Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's
Part 19
Dies waren die mir zur Kenntniß gekommenen Thatsachen, als ich den Tod meines Freundes Ende März 1814 erfuhr, wo wir mit dem Fußvolk der Lützow'schen Schaar vor Jülich durch die Mecklenburger abgelöst und auf dem Marsch nach Frankreich begriffen waren. Die Ausführung des mir von dem Augenblick an zur Pflicht gewordenen Vorhabens, die Gebeine meines Freundes aufzusuchen und sie dem vaterländischen Boden zu überliefern, ward indeß durch den bald darauf erfolgten Friedensschluß und unseren Rückmarsch aus Frankreich, wenn auch nicht gänzlich vereitelt, doch wenigstens auf lange Zeit hinaus aufgeschoben. -- Nächstdem, daß mir der Ausbruch des Krieges 1815 hinsichts des für mein Vaterland gehofften Heils sehr erwünscht war, hoffte ich auch dadurch von neuem Gelegenheit zur Ausführung meines mehrerwähnten Vorhabens zu finden. Durch mancherlei eingetretene Hindernisse sah ich mich aber leider abermals daran verhindert. Jedoch mein, obgleich in mancher andern Rücksicht sehr ungünstiges Geschick, führte mich bald darauf zum vierten Mal nach Frankreich und zwar gerade unmittelbar in die Gegend, wo mein Freund ermordet wurde, indem ich mittelst Cabinets-Ordre vom 2. Februar 1816 zu meinem jetzigen Regiment, dem 14. (3. Pommerschen), welches im Ardennendepartement beim Armeecorps in Frankreich steht, versetzt ward.
Endlich, Ausgangs November 1816 wurde mir durch einen meiner Kundschafter angezeigt, daß ein Unteroffizier meiner Kompagnie, mit Namen Danner, von seinem Wirthe zu Launoy ein preußisches Dienstsiegel zum Geschenk erhalten habe, welches ein im Monat März 1814 im Bois de Huilleux erschossener preußischer Offizier, der in la Lobbe begraben sei, besessen hätte. Ich ließ mir hierauf sogleich den Unteroffizier nebst seinem Wirth rufen und fand -- was ich ahndete -- das Dienstsiegel der Lützow'schen Schaar, welches unser Freund, da er Adjutant war, gewöhnlich bei sich führte, und welches mir, als ich es erblickte, um so mehr durch einen in dem Holzknopf befindlichen Kreuzschnitt unverkennbar war, da ich mich hierbei sofort jener Worte meines Freundes lebhaft erinnerte, als ich ihn in Holstein frug, warum er dieses Mal hineingeschnitten, er mir sagte: »Siehe, da kannst Du sehen, wie pfiffig ich bin; ich habe es deshalb gethan, um beim Siegeln sehen zu können, ob der Kopf des Adlers oben steht.« --
Durch das zufällige Vorfinden des Siegels ward mir nun auf einmal die Bahn zur Erreichung meines längst ersehnten Ziels gebrochen. Ich ritt daher am 5. Dezember 1816 nach dem Dorfe la Lobbe, welches drei Stunden von Launoy entfernt ist, und erhielt von dem dortigen Bürgermeister, Namens Deslyon, nicht nur die Bestätigung des oben Gesagten, sondern ersah auch aus der mir von demselben über den ganzen Hergang der Sache aufgenommenen protokollarischen Verhandlung die genausten darauf Bezug habenden Nebenumstände. Denen zufolge war unser Freund am 16. März 1814, des Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr, in dem etwa eine Viertelstunde von la Lobbe entfernt liegenden Bois de Huilleux, sein Pferd am Zügel leitend, angekommen, und darin auf zwei Bauern aus la Lobbe, die daselbst Brennholz schlugen, gestoßen. Er forderte sie auf, ihn ins nächste Dorf zum Bürgermeister zu bringen. Als sie beinahe aus dem Walde heraus waren, begegnete ihnen ein Haufe mit Flinten versehener Bauern, die, als sie unsern Freund erblickten, von seinen Führern sogleich dessen Auslieferung verlangten, und da sie ihnen dies nicht zugestanden (wobei es wahrscheinlich zum Handgemenge gekommen ist, welches ich aus einem Umstand schließe, den ich Dir weiter unten mittheilen werde), so schoß einer von ihnen, Namens Brodico, Schäfer auf der unweit des Dorfes Grand-Champ belegenen Ferme la Puisieux, seine Flinte auf meinen Freund ab, wobei die Kugel, die ihn tödtete, in die linke Brust durchs Herz und das linke Schulterblatt drang, worauf augenblicklich er todt zur Erde sank, von seinen Mördern ausgeplündert und ganz nackt liegen gelassen ward. -- Die beiden Bauern aus la Lobbe machten hierauf dem dasigen Bürgermeister Anzeige, der, ob aus Politik oder Menschlichkeit, will ich dahin gestellt sein lassen, den Leichnam sofort nach la Lobbe bringen, ihn in einen Sarg legen, und am 17. März 1814 des Morgens um zehn Uhr auf dem dortigen Kirchhofe mit allen dabei üblichen Feierlichkeiten, d. h. nach der katholischen Liturgie, beerdigen ließ. -- Von den beiden mehrerwähnten Bauern, die ich mir hatte rufen lassen, erhielt ich dann auch die Bestätigung des eben Gesagten, und überdieß, außer mehreren näheren Aufschlüssen, noch eine genaue Beschreibung meines Freundes, hinsichts seiner Gesichtsbildung, Haupthaare, Gestalt und Kleidung, und des mir sehr wohl bekannten schlechten russischen Pferdes. Einer dieser Bauern war auch noch im Besitz einer bei unserem Freund gefundenen Karte von der Champagne, die ich mir natürlich sogleich aushändigen ließ und dieselbe augenblicklich an der mir bekannten Art, wie mein Freund gewöhnlich die Orte bezeichnete, woselbst er gewesen war, erkannte, daß er sie mußte besessen haben.
Nachdem ich nun hinlängliche Thatsachen genug gesammelt hatte, die mich zu der Ueberzeugung führten, daß der in la Lobbe begrabene Preußische Offizier ohne Zweifel unser Friesen sein mußte, schritt ich an die, Behufs des Ausgrabens desselben nöthige Arbeit. Bevorworten muß ich, daß ich beim Vorfinden der Gebeine durchaus keine Täuschung zu befürchten hatte, weil ich an den, mir ganz lebhaft erinnerlichen Zeichen unfehlbar die meines Freundes erkennen mußte.
Erstlich hatte er im Unterkiefer einen Vorderzahn, der ihm einstmals beim Fechten auf dem Fechtboden zu Berlin ausgeschlagen ward, den er sich zwar gleich wieder eingesetzt hatte, der aber dessen ungeachtet (da er etwas nach vorn stand, und auch an dem Hieb des Fechtens unverkennbar war) mir ein untrügliches Kennzeichen gewährte.
Zweitens wußte ich ganz bestimmt, daß ihm nicht nur kein Zahn fehlte, sondern daß er auch vorzugsweise gute und schöne Zähne hatte. Drittens hatte er an der Stirn über dem rechten Auge eine Narbe, die er, wenn ich nicht irre, in seiner frühsten Jugend durch einen Steinwurf erhalten hatte.
Viertens dienten mir auch seine überaus starken Backen- und Augendeckelknochen, so wie überhaupt die ganze Gestalt seines Kopfes zu hinlänglicher Erkennung desselben.
Demzufolge hatte ich an dem mir vom Bürgermeister Deslyon und mehreren Einwohnern des Dorfes bezeichneten Ort, wo unser Freund begraben liegen sollte, bereits sechs Gräber ohne erwünschten Erfolg öffnen lassen, als die Nacht einbrach und mich an allem weiteren Aufsuchen für diesen Tag verhinderte. Am folgenden Tage, nämlich den 6. Dezember v. J. mußte das von mir commandirte Füsilier-Bataillon seine damaligen Cantonnirungen verlassen, und die jetzt von demselben besetzten Orte beziehen, vorher aber nach Charleville marschiren, um daselbst am 7. Dezember vom G. von Zieten besichtiget zu werden. Der Dienst gebot mir daher noch in der Nacht nach Launoy zurück zu reiten, ehe ich aber la Lobbe verließ, machte ich es dem Bürgermeister Deslyon zur ausdrücklichen Bedingung am folgenden Tage mit dem Aufsuchen der Gebeine meines Freundes fortfahren zu lassen, und wenn man sie gefunden, er sie unverzüglich nach Launoy an einen meiner Kundschafter, den ich mit dorthin genommen hatte, überschicken solle. Nach meinem Eintreffen in Launoy befand ich mich aber so höchst unwohl, daß ich mich außer Stand gesetzt sah, mit meinem Bataillon von dort nach Charleville abzumarschiren.
Ueber alle Beschreibung aber fühlte ich mich überrascht, als mir der Bürgermeister Deslyon am 6. Dezember vorigen Jahres des Nachmittags um 3 Uhr meinen Freund ganz so, wiewohl verweset, wie er zur Erde bestattet ward, übersandte. Augenblicklich erkannte ich die Gebeine an den oben erwähnten Kennzeichen für die unseres Friesen, und zwar ganz vollzählig, ausgenommen zweier Vorderzähne am Oberkiefer, die ihm, da sie ihm bei seinen Lebzeiten nicht fehlten, vermuthlich bei dem oben angeführten Handgemenge von seinen Mördern ausgeschlagen wurden, welches mir um so wahrscheinlicher ist, da die beiden Augenzähne eine widernatürliche Richtung haben, indem sie ganz nach hinten stehen, und auch sehr tief im Kiefer stecken, denn wenn sie ihm im Grabe ausgefallen wären, so hätte ich sie im Sarge vorfinden müssen.
Meine Freude und mein Schmerz über den nunmehrigen Besitz dieser theuren und herrlichen Ueberreste ist überaus und gleich groß. -- Ich habe beim Anschauen und gewissenhaften Ueberzählen derselben die bittersten Thränen vergossen und seinen wahrhaft königlichen Schädel mit eben der Liebe und Freundschaft geküßt, wie ich dies bei seinen Lebzeiten im Glück und Unglück stets gethan! -- Es fehlen mir die Worte um Dir meine Empfindungen in ihrem ganzen Umfange auszudrücken, die mich bei dem Bewußtsein durchdringen, die Gebeine meines Freundes, dessen Andenken die Zeit nie und nimmer aus meiner Seele verwischen kann und wird, in meiner Stube zu wissen.
Das Hirn ist im Schädel noch ganz erhalten, jedoch schon ziemlich vertrocknet. Den Gang der Kugel, durch die er getödtet ward, entdeckte ich sofort im linken Schulterblatt. Ungefähr so viel Haupthaar als zu drei Locken nöthig sind, wie sie die Frauen gewöhnlich in einer Glaskapsel auf dem Busen zu tragen pflegen, sind seltsam genug unter dem Schädel der Verwesung ganz entgangen.
Während der Belagerung von Mezières 1815 hatten die Hessen den Brodico, Mörder unseres Freundes verhaften lassen. Der damalige Bürgermeister von Launoy, jetziger Notaire daselbst, Namens Coche, ließ denselben aber absichtlich entspringen, wofür er seines Postens entsetzt ward und 50 Stockhiebe erhielt. -- In Novion soll sich das Schwert und mehrere Kleidungsstücke von unserem Freunde befinden, bis jetzt ist es aber meinen Kundschaftern noch nicht gelungen, die Besitzer derselben auszumitteln, was deßhalb sehr schwer hält, da die Bewohner der ganzen Gegend befürchten, daß sie wegen der Ermordung unseres Freundes noch einmal dürften gezüchtigt werden, und daher alles sehr geheim halten. -- Der Bürgermeister Deslyon hat mir bei Uebersendung der Gebeine ein Zeugniß ausgestellt, daß es wirklich die des am 16. März 1814 im Walde de Huilleux getödteten Preußischen Offiziers seien, wogegen ich ihm auf sein Ansuchen einen Empfangsschein gegeben habe.
Eine gleiche Geschichtserzählung, wie die vorstehende ist, habe ich vor Kurzem an den Doctor Jahn nach Berlin gesandt, und mich erboten alle Gebeine unseres Freundes ihm zu übersenden, wenn er, seiner mir früher gegebenen Zusicherung gemäß, sie auf dem Turnplatz bei Berlin unter der Mahlsäule der heimathlichen Erde überliefern will; widrigenfalls ich sie sonst durchaus nicht aus meinem Verwahrsam gebe, sondern sie lieber verbrenne, als wissentlich zugebe, daß sie vertrödelt werden.
Druck von Gebrüder _Katz_ in Dessau.
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Hinweise zur Transkription
Eine auf den Halbtitel folgende ganzseitige Illustration wurde hinter die Titelseite verschoben, und der Halbtitel entfernt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 4: "Traunkijör" geändert in "Trannkijör" (auf dem Schlosse Trannkijör zu Langeland geboren)
Seite 49: "Vaterandes" geändert in "Vaterlandes" (sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet)
Seite 99: "Anheil" geändert in "Antheil" (und wie sehr Dohna diesen Antheil theilt)
Seite 112: "»" eingefügt (»da die Baiern schon zwanzig Jahre früher)
Seite 112: ";«" geändert in "«;" (»dessen Arbeit auf die Schönheit ging«; er)
Seite 114: "»" eingefügt (»Wir haben hier Großes werden sehen.)
Seite 130: "uuter" geändert in "unter" (sonst gehe ich unter! -- Könnte ich Dich nur)
Seite 186: ";«" geändert in "«;" (und seines »Carlo Zeno«; hier las der begabte Dichter)
Seite 216: "," eingefügt (Magdeburg, den 1. März 1824)
Seite 266: "." eingefügt (Enkelschaar zum Besuch bei mir angekommen wäre.)
Seite 289: "«" eingefügt (Sehnen, das nicht still sein will?«)
Seite 293: "befrenndeten" geändert in "befreundeten" (blickt lächelnd zu dem ihr befreundeten Himmel!)
Seite 299: "kuüpft" geändert in "knüpft" (und daran knüpft sich die Lust)
Seite 318: "iu" geändert in "in" (Begeisterung -- in der nichts einzelnes hervortritt)]