solchen Vorschlags, und das Unpassende solcher Unterredungen; sie blieb bei ihrem Vorsatz. Alle wollten sie nicht begreifen können, warum _Elisa_ ginge, nicht begreifen, was doch das einfache Gefühl zu begreifen lehrt! Auch ein Theil von _Elisens_ Familie war unzufrieden mit ihrem Entschluß. Sie ließ sich nicht irre machen, und schrieb an Alle: man möge nicht weiter in sie dringen: Immermann habe ihr früher mehrmals seine Hand angeboten, sie habe sie ausgeschlagen; nun heirathe er, das fände sie in der Ordnung, aber die Art, wie er es gethan, habe sie gekränkt. -- So übte sie noch bis zuletzt Schonung und Entsagung für ihn. --
Die Einzige, die _Elisen_ ganz verstand, und begriff, daß hier eine Trennung nöthig sei, war die Freundin Johanna; sie schrieb aus Berlin, den 8. April 1839: »Geliebte Elisa! Schon lange weiß ich nichts von Dir, und erwarte auch jetzt kaum Dein Herkommen. Täglich suche ich in der Zeitung nach Immermann's Versetzung, und da sie bis jetzt nicht erfolgt ist, bleibst Du auch wohl noch dort. Ach, ich kann's nur zu deutlich denken, wie schwer Du Deine Wohnung verlassen wirst, und wie gern Du selbst alles verschiebst, wenn auch das frühere Leben darin geendet hat. Daß Immermann wünscht, Du zögest nach seinem künftigen Wohnort, finde ich natürlich -- aber ob Dir's heilsam wäre, wage ich nicht zu glauben, Du würdest fortkranken, ihn so ganz anders zu sehen. -- Deine Wunde ist nicht mit Rosenwasser zu heilen, da gehört ein noch tieferer Schnitt, ehe Du auf Genesung rechnen kannst. -- Sage mir sehr bald, wie Du Dich fühlst, und was Du beschließest, und gebrauche mich, worin Du glaubst, daß ich Dir dienlich wäre. Ich glaube fest, es würde Dir wohler, bei meiner Liebe zu leben, als jetzt -- weil unser Band von Herz zu Herzen geht. -- An die Verhältnisse in Halle kann und mag ich gar nicht glauben, doch möcht' ich näheres darüber hören. -- Gott schenke Dir Kraft und Geduld, Du theuerste _Elisa_, und mir erhalte er Deine Liebe. Bis in den Tod Deine Johanna.« --
_Elisa_ verabredete nun mit Johannen eine gemeinschaftliche Reise nach dem Süden, auf welcher der letzteren junger Freund, _Philipp Kaufmann_, der Uebersetzer von Shakespear und Burns, die beiden Damen begleiten und beschützen sollte.
Während dies sich vorbereitete, lebten _Elisa_ und Immermann zusammen weiter, aber ach! wie anders als ehemals! Nach den ersten Stürmen der Aufregung verkehrten sie scheinbar ruhig miteinander, aber was sie innerlich fühlten, läßt sich nicht schildern. Immermann vertraute einem Freund, wenn er sich das alles so vorher vorgestellt hätte, er würde sich nie zu der Heirath entschlossen haben! Nun war es zu spät; er glaubte sich gebunden. So vergingen Wochen, Monate. In der Mitte des Juli erschien Johanna wie eine hülfreiche Retterin aus diesem unseligen Zustand; sie umschlang voll Zärtlichkeit die geliebte Freundin, und ihr mitfühlendes Herz schlug an dem tieftrauernden _Elisa's_.
Den 14. August 1839 verließ _Elisa_ in Gesellschaft Johannens ihren heitern, ländlichen Wohnort Derendorf, das stille Haus unter den schattigen Bäumen, wo sie zwölf Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, auf immer. Mit schwerem Herzen begleitete Immermann die theure Freundin bis Köln; der Abschied war erschütternd; es war, wie wenn die ganze ehemalige, zarte Innigkeit dieses Verhältnisses noch einmal aufflackerte; es war ein Abschied für ewig! --
Bis dahin hatten sich _Elisens_ Schönheit und Jugendreiz wunderbar erhalten, aber dieser Abschnitt ihres Lebens war auch zugleich die Gränze ihrer Jugend; sie war nun neunundvierzig Jahre, und sah mit vollkommener Entsagung in die Zukunft; sie hoffte, sie wollte und wünschte nichts mehr vom Leben. Johannens Liebe suchte sie zu stützen und aufzurichten. Die schöne Natur that ihr wohl. »Es war das Schrecklichste, was mir begegnen konnte,« sagte sie später einmal zu einer Freundin, »aber wenn man es überwunden hat, wird man sehr ruhig.« -- Nachdem der junge Philipp Kaufmann sich den beiden Freundinnen angeschlossen, nahmen sie den Weg über Straßburg und Freiburg nach der Schweiz.
Während _Elisa_ so immer weiter in die Ferne ging, blieb Immermann mit Empfindungen zurück, die von denen eines glücklichen Bräutigams weit abwichen. Der Abschied von _Elisen_ hatte die schmerzlichsten Gefühle in ihm erregt, und schon jetzt begann er zu ahnen, daß mit ihr sein guter Genius von ihm gewichen sei. Welch ein Dämon war es, der ihn einen Theil von jenen zerreißenden Seelenzuständen erleben ließ, die er in seinen »Papierfenstern eines Eremiten« in früher Jugend mit vorahnendem Dichtergeist geschildert! -- Noch wenige Tage verweilte der Dichter allein in dem romantischen Häuschen zu Derendorf, dem ehemaligen Schauplatze eines idealen Glückes; er fand keine Ruhe mehr zwischen diesen Blumenbeeten und Rosengebüschen, diesen schattigen Gängen und traulichen Ruheplätzchen, alles sprach zu ihm mahnend und eindringlich von der Vergangenheit, er fühlte ein Weh bis in's innerste Herz, und eilte diesen Ort auf immer zu verlassen. --
Bereits den 20. August schrieb eine Freundin von Immermann und von _Elisen_, _Amalie von S._ an die letztere aus Düsseldorf die folgenden Zeilen: »Ich gestehe Ihnen offen, daß ich es Immermann gönnte, Sie nicht so weit von ihm getrennt zu wissen. Der Schmerz des Abschiedes von Ihnen hat das Bild Ihrer Treue und Liebe, welches nie verlöscht war, mit einer solchen Gewalt in ihm hervorgerufen, daß Sie, wenn Sie dies in persönlicher Gegenwart sähen, und Ihre Seele noch nicht zum alten Vertrauen zurückgekehrt wäre, schon in, darf ich sagen, christlicher Milde, etwas zu seiner Beruhigung thun würden. Ich kann es wahrhaft sagen, wie es auch in Zwischenstimmungen gewesen sein mag, jetzt lebt Ihnen kein ergebenerer Freund auf Erden.« --
Bald nach _Elisens_ Abreise wurde Immermann's Verlobung öffentlich erklärt; er reiste nach Halle zu seiner Braut, mit der er sich den 2. October 1839 verband.
Auf der Rückreise nach Düsseldorf nahm er mit seiner jungen Frau den Weg über Weimar, wo ihm wieder von allen Seiten die ehrenvollste Aufnahme zu Theil ward. Am Abend seiner Ankunft wurde er im Theater mit einer Aufführung seiner »Ghismonda« bewillkommnet; seine junge Frau wohnte neben ihm der Vorstellung bei. Da ergriff ihn das Gefühl des ungeheuren Abstandes zwischen jetzt und ehemals; er mußte sich vorstellen, welchen warmen Antheil _Elisa_ an der Darstellung dieser seiner Dichtung genommen haben würde, ihm fehlte überall ihr feines Eingehen, ihr tiefes Verständniß seines innersten Lebens. Es lag eine Art von Ungerechtigkeit in solchen Vergleichen, er konnte, er durfte von einem so jungen Wesen zum wenigsten nicht jene volle Reife des Geistes verlangen, die er an _Elisen_ gewohnt war.
Bei einem Aufenthalt in Dresden ging es nicht anders. Als Marianne Morgens in der Galerie sich für die Bilder nicht so lebhaft interessirte, als er erwartet hatte, als sie Abends bei einer Tieck'schen Vorlesung ermüdete, rief er schmerzlich, solche Gleichgültigkeit wäre bei _Elisen_ unmöglich gewesen! -- Er vergaß in seiner Aufregung, daß die arme junge Frau keine Schuld daran hatte, daß sie nicht _Elisa_ war, und daß nur Wenigen die hohen und bezaubernden Gaben zuertheilt werden, welche die letztere besaß! -- Immermann empfand Augenblicke der Verzweiflung, in denen er mit Leidenschaft nach _Elisen_ verlangte, ja, er veranlaßte sogar Mariannen ihr zu schreiben, und sie flehentlich zu bitten, zu ihnen nach Düsseldorf zurückzukehren. Das war jetzt zu spät; _Elisa_ hatte mit ihrem früheren Leben bereits abgeschlossen! --
Da aus Immermann's von ihm so lebhaft erhoffter Versetzung nichts geworden war, so mußte er in Düsseldorf bleiben, das er sehnlichst zu verlassen wünschte. Er bezog mit seiner Gattin eine kleine Wohnung in der Stadt, in der unschönen Grabenstraße. Die engen Zimmer, die zwei Treppen hoch gelegen waren, beklemmten und bedrückten ihn; er seufzte laut nach Raum und Luft, nach dem freundlichen Derendorfer Garten; er kam sich wie in einem Käfig vor. Er fühlte sich wie Tasso, der aus den Gärten von Belriguardo verbannt ist. -- Außer einigen Gesängen von »Tristan und Isolde« hat er auch nichts mehr gedichtet, seit _Elisa_ ihn verließ. Wie schwer lasteten auf ihm die engen, bürgerlich häuslichen Sorgen, die sein neuer Lebensweg mit sich brachte! Jetzt erst fühlte er ganz, wie er verwöhnt worden war durch _Elisens_ zarte Pflege, wie sie alle hemmende Prosa der Wirklichkeit von ihm entfernt, und eine Atmosphäre der Freiheit und der Schönheit um ihn geschaffen hatte, in der er sich ungestört der »süßen Gewohnheit des Daseins und des Wirkens« hingeben konnte. Die tröstende, hülfreiche, begeisternde Muse war von ihm entflohen, wer konnte ihn für solchen Verlust entschädigen! --
_Elisa_ setzte unterdessen mit ihren Gefährten ihre Reise fort. Sie waren über den Gotthard nach dem schönen Italien gelangt, über Genua, Florenz, Bologna, Ferrara und Padua nach Venedig. Die herrlichen Gegenden, die wunderbaren Kunstwerke entzückten _Elisen_; sie empfand es als einen beglückenden Trost, daß während alle Menschenbeziehungen so unsicher, so wandelbar sind, die Freuden, welche die Natur, die Kunst und die Poesie gewähren, für denjenigen, der einmal wahren und echten Sinn für sie besitzt, wie unerschütterliche Säulen dastehen, an denen man Herz und Geist ewig aufrichten kann; die reiche Fülle des Schönen, die sich ihr hier auf jedem Schritte darbot, sie mußte wie mit mildem Sonnenschein ihr Inneres erhellen und beleben.
Als sie in Ferrara Tasso's Kerker und das alte Schloß der Este, einst der Sitz der Musen und Grazien, betrachtete, mochten wohl wehmüthige Gedanken in ihr aufsteigen über die Vergänglichkeit alles Glückes. In dem alten verzierten Himmelbette des Hôtels träumte sie von den goldenen Tagen, da Tasso, zu den Füßen der Prinzessin sitzend, dieser seine unsterblichen Werke vorlas. War es nicht zugleich ihre eigene Geschichte, die sie träumte? -- Mitten aus diesen Phantasien weckte sie ein heftiger Stich am Finger, und wie sie hinfühlte, fehlte ihr der Trauring ihrer Mutter, den sie immer zu tragen pflegte, und nie fand er sich wieder! -- Es war einer jener seltsamen, räthselhaften Vorgänge in ihrem Leben, wie wir schon deren mehrere berichteten.
Von den Wundern Venedigs sprach _Elisa_ noch in später Zeit nie ohne Entzücken. Den Rückweg nahmen sie über Tyrol. Alle Erinnerungen aus _Elisens_ Jugendzeit, wo Andreas Hofer sie mit Bewunderung erfüllte, traten hier lebendig vor ihre Seele; auch ohne Bitterkeit das Andenken Immermann's, und sie gedachte mit Freuden seines Drama's »Andreas Hofer,« dessen wahren Schauplatz sie hier betreten hatte.
Im Wirthshaus des hohen Gebirgsdorfes Achenthal waren die Zimmer so überfüllt, daß sie es verzog, in der reinlichen Küche bei der Wirthin ihr Frühstück zu nehmen, die ihr vom Hofer erzählen mußte, während _Elisa_ dagegen ihr sein schönes Denkmal in Inspruck beschrieb, von dem sie eben herkamen. Während dieses Gespräches hatte sich eine Anzahl Tyroler um den Heerd versammelt; sie hörten ruhig und aufmerksam zu, und als _Elisa_ fortging, gaben ihr mehrere von ihnen herzlich und vertraulich die Hand zum Abschied.
In München fand _Elisa_ die Nachricht von dem Tode ihrer geliebten Erzieherin, Marianne Philipi, die dreiundachtzig Jahre alt geworden war. Das Blumensträußchen, welches ihr _Elisa_ das Jahr zuvor beim Abschied gegeben, hatte die zärtliche Freundin, mit dem Datum und _Elisens_ Namen bezeichnet, und sorgfältig getrocknet, seitdem beständig bis zu ihrem letzten Augenblick bei sich liegen gehabt. _Elisa_ betrauerte innig das treue Herz, welches sie in ihr verloren hatte.
Eine Krankheit Johannens, so wie ihres Reisegefährten, die beide _Elisa_ angestrengt pflegte, gab noch außerdem dem Aufenthalt in München eine trübe Färbung. Nachdem sie sich genugsam erholt und gefaßt, nahmen sie ihren Weg weiter nach Berlin, das sie zu ihrem Wohnort bestimmt hatten.
Es war grade der Weihnachtsabend als _Elisa_ bei einer ihr befreundeten Familie, dem jetzigen Oberregierungsrath _Albert Solger_ und seiner Gattin, in Potsdam anlangte. Wir finden in ihrem Reisetagebuch keine Klage, kein Wort, das man gegen irgend einen Menschen als Vorwurf deuten könnte, aber rührend sind die Schlußworte desselben: »Den 24. Dezember Abends bei treuen, lieben Freunden auf's herzlichste empfangen; welch ein Labsal für die Heimathlose!« -- --
Wenige Tage darauf, zu Anfang des Jahres 1840, ging sie nach Berlin. _Elisa_ und Johanna hatten beschlossen, sich nie mehr zu trennen; sie waren sich gegenseitig so viel Dank schuldig, daß sich nicht mehr berechnen ließ, welche mehr für die andere gethan hatte, so wie es in der wahren Freundschaft auch sein muß. Sie bezogen, da sie beide einen ländlichen Aufenthalt liebten, eine freundliche Wohnung auf der Potsdamer Chaussee 38, in der Nähe des botanischen Gartens. Für die Rheingegend konnte das freilich kein Ersatz sein, aber für die Berliner Umgegend war es anmuthig genug. Von dem artigen Balkon hatte man die Aussicht in die weite, grüne Ebene nach dem Kreuzberg, aus den hinteren Zimmern den Blick nach dem Thiergarten, den Pichelsbergen und dem Grunewald, und dazu, wie Johanna sagte, »Sonne und Mond immer aus erster Hand.«
Die lebhafte Freundin ließ _Elisen_ keine Zeit zu einer wehmüthig stimmenden Einsamkeit; sie zog eine Menge Menschen in ihren Kreis; _Elisa_ besaß ohnehin von ehemals her viele Freunde und Bekannte in Berlin, und so hatten die beiden Frauen bald eine interessante und mannigfache Gesellschaft um sich versammelt. Philipp Kaufmann war ein täglicher Gast; sein Interesse für Literatur, sein weiches Gemüth machten ihn angenehm. Johanna pflegte von ihm zu sagen: »Die zarteste Frau kann nicht zarter und feiner empfinden als er, und das ist unendlich wohlthuend, er ist eine echte Kinderseele, aber noch kein Mann.« Mit diesen wenigen Worten ist er treffend charakterisirt.
Berlin mit seinem Reichthum an Kunst, Theater, Musik und bedeutenden Menschen, von dem _Elisa_ oft scherzend gesagt hatte, es wäre die Stadt, wo mehr noch als die Schornsteine, die Köpfe rauchten, bot den beiden Freundinnen die mannigfaltigsten Genüsse. _Elisa_ war mit _Cornelius_ bekannt, dessen großartige Schöpfungen sie bewunderte, mit _Rauch_, dem begabten Bildhauer, dessen schöner, ausdrucksvoller Kopf noch im Alter aussieht, als wenn er aus seinen eigenen Meisterhänden hervorgegangen wäre, mit _Wilhelm von Humboldt_, der ein feuriger Anbeter Johannens war, und sich auch zu _Elisen_ sehr hingezogen fühlte; sie sah _Ludwig Tieck_ wieder, den der König unterdessen nach Berlin berufen hatte; dann ihre Freundin Henriette Paalzow, die mit ihrem Bruder Wilhelm Wach in vertrauter Gemeinsamkeit lebte, und sich des Beifalls freute, den die damalige Berliner Gesellschaft ihren Romanen so reichlich spendete. Auch Professor _Wilhelm Zahn_, der thätige Nachbildner der Wandgemälde von Herkulanum und Pompeji, der oft mit freundlicher Bereitwilligkeit seine schönen Prachtwerke in die Gesellschaft mitbrachte, der geistvolle _Henrich Steffens_ und seine liebenswürdige Familie, _Friedrich von Raumer_, den _Elisa_ sehr schätzte, und dessen spätere geschichtliche Vorlesungen sie immer eifrig besuchte, der muntre Professor _Wilhelm Stier_, die fleißige Malerin Karoline Lauska, Geheimerath _Kortüm_ und seine Gattin, Beuth und seine Schwester, wären hier zu nennen.
Auch mit ihren entfernten Freunden, mit denen sie durch ihre Abreise von Düsseldorf und ihren Aufenthalt in Italien außer Beziehung gekommen war, erneuerte _Elisa_ ihren Briefwechsel. Nicht viele Frauen in dem Alter, in dem sie jetzt war, dürfen sich so begeisterter und hingebender Verehrung zu rühmen haben, wie zum Beispiel die Briefe Möller's ausdrücken, mit denen er sie nach ihrer Wiederkehr begrüßte. Ein dänischer Graf R. hielt um dieselbe Zeit um ihre Hand an. Ja, wir dürfen es kühn behaupten, sie gewann sich nicht minder alle Herzen, als in ihren früheren Jahren. Wenn auch ihr Jugendreiz dahin war, so hatte sie doch die feine, zierliche Gestalt, die beseelten blauen Augen, die schönen Hände, die Grazie der Bewegungen behalten; in jenem bedenklichen Alter der Frauen, in welchem der Schimmer der Schönheit und Frische sie verläßt, und es nun unabwendbar an den Tag kommt, ob sie außer diesen anmuthigen aber vergänglichen Vorzügen auch einen wahren Kern von Geist, Charakter und Gemüth haben, zeigte sich von neuem _Elisens_ voller Werth; sie war das seltene und schöne Beispiel, daß auch eine Frau mit Anstand und Anmuth alt werden könne.
Das viele Unglück, welches sie erlebt, hatte nicht die geringste Bitterkeit in ihr erregt; sie trug es still für sich allein, und zeigte ihrer Umgebung beinahe immer eine ungetrübte Heiterkeit; ihr lebhafter Geist, ihr reger, empfänglicher Sinn für alles Schöne, ihre Güte, Milde und Liebenswürdigkeit blieben sich stets gleich, eine wunderbare Harmonie ging durch ihr ganzes Wesen. Niemand konnte seine Freunde mehr im Herzen tragen als _Elisa_ es that; sie lebte in ihren Gedanken beständig mit ihnen. Wenn man sie auch längere Zeit nicht gesehen hatte, mußte man durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die sie einem bewies, die Ueberzeugung gewinnen, daß sie sich so lange fortwährend mit dem Abwesenden beschäftigt, daß sie für ihn alles gesammelt, bewahrt, behalten hatte, von dem sie wußte, daß es ihn interessiren konnte. -- Niemals fiel ihr ein, eine falsche Würde annehmen zu wollen, sie blieb durchaus anspruchslos, und verlangte nie zu glänzen. Einer geistreichen und anregenden Unterhaltung zuzuhören, war ihr eigentlich noch lieber, als sie selbst mit zu führen; wo ihr dies zu Theil wurde, rief sie oft entzückt: »Welch ein Glück so zuhören zu können! Ach, wiederholte es sich mir doch immer wieder! Die Klugen finden keine dankbarere Zuhörerin als mich!« --
Eben war _Elisa_ etwas aufgelebt, als eine tragische Nachricht sie tief berührte. Immermann war an einem heftigen Fieber erkrankt, und starb nach kurzen Leiden den 25. August 1840 plötzlich an einem Lungenschlag. Wenige Tage zuvor hatte ihm seine junge Frau eine Tochter geschenkt; selbst noch leidend, konnte sie sich nicht einmal seiner Pflege widmen; doch wachten treue Freunde an dem Lager des Kranken.