Part 2
Einstweilen zeigte sich freilich das Schicksal noch freundlich. Grabbe reißt sich zusammen, macht sein Staatsexamen, wird bald Auditeur in der Lippeschen »Armee« und ist für die Bürgerschaft der »berühmte Sohn der Stadt«, nach dem sich die Köpfe bei Bällen, Konzerten und im Theater umwenden. Und Grabbe festigt seinen jungen Ruf. Hatte er sich in »Gothland« im tumultuösen Donner angekündigt, so macht er sich jetzt freier von Lärm und Schlacke. Es ist merkwürdig, daß die Mediziner und Literaturgeschichtsschreiber, die alles auf Neurasthenie und Jugendgenialität abstellen, immer im innerlich, wenn auch nicht künstlerisch unreifsten Werk schon steckenbleiben. Man sieht eben Grabbe nur als Kuriosum, nicht als Menschen, der sich entwickelt wie jeder andere, freilich unter den Bedingungen seiner Zeit, die man bis jetzt fast gar nicht beachtet hat. Um die Dreißig herum sprüht seine Kraft am stärksten und erschöpft sich fast auch zugleich. Er vollendet »Don Juan und Faust«, die beiden Hohenstaufendramen »Heinrich der Sechste« und »Friedrich Barbarossa« und schließlich den »Napoleon«. An der gefährlichsten Alterswende, wo es sich entscheidet, ob man alt werden oder jung bleiben wird, steht Grabbes großer, krampfhafter Versuch zur Synthese. Der Stoff bleibt ungar. Es wetterleuchtet, aber es schlägt nicht ein. Das Ungeheure der Gegenwart, die damals in der Welt begann, das Auseinanderfallen von Idee und Sein, war kaum spürbar. Grabbes Brust war empfindlichster Seismograph für das anhebende Weltbeben. Er faßte es allerdings noch nicht. Zwar richtete es ihn zugrunde. Aber er wußte nicht, woran er starb. Aus dem Konflikt des Überganges rettete er sich in die Geschichte, zu den großen Gestalten. Das deutsche Schicksal, bald darauf das Schicksal des großen Einzelnen, ward ihm das Land seiner dichterischen Erlösung. Hatte er im »Don Juan und Faust« (wozu Lortzing die Musik schrieb) sein gedoppeltes Sein nach außen ins Zwiefache geteilt, so ist er im »Napoleon« weiter gereist. Hinter den großen Stationen des Individuums, der Rebellion, dem Kampf um die Frau, der Bewältigung der Historie kommt die Frage nach Sinn und Möglichkeit des machtvollen Seins. Menschliches wie Politisches verlangt jetzt weitere Synthese. Im Napoleon findet Grabbe sie: dieser Korse ist ein Sohn der Revolution, aber über sie hinaus Diktator der neuen Zeit, der Mensch aus der Masse ihr Herrscher, die Besiegung einer verluderten Namensaristokratie endet mit einer wirklichen Aristokratie. Gigantisch loht Grabbes Feuergeist auf dem graugrämlichen Hintergrund der Zeit der deutschen Reaktion, die nach den blutigen Begeisterungsstürmen der Freiheitskriege angebrochen war, jener Zeit der tiefen Resignation und der perfiden Geheimkanzleidiktatur Metternichscher Diplomatentricks, mit denen man das rasende Pferd Europa zu kirren versuchte. Heute, wo es zerschmettert im Abgrund liegt, wächst ins Bergehohe die Schuld jener Sekretärsnaturen, die im Schatten eines blinden Gottesgnadentums die Völker verfeilschten, die Ideen ins Unproduktive verfälschten und den Geist an die Phrase verrieten. Grabbe litt unter dieser Zeit. Aber dadurch, daß es ihm unbewußt blieb, wurde der Austrag des Kampfes mit der zerfallenden Welt vom Werk ins Persönliche verschoben. Das Leben wurde wichtigeres Dokument als das Werk. Dies verfiel. Der Dichter kam aus der Atmosphäre des Tages, aus dem Einzelfall der kleinlichen Stunde gar nicht mehr heraus. Im »Hannibal«, diesem kunstlosen, aber wuchtig hingemeißelten Denkmal des Untergangs der Größe, ist der Sprung ins Objektive noch einmal gelungen. Aber nur die These kommt recht eigentlich heraus. Von einer Elastizität des Geistes, künstlerischer Schwingung, seelischer Spannung ist nicht mehr viel in das Drama hineingerettet. Wie blockiges, finsteres Gestein ragt dies Werk in die fahle Sonne des endgültigen Untergangs des Dichters hinein. Im Grunde ein Meer von Schreien, ein letztes Schwenken der Fahne der Empörung gegen eine Welt von Spießern, in deren wimmelndem Gewühl der Dichter versinkt. Grabbe stirbt seiner Zeit ein langes voraus. Und darum ist auch sein persönliches Schicksal den meisten immer wesentlicher gewesen als sein geistiges. Weil sich in jenem sichtbarer der Riß zeigte, der durch sein ganzes Wesen ging, der Riß, der klaffend die letzten hundert Jahre durchzieht und nichts anderes bedeutete als die Trennung von Wirklichkeit und Idee, von Geist und Körper, von realem Verhaltensprinzip und metaphysischer Forderung.
Ohne Milderung ist das Leben für Grabbe. Keine Frauenhand liegt tröstend und die heiße Schläfe kühlend auf seiner Stirn. Frauen pflegen solchen Menschen auszuweichen. Ihnen fehlt das Empfindsame, das sie mit der grotesken Wildheit und animalischen Lust versöhnt. Ihnen fehlt auch das Unnahbar-Heroische. Danton und Robespierre konnten Frauen haben. Sie lagen bei jenem und schauten zu diesem auf. Grabbe hatte weder den liebenswürdigen Charme noch den eisernen Willen der Höhe. Er schäumte in den Träumen nach Frauenfleisch, vergrübelte sich schon als Jüngling in überhitzte Visionen und suchte die dumpfe Nähe bereitwillig geöffneter Betten. Er kennt keine Liebeslyrik, keine Zeiten des Werbens. Er hat erst den infernalischen Hunger des Kraftkerls, und später, als er, in einer betäubenden Stunde auf einem Leipziger Kokottenlager vergiftet, krank am Boden liegt, vernichten ihm die Kuren und allmählich ausartenden Nervenanfälle jede stillere Stunde. Kommt hinzu, daß Grabbe ein so männlicher Mann ist, daß er geistig sofort jede Empfindung in ihre realen Motive zerlegt und im Rausch schon die Tristitia nahe fühlt. Wenn er schließlich doch erst um Henriette Meyer, später um die Tochter seines alten Gönners, um Luise Clostermeier wirbt, so ist das im Grunde die Flucht eines bereits wrack Gewordenen unter das Dach täglicher Fürsorge. Er weiß es zwar nicht. Aber außer einigen sehr groben, sinnlichen Reizen bieten beide nichts, was die Entschlüsse Grabbes rechtfertigen könnte, als eine gewisse Mütterlichkeit, die sich im ordentlichen Haushalten erschöpft. Grabbe will einfach heiraten. Er erhofft sich davon eine Regelung der trostlosen Junggesellenwirtschaft und unternimmt die Herzensattacken mit der gleichen, künstlich angehitzten Leidenschaftlichkeit, mit der er Verleger bestürmt oder günstige Kritiken erstrebt. Es gibt Funken, aber es ist kaltes Feuer, das aus den erregten Briefen und Szenen aufblitzt. Um Henriette müht er sich in seiner bekannten Art. Wenn sie im Zimmer ist, spricht er laut und so zynisch zu anderen, daß sie rot und blaß vom Zuhören wird. Das sind Grabbes Blumensträuße und Serenaden. »Das war«, meint sein geduldiger, liebevoller Zeitgenosse und Mitbürger Ziegler, »so seine Natur. Er war anfangs einem schönen Mädchen gegenüber fast immer verlegen, seine Gefühle zogen sich da in ihn zurück, und seine Zärtlichkeit konnte nicht in Fluß kommen und sich nicht in leichten Wendungen bewegen; dem hierüber entstandenen empfindlichen und gepreßten Gefühl suchte dann der Stolz, der sich in ihm rege machte, durch Witz und Spötterei ein Gegengewicht zu geben, die über jedes Bedenken hinwegsetzten, ob auch ein fremdes feines Gefühl verletzt werden könnte; er vergaß sich in blinder Genialitätssucht und verletzte, was er gewinnen wollte.«
Und doch war er kein Toggenburg etwa. Er empfand sein Mißverhältnis zur Frau nicht als unterlegener, bittender Jüngling, sondern als geistiger Mann. Aber es war keine Sicherheit in ihm. Das machte ihn doppelt unbeholfen, zwang ihn auch hier, sein wahres Gesicht zu verstecken. Er suchte im Grunde keine Geliebte, sondern die Wirtschafterin, war aber zu feige, sich das einzugestehen. So mimte er voll Eifer, der ihm selbst Ernst dünkte, den unglücklichen Liebhaber vor zwei braven Köchinnennaturen, einer ungebildeten und einer halbgebildeten kleinbürgerlichen Frau. Die noch dazu von strammen Schenkeln waren und denen der von frühen Lüsten ausgezehrte Grabbe keine großen Freuden bieten konnte. Aber beide reizte sein Ruhm. Aber was soll man zu einem Grad der Dummheit sagen, die Szenen macht, weil auf einem Spaziergang Grabbe, der als Auditeur Offiziersuniform trägt, einem Posten das Salutieren abwinkt und das Bräutchen dadurch um eine untertänige Habt-Acht-Stellung kommt. Die Verlobung mit diesem Mädchen, das schließlich einen Blaufärber heiratet, geht unter fürchterlichen Szenen und Nervenkrisen auf beiden Seiten zu Ende. Aber Grabbe ist nicht gewarnt. Instinktlos tappt er im März 1832 in die Ehe mit Luise Clostermeier.
Sie wird eine der kläglichsten Tragikomödien. Wie in keiner grotesken Szene seiner Dichtung erreicht er nun in Wirklichkeit den Gipfel eines bizarren und bei allem Auf und Ab geradewegs in den Untergang hineinführenden Lebens. Sicherlich mag vieles, was über diese Ehe geschrieben worden ist, nur aus Kleinstadtklatsch herrühren. Fest steht, daß nur eine im Gefühl geniale, geistig hochstehende Frau dieses Mannkind Grabbe glücklich gemacht hätte. Diese egoistische Provinzlerin dagegen, verzogen im Elternhaus und auf Phrasen abgerichtet, dabei von einer nur allzubald langweilenden Durchschnittsschöne, eingebildet auf den Besitz an einigen Batzen Geld und Fremdwörtern, mußte zum Hausdrachen werden. Der unsichere Grabbe verliert, nun nicht bloß im alles schablonisierenden Dienst, sondern auch im eigenen Heim dauernden Reizungen ausgesetzt, völlig jede Haltung. Vor der Ehe hatte ihm die Frau u. a. etwa folgenden Brief geschrieben:
»Hochgeschätzter Herr Auditeur!
Goethe schmückte zu Weimar vor einem Jahr den Sarg des Pius Alexander Wolff mit einer Blumenleier; wenn Sie sterben, schmücke ich denselben mit einer ähnlichen, umwinde sie aber noch mit einem weißen Atlasband, auf welchem mit großen goldenen Buchstaben Horazens Worte geschrieben: non omnis moriar!
Die Hoffnung, in nicht gewöhnlicher Umgebung mich einst rühmen zu dürfen, aus der eigenen Hand des Dichters der Hohenstaufen sein Werk (Grabbe hatte ihr den Barbarossa geschenkt) empfangen zu haben, beglückt mich jetzt schon, und nach diesem Geständnis wollen Sie die Größe meiner Dankbarkeit messen.«
Diese Frau schloß ihm nach der Ehe die Haustür zu, wenn er zu spät heimkam, graulte seine Mutter mit Schimpfkanonaden aus dem Haus und steigerte sich bis ins Megärenhafte, wenn es um Geld ging. Jene berühmte Szene, da sie dem Mann in einer Gewitternacht, in der er krank und schwach zu Bett liegt, einen Siegelring, um den sie tagsüber gestritten haben, beim Aufleuchten der Blitze vom Finger zieht und eine gelle Lache des Triumphes über den Ohnmächtigen schüttet, hat etwas von Strindbergs unheimlichen Ehebildern. Und derartige Augenblicke der Todfeindschaft gab es viele. Eifersucht und Niedertracht machen den in der Seele tödlich verwundeten Dichter fast zum Tollhause reif. Kein Wunder, daß Grabbe innerlich und äußerlich zusammenbricht. Er ist schludrig in seinem Amt, merkt es, will sich rechtzeitig salvieren und richtet an den Fürsten ein Gesuch -- um Einstellung in die Armee als Hauptmann. Es kann kaum sein Ernst sein. Von Krankheit geschwächt, geistig fast aufgerieben, setzt er ein martialisches Gesicht auf. In Wirklichkeit bebt die Angst dahinter und die Hoffnung, mit der Absage zugleich die Pensionierung zu bekommen. Es ist ein für den Dichter typischer Umweg. Aber es hilft nichts. Er bekommt eine ungnädige Ablehnung, und Treibereien wartender Nachfolger drängen ihn aus dem Posten.
Die Ehe zerbricht nun ganz. Das höhnische Wutlächeln der Frau und die Schadenfreude des Detmolder Spießertums verschmelzen zu einem furchtbaren Gesicht, vor dem er kopfüber nach Frankfurt flieht. Im Reisesack schleppt er den »Hannibal«, die »Tragödie des verratenen Genies«, mit sich. Er sieht nicht nach rückwärts. Aber was er litt, schreit aus dem Satz, den er flehentlich an seine Frau in einem Brief nach Hause schreibt: »Laß meine Mutter, die soviel für mich getan hat, in Ehren! -- Wärst du gut, wie vor der Ehe, könnte manches anders sein . . .«
Als ein Verwüsteter langt Grabbe in der Stadt Goethes an. Und das Schicksal hat sogleich einen neuen Blitz für ihn bereit. Sein Verleger Kettembeil fühlt sich als gefestigter Bürger berechtigt, seine Dramen zu korrigieren. Darüber lösen sich auch diese Bande Grabbes an die reale Welt. Er fühlt sich, das Nötigste entbehrend, nun ganz verlassen. Seine Briefe, in denen er um Hilfe fleht, sind die eines kranken Kindes. Es beginnt die letzte Epoche seines Lebens: der Aufenthalt in Düsseldorf bei Immermann, der sich den demütig gewordenen Poeten kommen läßt. Dessen Zeilen an ihn: »Ich habe Zutrauen zu Ihnen und hoffe auf Sie. Ich glaube nämlich, ich und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen«, müssen ihn gerührt haben.
Das Verhältnis der beiden Dichter in Düsseldorf ist menschlich nicht ganz geklärt. Der formende Geist, dem aber der Funke fehlt, spannt den formlosen vor seinen Wagen. Der Theaterdirektor und Oberlandesgerichtsrat legt sich einen Herold zu, der in der Bestallung nur Anerkennung, nicht die zwecknützliche Absicht sieht. Einmal versucht Grabbe nun, ohne aufgesetzte Miene einherzugehen und ein kindlich offenes Gesicht zu zeigen. Er beugt sich vor dem Geheimrätlichen in Immermann und nimmt es als Väterliches, dem er sich offen aufschließt. Nun, da der Sand in seiner Lebensuhr mit letztem Rieseln rinnt, kommt eine vertrauensselige Einfachheit über ihn. Er schreibt Kritiken voll Eifer des Lobens, schreibt auch Rollen ab, um in mechanischer Arbeit sein ungezügeltes Temperament zu zähmen, feilt unter Immermanns stilstrengem Rat die ungefügen Kanten seiner Dramenblöcke ab und versucht das Wirtshaus zu meiden und in manierlicher Gesellschaft zierliche Konversation zu machen. Bis ihm plötzlich das rosenrote Bild schwarz erscheint, der Dienst an sich ein Dienst am Ruhme seines Wohltäters und ihm die Galle ins Blut tritt. Er erstarrt in alter Verbissenheit, Feindschaft bricht aus zwischen den beiden Männern, und doppelt heftig ist der Rückfall in die alte Wüstheit und Getriebenheit.
Aber das Gesicht wechselt nicht mehr mit. Die Muskeln, die es in seinen verschiedenen Zügen spannten, sind schlaff geworden. Die Schatten des Endes sind darüber gefallen. Es lohnt nicht mehr, sich einen Faltenwurf der Mienen zurechtzulegen. Das echte Antlitz bricht jetzt durch, das eines rasch gealterten, hilflosen Kindes. Das Leben Grabbes gleicht nun einem Marmorblock, aus dem der Schöpfer einen Kopf und zwei hungrig gen Himmel gestreckte Arme herausgemeißelt hat, aber alles übrige in der rohen Urform des Materials beließ. Und der beredte Mund wird stumm, da er nur noch die Wahrheit, die Erkenntnis des Vergeblichen aussprechen kann.
Typhusanfälle, Alkoholvergiftung, Rückenmarksschwindsucht sind die drei düsteren Plagen, die die Physis dieses Genies zermürben. Aber er weicht nicht. Mit der Beharrlichkeit proletarischen Trotzes sitzt er Abend für Abend ausgemergelt und hohl in der Kneipe »Zum Drachenfels«, im altmodisch braunen Frack, der dicht bis unter die Roßhaarkrawatte zugeknöpft ist, weil die Wäsche fehlt. Und ihm gegenüber, bis er unerwartet in Aachen stirbt, der geniale Musiker Norbert Burgmüller. Beide im Wein ihr hartes Los vergessend, beide stumm geworden. Dabei war innen in Grabbe noch blühenwollendes Land. Oder vielmehr nur der Abglanz einer Vision davon. Heimat und Vaterland locken und grüßen den dem Staube Zusinkenden noch einmal als Erde. Die Hermannschlacht, leuchtende Mythe seiner Generation, will er in Verse gießen, in ihrem Weh und Glück die grauen Farben der Zeit und die hellen der Zukunft aufleuchten lassen. »Ich betreibe jetzt die Vorstudien,« schreibt er an einen Freund, »Teufel, da wächst was! Mein Herz ist grün vor Wald.« Ein andermal: »Der Hermannschlacht unterliege ich fast. Die Studien dazu erschüttern mich fast.« -- »Das Stück zerreißt mir die Seele! Alle Täler, all das Grün, alle Bäche, alle Eigentümlichkeiten der Bewohner des lippischen Landes, das Beste der Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend sollen darin grünen, rauschen und sich bewegen. Es ist der schwierigste Stoff, den ich unter den Händen gehabt habe . . . Er ist in mir und über mir, wie ein Sternenmeer, wohl mein letzter Trost.«
Aber die Kraft fehlte. Um und um arbeitete Grabbe das Stück, und doch ward nur ein Schlachtenpanorama daraus, in dem Varus als bedeutend sympathischere Gestalt gegenüber einem Hermann steht, der unedel und im letzten Grunde auch unkühn ist. Da, wo unmittelbar an lippischen Boden die Sage verhaftet ist, haben ihre Gestalten Naturkraft. Wo der geistige Gegensatz aufklingt, klappert es bedenklich von Phrasen. Für Grabbe waren's freilich silberne Trompeten, die sein versinkendes Glück umbliesen. Er ist wieder der Junge, der Weltgeschichte spielt, diesmal statt mit Vitsbohnen wie als Kind mit papierenen Dramenhelden.
In der Wirklichkeit des Alltags hat er nun jede Distanz verloren. Er schlüpft in Detmold wie ein krankes Tier unter. Sein Äußeres beschreibt Ziegler: »Er ging dahin, ein trauriger Aufzug. Seine Kleidung schien sehr abgetragen und saß sehr nachlässig. Der Rock war an den Ellenbogen sehr weiß geworden, und die weite schwarze Hose wehte melancholisch um seine dünnen Beine, die dunkle Weste war bis unter den Hals zugeknöpft, seine grobe Halsbinde ließ nichts Weißes sehen, und auf dem Kopf trug er eine alte grüne Mütze. In seinem ganzen Körper war kein Halt, er wankte so, daß man befürchten mußte, er möchte umfallen, nur langsam bewegte er sich fort, nach seiner Weise, wo er die Spitzen der Füße wie fühlend voraussetzte. -- -- Doch war in ihm ein schöner und edler Sinn, der nach freundlich edlen Lebensverhältnissen das heißeste Verlangen trug.« Die aber sollten ihm nicht beschieden sein. In dem Hotel »Zur Stadt Frankfurt«, wo er wohnte, da er vor den Keifereien in seinem Hause Ruhe haben wollte, dämmerte er an einem einsamen Seitentisch die Abende dahin, wenn das steigende Fieber ihn aus der Apathie des Tages vom Bett scheuchte. Und hier erlebte Christian Dietrich Grabbe sein letztes Abenteuer.
Es war ein regnerischer später Sonntagnachmittag. Der Wirtsraum erfüllt von einer trüben Stimmung, die schwer und körperlich sich zwischen den Wänden spannte. Auf den Tischen hatten die Biergläser ihre schlüpfrig breiten Ränderspuren zurückgelassen. Rauch zog dick durch die niedrige Stube. Am Boden breiteten sich kleine, schillernde Tümpel verschütteten Weines. Ganz Detmolds Honoratiorenschaft hockte dumpf und gelangweilt auf den fleckigen Schemeln. Man trank sich zu, die Köpfe schienen im Dunst größer, unförmiger zu werden. In einer Ecke flüsterten junge Burschen Politik und hielten zögernd inne, wenn der Fürstlich Lippesche Archivrat Binder seinen dicken Weißkopf wie horchend zu ihnen durch den Qualm bohrte. Mit sinkender Dunkelheit verrannen aber auch diese Gespräche in Einsilbigkeit. Nur das klippende Zusammenstoßen der Becher und das Klappern des Geschirrs in der Küche waren die einzigen hellen Laute in diesem Nebelmeer, das um die Köpfe der Zecher wogte. Die Zinkkannen auf dem Schenkbord blinkten wie Leuchtturmfeuer durch. Eine rot schwelende, stinkende Petroleumlampe kämpfte vergebens mit ihren kurzstrahligen Lichtfingern gegen die wallenden Schwaden.
Plötzlich wurde es am Mitteltisch laut. Eine grobe und eine ängstliche Stimme hoben sich deutlich ab. Dazwischen tönte Gelächter und Zuruf. Etliche sprangen auf, um zu sehen, um was man stritt. Der Archivrat Binder lag über den Tisch gebeugt und zerrte ein schmächtiges, vertrocknetes Männchen am Arm. Es wehrte sich ängstlich, und seine runden Knabenaugen, die tief in einem riesigen, von einem dünnblonden Haarbusch überwehten Schädel lagen, lugten hilflos von einem zum anderen. Sein Kinn war unter dem breiten Trinkermund wie weggesackt, und der Kopf schien wie eine von Kinderhand verschnittene Kartoffel auf dem dürren Leibe hin und her zu wippen. »Also los, Grabbe, zieren Sie sich nicht. Lesen Sie uns ihr neuestes Opus vor. Schließlich will man doch, wenn man so ein Genie in seiner Stadt hat, auch Anteil nehmen an seinem Schaffen und Werken.« Beifällig schmunzelte die Tafelrunde . . . Man erwartete sich einen Hauptspaß, und keiner war dabei, der diesem größenwahnsinnigen, versoffenen Poeten, auf den die ehrsamen detmoldischen Bürger mit einer selbstbewußten Verachtung blickten, nicht aus vollem Herzen einen demütigenden Denkzettel gegönnt hätte. Grabbe, den der Wein schon nicht mehr klar sehen ließ, der aber instinktiv fühlte, daß man ihn in eine Falle locken wollte, kreuzte die abgezehrten Hände wie schützend über der Brust. Seine Stimme klang weinerlich: »Aber Herr Rat, ich habe doch nichts hier. Ich kann ja auch gar nicht vorlesen.« Binders Gesicht warf höhnische Falten. »Ihr nicht vorlesen, der Ihr vor Tieck und Könneritz spieltet?!« Alles kicherte vor Entzücken. Grabbe, dieser halbblinde, lahmbeinige Held! »Ihr nichts bei Euch haben, der nicht einen Fidibus sieht, ohne ihn zu beschreiben?!« Mit diesen Worten schob der Rat, dessen verkniffene Augen vor Vergnügen funkelten, ein mächtiges Glas Rum vor den Dichter. Der starke Geruch betäubte schnell die Widerstandskraft. Er stürzte die brennende Flüssigkeit schnell hinunter. Dann begann er in seiner Brusttasche zu wühlen.
»Also lest, Christian Dietrich, wir hören!« Die Ellenbogen stemmten sich würdig in Positur, man stieß sich gegenseitig an, kicherte in sich hinein. Endlich zogen Grabbes zitternde Hände mehrere Bogen engbekritzelten, schmutzigen und eingerissenen Papiers hervor. Er glättete sie liebevoll, schob die Flaschen und Krüge beiseite und beugte sich sehr tief über die Blätter, denn er sah sehr schlecht. Seine knollige Nase schien fast auf dem Papier zu liegen. Langsam bewegte er die Zunge, sie saß ihm wie geschwollen im Mund. Die Schriftzeichen verschwammen vor seinen Augen. Er stammelte den Titel: »Die Hermannschlacht.« »Auf den Spuren Klopstocks und Kleists also?« grölte Binder. Die übrigen brüllten vor Lachen. Diesen windschiefen Trunkenbold sich in einer Verbindung mit dem gigantischen Germanenringen zu denken, schien ihnen aber auch zu komisch. Grabbe sah Binder verständnislos an. Er begriff diese Lustigkeit nicht. War er nicht der Dichter des »Gothland«, des »Napoleon«? Was hatten diese dummkrötigen Gesellen zu lachen, wenn er vorlas. Wut stieg in ihm auf. Aber der Wein ließ ihn nicht zum Verstehen durchdringen. Er feuchtete schmatzend die Lippen, zuckte mit den spitzen Achseln und blinzelte den Archivrat ratlos an. Der fühlte vor diesem stehenden Blick etwas wie Scham. »Laßt Euch nicht stören durch meine Frage. Fangt an!«