Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's
Part 13
Diese Gestalt trat dann am Sonntag vor acht Tagen als »Wallenstein« durch die Flügelthür, in höchst einfacher Kleidung, ruhig majestätisch. Der Anfang des Spiels war ganz gelassen, fast trocken zu nennen, ohne alle Prätention. Nur die große Anmuth aller Bewegungen deutete das Besondre an. Richtiges Einfallen, gutgehaltne Pausen, Benutzung aller Höhe und Tiefe des Theaters gaben dem Zuschauer das Gefühl der Sicherheit, welches der Künstler in sich trug. Was nun aber immer mehr eigentlich fesselte, war der große Sinn, in welchem der Charakter genommen wurde. Ganz vortrefflich entfaltete er denselben in der Scene mit Illo und Terzky, worin er diesen den Traum vor der Lützner Schlacht erzählt. Da trat die Doppelnatur Wallenstein's ganz hervor, die Verachtung der Menschen, welche er unter sich erblickt, und die ahnungsvolle Seite, die den Sternen zugekehrt ist. Die Worte:
»Es giebt im Menschenleben Augenblicke« --
sprach er sonderbar heimlich, die Schauder des herannahenden Schicksals wehten über die Bühne, man fühlte sich in seinem Innersten berührt, man war nun schon ganz in seinen Banden. Unübertrefflich war das Spiel bei dem Aufstande der Truppen, nie werde ich diese Feldherrnstellungen, diese militairische Kürze und Schärfe vergessen. Als er zurückkommt, und alles verloren ist, sprach er die befehlenden Worte an Buttler und an Terzky sehr streng, fast tyrannisch -- wie mich dünkt außerordentlich richtig. Denn Wallenstein kann das Unglück nur noch fester und herrischer machen. In der Attitüde, worin er zu Max sprach:
»Wie ist's? Versuchst Du einen Gang mit mir?«
hätte ich ihn mögen gemalt sehen, er stand wirklich wie ein Römischer Imperator da, die Füße übereinander geschlagen, den rothen Mantel halb emporgezogen. Das Herantreten an die Liebenden geschah, ohne daß er auch nur die geringste Bewegung machte, und das Wort: »Scheidet!« wurde ohne allen Affekt gesprochen, wirkte aber eben deßhalb um so furchtbarer. Der Ausdruck in seiner Darstellung, als er den Tod des Max erfährt, war einfach groß. Eine bloße Seitenbewegung und ein Zusammenziehn des ganzen Körpers, dann aber wieder der Schein völliger Ruhe und Fassung. Im fünften Auszug erreichte das Spiel stellenweise seinen Gipfel. Als er am Fenster in die Nacht hinausstarrte, sah man wirklich mit ihm in die unendlichen Tiefen des Himmels, nun sank er mit ungemeiner Grazie über den Stuhl, und das Gesicht zeigte die rührendste Trauer, auch wurden die schönen Worte über Maxens Tod ganz ihrem Werthe gemäß gesprochen. Er hielt sich auf dieser Höhe bis zum Ende, wo er mir die Worte:
»Ich denke einen langen Schlaf zu thun, Denn dieser letzten Tage Qual war groß, Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken.«
doch mit zu viel Wichtigkeit aussprach, da sie nach meiner Meinung ganz leicht und sorglos vorgetragen werden müssen.
Sehr oft erscheint die Schönheit in seinem Spiel, welches das höchste ist, was man von einem Künstler sagen kann, so gewaltig das Wort auch verschwendet und gemißbraucht wird. Das sogenannte interessante und charakteristische Spiel ist noch himmelweit davon verschieden. Es ist offenbar etwas Bedeutendes, wenn man die größte Kraft, Wahrheit und Natur schaut, und alles dieses durch eine Anmuth gemildert, und in einem sanften Reize verklärt wird, so daß man nirgends sich erdrückt, sondern immer erhoben und befreit fühlt. Vor allem zu loben ist seine Action, der Körper ist ganz Muskel, er ist im Stande mit dem kleinen Finger mehr zu machen, als andre, wenn sie mit Armen und Beinen hanthieren. Sein Auftreten und Abgehn ist wahrhaft königlich, er sitzt und steht ganz herrlich. Eine Eigenheit von ihm ist, daß er sich gern über den Stuhl lehnt. -- Seine Recitation und Declamation ist nicht so tadelfrei, häufige, fehlerhafte Betonung, mitunter leerer Pathos, entstellen sie. Das Organ leidet, obgleich die Stimme tief und sonor ist, an einiger Rauhheit, und der oberdeutsche Dialect spricht zuweilen durch. Am meisten leistet er im ruhigen, würdevollen, kräftigen Vortrag, auch im Ausdruck des Rührenden, weniger in den leidenschaftlichen Scenen, wo zuweilen Uebertreibung ohne eigentliche Gediegenheit eintritt. Eine köstliche, trockne Ironie hat er in seiner Gewalt, glänzend zeigte er sie in seinem Spiel zu den Frauen im »Wallenstein,« die er sichtlich als Beiwerk behandelte, wie sie es auch in dieser Tragödie sind. --
Montag gab er Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« -- Mitwoch »Wilhelm Tell,« Donnerstag Hugo in der »Schuld,« Freitag den Oberförster in den »Jägern.« Morgen wird »Dienstpflicht« repetirt, dann giebt er noch eine Vorstellung, die bis jetzt unbestimmt ist. -- Wallenstein ist mir als die großartigste Erscheinung vorgekommen; obgleich er in den übrigen Stücken, namentlich als Dallner eigentlich viel correcter gespielt hat, so fehlte die von innen nach außen dringende Poesie, welche aber freilich auch nur von einem ächten Dichterwerke hervorgerufen werden kann. Das Publikum zeigt sich im Ganzen theilnehmend, empfängt ihn jedesmal mit Applaus.
Wie sehr hätte ich gewünscht, theure Freundin, daß Sie ihn sehen möchten. Ihr feiner Sinn für das Schöne würde großen Genuß gehabt haben. Alles Gute wünscht, wie Sie wissen, mit Ihnen zu theilen
Ihr Freund
Immermann.
18.
Magdeburg, den 16. Mai 1824.
Da ich Ihnen, theure Freundin, nur von dem erzählen kann, was ich sehe und erlebe, und dessen jetzt nicht viel ist, so müssen Sie sich schon gefallen lassen, mit mir in dem engen Kreise meines gegenwärtigen Zustandes umherzuwandern. -- Von Eßlair hole ich noch einiges nach. Er hat am vorigen Sonntage den Kriegsrath Dallner, am Montage den Oberförster in den »Jägern« wiederholt, und am Dienstag »Nathan den Weisen« gegeben. Bei näherer Bekanntschaft findet sich unendlich viel zu tadeln, unerträglich falsche Betonungen, ein Singen der Stimme, wie ich es nun leider bei allen ernsten Darstellungen, die ich bis jetzt gesehen, vernommen habe, und welches dem wahren und natürlichen Ausdruck ganz entgegenläuft, eine gewisse Weichheit des Spiels, die auf Kosten des Tiefen und Bedeutenden uns geboten wird, und noch mehrere solche Flecken. Indessen bleibt der Gehalt des Guten und Vortrefflichen sehr groß, und es giebt Seiten an seinem Spiel, die hinreißend schön sind, und entzücken müssen. Seine Stärke ist die Darstellung der Grazie in der Kraft; in allen solchen Scenen, wo der Held gefaßt und ruhig ist, möchte ihn wohl keiner so leicht übertreffen, ja nur ihm gleichen. Da umweht ihn ein wunderbarer Hauch der Anmuth, Worte, Mienen, Stellungen und Bewegungen sind in einem zarten, hellen Dufte zugleich gemildert und verklärt, und alles ist nur eine Musik.
So schuf er aus dem alten Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« von Iffland ein Bild, welches mich noch jetzt bei der Erinnerung in Staunen versetzt. Das Stück ist eines der elendesten Iffland'schen, welches ich kenne. Lauter miserable, peinliche, armselige Verhältnisse, der Held des Stückes, der alte Dallner, der personifizirte Dienstbegriff, eine ächte Berliner Offiziantennatur. Diesen traurigen Charakter wußte nun aber Eßlair durch die Macht seines Spiels in eine so hohe poetische Sphäre zu rücken, daß man ihn wahrhaft bewundern mußte. Wodurch er dies bewirkte? Durch einen Ton der Sanftmuth, Heiterkeit, Milde und Fassung, wodurch er das Gemälde eines schönen, in sich vollendeten, zum höchsten Seelenfrieden gekommenen Greises hervorbrachte. Dallner ist, wenn man von Correctheit ausgeht, seine beste Leistung, denn sie ist durchaus fleckenlos, Wallenstein bleibt seine größte. Schade, daß er den »Lear« hier nicht geben durfte, den einige nervenschwache Damen von Einfluß sich verbeten hatten. Ich mache Sie besonders auf den Wallenstein und den Dallner aufmerksam.
Er kommt nämlich, wie er mir bei einem Besuche, den ich ihm abstattete, sagte, Ende dieses Monats nach Münster, wohin ihn Pichler zurückbegleitet. Sein ganzen Wesen ist sehr würdig, nichts Komödiantenmäßiges; ein kleiner Umstand erinnerte mich indessen doch bei jenem Besuche, daß ich zu einem Schauspieler gegangen war. Ich hatte mich ihm schriftlich angemeldet, ging gegen zehn Uhr morgens zu ihm, und blickte, als ich in's Zimmer trat, nicht rechts noch links, sondern setzte mich sogleich mit ihm in ein Fenster, den Rücken nach der Thür gewendet. Ich war in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, als die Thür sich öffnete, und ein junger Schauspieler hereintrat, der, ohne von uns Notiz zu nehmen, sich seitwärts wandte und sagte: »Mein Gott, finde ich Sie gar im Bette!« Ich wandte mich um, und sah eine Dame im Bette neben der Thür liegen. Eßlair sagte ganz trocken: »Meine Tochter, die nicht recht wohl ist.« -- Ich ergriff sogleich den Hut und empfahl mich; wenn ich nicht irre, so war ich in dem Augenblick verlegner, als die Schöne.
Magdeburg sollte von fremden Sternen nicht leer werden. Am Donnerstag langte Madame _Neumann_ vom Karlsruher Theater an, gab die Margarethe in den »Hagestolzen« außerordentlich natürlich und brav, und auf vieles stürmisches Begehren am folgenden Tage die »Preciosa.« Dieser Charakter, oder Rolle, oder wie man es nennen will, ist bekanntlich eine bloße Declamirübung, und die beste Künstlerin kann nichts hineinlegen, was den Freund wirklicher Darstellung zu berühren vermöchte. So ging es auch diesmal, Madame Neumann zeigte ihre geschmackvolle Garderobe, ihre Schönheit, declamirte sehr sentimental, und tanzte recht hübsch, von Spiel konnte nicht die Rede sein.
Das Publikum war sehr dankbar. Gegen den Schluß der Vorstellung regneten von allen Seiten Kränze und Bouquets auf die Bühne; ein Schauspielerkind brachte aus der Coulisse auf einer Schüssel ihr Blumen, die Schauspieler umwanden sie mit allerlei grünem Zeuge, der erste Liebhaber setzte die Rolle in der Wirklichkeit fort, und fiel vor ihr förmlich auf die Kniee, die Schauspielerin, welche die Mutter gespielt hatte, umarmte sie zärtlich, Madame Neumann küßte einen Blumenstrauß, gegen das Parterre gewendet, das Publikum schrie und tobte vor Entzücken, als wollte es aus der Haut fahren, die Schauspieler sangen einen Chor zu Ehren der Gefeierten, unter diesem Spektakel fiel der Vorhang, und ich hatte, an eine Säule gelehnt, meine ganze mephistophelische Fassung nöthig, um nicht auch in dieses gerührte, herzlich theatralische Verderben hineingerissen zu werden.
Was hieran bitter klingt, vergeben Sie. Sie kennen und fühlen meine Lage. Ich bin ein Einsiedler, wie ich noch nie gewesen. So lange ich an Ihrem immer nach dem Guten, Rechten und Schönen mit heitrer Festigkeit gerichteten Sinne mich stärken konnte, und in diesem Sinne volles Verständniß meiner innersten Gedanken fand, hatte ich Trost und Ersatz für die vielen Thorheiten und Gemeinheiten, die uns umgeben, jetzt ist das anders.
Meine Arbeiten schleichen langsam fort. Der Walter Scott schwatzt mir doch fast zu breit. Ich verliere so manche breite Schilderung unter den Händen, weiß nicht, wo sie bleibt, und ich denke, die Recensenten sollen auch nichts merken.
Mit den Gefühlen, welche Sie kennen, immerdar
Ihr Freund
Immermann.
19.
Magdeburg, den 26. Juni 1824.
Wenn Sie solche düstre Regentage dort gehabt haben, theure Freundin, als wir hier, so wird Ihr Herz Ihnen wieder etwas bange geworden sein. Ich lebte in meinem Gartenhause, wie in der Arche Noä, nur Ihre Briefe waren die Oelblätter, welche mir Zeugniß gaben, daß es noch grüne Stellen des Lebens gebe. Ich will diese Zeit, die schwer genug für mich ist, redlich durcharbeiten, es ist eine eiserne, die mich in der Entbehrung und Entsagung übt -- dann muß es aber besser werden.
Vor einigen Tagen hatte ich hier eine sonderbare Ansicht. In meiner guten Vaterstadt, worin alles Nützliche wirklich mit großem Eifer emporgebracht wird, ist ein großer Wollmarkt arrangirt. Denken Sie sich auf dem Domplatze, den Dom und grüne Bäume im Hintergrunde, wenigstens 300 Wollwagen in zwei Reihen aufgefahren, einer wie der andre, alle grau, dazwischen Schafknechte und Fuhrleute auf Wollsäcken und Stroh liegend, und Sie haben das vollständige Bild einer auf der Wanderung begriffenen Tatarenhorde, nur die Koch- und Lagerfeuer fehlten. Es sind gute Geschäfte gemacht, und die Einrichtung flicht unserm für das Wohl der Stadt unablässig bemühten Oberbürgermeister _Francke_ eine neue Bürgerkrone.
Quedlinburg ist durch das Conversations-Lexicon jetzt dahinter gekommen, daß Klopstock in seinen Mauern das Licht der Welt erblickte. Am nächsten Mittwoch wird dort zur Feier seines Geburtstages ein großes Musikfest gegeben, der »Messias« von Händel wird aufgeführt und Karl Maria von Weber dirigirt. Ich würde es auf die Gefahr, aus dem Städtlein, welches ich so gröblich beleidigt habe, gewiesen zu werden, wagen, hinzureisen, wenn meine Geschäfte es erlaubten. Der Zusammenfluß von Musikern, Dilettanten und Hörern wird allem Anschein nach sehr groß sein. Bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten kann ich mich eines gewissen Unmuths nicht erwehren. Unter allen Aeußerungen des menschlichen Bildungstriebs wird doch der dichterische am schlechtesten behandelt. Was geschieht wohl im Aeußeren für Poesie? Gar nichts. Der Dichter immer muß sich zurückgewiesen sehen, muß zuletzt einseitig werden. Wenn ich bedenke, daß die Athener dem Sophokles für seine Antigone eine Feldherrnstelle gaben, so muß ich das griechische Volk bewundern, dessen ganzes Leben und Dasein nur in der Schönheit ruhte.
Ich lese jetzt Wilhelm von Humboldt's ästhetische Versuche, namentlich den Theil, der über »Hermann und Dorothea« redet. Es ist ein ganz vortreffliches Werk, voll tiefer Einsicht, und doch sehr klar und einfach dargestellt. Hätte ich nicht solche unüberwindliche Abneigung gegen das Abschreiben, so hätte ich schon einige Stellen copirt und sendete sie Ihnen mit. Ich werde Ihnen aber das Buch nach Dresden senden, da sollen Sie sich an ihm erbauen. Ich werde auch fleißig Zeichen einlegen, denn ganz werden Sie es freilich wohl nicht lesen mögen.
Morgen sende ich Ihnen eine Ansicht von Magdeburg, Papier und einige Briefe. Die Ansicht ist schlecht genug, sie darf sich nicht viel Gunst von Ihnen versprechen, die Stadt ist auch bei Ihnen zur Ungnade vorherbestimmt; (Sie wissen, daß ich glaube, Neigung und Abneigung der Damen werde durch ein reines Verhängniß bestimmt,) zerreißen Sie nur das Blatt nicht in Ihrem Zorne. Die Stadt hat wenigstens das Gute, daß sie Ihnen Freunde gab.
Erzählen Sie mir recht viel von sich, und schenken Sie mir, wie früher, volles Vertrauen. Ich hoffe es zu verdienen, und glaube Ihnen sagen zu können, daß meine Gesinnung sich Ihnen in jeder Lage des Lebens bewähren wird; daß es keinen Dienst giebt, den ich Ihnen nicht mit Freuden leisten kann, keine Treue, welche mein Gemüth Ihnen nicht bewahrt. Mit diesen Worten lassen Sie mich diesmal Ihnen Lebewohl sagen.
Immermann.
20.
Magdeburg, den 10. Juli 1824.
Ich habe mich sehr, theure Freundin, gefreut, aus Ihrem letzten Briefe zu sehen, daß Sie ruhiger und heitrer geworden waren. Gewiß verläßt Sie der Himmel nicht, auch Sie sind ein Wesen, welches er dazu bestimmte, Freude und Behagen zu empfinden und des Daseins nach den Gesetzen seiner Natur zu genießen, ja, Sie sind vor Vielen dazu berufen, da Ihr reiches Herz so viel Gutes um sich verbreitet, so manchen Segen um sich zu pflanzen weiß. Dieses Gute, dieser Segen muß aber, nach den ewigen Gesetzen der Welt, zu Ihnen zurückkehren, und gewiß haben Sie dies auch schon in mancher Anhänglichkeit, die Ihnen auf dem Lebenswege wurde, dankbar gegen Gott, empfunden. Daß wir in dem schönen Wolbeck nicht zusammen gewesen sind, bedauert gewiß niemand mehr als ich -- ich war so gern mit Ihnen in der Natur, und hatte meine Freude an Ihrem für alle Schönheiten des Daseins aufgeschlossenen Sinn. Sonst haben wir wohl so ziemlich in Münster alle hübsche Parthien mit einander gesehen.
Ihr nächster Brief wird mir sagen, was weiter zu besprechen ist -- bis zum Eingang desselben, vermeide ich die Berührung dieser Dinge.
Es freut mich, daß Sie Eßlair auch persönlich kennen gelernt haben, und daß er so galant gegen Sie gewesen ist. Sein Wesen hat wirklich etwas sehr Ansprechendes. Ueber die Jugendgeschichte dieses Mannes ist man noch sehr im Dunkeln. Das Conversations-Lexicon drückt sich mystisch genug aus. Er soll aus einem alten gräflichen Geschlechte sein, von Slavonien herstammen u. d. m. Die Ahnen werden sich daher wohl etwas gerührt haben, als der ungerathne Enkel unter die Schauspieler ging.
Auf meinem Tische liegt der zweite Theil des Tagebuchs von Wilhelm Meister, von Pustkuchen. Dieses Pfäfflein wandelt getrost seinen trutzigen Gang fort, versteigt sich aber in diesem Theile, wie ich aus den ersten zwanzig Seiten bereits ersehen habe, bedeutend in's Ungereimte, und so steht denn zu hoffen, daß das Horn seines Uebermuthes nahe am Zerbrechen ist. Vielleicht rühre ich meine Feder auch noch zu diesem Ende, doch ist es sehr zweifelhaft, da ich eigentlich zu solchen Arbeiten keine rechte Lust habe.
Ich wünsche Ihnen alles, was Sie bedürfen, und bleibe mit alter Anhänglichkeit
Ihr Freund
Immermann.
21.
Magdeburg, den 17. Juli 1824.
Recht leid thut es mir, von Ihnen hören zu müssen, daß Ihre Freundin in Dresden vielleicht behindert sein wird, Ihnen ganz ihre Zeit und Gesellschaft widmen zu können. Doch bietet Dresden so viel Schönes dar, was Sie für sich genießen können, daß Ihnen dennoch der Aufenthalt dort sehr heilsam werden wird. Die Dissonanzen des Lebens gleichen sich am ersten in der ewigen Harmonie der Natur und schönen Kunst aus; indem das Gemüth mit stiller Gewalt auf die ewigen Gesetze der Schönheit aufmerksam gemacht wird, findet es sich selbst zu seiner Klarheit und Schönheit zurück. Recht begierig bin ich aus Ihren Briefen den Eindruck zu vernehmen, welchen die Antiken auf Sie machen werden. Mir ist die Statue immer lieber gewesen als das Gemälde, sie bringt auf mich die reinste und gründlichste Wirkung hervor, nie werde ich die Stunden vergessen, welche ich vor den großen Werken des Alterthums, deren Anschaun mir zu Theil ward, zugebracht habe. Ich glaube auch, daß meine Poesie sich immer mehr zur Sculptur neigen wird -- wenn ein heitres und in seinen nothwendigen Wünschen befriedigtes Leben mich überhaupt noch für die Zukunft als Dichter gelten läßt. Schon jetzt empfinde ich eine Abneigung gegen alles, was nicht nothwendig ist, und ein eigenthümlicher Fehler meiner Poesie ist, daß sie der malerischen Perspective entbehrt und alle ihre Gestalten wie eine Steingruppe hinstellt.
Doch Sie können zürnen, daß ich jetzt von mir rede und mich nicht bloß mit Ihnen beschäftige. Mögen die Kräuterbäder Ihnen Heil und Segen bringen. Sie werden diesen Theil Ihrer Kur doch gewiß in Dresden fortsetzen, und haben dazu im Lincke'schen Bade die beste Gelegenheit, zugleich den Vortheil, mit dem Bade eine hübsche Spazierfahrt zu verbinden. Die Brühl'sche Terrasse und die große Brücke müssen Sie ja einmal bei Mondschein besuchen, es ist ein eigenthümlicher, schöner Anblick, den ich mehrmals genossen habe.
Ein böser Stern gab mir vor einigen Tagen die Fortsetzung der falschen Wanderjahre, Wilhelm Meister's Meisterjahre, von Pustkuchen in die Hand. Da der Mensch in seiner doppelten Natur immer auch gern mit dem Schlechten sich bekannt macht, so las ich das Buch in einem Zuge durch, kann aber doch fast den Ekel, den diese abgeschmackte, saft- und salzlose Schüssel in mir zurückließ, nicht beschreiben. Das Frühere ist gegen dieses ein Leckerbissen, ich fürchte sehr, der Verfasser wird nun seinen eignen Anhängern verdächtig werden.
Ich wünsche Ihnen Zurückkehr der Körperkräfte und ruhige Stunden. Mit bekannten Gesinnungen
Ihr Freund
Immermann.
22.
Magdeburg, den 24. Juli 1824.
-- Es ist gut, daß Ihre Reise spät fällt, früher würde Ihnen die große Ueberschwemmung manchen Genuß verdorben haben, sie hat unendlich viel Schaden gestiftet, auch in der hiesigen Gegend.
Vor einigen Tagen aß ich in einem Gasthofe (denn meine Mutter ist verreist, und ich lebe wieder wie sonst) mit einer Dame zusammen, die man fragte, ob sie eine Engländerin sei. Sie verneinte dies mit großer Lebhaftigkeit, und fügte hinzu: »Gottlob, ich bin eine Hamburgerin.« Es thut wohl in diesen Zeiten einmal jemand zu hören, der sich seines deutschen Vaterlandes freut. Ich kann von mir behaupten, daß ich diese Liebe immer im Herzen getragen habe. Es fällt meinem Verstande unendlich viel Tadelnswerthes ein, was sich bei uns findet, und dennoch ist mir das Vaterland das liebste, was ich mit keinem andern vertauschen möchte. Es erscheint mir eben in seinem unbeholfenen, zerrissenen Wesen so bedürftig und so würdig des Mitleids, und ich glaube, daß ihm die Besseren durch heiße Anhänglichkeit den Schutz und die Sicherheit geben müssen, welche ihm die Natur und die politische Verfassung nicht giebt. Das ist wohl überhaupt das Wesen jeder Liebe, daß sie ihren Gegenstand ganz und ungestört umfaßt, und seine Mängel und Flecken in ihrer Wärme und Fülle ausgleicht.
Ich sage Ihnen für diesesmal Lebewohl, und bitte Sie, meiner im Guten zu gedenken.
Ihr Freund
Immermann.
Briefe von Möller an Elisa.
1.
Münster, den 25. Dezember 1830.
Daß der wackere Lord Byron, meine Verehrteste, mir Veranlassung giebt, Ihnen zu schreiben, soll ihm noch in seiner Familiengruft zu Nottingham gedankt werden. Nehmen Sie gütigst sein Bild und seine Gedichte als ein Scherflein zum Andenken -- an mich! Das ist wohl kühn gesagt! Aber Liebe und Vertrauen wagen etwas. -- Seitdem Freundin _Engels_ bei mir ist, theilen wir sehr oft das Verlangen, Ihnen näher, ja ganz und gar mit Ihnen zu sein. Die schönen, unvergeßlichen Tage und Stunden, die einst durch Sie mir hier wurden, ließen sich dann erneuern, und die verbesserte Auflage meines häuslichen Lebens könnte so etwas dazu mitwirken. Unter den vielen Revolutionen unserer Zeit ist die, welche Christiane mit mir, ihrem Häuptlinge, und dem ganzen Gebiete meiner Herrschaft unternommen hat, so weit ich vergleichen kann, noch immer die beste, und würden die andern wohlthun, ihr Muster nach dieser zu nehmen. Die Veränderungen sind nicht nur unblutig, sondern sogar unmerklich, und auch diejenigen, welche dem auf Gewohnheit haltenden Häuptlinge unbequem sind, weiß die Constitutionskünstlerin so fein anzurichten, daß sie am Ende ihm glatt eingehn. Ja, ich muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, -- sie bereitet mir ein tägliches Wohlleben; ich nenne sie aus Dankbarkeit mitunter Melitta (die Honigträgerin.)
Ich bitte mich einmal über das andere zu empfehlen dem seltenen Humoristen und trauten Freunde _Immermann_. -- Ungern trenne ich mich von der Rede mit Ihnen. Sie wollen mich weiterhin wieder anknüpfen lassen. Glauben Sie daß mein Geist Sie oft umschwebt, und daß zu meinen liebsten und schönsten Wünschen gehört, daß Sie zugethan bleiben
Ihrem herzlich ergebenen
Möller.
2.
Münster, den 25. April 1831.
-- Ich habe nun auch die Frau _von Aachen_ gesprochen, und gehört, daß Sie uns freundlich entgegengesehn, und des schönen Frühlings sich freuen. Ich weiß wie Sie den Himmelsjüngling lieben,
»Wenn er kommt aus seiner Morgenröthe Hallen, Und sein Antlitz ist ihm weiß und roth, Und auf seiner Schulter Nachtigallen!«
Möchten wir ihm in der Neanderhöhle einen Maitrank opfern können! Christiane präparirte ihn, unser Immermann besänge ihn, Sie, als Priesterin, verrichteten die Libation, und ich (nicht etwa: Ich trinke für Euch Alle!) reichte ihn segnend umher von Mund zu Munde. Welch eine Scene! Ich meine schon dabei zu sein. Zum Schlusse hallten dann die Felsen nach von einer Novelle, deren ich neulich gar schöne in Immermann's »Miscellen« gelesen. Wie reich sind die Gaben unseres Freundes! In unseren Haiden kommt dergleichen nicht vor.
3.
Münster, den 25. Juni 1831.