Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 4
Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?
Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.
Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun, wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung, die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid in einer der Metamorphosen geschildert:
Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange, Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.
Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu, dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch durch seinen Kopf.
An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen, stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch erkennbar, der eingelegte Gruss 'Have' entgegensah. An der Wand des Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener Marmortisch einnahm.
Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei. Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben.
Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in nichts zergangen.
An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums, sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg. Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und her.
Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt, sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.
Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob. Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab.
In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an. Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor, kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand zusammengeschlossen.
Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung, unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des Dichters Meleager?«
Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger Pompejis von latinischem Ursprung?«
Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus.
Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen, ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf Deutsch thun.«
Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen, dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell, wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich wusste es, so klänge deine Stimme.«
In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.«
Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn, und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg' es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --«
Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert, umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar, dann schien sie in den Boden versunken zu sein.
Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen. Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.
Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt, lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.
* * * * *
Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der 'cena' an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten des Diomed ins 'Hotel Suisse' hinüber, setzte sich auch dort in eine Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra um ihn her.
Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte, konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren, dass er der 'amministrazione' durch sein selbstherrliches Verfahren vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes, ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher, ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu. Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades hinunterzugeleiten.
Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium, zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch wärest und lebtest!«
Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du siehst ermüdet aus.«