Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 7
Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar, mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen, seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen, Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.
Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare, bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts; das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht -- ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst -- bitte, nein, senza complimenti!«
Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss, einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut' von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de' Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde.
Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's, vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.
* * * * *
Die 'Villa des Diomedes' -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so nach einem Grabmal benannt, das ein 'Libertus' Marcus Arrius Diomedes, der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche, namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen. Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens bewahrt.
Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen, dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze, und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn und in ihm verdunkle.
Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.
Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.
Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an, die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.«
Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden. Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück, sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«
Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug. Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle. Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig -- wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine -- meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.«
Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert Meilen näher bestätigen können.«
»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb stotternd -- »wo ist das?«
»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.«
Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?«
»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie Richard Bertgang.«
Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie -- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders aus --«
Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen, gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein, jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie keinen trockenen Faden.«
Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug, war 'schütten' eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause fortfuhr:
»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb, Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war, machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein -- Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir nicht vermuthet.«
Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor, dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.
Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es, Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst sonderbar --«
»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die Archäologie ist das wohl nothwendig.«
»Nein, ich meine dein Name --«
»Warum ist der sonderbar?«
Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen, sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte: »Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten Glänzende' bezeichnet.«
Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern so, wie die sympathische junge Dame!«
Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?«
»Die dich im Haus des Meleager anredete.«
»Kennst du die?«