Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 6
Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den 'Diomed' erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der 'Diomed' trotz seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten. Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg angewendet --«
Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.
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Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart, sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch, auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen, behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen, entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst, entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst zu theilen.
Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen, die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf, dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab, war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen antrafen.
Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes, besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies, von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher durch die stille Verlassenheit.
Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.
Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo del Fauno hinaus.
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Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das 'Have' des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe --
So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«
Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«
Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein Freund von Rosen zu sein.«
Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: »Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --«
Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir ein wenig verbessert.«
Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --«
»Warum macht dich das glücklich?«
Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich noch fragen --«
Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«
Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie schon gesehen.«
Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?«
»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande. Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt sein soll.«
»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --«
»Ach so --«
Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin? -- dich unglücklich gemacht?«
Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber -- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte mir einen -- einen Schwindel im Kopf --«
»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass ich meinen Vorrath mit dir theile --«
Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«
Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen einen Einwand --
Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen --
Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien -- die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in sich --
Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.
Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte, jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert haben?«
Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«
Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander. Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.
Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold.«
Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog. Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!«
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