Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück
Part 2
Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen, seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen. Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt, dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde, empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.
Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war, vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste, eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen, sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle, und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals, und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen, der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins Freie behindert wurden.
Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in anderthalbtägiger Fahrt dorthin.
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Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen, was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher mit dem lebendigen 'Homo sapiens' der Linné'schen Classifizirung möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande, zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten, noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die Krone auf.
Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können, weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der 'direttissimo' brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.
Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten, mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:
»Mein einziger August --«
»Meine süsse Grete --«
»Nun haben wir uns wieder.«
»Ja, endlich sind wir wieder allein.«
»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«
»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch nothwendig ist.«
»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von Belvedere.«
»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel schöner, als die capitolinische Venus.«
»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?«
»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der Eisenbahn fahren.«
»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen, was würdest du da thun?«
»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten sollte, und dich so auf die Arme nehmen.«
»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«
»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu vergiessen.«
»Mein einziger August --«
»Meine süsse Grete --«
Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung gelangend, nach einem Weilchen sagen:
»Meine süsse Grete --«
»Mein einziger August --«
Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig. Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf.
Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei, der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz, entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen.
* * * * *
Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen, camera benannten Raum im 'Hotel Diomède' neben dem von Eucalyptusbäumen bewachten 'ingresso' zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:
»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir uns doch auch anschaffen.«
»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber gemacht sein.«
»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken wird?«
Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles nur zur Delicatesse werden.«
»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon Nähnadeln gehabt?«
»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können, mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.«
»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?«
»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.«
»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich auch noch nach Pompeji selbst?«
»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das könnte ich mir nie verzeih'n.«
»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.«
»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie gezogen habe.«
»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich habe dich ja bei mir.«
August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert. Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an, statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton 'leidenschaftlich' beilegen können -- und schon um eine Stunde später sass er in einer 'carozella', die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von 'pasta da Napoli' aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag- oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des 'Hôtel Suisse' und 'Hôtel Diomède' und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen seien.