Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 8
»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich gefallen hat.«
»So? Wo hast du sie denn gesehen?«
»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz Sonderbares.«
»Was thaten sie denn?«
»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«
»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji auf der Hochzeitsreise?«
Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem Mond noch einmal wieder. Addio.«
Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da sitzt die Fliege wieder!«
So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die Fliege -- wo?«
»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.
Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft vorlieb.«
Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater -- was wird der --?«
Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht, kannst du an meinem kleinen Finger einüben -- eine Lacerta faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.«
Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich schönen und schalkhaften Reiz besessen haben.
Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach Italien und Pompeji!«
Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht völlig lebendig genug.«
Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.
Druck von Kamm & Seemann in Leipzig.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
machten zumeisf lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen. sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur
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auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
Bimsteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
sich. Eine Wirniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: »So weit entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit
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