Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's
Part 8
In einem Briefe aus Berlin, den 28. November 1833 sprach Lützow seinen allerdings gegründeten Unmuth aus; er lautet: »Meine beste Elise! Ich habe lange nicht geschrieben, aber es wird mir schwer, Dir zu sagen, wie ich lebe! Beinahe schäme ich mich, es zu erzählen. Meine Wohnung im Thiergarten ist allerdings angenehm, außerdem bin ich völlig ohne Geschäfte; kein Mensch, sage keine menschliche Seele erinnert sich meiner. Leo ist der einzige, der alle Monat einmal pflichtmäßig zu mir kommt, er ist mehr achtbar als angenehm, und verläßt mich nie, ohne mein Gefühl verletzt zu haben. -- Daß der Lützow'sche Name nicht florirt, ist ihm allerdings unangenehm, mir persönlich mag er wohl eine Demüthigung gönnen, wenn er auch darüber -- wie die Menschen in so vielen Verhältnissen -- nicht ganz klar sich selbst Rechenschaft giebt. -- Ich bin stumpf geworden, die Dinge haben ihren Eindruck auf mich verloren. Es bedarf eines äußeren Anklangs, um mich wieder zu erheben, ich werde ihn suchen und finden! -- Berlin ist übrigens ein fatales Offiziantenloch. Alles äfft dem Hofe nach. Bildung des Verstandes will ich den Berlinern nicht allgemein absprechen; das Gemüth ist ohne Fülle, sie sind in Vielwisserei, äußeren Schein und Vornehmthun versunken. Der Luxus ist groß. Ein Hausvater läßt seine Kinder nach seinem Tode lieber betteln, als seine Gäste ohne Champagner. Die Frauen bedürfen unaufhörlich neuer Lumpen, und bedenken nicht, daß ihre Kinder dereinst zerlumpt einher wandern müssen. In diesem Augenblick passiren lauter schöne Wagen und Pferde, die Livreen gleichen den Hoflivreen, denn jede arme Lieutenantsfrau glaubt ein Stück des Hofes sein zu müssen. -- Hinter dem Wagen steht ein Neufchateller Jäger, der nie einen Hasen geschossen, und noch überdies das Französische seiner gnädigen Frau nicht recht zu deuten versteht, so laut sie auch das ganze Publikum damit unterhält. Vor 1813 hatte das Unglück die Berliner vernünftig gemacht, seitdem die Staatskassen richtig zahlen, und die Orden fliegen, sind sie die alten, und noch schlimmer wie vor 1806. -- Darf ich Dich besuchen, wenn ich im Frühjahr nach dem Rhein komme? Gern sagte ich Dir mündlich, daß ich nie aufhören kann der Deinige zu sein.« --
Immer auf's Neue äußerte Lützow den Wunsch _Elisen_ wiederzusehen, um sich bei ihr zu entschädigen für sein häusliches Leid. »Lange bin ich in Dresden gewesen,« schrieb er ihr aus Berlin, den 1. November 1834, »und habe eigentlich die Absicht dort für immer zu leben. Dir hat es ja auch stets dort gefallen, kommst Du nicht vielleicht einmal wieder nach Dresden? Wir wollten recht freundlich zusammen leben. Ueberlege Dir meinen Vorschlag, der aus meinem tiefsten, innersten Gefühl hervorgegangen. -- Die Tochter unseres Wilhelms würde Dich interessiren, sie ist stark, kräftig, und ob sie gleich für das ungezogenste Mädchen gehalten wird, und alle Dinge mit ihren eigenen Augen ansieht, so ist dennoch in ihrem kleinen Herzen eine Welt von Empfindungen und unendliche Tiefe des Gefühls. -- Meine felsenfeste Gesundheit ist erschüttert, und ich bin oft krank. Gemüthsbewegungen kann ich durchaus nicht vertragen, diese machen, wie Aerger, da ich nicht wie sonst durch heftiges Aufwallen Luft mache, mich stets krank. -- Ich erwarte viel von einer gänzlichen Zurückgezogenheit im herrlichen Dresden, besonders wenn auch Du durch Deine Gegenwart das Leben verherrlichen wolltest. Mit tiefer Anhänglichkeit und treuer Freundschaft der Deinige Adolph.« --
Was Lützow hier von seiner Gesundheit sagte, war leider nur zu wahr! Ein Brief aus Berlin, den 18. November 1834, in welchem er _Elisen_ nachträglich auf gewohnte Weise zu ihrem Geburtstag Glück wünschte, und lebhaft über ein dreitägiges Fieber klagte, war der letzte, den er der geliebten Freundin geschrieben, denn schon den 4. Dezember 1834 starb er plötzlich, erst zweiundfünfzig Jahre alt. --
Er wohnte, da seine Frau in Dresden lebte, und er dadurch wieder ganz allein war, die letzte Zeit im Thiergarten beim Hofjäger, wo er ein einzelnes Zimmer seiner früheren Wohnung gemiethet hatte. Er war den Abend, über Unwohlsein klagend, nach Hause gekommen, und den andern Morgen fand ihn sein Diener todt im Bette. Seine Gesichtszüge sahen so ruhig aus, als wenn er schliefe. Auf einem Tische neben ihm lagen einige Bände Shakespear, Tasso, Faust und Wallenstein, Werke, die ihm nur als Erinnerung an _Elisen_ lieb sein konnten, da er sonst an solcher Lectüre keinen Geschmack fand.
_Elisa_ war tief erschüttert von der Nachricht, welche die treue Johanna Dieffenbach sogleich an Immermann schrieb, damit dieser sie in schonender Weise der Freundin mittheile. Allgemein wurde der tapfre und ruhmreiche Freischaarenführer betrauert, der durch seine Unerschrockenheit und Biederkeit, durch seine Gutmüthigkeit und Offenheit viele Freunde besaß, und von der ganzen preußischen Armee hochgeachtet wurde. Für die Handlungen, zu denen ihn Leidenschaft und Charakterschwäche verleitet, hatte er bitter gebüßt durch tiefe Reue, und wenn er selbst sich auch sein Unglück zugezogen, so mußte man ihn doch herzlich darum bedauern. Er wurde vor der Zeit alt. Seine zweite Heirath war es vor allem, die ihm viel Kummer bereitete, nun kam noch seine leidende Gesundheit dazu, und die kränkende Zurücksetzung, die er, der sich um das Vaterland so sehr verdient gemacht hatte, erfahren mußte. -- Sein Andenken wird fortleben in der Geschichte, wenn diejenigen, die ihn in den Schatten zu stellen suchten, längst vergessen sind.
Wir müssen verschiedene Reisen erwähnen, welche _Elisa_ während ihres Aufenthalts in Düsseldorf machte, theils begleitet von Immermann, theils allein. Die schönen Rheingegenden forderten zu manchen romantischen Ausflügen auf; in Dresden wurde Tieck besucht, dessen Kreis vielfach Anregung bot, und der mit Immermann das Interesse für die Bühne theilte. Als Immermann 1831 jene Reise machte, die er in seinem gedruckten »Reisejournal« geschildert, schrieb er alle jene darin enthaltenen Briefe an die in Derendorf zurückgebliebene _Elisa_; sie legen in manchen kleinen Zügen dar, wie auch in der Ferne sich alle seine Gedanken zu der Freundin richteten, wie er nichts genoß und nichts erlebte, was er nicht mit ihr zu theilen verlangte. Im Jahre 1834 unternahmen er und _Elisa_ eine gemeinschaftliche Reise nach Holland, auf der die Malerin _Karoline Lauska_ sie begleitete. Sie gingen über Nymwegen, Rotterdam, Delft, den Haag, nach Scheveningen. Hier hatte _Elisa_ die Freude nach langen, langen Jahren wieder einmal das Meer zu erblicken, das Meer, bei dessen majestätischem Anblick, bei dessen geheimnißvollem Wogen und Brausen sie ihre Kindheit und ihre Mädchenjahre verlebt, und manche goldene Jugendträume geträumt. Froh schlug ihr Herz, als sie am frühen Morgen am Strand von Scheveningen entlang gingen, und ihnen die grünlich silberne Fluth entgegenschäumte; sie jubelte vor Entzücken, sie athmete mit Wonne eine Luft, die sie an die Heimath erinnerte. Ihr scharfes Auge entdeckte zuerst die mächtigen Segelschiffe, die am Saume des Horizonts wie ferne Nebelgestalten grau und geisterhaft erschienen, und die _Elisa_ wie Freunde begrüßte. Die Wellen hatten die zierlichsten Schaumlinien auf dem Strande zurückgelassen, und das Meer warf phantastische grüne Schilfkränze und die leuchtendsten Muscheln und Schneckenhäuser zu _Elisens_ Füßen, wie wenn es ihr, der Tochter des Meeres, damit Geschenke darreichen wollte. Alle diese Schätze wurden als Andenken gesammelt.
Sie gingen weiter über Harlem nach Amsterdam. Als sie an dem letzteren Orte nach Frascati kamen, einem Wirthshaussaal, den man ihnen sehr empfohlen hatte, trafen sie dort in dem hellen Raume ein paar hundert Menschen, welche rauchten und tranken. Sie fanden an einem Tisch in einer Ecke mühsam Platz, und Immermann, mit seinem Sinn und Auge für das Charakteristische ergötzte sich die vielen seltsamen Gruppen ringsumher zu betrachten. Da waren viele Nordholländer und Nordholländerinnen, die letzteren an Kopf, Hals und Nacken mit Goldplatten und Brillanten bedeckt, übrigens in bäuerlicher Tracht. Ihre Begleiter saßen, die Hüte auf dem Kopf, neben ihnen, sahen starr vor sich hin, bliesen den Rauch aus den Thonpfeifen, und gaben keinen Laut von sich. Das Ganze sah aus wie ein gemaltes Bild. Immermann entdeckte hier mit Vergnügen so komische Originale, wie er sie später in seinem »Münchhausen« geschildert, aber _Elisa_, die stets den größten Widerwillen gegen Wirthshausluft und Tabacksqualm gehabt, wurde es plötzlich so unheimlich dort, daß sie mit Einemmale, ohne sichtbares Motiv sich voll Entsetzen erhob, und mit einem Ausdrucke des Grauens erklärte, daß sie es hier unmöglich länger aushalten könne. Von ihren Gefährten gefolgt, verließ sie eilig den Saal. --
Wie Immermann im Museum zu Amsterdam ein Gemälde von Gerhard Dow, welches man, um es besser zu schützen, unter Glas gebracht hatte, anfaßte, um es in helleres Licht zu bringen, schoß ein langer, wunderlicher Galeriediener wüthend auf ihn zu und rief mit giftigem Blicke: die Schildereien wären zum Bekeeken und nicht zum Anfassen da! Dieser komische Auftritt blieb _Elisens_ lustigste Reiseerinnerung aus Holland. -- Ueber Utrecht und Arnheim kehrten sie nach Düsseldorf zurück. --
Immermann dichtete nichts, das er nicht zuerst _Elisen_ vorlas, und ihrem Urtheil unterwarf. So sehr sie sein Talent liebte und anerkannte, so war sie doch keinesweges eine blinde Bewundrerin seiner Werke; weit entfernt, wie so viele Frauen, die den Schriftstellern, welche ihnen nahe stehen, durch ein maßloses Lob, welches größtentheils aus Beschränktheit und Mangel an Geist entsteht, mehr schaden als nützen, sprach sie immer ihre offene Meinung gegen ihn aus, mochte sie nun von der seinigen abweichend oder zustimmend sein. Als sie einmal an seinem »Alexis« etwas tadelte, brach der empfindliche Dichter in den klagenden Ausruf aus: »Wie, auch Sie verstehen mich nicht?« -- _Elisa_ ließ sich, so sehr diese Worte sie schmerzten, dadurch nicht irre machen, und hatte die Genugthuung, daß ihr Immermann bald den ungerechten Vorwurf abbat, und an seinem Werk die Veränderung vornahm, die _Elisa_ ihm angerathen hatte. Er schrieb keinen Brief, den er ihr nicht, ehe er ihn abschickte, vorgelesen hätte; alle seine Briefschaften, seine Manuscripte, schenkte er ihr; sie besaß einen Schlüssel zu dem Schrank, in dem er alle seine Papiere verwahrte, er hatte kein Geheimniß vor ihr, und es war ihm lieb, wenn sie in die innerste Werkstätte seiner Gedanken blickte. Mit eigner zarter Hand ordnete sie seinen Schreibtisch, und schmückte ihn auch wohl mit Blumen. Zu wiederholten Malen bat Immermann _Elisen_, ihm ihre Hand zu reichen, und damit seinem Glück die Krone auszusetzen; er stieß immer auf denselben Widerstand. »Wird er immer so fühlen?« dachte sie zaghaft und bescheiden, und hielt es für das beste, nichts an ihrem schönen Zusammenleben zu ändern. --
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Ein großer Schmerz war für Immermann, daß das Düsseldorfer Theater, welches unter seiner Leitung einen so schönen Aufschwung genommen, wegen Mangel an Geldmitteln eingehen mußte. Die Opfer, welche er selbst brachte, es zu erhalten, wollten nicht ausreichen; keine Anstrengung, keinen Verdruß, der bei einer solchen Stellung unvermeidlich war, hatte er gescheut, und mit unermüdetem Eifer sich der Sache gewidmet, die ihm so sehr am Herzen lag. Bis zuletzt hoffte er, daß sich im Publikum so viel Theilnahme finden würde, um die sinkenden Kräfte zu unterstützen, aber mit Bitterkeit mußte er wahrnehmen, daß die Reichen und Großen sich um die Hebung der wahren Kunst viel zu wenig kümmerten, um zu einem solchen Zwecke beizusteuern, und noch viel später, in den »Düsseldorfer Anfängen« klagte er, daß in dem Staate der »Intelligenz« das Gouvernement, während es Hunderttausende für die Frivolitäten des Ballets und der Oper in der Hauptstadt verschwenden, nicht daran dachte, eine jährliche Unterstützung von 4000 Thalern einem Institut zuzuwenden, das bestimmt war, in die Reihe der Rheinischen Kunstanstalten mit einzurücken.
Am 1. April 1837 mußte die Bühne, nach dreijährigem, ruhmreichen Bestehen, geschlossen werden; sie ging unter, aber in höchster Kraft und vollster Blüthe, in einer Weise, die ihrer würdig war. Die Schauspieler fühlten sich so von Eifer beseelt, daß sie bis zuletzt den größten Fleiß auf die schwierigsten Aufgaben verwandten. Immermann sagte selbst, daß sie bis zuletzt so viel leisteten, »weil sie ihre Ehre darein setzten, daß die Bühne im höchsten Glanz ihrer Thätigkeit untergehe.« Die letzte Vorstellung wurde mit einem Epiloge von Immermann geschlossen, den die Schauspielerin, Madame Limbach vortrug, und in welchem, nachdem die Klage ausgedrückt, daß das Glück in dieser bunten Thätigkeit nur so kurz gedauert, es weiter heißt:
»Doch auch das Trübste sei an diesem Orte, Von dem der Druck des Lebens fern sich hält, Mit Heiterkeit betrachtet! Wenn die Bühne In ihrer Kraft und Frische, jugendlich, Dem Dienst der Göttertochter Poesie Sich weih'nd, hier untergeht, Ist's nicht im Grund ein Heil? _Der_ Tod galt stets Noch für den glücklichsten, der an die Kraft, Die ungeschwächte, rasch die Sichel legt, Der trifft, noch eh' das Leben allgemach Bewußtsein, Muth und Sinne ausgelöscht.
Sei dieser Tod ein Gleichniß unsres Falls. Und dieses Gleichniß heut uns sanften Trost.« --
Immermann war sehr verstimmt; neben dem Scheitern seiner Bühnenwirksamkeit verdroß es ihn, daß er als Schriftsteller nicht die Anerkennung fand, die er zu verdienen glaubte. Persönliche Verdrüsse kamen hinzu, wie zum Beispiel schon früher das Erkalten seines Freundschaftsverhältnisses mit Schadow. Doch konnten ihn alle solche Verstimmungen nicht an neuem Schaffen hindern; er gab die »Memorabilien« heraus, die »Epigonen,« dichtete an seinem »Münchhausen« und begann »Tristan und Isolde.«
Eine Reise nach der Fränkischen Schweiz, im Jahre 1837, mit der er einen Besuch in Weimar verband, heiterten ihn etwas auf. Er las an dem letzteren Orte sein neuestes Drama »Ghismonda, die Opfer des Schweigens« vor, und leitete dessen spätere Aufführung dort ein. Die Erinnerung an Goethe regte ihn an, und erhob ihn; die freundlichste Aufnahme am Hofe wurde ihm zu Theil, und das Weimarer Theater mochte wohl den Wunsch in ihm erregen, ein solches unter seiner Leitung zu sehen. Die ganze, nach seinem Tode abgedruckte »Fränkische Reise« bestand aus Briefen, die er an _Elisen_ schrieb.
Als bei seiner Rückkehr die Freundin ihn voll Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit empfing, dichtete er die folgenden Strophen an sie:
Symbol in der Nacht der Heimkehr den 12. October 1837.
Auf dem Tische lag der Kranz gewunden, Steine aber legte ich, gefunden In den Höhlen, Stalactiten, Pflanzen Auf den Tisch aus meinem Reiseranzen.
Autographen und so manches Blatt, Das mir mancher Freund verehret hat, Wurden ausgebreitet auf dem Tisch. -- Als ich nun beschaute dies Gemisch.
Sieh, da gab's ein hübsches Symbolum, Eins der ächten, redend, wenn auch stumm! Petrefact und Stalactit und Pflanze Lag gehäufet außerhalb dem Kranze.
Innerhalb des Kranzes aber hat Seinen Platz gefunden Schrift und Blatt. Der Natur Producte lagen drüben, Und der Kunst, des Menschenlebens hüben!
Zwischen Kunst, Natur und Menschenleben Hat also den Mittler abgegeben Jener holde Kranz, den ich gefunden In der Nacht, von lieber Hand gewunden.
Im Februar 1838 nahm Immermann an dem Fest der Freiwilligen zu Köln Theil, das zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums begangen wurde. Sein Gedicht: »Die silberne Hochzeit,« das er den Kameraden vortrug, zeigt seine Begeisterung für das Vaterland, und wurde mit lautem Beifall aufgenommen. Seine spätere Beschreibung des Festes feierte die große Zeit, deren er und die Freundin so gern gedachten.
Im Laufe des Sommers erschien unter den Fremden in Düsseldorf auch _Adolf Stahr_, der damals zuerst die Bekanntschaft von Immermann und _Elisen_ machte; er kam aus Oldenburg mit seinem Freunde, dem humoristischen Schriftsteller _Theodor von Kobbe_, der sich selbst in seiner lustigen Weise Immermann's =enragé= nannte. Bald darauf schilderte Stahr sehr anziehend im »Bremer Conversationsblatt« seinen Besuch bei dem Dichter, für den er voll Liebe und Verehrung war. --
Im Herbst dieses Jahres wünschte _Elisa_ nach so langer Zeit endlich einmal wieder ihren guten alten Onkel von Hedemann-Heespen in Holstein zu besuchen, der nun bereits den Siebzigen nahe war, und dringend verlangte, sie wiederzusehen. Da Immermann seine Familie in Magdeburg sehen, und eine Taufe bei seinem Bruder wollte mitfeiern helfen, auch einen Ausflug nach Hamburg, wo er _Karl Gutzkow_ und _Ludolf Wienbarg_ aufzusuchen wünschte, und nach Bremen beabsichtigte, so ließ sich die Reise theilweise gemeinschaftlich machen. Immermann blieb in Magdeburg, während _Elisa_ bei ihren Verwandten verweilte.
Auf der Durchreise durch Münster erwartete _Elisen_ der alte, würdige Möller mit der feurigen Sehnsucht eines Jünglings. Wo sie erschien, bezauberte sie wieder alle Herzen; der alte Onkel wurde beinahe wieder jung vor Freude über ihre Gegenwart; in Hamburg begrüßte sie nach so langer Trennung mit gerührtem Herzen ihre Erzieherin, Marianne Philipi, die nun Zweiundachtzigjährige, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, das »holdselige Angesicht« ihrer _Elisa_ vor ihrem Ende noch einmal zu sehen. Wie wohlthuend und beglückend ihre Erscheinung auf ihre alte Freundin wirkte, mögen die folgenden, bald nach diesem Wiedersehen geschriebenen Zeilen der letzteren, aus Hamburg den 31. October 1838 andeuten: »Herzlichen Dank, Du theuerste Elisa, für Deine mich beruhigenden, liebevollen Zeilen, so wie für Deine wohlthuende Nähe, deren ich mich länger und öfterer, als ich zu hoffen mir getraute, während Deines Aufenthalts in Hamburg erfreute. Möge die uns zu Liebe gemachte Reise in ihren Folgen sich eben so beglückend Dir erweisen! In Gedanken blicke ich Dir noch immer, wie das letzte Mal an meinem Schreibtisch, in Dein seelenvolles Auge, Dein freundliches Gesichtchen, dessen Züge ich mit schwärmerischer Mutterliebe in mein Innerstes einzuziehen und unauslöschbar festzuhalten mich bestrebte. Gestehen darf ich Dir wohl, ohne Deine Bescheidenheit, den Grundton des echt weiblichen Wesens, zu verletzen, daß ich Dich liebenswürdiger, meinem Herzen näher als je, wiederfand. -- Mit Deiner holden Erscheinung ist mir ein neues, schöneres Dasein wieder geworden So überwiegt ein Stündchen traulicher, mündlicher Mittheilung den ganzen Inhalt eines Briefwechsels mehrerer Jahre, unter der Furcht unheiliger, über die Schulter einkuckender, mitlesender Augen! Auch darf ich Dir ferner nicht verhehlen, daß Du neue Lebenslust und neuen Lebensmuth wieder in mir angefacht. Wem hätte es je einfallen können, daß das vormals ihre Erzieherin so muthwillig umhüpfende Elischen einst derselben eine so wirksame Arznei reichen würde! -- Wie ruhig bin ich, Dich jetzt so wohl, und Deine Angelegenheiten in so guten, geschickten Händen zu wissen. Der Himmel erhalte Dir bei Gesundheit und Frohsinn alles, was zu Deiner Zufriedenheit gereicht, und schenke Dir einen so heitern Lebensabend, als der, dessen ich mich durch Deine Liebe erfreue. Dem gefälligen Immermann bitte ich seinen Gruß freundlichst zu erwiedern, und für sein gütiges Anerbieten zu danken. Welch ein Genuß, könnte ich seinen Vorlesungen und seiner geistreichen Unterhaltung lauschen! -- Das Sträuschen, das Du mir scheidend gabst, ruft, wohlverwahrt, alle die lieblichen Bilder, womit Deine holde Gegenwart mein Zimmerchen beseelte, wieder zurück, es wird mir immer zur Seite bleiben. -- Lebe wohl, geliebte Elisa! Gedenke mein wie bisher mit Liebe, überzeugt, daß Du keinem Wesen theurer sein kannst als mir, die Dich im Herzen trägt, und tragen wird, bis es bricht. Marianne Philipi.« --
Wer läse nicht mit Wehmuth diese liebenden Wünsche in einem Augenblick, wo das Verhängnis schon das Gegentheil beschlossen hatte! --
Immermann hielt sich unterdessen, wie schon bemerkt, in Magdeburg auf. Das Familienfest bei seinem Bruder _Ferdinand_ versetzte alles in frohe Stimmung. Ein junges, achtzehnjähriges Mädchen, dessen Vormund Ferdinand Immermann war, _Marianne Niemeyer_, aus Halle, befand sich dort im Hause. Als Immermann in seiner gewohnten Art in dem Kreise vorlas, fiel ihm der eifrige Antheil auf, den Marianne daran zu nehmen schien; dadurch interessirte er sich für sie, und beschäftigte sich mit ihr; doch konnte es zu keiner genaueren Bekanntschaft kommen, da er sich nur so kurze Zeit bei den Seinigen aufhielt, und Mariannen nur ein paar Mal gesehen hatte.
Als er wieder mit _Elisen_ zusammentraf, und mit ihr gemeinschaftlich die Rückreise nach Düsseldorf antrat, machte er ihr auf's neue den Vorschlag, ihn zu heirathen; er that es diesmal mit einer Art von beklommener Heftigkeit, die _Elisa_ nicht zu deuten wußte; sie blieb wie immer bei ihrer Weigerung.
Zu Hause angelangt, schrieb Immermann sogleich an Mariannen; sie antwortete auf der Stelle. Immermann fand den Verkehr mit einem so jungen Mädchen pikant und neu, und setzt den Briefwechsel eifrig fort, den er, der sonst kein Geheimniß vor _Elisen_ hatte, vor ihr verschwieg. Seine Beziehung zu Mariannen gewann durch die kurze Bekanntschaft, die Entfernung, die Hast und Ueberstürzung, einen Anflug von Leidenschaftlichkeit.
Ferdinand Immermann, der Vormund Mariannens, äußerte seine entschiedene Mißbilligung; er verlangte zum wenigsten Einsicht in den Briefwechsel, und machte seinem Bruder die heftigsten Vorwürfe, den er durchaus als gebunden ansah. Die Großmutter Mariannens, die alte Kanzlerin _Niemeyer_ in Halle, betrachtete die Sache von einer andern Seite; sie liebte es, Heirathen zu stiften, und behauptete, sie sähe durchaus nicht ein, warum Immermann ihrer Enkelin nicht seine Hand anbieten könne, da er ja nicht verheirathet sei. Es war ihr leicht, es durch ihren Einfluß dahin zu bringen, daß Immermann in einem Briefe anfragte, ob Marianne die Seine werden wolle? Diese gab sogleich ihr Jawort.
Das alles geschah so plötzlich, so rasch hintereinander, wie wenn ein unvorhergesehener Gewitterregen einbricht, und in Einem Augenblick alle Blüthen schonungslos vernichtet. Immermann wagte nicht _Elisen_ zu gestehen, was er gethan; sein böses Gewissen nahm ihm den Muth dazu. Und dennoch ist nichts so schwer, als eine Verlobung lange geheim zu halten! Bald wußten mehrere Personen in dem Düsseldorfer Kreise darum, nur _Elisa_ nicht! --
Immermann las ihr in jener Zeit ein Gedicht vor, das er an Mariannen gerichtet hatte. _Elisa_ blickte ihn an, und sagte mit ihrer wunderbaren Divinationsgabe, halb ruhig, halb scherzend: »Ich glaube diejenige, an welche dies Gedicht gerichtet ist, werden Sie noch einmal heirathen!« -- Immermann läugnete dies auf das entschiedenste; sie aber hatte richtig vorausgefühlt! --
Es waren beklommene, unheilverkündende Tage; Immermann fühlte sich nicht mehr frei und unbefangen _Elisen_ gegenüber, wie sonst; er konnte ihr nicht mehr mit der gewohnten Offenheit begegnen; wenn sie die sanften, blauen Augen zu ihm aufschlug, senkte er verlegen die seinigen. _Elisa_ konnte es sich nicht mehr verbergen, daß sich das Betragen des Freundes gegen sie verändert habe. Was war es, das wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen lag? -- Sie litt in der Stille, und litt unendlich. --