Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's
Part 10
Zu seinem Arzte, dem wackern, ihm sehr vertrauten Doctor _Ebermayer_, sprach er noch ganz kurz vor seinem Tode in herzlichster, innigster Weise von _Elisen_. -- Als man ihm zum erstenmale sein Kind brachte, rief er: »Ach! -- Wenn doch _Elisens_ Herz mir einmal vergeben könnte, wie glücklich wär' ich dann!« -- Sie hatte ihm vergeben. --
Am 28. August, an Goethe's Geburtstag, wurde der ausgezeichnete Dichter bestattet. Die Akademie, die Regierung, das Landgericht, das Gymnasium und zahlreiche Freunde gaben ihm das letzte Geleite; die Künstler stimmten Gesänge an seinem Grabe an, die ganze Stadt war voll Trauer und Antheil. Von einem Lorbeerbäumchen, das _Elisa_ ihm einst in glücklichen Tagen geschenkt, wurde der Kranz genommen, mit dem man seine edle Stirne schmückte. Es lag etwas besonders Tragisches in diesem Tode, und zugleich etwas Versöhnendes, wie in den Tragödien der Dichter. --
_Elisa_ bewies bei diesem schmerzlichen Verlust ihr edles, großartiges Herz nach allen Seiten; sie, selbst des Trostes bedürftig, war der Trost, die Stütze der jungen Wittwe, der ganzen trauernden Familie Immermann's. Sogleich schrieb sie an Mariannen, und bot ihr auf das liebevollste ihr Haus zur Wohnung an. Da Marianne, die in Düsseldorf zu bleiben wünschte, dies Anerbieten nicht annahm, so setzte _Elisa_, obgleich der König der Wittwe des Dichters eine Pension bewilligte, Immermann's Tochter eine jährliche Rente aus. Auch auf alle ihr gehörigen Manuscripte Immermann's verzichtete sie zum Besten seines Kindes.
Ein Brief von Ferdinand Immermann über den Tod seines Bruders verdient hier eingeschaltet zu werden, als ein schöner Beweis, wie sehr _Elisa_ von Immermann's Angehörigen verehrt und geliebt wurde; er lautet: »Ihr Brief, liebe Frau Gräfin, ist uns die Stimme eines Engels vom Himmel gewesen. Das ist nicht etwa nur so ein Wort: es ist die vollste und lauterste Wahrheit. O hätten Sie es doch sehen können, wie Sie uns beglückt haben! Denn wer darf es wagen, den tiefen, himmlischen Sinn jenes Augenblicks mit einem Worte anzurühren. Meine Mutter läßt Sie vom Grunde ihres Herzens grüßen, und Ihnen in großer Liebe für die Erhebung Dank sagen, die sie in Ihren Zeilen gefunden hat. -- Der furchtbare, ganz unvorbereitet auf uns niederfahrende Schlag traf ihr Haupt so zerschmetternd, daß wir mit aller Gewalt ihren Geist, der zu wiederholten Malen die Besinnung verlieren wollte, innerhalb der Gränzen ungestörten Bewußtseins zurückhalten mußten. Als wir die Abwehr dieses Schrecklichsten endlich erzwungen hatten, da begann die Fülle ihrer Liebe in so herzzerreißenden Schmerzenstönen, mit einem so unergründlichen Jammer um den unwiederbringlich Dahingegangenen, ihren lieben ältesten Sohn, ihren lieben, lieben Karl auszuströmen, daß wir allesammt, den tausendköpfigen Schmerz im eignen Herzen dazu, ein ganz elender und zerschlagener Haufen Menschen waren. -- O, Sie sollten die Mutter sehen! Das Gesicht, das Sie kennen, ist inzwischen recht klein, und der Kopf ist ganz weiß geworden. Aber sie ist wohl ein recht erbaulicher Anblick; denn seitdem ihr Schmerz stiller geworden, ist sie nichts als Wehmuth, Ergebung, Fürbitte, Liebe, Sanftmuth und Mütterlichkeit. Ich sollte zu Ihnen reisen; ich wollte es auch: ich habe die lebhafteste Sehnsucht nach Ihnen; aber noch bin ich ganz gelähmt und stumm; auch weiß ich ja noch nichts Genaueres von den Tagen von Karls Krankheit und von seinem Tode. -- Die Anlagen, die ich Ihnen sende, sind ein schlechter Trost; aber sie sind doch ein Trost. -- Lassen Sie uns, die wir ihn am längsten kannten, und am meisten liebten, fest zusammenhalten, und ein rechtes Bündniß des Trostes, der Erinnerung, der Hoffnung, der liebsten Zuflucht, des unbedingtesten Vertrauens, und einer felsenfesten, herrlichen Zugehörigkeit und Gemeinschaft stiften. Der Gott des Lebens sei mit Ihnen, und lasse für Sie und uns sein ewiges Leben in Liebe aus diesem Tode hervorgehen.« --
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Mit Mariannen trat _Elisa_ in einen fortgesetzten brieflichen Verkehr, und nahm den wärmsten Antheil an ihr und ihrem Kinde; Marianne war voll Dankbarkeit für _Elisens_ gütigen, herzlichen Zuspruch, der ihre Seele erquickte, und mit süßem Frieden erfüllte; sie äußerte oft, niemand verstände wie _Elisa_ sie in ihrem Schmerze aufzurichten, und zu erheben. Immermann's kleine Tochter wurde von _Elisa_ durch mannigfache sinnige Geschenke, und später auch durch das Bild des Vaters erfreut. --
Ein Jahr nach Immermann's Tode hatte _Elisa_ einen zweiten schweren Verlust zu erleiden, der auf ihr ganzes Dasein einwirken mußte: ihre theure Freundin Johanna starb nach kurzer Krankheit den 22. August 1842 in ihren Armen. In dieser ausgezeichneten Frau verlor _Elisa_ die treue Gefährtin ihres Lebens, die an all ihren Leiden und Freuden warmen Antheil nahm, und durch ihren lebhaften, feurigen Geist beständige Anregung schaffte. _Feodor Wehl_, der kurz vor Johannens Tode durch diese Letztere mit _Elisen_ bekannt und befreundet wurde, schildert beide Frauen in einem Briefe, wie folgt: »Die Gräfin Ahlefeldt und die Professorin Dieffenbach waren die ersten bedeutenden Frauenerscheinungen, die in mein Leben traten, und wenn die Erstere darin von größerem Einflusse und tieferer Wirkung wurde, so geschah dies nicht nur, weil sie mir länger blieb und näher trat, sondern auch weil ihr milder Ernst und ihre freundliche Würde mir besonders imposant und zusagend waren. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich die Professorin Dieffenbach schon geraume Zeit kannte, und doch die Gräfin Ahlefeldt, die mit ihr in Einem Hause und in derselben Etage wohnte, noch nicht gesehen, sondern immer nur hatte von ihr reden hören. Die Gräfin Ahlefeldt war der Professorin Dieffenbach wie der Schatz des heiligen Graal's, und man mußte erst viele Proben und Grade der Tüchtigkeit abgelegt haben, um würdig befunden zu werden, ihres Umgangs zu genießen. Erst als ich damals mein erstes Lustspiel: »Alter schützt vor Thorheit nicht« geschrieben, und bei Johanna Dieffenbach gelesen, ward mir gewissermaßen zur Belohnung die Bekanntschaft der Gräfin Ahlefeldt versprochen. Und nie werde ich die Feierlichkeit vergessen, mit der mich Johanna Dieffenbach zu ihr führte! Ach, es war die höchste und letzte Liebe, die sie mir erwies, denn bald nachher starb sie, ebenso in Eil' und Hast, als sie gelebt hatte! Sie war der größeste Contrast, den es der Gräfin Ahlefeldt gegenüber geben konnte. Nicht nur daß sie klein, corpulent und häßlich, nein, auch ungeheuer beweglich und immer fieberhaft erregt war sie. Aber sie hatte eine unendliche Fülle von Geist und Liebenswürdigkeit, einen unerschöpflichen Fond von Gutmüthigkeit und begeisterter Hingabe an alles Schöne und Gute. Beide Frauen ergänzten sich, und zwar in einer Weise, wie es schwerlich so bald wieder der Fall sein wird.« --
_Elisens_ Freunde suchten möglichst sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, und ihr Theilnahme und Liebe zu beweisen. Liebe Bekannte aus der Ferne brachten manche neue Freude und Zerstreuung. Nicht lange bevor Johanna starb, kam Adele von A. aus Preußen zum Besuch, und begrüßte ihre _Elisa_ nach zweiundzwanzigjähriger Trennung. Man muß _Elisen_ gekannt haben, um zu wissen, wie lebhaft sie sich solchen Wiedersehens freuen konnte. Später sahen sich die Freundinnen noch öfter, und immer mit gleicher Innigkeit. Ein anderer Besuch war Marianne Immermann, welche seit ihren Kinderjahren in Magdeburg die verehrte Frau nicht wiedergesehen hatte, und ihr nun die kleine Karoline zuführte, deren Züge an die des Vaters lebhaft erinnerten. Auch diese kehrte mehrmals wieder, mit innigem Danke für _Elisens_ unwandelbare Güte.
Auch die Erinnerungen an den Befreiungskrieg sollten durch einen besondern Anlaß wohlthuend in _Elisen_ erneuert werden. August von Bietinghoff hatte sich die Erlaubniß erwirkt, seinen Freund Friedrich Friesen auf dem Invalidenkirchhof in Berlin bestatten zu lassen, und war zu dieser Feierlichkeit, die am 15. März 1843, dreißig Jahre nach dem Tode stattfand, mit den Ueberresten des Gebliebenen, die er so lange mit sich umhergeführt hatte, nach Berlin gekommen. Er suchte _Elisen_ auf, die er innig verehrte. Bald nach diesem kam auch ihr theurer Jugendfreund Leo Palm, der Freund Lützow's und Friesen's, aus Danzig, zum Besuch, den sie in dreiundzwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Palm führte ihr den braven Friedrich von Petersdorff wieder zu, der in stiller Zurückgezogenheit in Berlin lebte, ohne zu wissen, daß _Elisa_ auch dort sei. In erneuerter Herzlichkeit schloß man sich aneinander, und gedachte auch Lützow's mit Liebe. Auf _Elisens_ Anregung veranlaßte Palm, daß die noch lebenden ehemaligen Freiwilligen der Lützow'schen Freischaar ihrem tapfern Führer auf dem Garnisonkirchhof zu Berlin ein Denkmal von Granit setzen ließen, welches vier Jahre später, im März 1847, aufgestellt wurde, wozu wieder die alten Waffenbrüder von nah und fern herbeikamen und eine ehrende Gedächtnißrede, so wie der Gesang der Körner'schen »wilden, verwegenen Jagd« das Andenken des ruhmvollen Kriegers feierte.
Im Jahre 1846 verließ _Elisa_ die Wohnung, in der sie mit Johanna gelebt, und bezog eine der Stadt nähere in der Schulgartenstraße 1 a. Die Freunde werden sich noch gern der freundlichen, sonnenhellen Raume mit dem Balkon und der Aussicht in's Grüne, der geschmackvoll eingerichteten Zimmer erinnern, geschmückt mit den schönen Kupferstichen nach Raphael, Gemignano und Andern, mit den Büsten des Apoll und der Niobe, der Graziengruppe von Canova, dem Dornauszieher, der Statuette von Ludwig Tieck und dem Medaillon von Henrich Steffens, mit den hohen Gummibäumen, dem rankenden Epheu, den anmuthigen Schlinggewächsen. Lützow's Portrait hing neben denen anderer Freunde an der Wand; auf dem Schreibtisch standen die kleinen Bildchen von Friesen, Wilhelm von Lützow, dem Philosophen Solger und seiner Frau. Der Tisch, der immer mit den neuesten Büchern bedeckt war, zeigte, daß neben dem treuen Angedenken an die Vergangenheit auch das neueste, frischeste Leben der Gegenwart hier seine Stätte fand. Alles war so harmonisch und sinnig geordnet, daß man sich wohlfühlen mußte, wie man die Schwelle betrat. Welche glückliche, unvergeßliche Stunden bereitete _Elisa_ hier den Freunden! --
Wir haben noch viele Personen von Namen und Auszeichnung zu erwähnen, mit denen sie in freundschaftlicher, geselliger Beziehung stand, Personen, welche die verschiedensten Richtungen vertraten, aber alle in dem Einen übereinkamen, _Elisen_ anzuerkennen und zu verehren: _Eduard Schnaase_, der verdiente Kunstforscher und seine Gattin, die von Düsseldorf nach Berlin übergesiedelt waren; _Friedrich Krummacher_, der berühmte Kanzelredner, der bei _Elisen_ mit manchen Schriftstellern der modernen Literatur sich mit weltmännischem Tact friedlich zu unterhalten wußte; _Rudolf v. Auerswald_, der spätere Minister; _Adolf Stahr_, dem _Elisa_ schon von Düsseldorf her ein lebhaftes Interesse bewahrt hatte, und dessen vortreffliches Buch: »Ein Jahr in Italien,« das ihr große Freude gewährte, sie an ihre eigene italienische Reise angenehm erinnerte, _Fanny Lewald_; _Theodor Mundt_ und seine Gattin; der Maler _Louis Blanc_; _Eduard von Bülow_; der Dichter _Karl Beck_, und noch viele Andere. Sogar der alte achtzigjährige Minister von _Kamptz_, der Verfolger der deutschen Jugend, welcher mit _Elisen_ in Einem Hause wohnte, kam zuweilen in ihren Kreis.
Als Fremde erschienen die liebliche, anmuthige _Therese von Bacheracht_, die weit mehr noch als durch ihre Romane, durch ihre seltene Schönheit und Liebenswürdigkeit alle Herzen gewann, _Betty Paoli_, die interessante östreichische Dichterin, _Therese Robinson_, die gelehrte Schriftstellerin, die sich unter dem Namen _Talvj_ rühmlich bekannt gemacht hat, _Fanny Tarnow_, die sich noch im Alter in seltenem Grade einen frischen Geist und eine beinahe jugendliche Lebhaftigkeit bewahrt hat, _Heinrich Laube_, _Gustav Kühne_ und der talentvolle junge Dichter _Julius Rodenberg_. -- Mild und gütig wie _Elisa_ war, verkehrte sie aber auch mit Menschen, die an Geist und Bildung weit unter ihr standen, doch diese wußte sie bis zu einem gewissen Grade zu sich zu erheben; sie verlangte durchaus nicht immer eine gelehrte Unterhaltung, aber geringe Klatscherei und boshafte Medisance, wie sie auch wohl oft in der sogenannten guten Gesellschaft auftaucht, litt sie nicht in ihrer Nähe.
Zu ihren nächsten und liebsten Freunden gehörten _Feodor Wehl_, _Gustav zu Putlitz_, _Hermann Sagert_, _Katharina Diez_, die sinnige Verfasserin der »Frühlingsmährchen,« _Rudolf Gottschall_, _Emil Palleske_ und seine schöne liebenswürdige Frau. Auf alle diese übte sie den entschiedensten Einfluß aus, und widmete ihnen die herzlichste Zuneigung. An den Sonntagabenden pflegte sie immer einen kleinen Kreis von jungen Leuten bei sich zu sehen, die sich für Kunst und Literatur interessirten, oder selbst Künstler und Schriftsteller waren; es wurde vorgelesen, man besah mitunter Kupferstiche und Zeichnungen, und immer knüpfte sich ein angeregtes Gespräch an das Mitgetheilte. Man konnte oft von _Elisen_ eingeladen werden, und doch nicht zu jenen bevorzugten Sonntagen von ihr auserwählt sein, von denen sie gern alle nicht dazu passenden Elemente entfernt hielt. Wie manche junge Talente haben dort ihre ersten Werke vorgetragen, und Ermuthigung und Strebelust durch _Elisens_ Antheil empfangen! Sie waren ihr alle mit einer Begeisterung ergeben, wie eine Frau in ihren Jahren sie selten einzuflößen vermag; es war die vollkommene Schönheit und Zartheit ihres Wesens, die auch ihr Alter verklärte. -- Hier las Feodor Wehl sein Trauerspiel: »Hölderlin's Liebe,« hier las Gustav zu Putlitz sein erstes hübsches Lustspiel: »Die blaue Schleife,« das unter _Elisens_ Augen entstanden war, und oft noch später pflegte er voll Dankbarkeit zu versichern, das wären doch die glücklichsten Stunden für ihn gewesen, da _Elisen_ das eben fertig Gewordene vorzulesen, ihm der schönste Zweck seiner Production war; hier begeisterte Rudolf Gottschall, der geniale Dichter, die Anwesenden mit dem Vortrag seiner »Lambertine von Méricourt« und seines »Carlo Zeno«; hier las der begabte Dichter Emil Palleske seinen vortrefflichen »König Monmouth« vor, welchen er _Elisen_ zueignete, da sie so warmen Antheil an der Entstehung und Vollendung dieses Drama's genommen hatte und ihm den lebhaftesten Beifall schenkte. Häufig auch las Palleske Shakespear'sche Stücke vor, und bei dem Ton seiner kräftig schönen Stimme, bei seinem lebendigen, geistvollen Vortrag wurde _Elisa_ oft an jene Zeit erinnert, da Immermann ihr diese selben Dramen vorgelesen hatte.
Feodor Wehl stand _Elisen_ unter den jüngeren Freunden am nächsten, sie war ihm mit wahrhaft mütterlicher Zuneigung zugethan, sie freute sich seines Strebens, und seiner neidlosen Anerkennung Anderer, die in der heutigen Literatur so selten ist. Gustav zu Putlitz erheiterte alles durch seine gute Laune und angenehme Munterkeit, während Hermann Sagert, der ebenso bescheidene als talentvolle Künstler, durch seine stets rege Empfänglichkeit wohlthuend wirkte; Rudolf Gottschall belebte den Kreis durch seine frische Liebenswürdigkeit und seinen eigenthümlichen Humor, und Emil Palleske, der feinsinnige, begeisterte Bewunderer Shakespear's gab der Unterhaltung immer neuen Schwung, indem er durch sein tiefes Eindringen in die einzelnen Dramen des großen Dichters den anregendsten Gedankenaustausch veranlaßte.
Wir fügen hier eine Schilderung ein, die Feodor Wehl in einem längeren Artikel in den »Jahreszeiten« von _Elisen_ und ihrer Gesellschaft entworfen hat. Es heißt darin von ihr: »Durchaus maßvollen Geistes, allem Edlen und Schönen schwärmerisch zugewendet, und stets in einem rührenden Cultus für die Größe im menschlichen Herzen sowohl wie im Bereiche der Literatur und bildenden Künste begriffen, erhob dieselbe durch ihren Einfluß eine Gesellschaft von Künstlern, Literatoren, Staatsmännern, Militairs, und selbst geistig untergeordneten Menschen, zu einer Höhe der Unterhaltung, zu einem Aufschwung der Welt- und Kunstanschauung, wie das wohl nur selten wieder nach ihr der Fall sein wird. -- Sonderbar und eigenthümlich an dieser außerordentlichen, nicht genug zu würdigenden Frau war, daß sie ihre Gesellschaften wie der Feldherr eine Schlacht aus dem Zelt heraus, das heißt gewissermaßen nur mit anfeuernden Blicken, zustimmendem Lächeln oder abweisenden Mienen dirigirte. -- Sie sprach im Ganzen in ihren Gesellschaften nur wenig, aber doch immer und jeder Zeit, wo es nöthig war. Sie wußte mit wunderbarem Geschick das Gespräch zu entfesseln, und an passender Stelle wie mit einem Zauberwort auch aus sonst unergiebigen und spröden Naturen eine Fülle von schönen Anschauungen und tieferen Bemerkungen herauszulocken. Ihre fein organisirte Seele besaß jene Springwurzel des Geistes, mit der sie alle verborgenen Schätze einer Menschenbrust nicht nur für sich zu entdecken, sondern auch für die gesellschaftliche Conversation in Circulation zu setzen vermochte. -- Man wird aus ihren Aussprüchen, Briefen und sonstigem Nachlaß in Schriften wenig Frappantes und gewiß nichts derartiges aufzustellen vermögen, daß sich auch nur annäherungsweise die Bedeutung ermessen ließe, die sie persönlich in der That auf ihren Umgang ausgeübt hat. -- Es lag eine gewisse stille Sonntäglichkeit in ihrem Innern, die jeden und auch den betäubendsten Lärm der Geister besiegte. Es klang aus ihren Reden etwas wie ein verlorenes Glockenläuten, wie ein ferner Sphärengesang. Man mußte sich unwillkürlich zum Lauschen veranlaßt sehen, wenn man in ihren Umgang kam. Nie hat es eine Frau gegeben, die würdiger war, das Ideal eines Dichters oder Künstlers zu sein, als sie. Ihr helles, schönes, blaues Auge, auch im Alter noch seelenvoll und tief, ihre hohe schlanke, immer und bis zum Tode jugendlich anmuthige Gestalt, ihre lang und edelgeschnittene Hand mit dem unverwischlichen Pfirsichdufte über der zarten Haut, das stumme, nie lautwerdende Lächeln ihres Mundes, der sonst an sich das wenigst Schöne an ihr war, ihre Milde, Güte und Resignation erschienen wahrhaft bezaubernd. Sie machte edel und gut, und besaß einen feinen Tact, wie er nicht oft gefunden werden kann. Die Kunst des Zuhörens besaß sie in einem seltenen Grade. Es war eine Lust ihr vorzulesen oder etwas zu erzählen, denn es entging ihr nichts, und das Subtilste verstand sie, wie es verstanden werden mußte. Wenn auch selbst keine Dichterin, lag doch im Duft und Hauch ihrer Seele die Welt der Dichtung so ahnungsreich und golden ausgebreitet, daß es nur eines leisen Lichtstrahles von außen, das heißt eines echten und rechten Dichterwortes bedurfte, um sie in aller Pracht aus ihr heraus erkennen und wahrnehmen zu machen. Ihr Herz war ein Vineta der Poesie, das vielen, und wir dürfen sagen, den bedeutendsten Menschen einer bewegten Zeit anmuthend und zauberhaft durch das Wogen und Wallen ihrer Tage heraufgeleuchtet und geschimmert hat.« --
In größere, steife Gesellschaften, wo man, wie _Elisa_ zu sagen pflegte, den Geist im Wagen lassen könne, und im besten Kleide die beste Langeweile genösse, ging sie nicht gern. Am liebsten sah sie ihre Freunde im eigenen Hause.
Ueber ihre liebenswürdige Art zu grüßen, sagt Feodor Wehl in einem andern Artikel in den »Jahreszeiten«: »Ihr Gruß war noch der Gruß mit der ganzen Liebenswürdigkeit und Grazie, welche dabei in natürlicher Weise in Anwendung zu bringen sind. Der Gruß war ein Gruß der ganzen Person, ein Gruß, in dem ein Hauch der schönen und edlen Seele lag, von der er gegeben ward. Aus allen Schleiern und Nebeln der Vergangenheit heraus, sehen wir in unvergänglicher Frische ihn sieghaft in unsere Erinnerung hereinlächeln, diesen Gruß, der im Blick des Auges, in den Zügen des Mundes der Beugung des Kopfes, der Bewegung der Hand, kurz durch die ganze, hohe, edelgeformte und anmuthige Gestalt der Gräfin zu gehen pflegte, ohne doch, wie man vielleicht denkt, ein Knix oder eine Verbeugung zu sein. Sie grüßte mit dem vollen und bezaubernden Ausdruck der Freude, die sie darüber empfand, auf der Straße, in der Gesellschaft oder im Theater unter vielen fremden Personen einen Freund oder Bekannten gefunden zu haben. Sie grüßte, wir können nicht anders sagen, als mit einer gewissen Inbrunst des Herzens, das Glauben und Zuversicht zu seinen Verbindungen hat. Ihr Gruß war eine Art Verpflichtung, die einem auferlegt ward, stets nur lieb und gut gegen sie zu sein, denn die Art, wie sie ihn gab, bewies und bekundete, daß sie nur Gutes und Edles von dem erwartete, dem er geboten wurde. Sie grüßte in jeder Frau eine gleichgestimmte, feine Seele, in jedem Mann ein ritterliches Wesen, und zwar that sie es ebenso weit von Ueberhebung als von Unterordnung entfernt.« --
Wenn _Elisa_ von ihrer großen Vergangenheit erzählte, überflog sie eine jugendliche Begeisterung; ihren Vertrauten zeigte sie dann wohl ein Kästchen, in dem sie eine Locke von Friesen bewahrte, die ihr Vietinghoff nach der Auffindung des verstorbenen Freundes schenkte, eine französische Kugel, von der Lützow getroffen worden war, einige ihr besonders werthe Briefe, und noch mehrere Andenken dieser Art.
Von Lützow sprach sie nie anders, als mit herzlicher Achtung und Freundschaft. Als sich einmal jemand herausnehmen wollte, Lützow's Betragen gegen sie zu tadeln, erwiederte sie sanft aber entschieden: »Sie thun Lützow sehr Unrecht, er ist immer sehr gut gegen mich gewesen; wenn alle Menschen so gut mit mir verfahren wären, wie Lützow, so wollte ich mich nicht beklagen, und sehr zufrieden sein.« -- Oft sagte sie, sie würde keiner Frau rathen, sich scheiden zu lassen, und wenn sie auch noch so viel zu erdulden habe. »Lützow ist mir immer ein treuer Freund geblieben,« sagte _Elisa_ einmal zu einer Freundin mit bewegter Stimme, »und wir haben beide oft bereut uns getrennt zu haben.« -- An seinem Todestage fuhr sie immer nach seinem Grabe, einen Kranz darauf zu legen. Selbst über Immermann kam niemals ein hartes Wort über ihre Lippen, und sie sprach oftmals mit Wärme von seinem Dichtertalent.
Im Jahre 1848, in der Zeit der Revolution, wo so viele Menschen sich wegen Meinungsverschiedenheiten entzweiten, verlor _Elisa_ nicht einen ihrer Freunde; sie war ihrem ganzen Wesen nach freisinnig, ließ aber auch andere Ansichten gelten, sofern man sie ihr nur nicht mit Gewalt aufdringen wollte. Das viele politische Gezänke in den Gesellschaften war ihr zuwider, und oft klagte sie über eine Zeit, in der alle Theilnahme für Kunst und Poesie zu schwinden drohe. Besonders betrübend war für sie der Krieg in Schleswig-Holstein, da dort ihre theils dänischen, theils holsteinischen Familienmitglieder, die ihr alle theuer waren, sich feindlich gegenüber standen, und der Bruder gegen den Bruder kämpfte; sie sehnte sich auf das lebhafteste nach Ruhe und Frieden, nach einem Ende all des traurigen Blutvergießens.
Als den 28. August 1849 Goethe's hundertjähriger Geburtstag gefeiert wurde, war _Elisa_ ziemlich einsam in Berlin, da alle ihre näheren Freunde verreist waren; da zündete sie sich aber dennoch Abends in ihrem stillen Zimmer alle Lampen und Kerzen an, schmückte es festlich mit Blumen, und las allein für sich, die »Iphigenie,« auf diese Weise das Andenken des geliebten Dichters feiernd.
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