Part 3
Und der Dichter fing an. Stockend, holpernd wand er sich von Satz zu Satz, von Szene zu Szene. Mitunter irrten seine Gedanken ab. Dann unterbrach er sich und flocht irgendeine Zote hinein. Die Tischgenossen quittierten dankbar mit einem Stampfen der Gläser. Sonst aber zogen sie enttäuschte Mienen. Über das Stottern und Rülpsen konnte man sich nicht allzulange ergötzen, und was dieses abgemagerte Rauhbein sonst las, schien recht verständlich, vernünftig, sogar auch, was man in Berlin und Düsseldorf »dichterisch« genannt hatte, zu sein. Einige gähnten. Binder stützte leicht den Kopf in die Hand, um nicht zu zeigen, daß er die Augen geschlossen hatte. Allmählich wurde Grabbe sicherer. Seine Trunkenheit verflog vor dem kalten Hauch, der aus seinem Drama stieg. Noch einmal hatte er in dieses letzte Werk, das seine müde Seele sich abgerungen hatte, all sein Wünschen und Hoffen verströmt, seinen Haß gegen die Herrschaft geschäftlicher Nüchternheit, gegen die Kleinheit diplomatischer Windmachereien entkettet. Des Teutoburger Waldes Eichen rauschten über ihm, er zog mit eisenstarrenden Legionen durch das sumpfige Gebirg', litt mit den unter römisches Recht gebeugten Freien, flog an der Spitze der Bructerer zum Kampf an die Werra und küßte Thusnelda auf das goldene Haupt, das wie schwerer Weizen im Mittag glänzte. Grabbes Stimme wurde klar. Nur noch die in scharlachnem Rot leicht aufgewellten Backen zeugten von seinem Rauschfieber. Er reckte sich. Die gelblich-pergamentene Hand fuhr gebieterisch aus dem blauen Ärmelaufschlag. Fast schön leuchteten die Augen, die in unsichtbare Fernen kreisten. Er riß sich den Kragen auf. Auf seine Bartstoppeln trat leichter Schweiß. Rings um ihn saßen nicht Detmolds Bürger. Er war wieder zwanzigjähriger Student und pokulierte mit seinen Kumpanen in Luther und Wegeners verräucherten Gewölben. Da unten links stand ja der lockige Heine mit seinem traurig-spöttischen Lächeln um den schmalgekrümmten Mund; hinter einem bauchigen Faß lag von Uechtritz' lange Gestalt und hörte schon wieder nichts mehr von dem, was um ihn her vorging, während der besonnene Koechy mit heiterer Stirn neben Heine saß und bedeutungsvolle, auf ihn, den Dichter, den neuen Shakespeare, gemünzte Blicke mit Gustorff und dem blaßwangigen Bruder der göttlichen Rahel, Ludwig Robert, wechselte. Grabbe sprang auf. Er breitete die Arme. Der Pfeifendampf legte sich wie ein bestaubter Lorbeerkranz um sein Haupt. Das war nicht mehr der kranke, kümmerliche Poet, der grämlich und bissig seine Tage verschlief und seine Nächte verzechte, das war Armin selbst, seinen Reitern vorandonnernd, den sausenden Nordwind in Haarbusch und Brünne.
Da schlug ihm der Qualm eines niedergebrannten Stummels beizend in den Hals. Er schluckte, hustete, mußte sich unterbrechen. Als er seine Stimme nicht mehr hörte, weckte ihn die Stille jäh aus seinem herrlichen Traum. Fassungslos blickte er um sich. Die Tische mit den abgegessenen Tellern, die halbgeleerten Gläser, die umhergestreute Asche brachten ihn zur Besinnung. Nur wenige Gäste waren noch geblieben. Und die lagen, die Köpfe auf den Tischplatten, und schliefen. Eine Glatze blinkte fahl und wie höhnisch in dem ungewissen Licht. Der Rat Binder lag friedlich in seinen Stuhl zurückgelehnt und schnarchte. Ein schaler, abgestandener Geruch durchsäuerte die Luft. Grabbe wurde bis zum Hals hinunter totenweiß. Seine Finger knifften das Papier messerscharf zusammen. In der stickigen Hitze begann ihn zu frieren. Die Atemzüge der Schlafenden kreuzten sich und verflossen ineinander. Der Dichter sah immer noch mit einem halb verlegenen, halb verdutzten Lächeln um sich. Dann begriff er's. Er hatte vor tauben Ohren gelesen. Das Blut schoß ihm mit solchem Ruck in Stirn und Wangen, daß es durch die Haut zu brechen schien; er wollte schreien, aber nur ein heiseres Winseln kroch aus seiner Kehle. Seiner selbst vor Scham und Wut nicht mehr mächtig, ergriff er ein Seidel und schwang es, um es auf den Kopf des gerade vor ihm liegenden Rats zu schmettern.
Da blieben seine flatternden Blicke in zwei großen, dunklen, schreckerstarrten Augen hängen, die ihm durch den Dunst entgegenblitzten. Mit einem Ruck stellte Grabbe das Glas hin. Die Augen hinter dem Schenktisch lösten sich aus ihrer Regungslosigkeit und wurden lebendig. Der Dichter stürzte über die umgeworfenen Stühle auf sie zu. Er griff ins Dunkle, faßte einen weichen, sanften Arm und zog ein vierzehnjähriges Mädchen hervor, das sich scheu hin und her wand. »Bitte, bitte, sagt es nicht Vater, daß ich hier war, er prügelt mich sonst braun und blau.« »Gehörst du denn zum Haus, mein Kind?« fragte Grabbe und führte die sich Sträubende in den Lichtkreis der Lampe. »Ja. Mein Vater ist der Wirt von der >Stadt Frankfurt<. Ich hörte Euch in meiner Kammer oben lesen und schlich mich hinunter. Eure Stimme scholl so gewaltig. Und wie die einen gingen und die anderen einnickten, Ihr es aber nicht merktet und nur ich noch wach war und zuhörte, da bildete ich mit ein, ich sei die Königin und Ihr mein Dichter, der mir seine Lieder vorliest.« Grabbe strich über die Stirn des Kindes; unendlich zart glitt seine hartgenarbte Hand darüber. »Ihr die Königin und ich Euer Dichter?« Seine Schultern zuckten hin und her; sein Mund bog sich lautlos, verkrümmt nach unten. »Ja, und meinen ganzen Hofstaat hatten Eure Worte verzaubert. Es war so herrlich. Warum habt Ihr nur aufgehört? Und wie geht es nun weiter, sagt doch: wird der Römer nun getötet?« Bettelnd hatte das Kind seine Backe auf Grabbes Hand gepreßt. Er zog sie unwillkürlich zurück. »Mein liebes Kind -- --« Das verdammte Würgen in der Kehle! »Ach, lest doch weiter, ja?« Das Mädchen streichelte schmeichelnd des Dichters magere Hände. Da ließ er sich am Tische nieder. Das Kind kauerte sich daneben. Und zwischen dem Schnarchen der Zecher und dem Stöhnen der Träumenden las Grabbe die »Hermannschlacht« zu Ende. Über seine Wangen purzelten die Tränen. Er wischte sie mit der Hand fort und verschmierte sich das Gesicht. Aber er las und las.
Da, als gerade Varus sich in sein Schwert stürzen wollte, polterte jemand ins Zimmer. Es war der Wirt. Als er seine Tochter in dem gelben Dunst zwischen den Säufern an Grabbes Seite knien und ihre glänzenden Augen sah, die sich an des Dichters Lippen festgesogen hatten, brach er los. Die beiden fuhren auseinander. »Verdammtes Balg! Wirst du wohl hinauf ins Bett. Na wart'! Morgen sprechen wir weiter über deine nächtlichen Ausflüge!« Er stieß das Mädchen roh zur Tür hinaus; dort drehte es sich noch einmal um. Grabbe nickte ihm mit einem ohnmächtigen Lächeln zu. »Und Ihr mit Eurer Firlefanzerei, tätet wohl besser daran, auf Euer Zimmer zu gehen. Verdreht Ihr mit Eurem Gewäsch dem Kinde noch einmal den Kopf, so könnt Ihr Eure Siebensachen packen.« Grabbe schwieg. Er stand auf. Über seinem Antlitz lag ein Schimmer, vor dem der Wirt zurückwich. Der Dichter aber grüßte ihn mit einer fast feierlichen Gebärde. Dann schritt er hinaus, so gerade und sicher, wie er lange nicht einhergegangen war.
Am anderen Tage, erzählt der getreue Ziegler, der ebenfalls in der »Stadt Frankfurt« logierte, habe ein Fremder sich beschwert, daß er fast die ganze Nacht nicht habe schlafen können, so sehr sei er durch einen Gast im Zimmer nebenan gestört worden. »Mit dem Mann mußte etwas Fürchterliches vorgehen. Er sprang aus dem Bette, das konnte ich hören, und rannte dann wie wild die Stube auf und ab, er sprach laut mit sich selbst und stieß die schrecklichsten Verwünschungen und Flüche aus. Ich möchte mich umbringen, ha die Welt, ich wollte, daß ich tot wäre. Dann wurde es etwas stiller und es war mir, als ob der Hahn einer Pistole losginge, ohne daß es jedoch einen Knall gab. Sicher hat er die Absicht sich totzuschießen, dachte ich mir, aber er hat nicht den Mut, seinen Entschluß auszuführen. Als er dann eine Weile den Hahn in Bewegung gesetzt hatte, rief er: Nein, das wäre gemein! Und es wurde die Pistole gewaltsam auf die Erde geschleudert. Es war mir darauf, als hätte er sich über das Bett geworfen und laut geschluchzt und geweint.«
Das Trauerspiel war zu Ende. Die Maske fiel. Das doppelte Gesicht verschmolz zu einem, auf dem schon das Licht einer anderen Welt lag. Noch einige Wochen lebte Grabbe im eigenen Haus, von Schimpf und Bosheit gepeinigt. Dann starb er am zwölften September achtzehnhundertachtunddreißig in den Armen seiner Mutter, während oben in der Dachstube bei einem Glase Festwein seine Frau die Erbschaftspapiere ordnete.
Ein Mensch hatte ausgelitten. Ein Mensch, der sich in seiner Zeit nicht zurechtfand. In dem schon all die Not, der Aufruhr und die Unsicherheit waren, die heute allgemein sind. Grabbe hat als Einzelner eine Epoche vorausgelebt. Ihm fehlten inmitten einer noch scheinbar festen bürgerlichen Welt schon der Glaube und die Form des Lebens. Mächtig begann er, klein und zerbrochen schwand er dahin. Über seinem Werk und Leben steht der Qualspruch aus Gerhart Hauptmanns »Florian Geyer«, der in der abendlichen Marktherberge zu Rothenburg über das kühne Unterfangen des Schwarzen Ritters und des Bauern sich dem getreuen Rektor Besenmeyer abpreßt: »Wie fing sich der Handel so glücklich an und wie fast gewaltig, und wie gehet er gar so kläglich aus.«
Kein stärker erschütternder Vergleich von Aufgang und Niedergang dieses Menschen, als wenn man seinen ersten uns bekannten und seinen letzten Brief hintereinander liest. Jener ist mit sechzehn Jahren an seinen Vater geschrieben und lautet:
»Liebe Eltern!
Schnell ergreife ich die Feder, da ich höre, daß mein Vater mit mir nach Meinberg will. Ich habe einen heftigen Wunsch, Wunsch -- sage ich? -- die heftigste Begierde, die größte Leidenschaft nach einem Buche . . . Wie gern gäbe ich vieles von meiner Kleidung dahin, um es zu erhalten, allein dies würdet ihr nicht erlauben, doch geht es, so erlaub es Vater, liebe Mutter! Bedenkt, daß wahrscheinlich die Ruhe Eures Sohnes auf lange davon abhängt. Abschreiben möchte ich es, aber es sind vierzehn Baende . . . Wenn ich ein neu Kleid bekam, murrte ich: ach dachte ich, du hast der Kleider so viele, haettest du doch das Geld dafür, daß du es zum Buche brauchen könntest. Giebst du es mir, dann will ich wahrhaftig lange kein ander' Buch, als ein Schulbuch, lange kein neu Kleid haben, und dir, durch kindlichen Gehorsam, soviel ich kann, und was doch meine Schuldigkeit ist, Dein Alter versüßen. Da es wissenschaftlich ist, so kannst du denken, daß ich es nicht zur Unterhaltung verlange. Es heißt: Zimmermann, Taschenbuch der Reisen, bei Gerhard Fleischer zu Leipzig mit Kupfern und Charten. O Gott, welch' einen Tag habe ich heute wieder gehabt, ich habe das Buch immer vor Augen gehabt. . . Ich will keine Butter mehr essen, Caffee wenig trinken. Verschreib' es mir, wenn Du kannst, bedenk' meine Ruhe hängt lange, lange davon ab, jetzt beschließe ich diesen unter manchen Zähren und Schluchzen geschriebenen Brief.
Euer
geliebter Christian.
PS. Die Schrift konnte ich wegen meiner Unruhe nicht besser machen. Zum Zeichen, daß ich aber alles Mögliche getan habe, lege ich meine Aufsätze zum Durchsehen bei . . .
* * *
Dieser Brief ist vielleicht nicht ohne kindliche List geschrieben. Inhaltlich nur eine Bitte um ein Buch. Aber deutlich kündet sich in ihm schon das Maßlose und zugleich Verkrampfte, das Willensstarke und dabei doch zugleich sich vor Widerständen Duckende an. Vor allem jedoch: welche Begehr nach Wissen, nach Aufzucht seines Geistes, nach dem Kennenlernen für ihn abenteuerlicher Welten schreit förmlich daraus den Leser an. Und wie trocken, verquält, das tägliche Leiden und den Ekel vor der täglichen Demütigung verratend klingt dagegen der letzte Brief, den er, der Ausgesperrte, zwei Monate vor seinem Tode an seine Frau schreibt:
»Frau!
Uebermorgen früh, Schlag neun Uhr, zieh' ich in mein Haus. Vorerst denk' ich mein altes Zimmer nebst Schlafkammer, beide parterre, zu wählen. Ich hoffe sie mit allen Möbeln so imstande zu finden, als sie waren. Den Doppelschlüssel zu dem Zimmer, wovon u. a. der Sergeant Schulz vielleicht zu sagen weiß, bitt' ich mir auch neben dem Hausschlüssel aus. Hast Du mehr Hausschlüssel, so begehre ich alle, um sie zu vernichten. Einen Hausschlüssel (Du hast 2, wo nicht mehr) verlang' ich gleichfalls. Uebermorgen früh halb neun Uhr hat Sophie bei mir zu erscheinen, oder sie ist übermorgen mittag 12 Uhr außer Diensten. Warum du gestern das Publikum aufzuregen geschienen . . . begreif' ich nicht. Ein Ehemann kann übrigens in sein Haus treten. Ich tat dir dabei nichts zuleide. Sei klug. Bedenke, unser Interesse ist gemeinsam. Handle nicht dagegen. Ich werde dich nie verletzen. Fremde Ratgeber nützen wenig.
Chr. D. Grabbe.
Das knirschte derselbe mit sechsunddreißig Jahren über das Papier, der mit zwanzig versprach, ein Führer für Deutschland aus der Not der geistigen Reaktion zu werden. Er war ausgebrannt. Aber er hat sein Leben nicht umsonst gelebt. Durch das Jahrhundert geistert sein wüst-schönes Gesicht in unsere Tage, und mit dem Gelöbnis, auf seinem Wege der künstlerischen Konsequenz und der Mißachtung des Kompromisses glücklicher als er werden zu wollen, senken sich vor ihm die Fahnen der Gegenwärtigen. Die Fahnen, die immer vor ihm sich senken werden, wenn Jugend das Schiff Poesie gen Morgen steuert. Schon an seinem Grab stand einer der Jugendlichsten seiner Zeit, der Dichter der schwarz-rot-goldenen Trikolore von 1848, Ferdinand Freiligrath, und sandte dem gestorbenen Freunde sein schönstes Epitaph nach, das unseren Ohren zwar ein wenig dröhnt, aber das durch und durch in echtestem Gefühl wurzelt. Er schrieb es
Bei Grabbes Tod
Dämm'rung! -- das Lager! -- Dumpf herüber schon Vom Zelt des Feldherrn donnerte der Ton Der abendlichen Lärmkanonen; Dann Zapfenstreich, Querpfeifen, Trommelschlag, Zusammenflutend die Musik danach Von zweiundzwanzig Bataillonen!
Sie betete: »Nun danket alle Gott!« Sie ließ nicht mehr zu Sturmschritt und zu Trott Die Büchse fällen und den Zaum verhängen; Sie rief die Krieger bittend zum Gebet, Von den Gezelten kam sie hergeweht Mit vollen, feierlichen Klängen.
Der Mond ging auf. Mild überlief sein Strahl Die Leinwand rings, der nackten Schwerter Stahl Und die Musketenpyramiden. Ruf durch die Rotten jetzo: »Tschako ab!« Und nun kein Laut mehr! Stille, wie im Grab -- Es war im Krieg ein tiefer Frieden.
Doch anders ging es auf des Lagers Saum Im Weinschank her; -- da flog Champagnerschaum, Da hielt die Bowle dampfend uns gefangen! Da um die Wette blitzten Epaulett' Und Friedrichsd'or; da scholl's am Knöchelbrett: »Wer hält?« und Harfenmädchen sangen.
Zuweilen nur in dieses wüsten Saals Getöse stahl ein Ton sich des Chorals, Mischte der Mondschein sich dem Schein der Lichter. Ich saß und sann -- »Nun danket --« »Qui en veut?« Geklirr der Würfel -- da auf einmal seh' Aus meiner alten Heimat ich Gesichter.
»Was, du?« -- »Wer sonst?« -- Nun Fragen hin und her. »Wie geht's? von wannen? was denn jetzt treibt der?« Auf hundert Fragen mußt' ich Antwort haben. -- »Wie« -- »Nun, mach schnell, ich muß zu Schwarz und Rot!« »Gleich! nur ein Wort noch. _Grabbe_?« -- »Der ist tot; Gut' Nacht! wir haben Freitag ihn begraben!«
Es rieselte mir kalt durch Mark und Bein! Sie senkten ihn vergangnen Freitag ein, Mit Lorbeern und mit Immortellen Den Sarg des toten Dichters schmückten sie -- Der du die hundert Tage schufst, so früh! -- Ich fühlte krampfhaft mir die Brust erschwellen.
Ich trat hinaus, ich gab der Nacht mein Haar; Dann auf die Streu, die mir bereitet war In einem Kriegerzelt, warf ich mich nieder. Mein flatternd Obdach war der Winde Spiel: Doch darum nicht floh meinen Halmenpfühl Der Schlaf -- nicht darum bebten meine Glieder.
Nein, um den Toten war's, daß ich gewacht: Ich sah ihn neben mir die ganze Nacht Inmitten meiner Leinwandwände. Erzitternd auf des Hohen prächt'ge Stirn Legt' ich die Hand: »Du loderndes Gehirn, So sind jetzt Asche deine Brände?
Wachtfeuer sie, an deren sprüh'nder Glut Der Hohenstaufen Heeresvolk geruht, Des Korsen Volk und des Karthagers; Jetzt mild wie Mondschein leuchtend durch die Nacht, Und jetzo wild zu greller Brunst entfacht -- Den Lichtern ähnlich dieses Lagers!
So ist's! Wie Würfelklirren und Choral, Wie Kerzenflackern und wie Mondenstrahl Vorhin gekämpft um diese Hütten, So wohl in dieses mächt'gen Schädels Raum, Du jäh Verstummter, wie ein wüster Traum Hat sich Befeindetes bestritten.
Sei's! diesen Mantel werf' ich drüber hin! Du warst ein Dichter! -- Kennt ihr auch den Sinn Des Wortes, ihr, die kalt ihr richtet? Dies Haus bewohnten Don Juan und Faust; Der Geist, der unter dieser Stirn gehaust, Zerbrach die Form -- laßt ihn! Er hat gedichtet!
Der Dichtung Flamm' ist allezeit ein Fluch! Wer, als ein Leuchter, durch die Welt sie trug, Wohl läßt sie hehr den durch die Zeiten brennen; Die Tausende, die unterm Leinen hier In Waffen ruhn -- was sind sie neben dir? Wird ihrer einen, so wie dich, man nennen?
Doch sie verzehrt; -- ich sprech' es aus mit Grau'n! Ich habe dich gekannt als Jüngling; braun Und kräftig gingst dem Knaben du vorüber. Nach Jahren drauf erschaut' ich dich als Mann; Da warst du bleich, die hohe Stirne sann, Und deine Schläfe pochten wie im Fieber.
Und Male brennt sie; -- durch die Mitwelt geht Einsam mit flammender Stirne der Poet; Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel! Es flieht und richtet nüchtern ihn die Welt!« -- Und ich entschlief zuletzt; in einem Zelt Träumt ich von einem eingestürzten Tempel.
Literarhistorische Anmerkung
Von Grabbe, dessen Werke nur wenige kennen, konnte der vorstehende Aufsatz nur einen ganz bestimmten Umriß geben. Man soll ja aber nicht nur über einen Dichter lesen, sondern diesen selbst. Wen ich dazu verlocken konnte, der wählt hierzu am besten die Ausgabe der sämtlichen Werke Grabbes im Verlag von Max Hesse, in der eine in der sachlichen Zusammenstellung vorzügliche Einleitung von Otto Nieten enthalten ist. Die früher bekannten Ausgaben von Grisebach und Oscar Blumenthal sind überholt, die zahlreichen, in Zeitschriften verstreuten Arbeiten von Duller, Hart, Poppenberg, Moeller v. d. Bruck, Krack, P. Friedrich u. a. sind in der Nietenschen Arbeit in ihren wesentlichen Teilen verwertet. Die zitierte Schrift von Karl Ziegler führt den Titel »Grabbes Leben und Charakter« und ist wohl nur noch in Bibliotheken zu finden. Als Beispiel einer überheblichen Wissenschaftlichkeit, die wohl ihr Spezialgebiet kennt, aber den Zusammenhang mit dem Wesensganzen verloren hat, mögen die »Beiträge zum Studium Grabbes« von C. A. Piper in den Munckerschen Forschungen zur neueren Literaturgeschichte warnend genannt sein. Desgleichen sei gewarnt vor den albernen Abstempelungen der Goedeke, Scherer, Gottschall und Bartels, die damit dem fluchwürdigen Brauch huldigten, quantitative Literaturgeschichte in konzentriert-aphoristischer Form zu treiben. Wer den deutschen Kerl Grabbe erfahren will, der -- noch einmal sei's gesagt -- lese ihn selbst.
Im Herbst 1922.
M. G.
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