Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's
Part 12
Recht herzlich freut es mich, liebe Freundin, von Ihnen vernommen zu haben, daß Sie gesund und wohl sind. Ihre Zeilen sind mir eine freundliche Erscheinung in meinem hiesigen strengen und ernsten Verhältniß, sie wehen mir wie die ersten lauen Lüfte des Frühlings Trost und Freude in's Herz, und erinnern mich wieder, daß es noch eine schönere Welt giebt, als die der sauren Arbeit und der todten Mühe. Es ist aber gut, wenn man auch solche Zeitläufte einmal durchmacht, damit man Fleiß an Andern schätzen lernt. Ich komme mir, wenn ich beim Schein meiner Morgenlampe mich zu den Akten setze, vor, wie einer von den Schmiedegesellen des Vulkan, die auch mit frühem Morgen das berußte Schurzfell umnehmen und in der Esse zu hämmern beginnen. Mit meinem Bruder, der in ähnlicher beständiger Arbeit steckt, scherze ich oft über unsere Lage und wir nennen uns gegenseitig die zwei _Banausen_. Sie erinnern sich des Worts, welches durch Vossens und Stolberg's Streit allgemein bekannt wurde, und in der ursprünglichen Bedeutung einen Menschen anzeigt, der beim Feuer arbeitet, in der abgeleiteten aber jeden bezeichnet, der sich handwerksmäßig abmüht.
Sie sind dort recht reich an Kunstgenüssen gewesen, und ich möchte fast mit Ihnen schelten, daß Sie den »König Lear« verschmähen konnten. Doch werde ich über diesen Punkt wohl nicht mit Ihnen fertig werden und wir wollen die Partie lieber für remis erklären, da ich um der Wahrheit willen mich nicht für matt erklären kann, auf der andern Seite es aber für unbescheiden halte, Ihnen fernerhin immerfort Schach zu bieten. Dem Herrn General danke ich im Namen der Kunst für die Paulmann zuerst angethane Ehre. -- Hier steht es schrecklich mit dem Theater -- nicht sowohl mit dem Personal, welches wirklich mittelmäßig genug ist, sondern mit dem Publico, welches kalt wie Eis sich nimmt, und nur am Sonntag -- wenn das Haus voller Schüler, Handlungsdiener und Handwerksgesellen steckt, warm wird. -- Die Musik ist die einzige liberale Beschäftigung, welche hier, wie aller Orten, blüht, wenn man die armselige Koketterie, die mit dieser Kunst getrieben wird, eine Blüthe nennen kann. Doch ist eine Diskantstimme hier -- deren Genuß ich Ihnen wohl wünschte. Ein so herrlicher, reiner und unverbildeter Glockenton, daß man nichts Schöneres und Herzergreifenderes hören kann.
Nächstens werde ich auch einige Zeilen des Dankes und der Erinnerung an den alten Horn abgehen lassen. Er bleibt mir immer im Herzen. Hier steht sein Andenken -- wenigstens bei den Männern -- überall auf das beste angeschrieben. Sie sehen also, daß diese Liebschaft unsres Geschlechts -- wie Sie oft die Neigung zu ihm nannten, eine allgemeine ist, und der würdige Herr zu den umworbenen und gefeierten Schönen gehört.
Leben Sie wohl, meine Freundin, und gedenken Sie Ihres Freundes in Gutem.
Immermann.
10.
Magdeburg, den 6. März 1824.
Ihre letzten lieben Zeilen, meine Freundin, habe ich erhalten, und sage Ihnen herzlichen Dank dafür. Ich freue mich, daß Ihnen der projectirte Frauenverein Gelegenheit zur Thätigkeit geben wird, in der Ihnen so wohl ist; nur fürchte ich, daß die edle Errichterin Sie bald aus der schönen Vereinigung jagen wird, da mir ihr Talent zu lösen und zu stören, wohl -- die Fähigkeit zusammenzuhalten aber weniger bekannt ist. Sie müssen sich indessen doch zwingen und so lange aushalten als möglich, denn etwas äußeres Leben ist jedem Menschen, besonders aber Ihnen, nöthig, wenn Sie nicht in düstern Trübsinn versinken sollen.
Wäre ich doch einer Ihrer reichen Verwandten, Sie sollten sich gewiß nicht über Verlassenheit zu beklagen haben. Wie traurig ist es, daß Freunde so selten Verwandte und Verwandte so selten Freunde sind! Die Verwandtschaft pflegt in der Regel sich nur durch Hemmen und Schenken bemerkbar zu machen, wenn aber Noth eintritt und man dann nach der Familie sich umsieht, da ist man ganz frei und unbeschränkt.
Vor einigen Tagen fand ich in »Des Knaben Wunderhorn« zwei Gedichte: »Lob der himmlischen Freuden« und »Antonius Fischpredigt,« die Ihrem komischen Sinne zusagen werden und deren Abschrift ich Ihnen das nächste Mal mitschicke. Könnte ich sie Ihnen nur vorlesen! Hier nimmt niemand irgend etwas von mir in Anspruch, als das Geschäftstalent, und das ist meine schwächste Seite. Ein Dichter ist wirklich ein sehr unglücklicher Mensch -- alle andren Künste haben doch auch eine Art von Stelle in der Welt, der Dichter aber schwebt vogelfrei zwischen Himmel und Erde. Drum müssen wir uns an den Genuß halten, den wir selbst von unsren Vortrefflichkeiten haben, und unser Heil in der Einbildung suchen. --
Der Winter scheint seine Rechte nachholen zu wollen, es ist empfindlich kalt, jedoch heitrer, klarer Himmel; und wäre ich dort, so holte ich Sie heute zu einem Spaziergange ab. Hier komme ich nicht viel zum Wandern, ich suche mir aber dadurch zu helfen, daß ich stehend arbeite und beim Dictiren hin und her gehe.
Wenn jemand das Unglück hat, zur Festung verurtheilt zu werden, so wünsche ich ihm keinen andern Strafort, als Magdeburg. Denn um hier Glück in der Gesellschaft zu machen, muß man durchaus Staatsgefangener sein -- diese dürfen überall erscheinen und erregen das meiste Interesse. Mehrere haben sich schon von hier Frauen geholt. -- Mir kommt es mitunter so vor, als sei ich zur Festung verurtheilt, aber von Glück hat sich noch nichts einfinden wollen.
Leben Sie wohl, theure Freundin, und vergnügter als
Ihr Freund
Immermann.
11.
Magdeburg, den 14. März 1824.
Was Sie mir, theure Freundin, von den Carnevalslustbarkeiten und Ihren Aengsten erzählt haben, hat mich (Sie verzeihen mir) sehr ergötzt, und ich sah Sie ganz deutlich bei verschlossenen Thüren hinter dicken Mauern zittern. Ehe ich Sie näher kannte, hielt ich Sie immer für eine Art von Heroine, bei genauerer Betrachtung ist zwar dieser erhabne Glanz von Ihnen abgefallen, dafür sprang aber eine um so angenehmere Aengstlichkeit hervor, wie denn überhaupt alles bei Ihnen sich in Liebenswürdigkeit kleidet. -- Ich habe diese Tage, wie alle meine Tage, hier sehr still verlebt, nichts erinnert hier an das Fest, welches den Süden so tumultuarisch bewegt, als die sonnabendlichen Redouten im Schauspielhause, die aber auch herzlich schlecht sind. Sonst waren in den kleinen Städten um Magdeburg Maskenbälle, wozu die _Honetten_, welche sich auf die hiesigen nicht wagen dürfen, eilten, jetzt ist das auch eingegangen. Was soll aus der Welt werden, wenn wir im trocknen Ernste so fortschreiten, wie bisher? Nicht viel Kluges, meiner Meinung nach, denn die Menschheit bedarf, wie der Einzelne, zuweilen einen Thorensprung, um sich zu erfrischen, und um mit desto größerer Kraft sich nachher wieder auf Tugend und Vernunft legen zu können. Die bedeutendsten, würdigsten Ereignisse in der Geschichte sind immer diejenigen Handlungen, durch welche ein Einzelner oder ein Volk eine große Narrheit oder Sünde gut zu machen strebt, wie soll er aber dazu noch kommen, wenn man am Ende nur regelrechte Verstandesmäßigkeit kennt?
In diesen Tagen las ich in den Charakteristiken und Kritiken von den beiden Schlegel's manches gute, treffende Wort, welches ich Ihnen gern, frisch wie ich es empfangen, wiedererzählt hätte. Lassen Sie sich doch einmal die beiden Bände geben, und lesen Sie was darin über »Romeo und Julia« und über »Wilhelm Meister« gesagt wird. Es ist gar nicht zu läugnen, daß die Schlegel's den Funken, der zuerst durch Lessing entzündet wurde, zur Flamme angefacht, und eine neue Art der Kritik gegründet haben, nämlich die auslegende, ergänzende, nachweisende, statt daß früher die vernichtende, zersetzende, absprechende galt. Der Streit zwischen beiden ist noch nicht ganz ausgefochten, doch neigt sich der Sieg schon sichtbar auf die Seite, welche mir die bessere zu sein scheint.
Der Grundbegriff der Schule, welcher ich auch angehöre, ist: daß man zu einem Kunstwerk nicht mit dem bloßen Verstande, sondern mit dem Einklang aller seiner Kräfte, Phantasie und Gefühl mitgerechnet, treten muß, wenn man es begreifen will, daß man von dem Glaubenssatze ausgeht: alles, was einmal entstand, mußte nach Gesetzen entstehen, und daß man eine unendliche Mannigfaltigkeit der Wege, die das künstlerische Vermögen einschlagen kann, zugiebt. -- Hieraus folgen gewisse Maximen. Man wird nichts unbedingt verwerfen, sondern die Gesetze, aus denen sich die einzelne Erscheinung nachweisen läßt, aufsuchen, man wird nicht bei der ersten Lesung oder Anschauung ein Urtheil fällen, sondern zuerst das Werk auf die offene Seele einwirken lassen, und endlich, man wird die kritische Wissenschaft für eine äußerst schwere halten, weil eine große Menge von Erfahrungen, Beobachtungen und Beispielen dazu gehört, um darin nur zu den ersten Resultaten zu gelangen.
Ich steige von meiner Kanzel, auf der ich Ihnen bisher predigte, und Ihre Geduld ermüdete, um Sie zu bitten, den einliegenden Brief an Bilstedt dem Herrn General nebst bester Empfehlung von mir zu geben. -- Mit Vergnügen bin ich zu aller ferneren Correspondenz bereit. --
Ein herzliches Lebewohl sagt
Ihr Freund
Immermann.
12.
Magdeburg, den 21. März 1824.
Endlich wird sich doch, theure Freundin, der Himmel bei Ihnen entwölkt haben, wie hier geschehen ist, und Sie zu einem heitern Gefühl Ihres Daseins gelangen lassen. Seitdem ich Ihre vom Wetter abhängige Natur kenne, interessirt es mich sehr, und Sie erlauben mir, da es ein Gegenstand von Wichtigkeit ist für Sie, davon zu reden, wenn man gleich dies Gespräch aus der guten Unterhaltung verbannt hat. Freilich sind die Gespräche über die Fehler der Nächsten ein viel interessanteres und reichhaltigeres Kapitel.
Für das übersendete Buch meinen herzlichen Dank, so wie für den Anfang der Uebersetzung. Ich bedaure nur, daß letztere, wie ein unschuldiges Kind, bei dem ersten Kapitel stehen geblieben ist. Meine Arbeit hat gleich wieder begonnen, und es ist auch hohe Zeit damit.
Ich kann mich ganz in Ihr Gefühl und in Ihren Wunsch nach Beschäftigung hineinfinden, und sinne nur, was für Arbeit ich Ihnen rathen soll. Möglich wäre es, daß Sie für Ihre eigne Rechnung den Frauenverein überbieten, und in der Stille Mutter einiger Dürftigen werden könnten, die Ihr Auge wohl zu entdecken im Stande wäre; denn es giebt in allen Orten des Elendes genug. Wohlthätigkeit und Werke der Menschenliebe haben zu allen Zeiten edle Herzen beruhigt. Glück kann die Erfüllung der Pflicht nie schaffen, wer das behauptet, kennt das Leben und das menschliche Gemüth nicht, aber beschwichtigen kann sie, versöhnen und den herben Schmerz mildern. Auch ich ertrüge ein nüchternes, leeres Dasein nicht, wenn nicht jede Stunde ihr beschiednes Theil Arbeit hätte. Diese fortgesetzte Beschäftigung macht mich allein fähig, zu existiren, und es graut mir vor allen Gesellschaften, vor allen Besuchen bei meinen Bekannten und Verwandten in der Gegend, weil solche arbeitslose Stunden und Tage mich sehr unglücklich machen und verstimmen. -- Mitunter kommt es mir so vor, als sei unser jetziges Leben und Treiben besonders veraltet und abgenutzt -- dann aber lese ich wieder in einem griechischen Tragiker oder in Shakespear Stellen, die nur aus demselben Gefühl entspringen konnten, und es kommt der Trost über mich, daß das Leben zu keiner Zeit ohne Dissonanzen gewesen ist, und daß sich in allen Zeiten Annäherungen zur Harmonie finden lassen.
Man spricht in der hiesigen Militairwelt von Veränderungen. Hake soll abgehn, wohin weiß ich nicht, und das Generalcommando des 4. Armeekorps hieher kommen. Dem Herrn General bitte ich diese Notizen nebst meiner Empfehlung zu sagen, wenn sie ihn interessiren.
Es fehlt hier in Magdeburg gar nicht an Gelegenheit, das _charmanteste_ Leben zu führen, und jeder junge Mann hat es, wie die Tanten behaupten, sich selbst beizumessen, wenn er nicht in Cours kommt; hohe Generalität, Präsidentschaft, Beamte mit unversorgten Töchtern, Kaufleute, welche die Geige spielen u. s. w. alle Ingredienzien, die zum herrlichsten Dasein gehören. Leider hat es Ihrem Freunde noch nicht gelingen wollen, in dieses große Räderwerk als brauchbare Walze einzugreifen. Ich finde, daß die Leute, die ich zufällig kennen gelernt habe, so unendlich mit sich zufrieden sind, daß ein Dritter ihnen nichts mehr bieten kann, und finde es daher angemessen, sie ihrem Reichthum zu überlassen.
Mit herzlichster Erinnerung und Freundschaft
der Ihrige
Immermann.
13.
Magdeburg, den 27. März 1824.
An diesem regnichten Nachmittage, liebe Freundin, will ich wenigstens im Geiste mich in heitre Regionen -- nämlich zu Ihnen flüchten. Es ist ganz abscheuliches Wetter, so recht zum Todtschießen geeignet, wenn man sonst dazu Gelüst hat.
Nun ist es beinahe ein Vierteljahr her, daß wir getrennt sind, und ich weiß nicht, wo die Zeit blieb. Freilich lebe ich hier auch nur wie im Traume, und meine Existenz hat durchaus kein Interesse und keine Bedeutung. Ich hoffe, es soll anders werden, denn würde es nicht, so wäre es freilich schlimm.
Ich freue mich, daß Ihnen der »Kaufmann von Venedig« einen heitern Abend gemacht. Diese herrliche Dichtung gehört zu dem Besten, was ich kenne. Es giebt Poesien, die wie manche Häuser sind, ohne durch Pracht zu blenden, ziehen sie unwiderstehlich an, man verweilt gern darin, man fühlt sich überall heimisch, und wie in guter, bequemer Gesellschaft. Solch einen Eindruck macht immer das Stück auf mich.
Selbst das Gewitter, welches über den armen Antonio heraufzieht, kann nur mäßig erschrecken, denn man ahnet gleich seine Rettung -- wo ein Weib wie Portia mit in die Handlung verflochten ist, da kann nichts untergehn. In dieser Portia spiegelt sich die reinste Weiblichkeit, und jene reizende Mischung von tiefem Gefühl, weicher Herzlichkeit, Schalkheit und einem gewissen Hang zur Intrigue ab, die Ihr Geschlecht auszeichnet. Auch die vielen Freier dienen vortrefflich, die Erscheinung hervorzuheben; wenn man einen Mann bedeutend schildern will, so muß man ihn an der Spitze eines Heers, oder unter einem Haufen von Schülern und Anhängern zeigen, soll dagegen eine Frau recht prächtig erscheinen, so muß sie eine vielumworbene sein. -- Bassanio und sie werden ein herrliches Paar machen, recht geschaffen Glück und Glanz um sich zu verbreiten.
Ich möchte wohl wissen, ob jemand schon den Grund von Antonio's Traurigkeit, mit der er gleich Anfangs auftritt, erklärt habe. Die Wirkung derselben ist groß, er steht gleich mit Einem Zuge unter den schwatzenden, lachenden Freunden als eine fremdartige, von ihnen nicht begriffene Erscheinung da, seine schwärmerische Freundschaft für Bassanio, sein sonderbares _Pfui!_ als man ihn fragt, ob er verliebt sei? -- alles, der Abscheu vor den Zinsen mit dazugenommen, charakterisirt ihn als einen von denen, mit welchen das Schicksal sich gern eine kleine Belustigung macht, und so bringt er gleich einen ernsten Ton in das sonst so fröhliche Stück.
Der Grund seiner Schwermuth läßt sich leicht finden, wenn man ihn in Beziehung auf seinen Stand betrachtet. Kann es wohl eine schlechtere Anlage zu allem Kaufmännischen geben, als er besitzt? Mit dieser Weichheit, Empfindsamkeit, mit diesem ritterlichen Zuge in der Seele, unter Handel und Wandel, Wechsel und Geldverkehr, muß sich ein stilles Mißbehagen in ihm ausbilden, welches er selbst nicht versteht, wie es seinen Freunden unerklärlich ist.
Nehmen Sie, Beste, heute mit dieser Abhandlung statt eines Briefes vorlieb. Ich habe eben nichts besseres zu geben, und wünschte nur, daß ich mich in Ihrer Nähe von manchem ausheilen könnte, was mein Gemüth bedrängt. Gedenken Sie meiner, wie ich Ihrer gedenke.
Immermann.
14.
Magdeburg, Sonntags, den 18. April 1824.
Wenn Sie das Fest, theure Freundin, so heiter verleben, als ich es Ihnen wünsche, muß es Ihnen Festtage bieten. Sie haben nun den Druck der Charwoche überstanden, der auch uns Protestanten dort fühlbar genug wird, der Leib des Herrn ist aus dem Grabe genommen, und die Auferstehung zeigt ihr fröhliches Symbol in den Knospen und Blüthen, die sich schon überall hervordrängen. Ich mag gern ein etwas spätes Ostern, es ist häßlich, wenn das Sommerhalbjahr uns noch mit Schnee und Reif bewillkommnet. -- Wie ich bei allem, was mir Gutes begegnet, immer zuerst an Sie denke, so wünschte ich Sie auch in voriger Woche zu mir, da ich die Gewächshäuser des reichen Gutsbesitzers _Nathusius_ in Althaldensleben besah. Sie werden vielleicht von den ausgedehnten Besitzungen und weitgreifenden Wirkungen dieses Mannes gehört haben, der aus einem Bettler ein Millionair wurde, und sein eignes Papiergeld fabricirt, welches bei allen Wechslern Cours hat. Er ist selbst Botaniker, und bei seinen Mitteln lassen sich denn freilich herrliche Pflanzen und Blumen ziehen. Sie würden das alles aber noch vielmehr genossen haben, als ich.
Ein Besuch von _Heine_ fällt in die Zeit, da ich Ihnen nicht geschrieben. Er hat mir einige sehr schöne Gedichte recitirt, von denen eins besonders (eine Rheinfahrt schildernd) mir ungemein gefallen hat. Wenn Sie es lesen wollen, Sie finden es in einer von ihm in den letzten Stücken des »Gesellschafters« abgedruckten Sammlung von 33 Liedern. Es ist das Letzte der Sammlung.
Wenn ich nur durch meine Arbeiten erst durch wäre! Ein und einen halben Band »Ivanhoe« zu übersetzen, einen Aufsatz über das Verhältniß Falstaff's zum Prinzen Heinrich, den ich nothwendig bis zu Johannis liefern muß, zu fertigen, und dabei die Vorbereitungsarbeiten zum dritten Examen zu machen -- das ist keine Kleinigkeit. Wenn ich aber erst durch bin, und meine Zwecke damit erreicht habe, dann will ich mir auch wohl sein lassen, und mein Leben genießen.
Leben Sie wohl, meine liebe Freundin, und gedenken Sie Ihres
Freundes
Immermann.
15.
(Ohne Datum.)
-- Ruhe und Stille werde ich wohl haben im Sommer, ich ziehe in ein Gartenhaus, und werde da ganz für mich leben. Sie trauen Magdeburg gar nichts zu, Sie sehen aber hieraus, daß wir wenigstens Gärten haben. -- Was ich Ihnen eigentlich sagen wollte, ist, daß _Eßlair_ hier angekommen ist, um Gastdarstellungen zu geben, heute beginnt er mit dem Wallenstein. Ich freue mich, daß das stockende Leben doch einmal etwas geistig aufgeregt wird, wie sehnlich wünschte ich, mit Ihnen den Genuß zu theilen. Ich werde mich ohne alle Kritik heute Abend in einen Sperrsitz setzen, und das Schöne mit dankbarer Seele empfangen, werde Ihnen auch getreulich berichten, was ich gesehen.
So schmerzlich der Todesfall den alten _Möller_ getroffen haben mag, so war es doch eigentlich ein Glück zu nennen. Die Jugendlichkeit des Alten wird ihn hoffentlich wieder aufrichten. -- Der ** hat sich also wieder einen Korb geholt? Er scheint dazu vom Schicksal vorherbestimmt. Leben Sie wohl!
Ihr Freund
Immermann.
16.
Magdeburg, den 22. April 1824.
Die Wunder treten uns nahe. Ein Schäferknecht, Namens _Gottlieb Grabe_, hat in Torgau ein Siechenhaus von Gichtbrüchigen und Lahmen um sich versammelt, heilt durch Berührung verjährte Uebel. Mehrere Hunderte von Kranken befinden sich in Torgau, viele Menschen sind von hieraus hingereist, und was man zu vernehmen bekommt, klingt sonderbar genug. Indessen ist der Schäferknecht bereits denen in die Hände gefallen, welche ein Privilegium haben, das Publikum zu schröpfen, den Obrigkeiten, und sie verfolgen bereits den Unprivilegirten. Von Rechtswegen, denn jedes Gewerk haßt den, der hineinpfuscht.
Was Sie mir von dem Baron _von Sydow_ und seiner goldnen Dose sagen, bestätigt die alte Erfahrung, daß den Narren die Welt gehört. Oft ist mir dieser Mann, so unbedeutend er auch sein mag, ein Gegenstand stiller Betrachtung gewesen. Selbst ein Nichts, drehn sich seine Tage um nichts, er kommt, ohne daß man weiß, warum, und geht, ohne daß wir sagen können, zu welchem Zwecke. Und doch lebt er, ist überall eingeführt, gilt so viel als jeder andere, und bringt sich durch -- lauter Dinge, die Andere ebenfalls nur mit Kenntnissen und Kraftanstrengungen erreichen. Ich fürchte, er wird Sie, wenn er von Kopenhagen absegelt, wieder heimsuchen. Jetzt wollte ich mich schon besser fassen, noch immer macht mir die Erinnerung an das Vergangene manche unangenehme Stunde. Sich über einen solchen Paradiesvogel zu ereifern, es war wirklich thöricht! Ein Unglück, daß man selbst so schwerfällig angelegt ist. Wie leicht wäre mir's mein Glück zu machen, könnte ich mich nur von manchen Vorurtheilen befreien. Ich glaube, wenn ich mir recht viel Mühe gäbe, wollte ich wohl Clauren oder Houwald überbieten, und beide bei dem Publico ausstechen, denn ich weiß ja auch, wo deren aesthetische Zwiebeln wachsen -- und wäre ein angesehener, wohlhabender Mann, es will aber nicht gehn. Mit den Musen geht es einem, wie mit jedem geistreichen Umgange, im Anfang fürchtet man sich davor, wenn man aber einmal vertraut ist, kann man nicht wieder los, und ist für den Gevatterschnack verdorben.
Von Eßlair habe ich noch nachzuholen, daß er einen sehr großen, würdigen Begriff von der Kunst in sich trägt. So sagte er mir, es sei ein Ehrenpunkt bei ihm, wenn ein Componist einen seiner tragischen Charaktere zu einer Oper verarbeitet habe, denselben zurückzulegen. Er spielt z. B. den »Othello« nicht mehr, seitdem Rossini ihn in Musik gesetzt hat. Er ist auch der Meinung, daß wir dem gänzlichen Verfall aller wahren Kunst mit starken Schritten entgegengehn. Eine tröstliche Ansicht, wenn man noch nicht dreißig Jahr alt ist.
Die anliegenden Briefe theile ich Ihnen unsrer Verabredung gemäß mit. Ich werde von der Post reichlich bedacht; was irgend Interesse hat, erhalten Sie von mir. Leider hat mir Heine die Karte, deren sein Brief gedenkt, von _Hitzig_ nicht mitgesendet, ich würde sonst gewiß die Bekanntschaft gemacht haben.
Ich stehe von der Kälte in meiner Gartenstube etwas aus, und schreibe Ihnen dieses mit frostblauen Händen. Ich komme mir mitunter in meiner Klause vor wie ein in den Polargegenden eingefrorner Seefahrer, und stehe oft in Versuchung die Sommerfreude in Pelzstiefeln und Klappmütze zu genießen. Ein seltsamer Zustand in meinem hiesigen überhaupt seltsamen Leben! Wir wollen beide den Himmel um Phlegma anflehen, ich finde, daß die Phlegmatiker die einzigen Weisen sind. Dagegen ein armer empfindsamer Thor sich fruchtlos abhaspelt, bis ihn der Tod zum unfreiwilligen Phlegmatiker macht.
Leben Sie wohl, theure Freundin, und erhalten Sie mir Ihre Gesinnung.
Immermann.
17.
Magdeburg, den 8. Mai 1824.
Wie ich mir es vorgenommen hatte, liebe Freundin, so will ich es ausführen, mich mit Ihnen über Eßlair's Spiel auf der hiesigen Bühne diesesmal unterhalten. Ich beschloß anfangs, an jedem Abend Ihnen den frischen Eindruck hinzuschreiben, indessen ich gab bald diesen Vorsatz auf, da bei einer unerwarteten Erscheinung der Mensch zuerst zu befangen ist, als daß er einem andern ein Bild geben könnte.
Um vom Aeußeren zu beginnen, denken Sie sich einen Mann nahe an den Fünfzigen (so dünkt mich wenigstens sein Alter) in reinen, kraftvollen Verhältnissen aufgebaut, etwas zu viel Embonpoint, welcher jedoch wegen seiner Größe nicht gar zu störend wird, Hände und untere Theile des Körpers von außerordentlicher Schönheit, die Brust eines Löwen, das Gesicht ein herrliches Oval, die Nase groß und gebogen, die dunkeln Augen von unendlichem Feuer, welches durch sehr viel Weißes noch mehr erhöht wird, auf dem Haupte das Zeichen des herannahenden Alters -- der Anfang einer Platte -- welcher aber, wie dies immer zu sein pflegt, die Verhältnisse des Kopfes um so bedeutender hervorhebt.