Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 5
Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen. Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule.
Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?«
Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht angemessen sei, denn sie hatte sich auch des 'Du' bedient, und es kam ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen. Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm sie nochmals wieder das Wort und sagte:
»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«
Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.«
»Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich däucht, du siehst jünger aus.«
Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes, äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein, wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt, gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte -- aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --«
In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder? In dem Traum? Woran?«
»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«
»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?«
Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja -- weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst, wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem Reliefbild in Rom überein.«
»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher -- »mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort hast du's also gesehen?«
Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich, ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager verschwunden.
Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«
Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es nicht.«
»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit meintest.«
Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.« Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner Gangart, von der du vorhin sprachst?«
Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --«
Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung, dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt. Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.«
Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein Bildniss --«
Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: »Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist denn Besonderes daran?«
Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun, dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen, gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas denen der Gradiva geähnelt hätten.
»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«
»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.«
Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung erwiderte: »Ich heisse Zoë.«
Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an, aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.«
»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«
Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle steht: Have, und ich spreche es dir: Have!«
Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller, gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu, die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles Erinnerungsstück war.
Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig, und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein, und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa des Diomedes zu zergehen.
* * * * *
Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_ liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien, indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich, allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges, ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose, wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz verursachen.
Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie sich ganz ruhig --«
Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr, als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der 'Diomed' noch das 'Hotel Suisse' war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe des letzteren noch ein Gasthaus, der 'Albergo del Sole', vorhanden sei, wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den 'Albergo di Sole' verliess. In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines neuen Besitzthums zu Theil werde.
Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt; in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.
Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte, vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben gewollt.
Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger, sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.