Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's

Part 7

Chapter 73,558 wordsPublic domain

Die hohe Frau, die mir gebeut, Schaut auf zum Blüthenbaum, Der seine duftigen Flocken streut Auf einer Wiese Saum, Und Jedem, der vorüber geht, Mit weißen Fahnen Grüße weht.

Wie ist der Baum so wunderschön! Wie freudenreich sein Dach! Der muntren Vögelein Getön Ruft träge Käfer wach; Es schwirrt und girrt, es springt und singt; Ein Summen, Brummen rings erklingt!

Froh spricht die Herrin: »Mein Poet, »Der Baum ist liedeswerth! »Der hier, ein Frühlingswunder, steht »Und Allen Lust bescheert; »Wär' ich ein Musenkind wie Du, »Dem Baum säng' ich ein Liedchen zu.«

Der Sänger sieht allüberall Der Herrin holdes Bild, Und von dem Schlag der Nachtigall Das Herz ihm überquillt; Beim Baum hat er an _sie_ gedacht, Zugleich ist dieses Lied erwacht.

Wohl ist der Baum der Herrin Bild So hehr, so freudenreich! Wie jener tausend Wünsche stillt Mit einem Blüthenzweig: So ist _ihr_ Lächeln Sonnenschein! So ist _ihr_ Lieben goldner Wein!

Bei _Elisen_, im traulichen Freundeskreise, fühlte sich Immermann stets am wohlsten, und entfaltete voll froher Laune und heitren Geistes seine ganze Liebenswürdigkeit. Er war befriedigt wie nie zuvor, und gewiß wird jene Zeit, die er in täglichem, beglückendem Verkehr mit der angebeteten Freundin, in Ruhe und Stille dem dichterischen Schaffen hingegeben, und von neuen Kunstanschauungen und belebendem Verkehr getragen, in Derendorf zubrachte, die glänzendste seines Lebens genannt werden müssen. Alle Prosa, über die er so oft in Magdeburg geklagt, war plötzlich verschwunden, er lebte in Wahrheit ein Dichterleben! -- Wenn ihn die Kritik mitunter verstimmte, die ihm nicht immer die gewünschte Anerkennung gewährte, wenn ihn der Angriff von Platen ärgerte, den er seinerseits erwiederte, so wußte ihn _Elisa_ doch immer zu erheitern. Nun sollte noch eine neue Wirksamkeit für ihn hinzukommen, die ihn ganz in Beschlag nahm; das Theater.

Die halböffentlichen Vorlesungen dramatischer Werke, die er zwei Winter hintereinander vor einer großen Versammlung hielt, und die förmlich in Düsseldorf Mode geworden waren, bildeten dazu eine Art Uebergang. Die Kunst des Vorlesens, in der zuerst Tieck sich auszeichnete, und in der ihm bald Holtei und Andere nachstrebten, diese Kunst, welche Immermann schon in Münster in _Elisens_ Abendgesellschaften so gern geübt, bildete er nun noch weiter aus. Die befreundeten Maler hatten ihm ein Atelier eingeräumt, das man bemüht war, möglichst würdig für die elegante Welt einzurichten und zu erleuchten, dessen eigentliche Bestimmung aber doch lustig zu Tage kam, durch die Zeichnungen, Cartons und Farbenskizzen, welche die Wände bedeckten, und das gute Einvernehmen anzeigten, in dem hier verschiedene Künste neben einander gingen. Iphigenie, Blaubart, Wallenstein, König Johann, Romeo und Julia, das Leben ein Traum, der standhafte Prinz, das Däumchen, Hamlet, der Prinz von Homburg, der gestiefelte Kater, König Oedipus, und Oedipus in Kolonos wurden dort von Immermann vorgetragen, mit Kraft der Stimme, mit Feuer des Ausdrucks, mit mimischem Talent.

Bald entstand dadurch das Verlangen in ihm, nun auch dergleichen auf der Bühne vorstellen zu lassen, in Wirklichkeit zu sehen, was hier nur in idealen Umrissen sichtbar war. Es wurde ein Theaterverein gestiftet, und mit einer Reihe von Mustervorstellungen Versuche gemacht, die Immermann, unterstützt von seinen Freunden, der Düsseldorfer Schauspielergesellschaft einstudierte. Das neugebaute, hübsche Theater kam ihnen hiebei vortrefflich zu statten; fremde Künstler wurden aus der Ferne dazu herangezogen, _Seydelmann_ kam um den »Nathan« zu spielen, _Weymar_ nahm an der »Braut von Messina« und dem »Andreas Hofer« Theil. Uechtritz leitete die Proben von »Stille Wasser sind tief,« und war thätig mit Rath und Hülfe; _Felix Mendelssohn_ nahm sich der beiden Opern »Don Juan« und »der Wasserträger« an; das meiste leitete Immermann selbst.

Schadow hatte ihm eine abgelegene, klösterliche Zelle auf der Akademie zu den Leseproben abgetreten. »Unter den Fenstern rauschte der Rhein, die weißen Wände röthete die Frühlingssonne. Bei dem Klange der Wellen, in dem rosigen Schein wurden da Sylben gemessen, Accente festgestellt, die Schattirungen der Rede ausgearbeitet,« sagt Immermann davon in den »Düsseldorfer Anfängen.« Zu der Vorstellung des »standhaften Prinzen« entwarf Schirmer die Ansicht von Fez, Hildebrandt stellte die Ausschiffungs- und Kriegsgruppen, Felix Mendelssohn componirte die Musik, zwei herrliche Sclavenchöre, und zur Erscheinung des Geistes einen ganz eigenthümlichen Marsch, der »wie aufgelöste katholische Kirchenhymnen« klang. So reichten sich alle Talente freundschaftlich die Hände zu einem schönen Ganzen. Der Erfolg war überraschend.

Man ging nun weiter; eine bedeutende Summe wurde durch Actien gedeckt, Immermann erhielt auf ein Jahr Urlaub, um sich ganz der Leitung des Theaters widmen zu können. So erstand eine Bühne, die nach edlen Idealen strebte, die poetischen Schöpfungen in ihrer wahren Höhe und Schönheit darzustellen suchte, ohne sie herabzuziehen in die gewöhnliche Bretterwelt. Es war kein geringer Regisseur oder unwissender Cavalier, sondern ein Dichter, der sich in den Geist der darzustellenden Werke versenkte, und ihn voll Begeisterung zur Erscheinung zu bringen sich bemühte. Es war wieder _Elisens_ feiner Hauch, welcher diese Bestrebungen beseelte, denn von ihr empfing ja Immermann die Anregung zum Schaffen und Wirken, an sie und ihren Beifall dachte er dabei unablässig, und so wie die Lützow'sche Freischaar nie geworden wäre, was sie war, ohne _Elisen_, so ist es auch mit jenen Düsseldorfer Bühnenversuchen, die sich eine Veredlung der Schauspielkunst zum Ziel gewählt hatten, und ohne _Elisen_ niemals einen so hohen Flug genommen hätten, der bei verhältnißmäßig so beschränkten Mitteln doppelt staunenswerth war. _Elisa_ verlangte nie hervorzutreten, und genannt zu werden; sie besaß nicht die geringste Eitelkeit, und es war im Gegentheil ihre Freude, den Glanz, welcher von ihr ausging, auf Andre zu übertragen. So wirkte sie stets im Stillen, aber ihr Einfluß war immerfort wirksam, und den Vertrauten unverkennbar.

Der beständige Fremdenverkehr brachte fortwährend neue, interessante Persönlichkeiten nach Düsseldorf, von denen manche, angezogen durch die künstlerischen und literarischen Kräfte, die sich dort vereinigten, länger verweilten. Zu diesen gehörte besonders der Dichter _Michael Beer_, mit dem sich Immermann sehr befreundete, wie auch der zwischen ihnen geführte Briefwechsel beweist, der nach Michael Beer's Tode erschienen ist; dann _Wilhelm von Normann_, Verfasser des Gedichtes: »Mosaik,« ein liebenswürdiger junger Mann, der lange und innig eine schottische Dame liebte, und bald nachdem er sich endlich, nach vielen Hindernissen mit ihr verbunden hatte, noch nicht dreißig Jahre alt, starb. Ferner _Felix Mendelssohn_, der berühmte, geniale Componist; mehrmals kam auch der gute, begeisterte Möller zum Besuch, so wie _Elisens_ Freundin Johanna, die sich mit Dieffenbach verheirathet hatte, aber nach kurzem Glücke von ihm geschieden worden war, da ihre leidenschaftliche Eifersucht, zu der er übrigens wohl manchen Anlaß geben mochte, ihm unerträglich wurde. Henriette Paalzow, die sich über ein Jahr in Köln aufhielt, sprach gleichfalls mit ihrem Bruder, dem Maler _Wilhelm Wach_, in dem freundlichen Derendorf ein.

Wir dürfen auch _Dietrich Christian Grabbe_ nicht vergessen, dieses verwilderte Genie, das Immermann vergeblich strebte, zu sich zu erheben. Grabbe, 1801 zu Detmold geboren, war bekanntlich der Sohn eines Zuchtmeisters, er selbst hatte auf dem Zuchthofe das Licht der Welt erblickt; rings um ihn her waren die Zellen der Verbrecher. Sollte man nicht glauben, jene ersten Eindrücke hätten ihm jene Lust am Gräßlichen und Rohen eingeflößt, die sich in seinen Dichtungen ausspricht? -- Grabbe eröffnete die Bekanntschaft mit Immermann dadurch, daß er ihm schrieb: »Ich und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen.« -- Immermann forderte ihn sogleich freundlich auf, nach Düsseldorf zu kommen, sorgte für seine häusliche Einrichtung, lud ihn häufig zu sich in größere und kleinere Gesellschaften, führte ihn bei mehreren seiner Bekannten ein, unterstützte ihn mit seinem Rath bei der Tragödie »Hannibal,« die Grabbe unvollendet mitgebracht hatte, und bewies die größte Nachsicht mit seinen Launen und seiner mangelhaften Erziehung. Grabbe seinerseits nahm dagegen den lebhaftesten und eifrigsten Antheil an Immermann's Theaterbestrebungen. Immermann erkannte in Grabbe eine schöpferische Kraft, wenn auch mehr eine Kraft der Häßlichkeit, als der Schönheit, mehr Ungeheuerlichkeit als wahre Größe, mehr Verzerrung als Genialität, wie er denn auch den »Theodor von Gothland« ein »Conzert der Verzweiflung« nannte.

Immermann entwirft in den »Memorabilien« folgendes Bild von Grabbe: »Nichts stimmte in diesem Körper zusammen. Fein und zart -- Hände und Füße von solcher Kleinheit, daß sie mir wie unentwickelt vorkamen -- regte er sich in eckigten, rohen und ungeschlachten Bewegungen; die Arme wußten nicht, was die Hände thaten, Oberkörper und Füße standen nicht selten im Widerstreite. Diese Contraste erreichten in seinem Gesichte ihren Gipfel. Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, wie ich sie nur in Shakespear's (freilich ganz unhistorischem) Bildnisse von ähnlicher Pracht gesehen habe, darunter große, geisterhaft weite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller Bläue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin -- das dünne, fahle Haar, welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet -- Alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt! Ein schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom Halse sich lösend, der ganze untere Theil des Gesichts überhaupt so scheu zurückkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute.« --

Es muß ein ergötzlicher Anblick gewesen sein, wenn Grabbe zu Immermann zum Besuch kam. Letzterer erzählt davon: »Zuweilen kam er aber auch zu mir, wenn die verdrossenen Füße ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung erlauben wollten. Da gab es denn den lächerlichsten Anblick. Weil er sich nämlich nie in den Wegen finden lernte, so mußte ihn seine Magd jederzeit zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an: Grabbe mit ernfthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend, die Magd aber ihr erröthendes Antlitz halb in der Schürze verborgen, sich schämend, »daß sie einen so großen Herrn bei Tage über die Straße führen müsse.« --

_Elisa_, an der alles feine Sitte, Anstand und Schönheitssinn war, mußte von der äußeren und inneren Vernachlässigung, und dem wilden und formlosen Wesen des seltsamen Mannes unangenehm berührt werden, nahm sich seiner aber dennoch mit Wohlwollen und Güte an, und zu ihrer Verwunderung über ihn, gesellte sich das Mitleid. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes nahm sie ihn mehrmals in ihrem Wagen zu kleinen Ausflügen in die Umgegend mit, wo er dann mit der übrigen Gesellschaft Berge steigen mußte, was er sonst nie that. Einmal improvisirte er bei Sonnenuntergang, auf einem Berge stehend, so schöne Verse, daß _Elisa_ und ihre Begleitung ganz entzückt davon waren. Gleich darauf benahm er sich aber wieder so cynisch, daß das Entzücken sich in Widerwillen verwandelte. _Elisa_ durfte ihm mit ihrer schönen Hand nicht zu nahe kommen, sonst biß er sie hinein, weil sie »so appetitlich« sei. »Er war wie ein Kind,« sagte sie oft von ihm, »so gut, so unartig, so lenksam, aber auch so schmutzig!« -- Grabbe verehrte sie sehr, und fühlte sich geschmeichelt durch die Freundlichkeit einer so vornehmen und edlen Frau. Wenn er sich gegen _Karl Ziegler_ rühmte, _Elisa_ habe ihm täglich lange Briefe geschrieben, wie letzterer in seinem Buche: »Grabbe's Leben und Charakter« mittheilt, so halten wir das für eine Uebertreibung von Grabbe.

Leider war der wunderliche Mann schon zu sehr gesunken, als daß es möglich gewesen wäre, ihn an eine thätige und geregelte Lebensweise zu gewöhnen; er wurde bald selbst seiner eigenen Anstrengungen müde, sich zu erheben, ergab sich dem zu häufigen Genuß geistiger Getränke, und zuletzt verkannte sein mißtrauischer Sinn Immermann's wahre, uneigennützige Freundschaft und Güte. Das Verhältniß war ziemlich erkaltet, als er 1836 nach seiner Vaterstadt Detmold zurückkehrte, wo er den 12. September desselben Jahres, erst fünfunddreißig Jahre alt, starb. --

Werfen wir nun wieder einen Blick zurück, auf Lützow! Dieser, der sich in seine vereinsamte häusliche Lage, welche er selbst herbeigeführt, gar nicht finden konnte, hatte sich plötzlich, im Jahre 1828, entschlossen, die Wittwe seines Bruders Wilhelm zu heirathen. In einem Briefe, der seinen aufgeregten Gemüthszustand ausdrückt, und in dem er sich vor _Elisen_ gewissermaßen zu entschuldigen sucht, zeigt er dieser seinen Schritt an; er lautet: »Meine liebe, beste Elise! Es war mir unmöglich, Dir das zu schreiben, was Schlüsser's Brief ausspricht. Ich fühle, daß ich mich eigentlich zu _keinem_ häuslichen Verhältniß passe -- sonst wäre ich gewiß vom Anfange an mit Dir unaussprechlich glücklich gewesen, denn wer könnte mehr wünschen, als ich besaß. -- Auguste ist allerdings eine angenehme Frau, indessen mehr noch die Wittwe Wilhelms hat eine Lage der Dinge herbeigeführt, wozu ich den Himmel um seinen Schutz anrufe, denn eine verkehrte Persönlichkeit und ein zerrissenes Gefühl machen mir einen höheren Beistand nöthig und unentbehrlich. -- Die Liebe und Freundschaft bis in den Tod zu einem Wesen, was ich unendlich verehre, meine beste Elise, die bleibt sich gleich, nichts kann Dich aus meinem Herzen reißen! -- Von Deiner Großmuth erwarte ich auch jetzt Liebe, Freundschaft und Theilnahme. -- Deine großherzigen Absichten für Wilhelms Tochter erkenne ich mit Dank. Jedoch Dein Vermögen gehört Deiner Familie. Ein _kleines_ Andenken dereinst für die Kleine, nehme ich in ihrem Namen um so lieber an, da unserem Wilhelm alles so lieb war, was von Dir kam. -- Glaubst Du Deiner Familie näher zu treten, wenn Du Deinen Geburtsnamen wieder annimmst, so thue dies, meinem Herzen bleibst Du gleich theuer und nahe. -- Aus der Fülle meiner Seele Dein Dich unbeschreiblich liebender Freund Adolph. -- Schreibe mir nach Münster; Deine Briefe kommen nicht in fremde Hände, darauf rechne!« --

In einem schnell darauf folgenden Briefe aus Münster, den 19. Juli 1828 schrieb er: »Auguste hat gute und ausgezeichnete Eigenschaften; -- das Unglückliche ihrer Lage, eine zärtliche Freundschaft für Wilhelm, haben mein Gefühl aufgeregt, meinen Entschluß schnell erzeugt, und machten, daß ich mich sogleich erklärte; schenke Du mir Nachsicht, der Himmel seinen Segen. Wilhelms Tochter wird Elsbeth genannt, und heißt Elisabeth. -- Mich zerreißen die widersprechendsten Empfindungen. Dein Andenken, meine beste Elise, bleibt mit eisernen Ketten an mein Herz gefesselt. Adolph.« --

Es ist bereits in dem ersten dieser Schreiben erwähnt, daß _Elisa_, als sie von Lützow's zweiter Heirath vernahm, wieder ihren Familiennamen Ahlefeldt anzunehmen wünschte, da sie die etwanige Verwechselung mit jener neuen Frau von Lützow aus manchen Gründen vermeiden wollte; sie wandte sich deßhalb an den König von Dänemark mit dem Ansuchen, sich wieder Gräfin von Ahlefeldt nennen zu dürfen.

Auch Lützow's neue Verbindung konnte die freundschaftliche Beziehung zwischen ihm und _Elisen_ nicht hindern; sie wechselten Briefe nach wie vor in herzlicher Weise. Von _Elisens_ Seite kam bald noch Mitleid für den unglücklichen Freund hinzu, der vergeblich Ruhe und Befriedigung suchte. Er bedurfte theilnehmenden Trostes, und _Elisa_, die geschiedene Gattin, war die Einzige, die ihm solchen bieten konnte. Keine kleinliche Regung war in ihrer Seele; sie hatte ihm alles vergeben.

Man wird nicht ohne Rührung die folgenden Zeilen lesen können, die er ihr aus Münster, den 25. April 1829 schrieb: »Meine liebe, beste Elise! Ich schreibe Dir gleich nach meinem Eintreffen in Münster, und erwarte so sehnlich eine freundliche Antwort von Dir! Wenn Du mir in's Herz sehen könntest, Du würdest mir diese nicht versagen. Ich bin unaussprechlich unglücklich! -- Mit Recht kannst Du sagen, ich habe mich selbst unglücklich gemacht; so richtig dies auch ist, so würdest Du mich entschuldigen, wenn Du von allen Verhältnissen unterrichtet wärest. Es gehe mir wie es wolle, nur den Trost Deiner freundschaftlichen Theilnahme, den laß mir, sonst gehe ich unter! -- Könnte ich Dich nur einmal wiedersehen! -- Noch einmal bitte ich Dich, beglücke mich recht bald mit einigen theilnehmenden Zeilen. -- Von ganzem Herzen, selbst wenn ich es nicht wollte, dennoch, ich fühl's, bis an das Ende meines Lebens, Dein Freund Lützow.« --

Das Verlangen, _Elisen_ wiederzusehen, von welcher er sich in einer nur so kurz dauernden Verblendung getrennt hatte, wurde so mächtig in ihm, daß er ihm nicht länger widerstehen konnte, und so schrieb er ihr aus Münster, den 6. Mai 1829: »Meine liebe, beste Elise! Sei mein Verhältniß wie es wolle, ich muß Dich sehen, von Dir Trost und Leben erhalten! -- Ich reise von Paderborn mit der Schnellpost nach Düsseldorf, kann von hier nicht wohl ganz genau bestimmen, wann ich ankomme, gegen den 16. oder 17. kannst Du mich erwarten. Du wirst doch nicht so unmenschlich sein, mich abzuweisen? Das wäre schrecklich! -- In der Erwartung des hohen Glücks Dich wiederzusehn, von ganzem Herzen der Deinige, Adolph.« --

Er reiste nun wirklich nach Düsseldorf, und mit tiefer Bewegung sahen sich die ehemaligen Gatten wieder. Lützow konnte sich kaum fassen, beklagte tausendmal, die theure Frau durch seine eigene Schuld auf ewig verloren zu haben, und vertraute ihrem treuen Antheil all den Kummer und all das Leid, die ihn drückten. Wie sehr dies Wiedersehn ihm wohlgethan, zeigen die folgenden Worte, die er ihr nach seiner Rückkehr, aus Münster, den 31. Mai 1829 schrieb: »Für mich werden dereinst die Thränen reden, die ich bei Deinem Andenken weine, wenn ich die Schuld verantworten soll, die ich gegen Dich begangen. -- Du bist zu großmüthig, zu gütig, und so darf ich denn überzeugt sein, Du verzeihst mir, und läßt mir den Trost Deiner Freundschaft, wie ich bis in den Tod der Deinige bin. -- Wie bereitwillig bist Du nicht stets, um Andern nützlich zu sein, das Glück Anderer liegt Dir stets am meisten am Herzen, an Dich denkst Du zuletzt; möchte Dir doch vergolten werden!« --

Ueber seine Versetzung nach Torgau schrieb er ihr aus Münster den 8. April 1830: »Du wirst vielleicht schon erfahren haben, daß ich Brigade-Kommandeur in Torgau geworden bin. -- Seitdem Du nicht mehr in Münster bist, habe ich mich immer so sehr von hier weggewünscht, um Erinnerungen los zu werden, die mein Herz zerreißen!« --

Seine Abreise an den neuen Bestimmungsort meldete er ihr in einem Briefe aus Münster, den 15. April 1830, der nichts enthielt, als die Worte: »Meine beste Elise! Morgen verlasse ich Münster, wo ich das Glück meines Lebens eingebüßt habe. -- Wenn es Dir nur gut geht, so mag der Himmel über mir zusammenschlagen. Mit den tiefsten Gefühlen, der Deinige, Adolph«. -- Wie viel gepreßter Schmerz in diesem Ausruf! -- _Elisens_ Antworten las er nie ohne Thränen der Wehmuth, und wenn sie einmal etwas länger mit dem Schreiben zögerte, klagte er immer auf's Neue, es sei ihm so bange um's Herz.

Als nach eingetroffener Erlaubniß des Königs von Dänemark _Elisa_ wieder den Namen Gräfin von Ahlefeldt-Laurwig annahm, schrieb ihr Lützow aus Erfurt, wohin das Armeekorps, dem er angehörte, marschirt war, den 28. Mai 1831: »Sehr angemessen finde ich es, daß Du Deinen Familiennamen angenommen, es bringt Dich Deiner Familie wieder näher, und wird beim äußeren Auftreten manche schmerzhafte Erinnerung vermeiden -- und in dieser Beziehung ein neues Leben begründen. -- Doch den Menschen beherrschen doppelte Gefühle, und so konnte ich mich der egoistischen Thränen nicht erwehren, als ich erfuhr, daß Du meinen Namen nicht mehr trägst; -- ich fürchtete, Du wärest mir dadurch _entfernter_ getreten. -- Ueber die Inconsequenz der Menschen, die erst handeln, und dann erst begreifen, was sie gethan haben!«--

Da der Zustand von _Elisens_ Vater damals große Besorgnisse einflößte, und man vermuthen durfte, daß ihr Vetter _Christian_, der sie dringend zu sich einlud, bald der Besitzer von Langeland sein würde, so drückte Lützow den Wunsch aus, sich dort mit _Elisen_ treffen zu dürfen, denn, sonderbar genug, verbinde er mit Langeland noch immer den Begriff, als wäre er dort in der Familie, und, setzte er hinzu, wäre er frei, so möchte er seinen Abschied nehmen, sich auf Langeland eines der ehemaligen Musikantenhäuser miethen, und im Andenken an _Elisen_ dort ganz still leben. Es ist gewiß sehr ungewöhnlich, daß ein Mann solche Gefühle für seine geschiedene Gattin hegt, wie es in diesem eigenthümlichen Verhältniß der Fall war. --

Die Befürchtungen in Betreff von _Elisens_ Vater trafen bald ein. Den 8. März 1832, in demselben Monat, in dem sie ihre Mutter verloren hatte, erfolgte sein Tod; sanft und ohne Schmerzen entschlief er an den Folgen eines Nervenschlages, zweiundsiebzig Jahre alt. _Elisa_ hatte ihm mehrmals und zu verschiedenen Zeiten angeboten, zu ihm nach Langeland zu kommen, und ihn zu pflegen, aber er hatte dieses Opfer abgelehnt, und ein solches wäre es unläugbar für sie gewesen, da in dem Kreise, in welchem er schon lange Zeit lebte, seit Jahren keine Dame von Erziehung und wirklicher Bildung gewesen war, und ein roher Ton und leichtfertige Sitten herrschten.

Er hinterließ beträchtliche Schulden. _Elisa_ schloß nun mit ihrem Vetter, dem Grafen _Christian von Ahlefeldt-Laurwig_, an den nun die Grafschaft fiel, einen Vergleich, der darauf hinauslief, daß ihr auf Lebenszeit eine jährliche Rente ausgezahlt wurde; sie erhielt freilich nicht die Reichthümer, die ihr in der Jugendzeit zugedacht gewesen, aber zum wenigsten sah sie sich doch endlich in geordneten und sichren Verhältnissen.

Die erste Anwendung, die sie von einem Theil ihres neuen Einkommens machte, war, daß sie ihrer theuren alten Erzieherin, die bereits sechsundsiebzig Jahre alt, noch in Hamburg lebte, eine jährliche Pension gab, die Graf Friedrich von Ahlefeldt ihr auf Lebenszeit verheißen, aber seit einundzwanzig Jahren nicht mehr ausbezahlt hatte. --

Im Frühjahr 1833 wurde Lützow ganz unerwartet zur Disposition gestellt; er schrieb _Elisen_ hierüber aus Torgau den 1. Mai: »Meine beste Elise! Der König hat meine Brigade dem Prinzen Albrecht gegeben, und wenn es nun allerdings nichts Ungewöhnliches ist, einem Königssohn zu weichen, so bleibt es doch allerdings nichts Angenehmes. -- Es sind mir die allerschönsten Versprechungen gemacht worden, indeß ist haben besser als bekommen, die Leute, denen meine Art zu denken eben _nicht gefällt_, schätzen mich sehr hoch, finden aber, daß es schade sei, so oft verwundet zu sein, u. s. w. Im ersten Augenblick fehlte mir die Kraft nicht, indeß läugne ich nicht, daß ich im Inneren verstimmt bin; meine Absicht ist, eine Wohnung im Thiergarten zu miethen, und dort das Weitere abzuwarten. Erstlich wollte ich nach Dresden gehn, wo ich gewesen bin, und wo es mir ganz besonders gefällt, indeß wünscht Witzleben, daß ich in Berlin bleiben möchte. Ich bin ganz wohl, und habe zu wenig Uebung mich selbst nur allein mit mir zu beschäftigen, um auf eine Anstellung völlig verzichten zu dürfen.« --

Auch über diese Kränkung, die er tief fühlte, sprach er sich am liebsten gegen die Freundin aus; er konnte sich schwer in seine neue Lage finden. Er ging nun nach Berlin, und bezog eine Wohnung im Thiergarten. An die höflichen Redensarten, mit denen man ihn hinhielt, glaubte er wenig, und nahm sich vor, noch einige Zeit die Dinge ruhig zu erwarten, wenn er aber nicht, wie man ihm mündlich und schriftlich zugesichert, auf eine angemessene Art angestellt werde, so wollte er Preußen verlassen, und es nie wiedersehen. --