Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 3
So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr, verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen. Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger Wunsch nach einer 'scacciamosche', einer vortrefflich angefertigten Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte, verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen, seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu, lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das 'Ding an sich', in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden. Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern, nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet habe.
Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt. Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt. Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin, die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin, that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe.
Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus, Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er gekommen, zum Diomed zurück.
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Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig gewählte, mit einer guten 'mancia' verbundene Worte bald von der Lästigkeit seines 'guida' zu befreien, um unbehindert allein seinen Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes, als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen.
So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen, zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in einem Causalverband damit hatten die 'charmings' sich in der letzten Stunde bereits erheblich vermindert, die 'shockings' sich um ebensoviel vermehrt und die männlichen 'auhs', zwischen noch weiter als vorher auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen Uebergang zum Gähnen angetreten.
Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm. Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so leis, mit heissem Athem an.
Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz. Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria, peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt, hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert. Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.
Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen. Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu, vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung. Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere, gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare, mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein 'graffito' her, nur in halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.
Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte, philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.
Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.
Da plötzlich --
Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.
Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang, auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.
Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben.
Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden Lavaplatten der Strasse davon.
Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen, durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin. Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück. So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager verschwindend, geblieben sei.
Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.