Chapter 3
Keller liebte die Menschen, soweit sich das tun läßt, ohne urteilslos jedermann mit einem faden Gefühlsschleim zu überziehen. Er liebte sein Volk treu wie ein älterer Bruder, der lehrt, rät, eifert, sich mit freut und mit leidet, seine Familie dauerhaft und selbstverständlich, wie es zum Wesen dieses Instinktes gehört. Wie er es mit seiner Mutter hielt, ist bekannt, und man wird nicht ohne Rührung in seinen Briefen lesen, wie er die herbe, doch tapfere und urwüchsige Schwester Regula nach ihrem Tode betrauerte. Gegen Kameraden und Freunde war er anhänglich, anerkennend, dankbar und hilfsbereit. Zu kameradschaftlichem Wirtshausverkehr, den er im Auslande zunächst zu suchen pflegte, paßten ihm am besten die Landsleute, unter denen es immer biedere Gesellen gab, die guten Spaß und guten Trunk zu schätzen wußten. Daneben begegnete er einer Reihe von ausgezeichneten Männern, die ihm nicht nur menschlich zusagten, sondern ihn auch geistig anregten, so Ferdinand Freiligrath, der aufrichtige und brave Freiheitsapostel und tüchtige Mann, dessen Fröhlichkeit und Gelächter erquickend aus kindlicher Gemütsart quoll; Hermann Hettner, eine lebhafte, tätige Natur, durch vornehme Gesinnung ausgezeichnet, mit dem mündlich und schriftlich ein anregender Gedankenaustausch über literarische, namentlich dramatische Fragen betrieben wurde; Varnhagen, dessen auserlesenen Stil Keller bewunderte; Gottfried Semper, der Architekt, von dem es Keller ein Jahr nach seinem Tode so wunderlich träumte, er sei von drüben her ihn besuchen gekommen und habe ihm beim Abschied zugerufen: »Gehen Sie nicht dorthin, Herr Keller! Schlechte Wirtschaft dort!« Ferner der Ästhetiker Vischer, der in seiner Pfahldorfgeschichte Kellers äußere Erscheinung liebevoll geschildert hat, schließlich ein verwandter und ebenbürtiger Geist: Arnold Böcklin.
Sein Verhältnis zu C. F. Meyer wurde niemals herzlich, immerhin war es durchaus würdig und diente beiden Männern zum Ruhme. Meyer, der Kellers Überlegenheit anerkannte, näherte sich dem etwas älteren mit Ehrerbietung, unbeirrt durch Kellers kühlere Haltung; die unbefangene Herzhaftigkeit, die Keller sicherlich am liebsten gewesen wäre, war ihm nicht gegeben. Aus Kellers kurzen Briefen spricht Höflichkeit und der Wunsch, gerecht zu sein und nicht zu verletzen, zugleich aber auch eine gewisse Ungeduld, die er, wie mir scheint, lebhaft empfand, wenn jemand nicht ganz und gar er selbst zu sein entweder wagte oder sich begnügte.
Besonders liebenswert erscheint Keller in seinen Beziehungen zu den Frauen. Daß Keller die herzlichsten Gefühle, aber keine Gegenliebe in den von ihm geliebten Mädchen erregte, lag vielleicht an seinem weiblichen Mangel an Feuer und Tatkraft, der ihn verhinderte, da, wo er liebte, als Eroberer und zukünftiger Besitzer, überhaupt mit der leidenschaftlich elementaren Sicherheit aufzutreten, die Frauen nun einmal hinzureißen pflegt. So tief er fühlte, war er der Geliebten gegenüber doch ebensosehr der geniale, humorvolle Beschauer wie der begehrende Mann, welch letzterer einzig zwar nicht unbedingt beglückt, aber, wie die menschliche Natur ist, Leib und Seele der Frauen gewinnt. Was Keller als Freier schädigte, muß ihn als Menschen in unsern Augen erheben: die mannhafte stolze Art, wie er sein Liebesunglück im stillen überwand, und vor allen Dingen sein vornehmes Betragen gegen die, die ihn abgewiesen hatten, das niemals von Empfindlichkeit, geschweige denn jener Gehässigkeit und Rachsucht zeugt, die beim Manne leicht an die Stelle der zurückgewiesenen Liebesleidenschaft treten.
Von den Frauen vor allen sollte Gottfried Keller verehrt und dankbar liebend im Herzen getragen werden, denn sie haben unter den Dichtern keinen besseren Freund als ihn. Er, der so unwirsch über die sogenannte Frauenemanzipation brummte, hat in seinen Werken ein Frauenidealbild geschaffen, wie es die nach wahrer Freiheit strebenden Frauen sich wünschen mögen: die Frau, reich an weiblicher Süße und Herzensfülle wie an edeln Kräften des männlichen Geistes, die den Titel des Mannweibes im guten Sinne tragen dürfte. Klarer Geist und Tatkraft zeichnen alle die lieblichen Wesen aus, die seinem Haupte entsprungen sind. Da ist das Schloßfräulein Fides, die mit stillbescheidener Festigkeit aller Welt zum Trotz ihren Minnesänger Hadlaub zum Gemahl nimmt, und die der Dichter folgendermaßen charakterisiert: »Aus einem raschen und leidenschaftlichen Kinde war ein tief und stolz fühlendes und nicht minder klar sehendes und verständiges Wesen geworden, dessen Neigungen vorzüglich nach Recht und Ehre gingen.« Ihre äußere Schönheit beschreibt er so: »In diesem Gesichte gab es keine unklaren topographischen Verhältnisse, keine unbestimmten oder überflüssigen Räume, Flächen und Linien, alle Züge waren bestimmt, wenn auch noch so zart geprägt, wie in einem wohlvollendeten Metallguß, und alles beseelt von der eigensten, süßesten Persönlichkeit. Die Schönheit war hier von innen heraus ernsthaft, wahr und untrüglich, obgleich ein Zug ehrlicher Schalkhaftigkeit darin schlummerte, der des Glückes zu harren schien, um zu erwachen.« Ebenso betont er in Pankrazius dem Schmoller, daß Lydia nicht nur eine Schönheit, sondern »eine Person« gewesen sei; »und zwar schien diese edle Selbständigkeit gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Güte des Charakters und mit jener Lauterkeit und Rückhaltlosigkeit in dieser Güte, welche, wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine wahre Überlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein unbefangenes, ursprüngliches Gemütswesen ist, den Schein einer weihevollen und genialen Überlegenheit gibt.« Die wilde, herrliche Küngolt hat mehr leidenschaftliches Blut als klaren Geist, dafür besitzt sie aber Humor, der sonst den Frauen abgesprochen wird, und es liegt wahrhafte Überlegenheit darin, wie sie im Augenblick, wo sie enthauptet werden soll und am Abend desselben Tages, als sie zufrieden an der Seite ihres Mannes liegt, beide Male leise vor sich hinsagt: »So kann es einem ergehen!«
Anna Margarete Landolt, die Mutter Salomons, schildert Keller als die »beste und gerechteste Person« in ihrer verwilderten Familie. Sie reitet zwar mit den Männern auf die Jagd, führt die Hetzpeitsche und pfeift durch die Finger, aber sie hält sich doch »mit hellem Verstande und heiterer Laune bei guten Sitten«, so daß sie ihren Kindern eine zuverlässige Freundin werden kann. Recht ein Liebling Kellers ist Frau Marianne in derselben Geschichte, die »seltsamste Käuzin von der Welt«, eine »Person« durch und durch, urwüchsig, echt, großherzig und darum unwiderstehlich. Das Kloster, in dem sie nicht bleiben will, entläßt sie aus Schrecken über ihren »wilden und furchtbaren Widerstand«; die verliebten Offiziere und Studenten, die ihr nachstellen, weist sie energisch zurück, und einem Offizier, der sie aus Eifersucht verleumdet hat, zerbricht sie den Degen, daß er seinen Abschied nehmen muß. Als es dem Manne, den sie aus Liebe geheiratet hat, in ihrer Pflege zu wohl geworden ist und er anfängt, sie zu verachten, läßt sie ihn ziehen und kämpft sich allein weiter durch das Leben. Ihr Herz, das »stärker war als alle Schicksale« und den Verlust von neun leidenschaftlich geliebten Kindern überlebt hat, überstrahlt ihre verwitterte, rauhe Erscheinung, die sie »eher einem alten Husaren als einer Wirtschaftsdame« gleichen läßt; und als sie, müde von Arbeit und Pflichterfüllung, stirbt, folgt ihrer Leiche ein Grabgeleite »wie einem angesehenen Manne«.
In vielen Fällen verleiht Keller den Frauen eine gewisse Überlegenheit den Männern gegenüber, die als gute, leidenschaftliche Wesen, nach altgermanischer Auffassung, ihrer Harmonie und Besonnenheit bedürfen. Spielt auch anderswo der Mann die führende Rolle, wie Dietegen die törichte Küngolt beschützt oder Justine durch den feineren Jukundus beschämt wird, so ist es dann doch wieder irgendeine Schwäche des Mannes, Verstocktheit oder Mangel an rechtem Zugreifen, die die Verwirrung herbeiführt.
Hat sich nun auch Keller selbst zu der »lieblichsten der Dichtersünden« bekannt, Frauenbilder, wie die Erde sie nicht trägt, zu erfinden, so ist das ganz buchstäblich nicht zu nehmen; denn er war der Meinung, daß das Dichten nur berechtigt sei, wenn man, bei allem phantastischen Zauber, Wahres darstelle, und würde sich nie herbeigelassen haben, Menschen zu schaffen, die ihresgleichen in der Natur nicht hätten oder haben könnten. Er hatte gute Vorbilder in seiner Mutter sowohl wie in allen den Frauen, die nacheinander sein Herz bewegten. Luise Rieter, die Winterthurerin, ein offenes, heiteres und schlagfertiges Mädchen, die nach dem Tode ihres Vaters, obwohl viel umworben und in Wohlhabenheit aufgewachsen, im Ausland Erzieherin wurde, um sich ihr Leben selbst zu verdienen, und später trotz eines schweren Leidens, das sie sich zugezogen hatte, Sonnenschein um sich zu verbreiten wußte bis zu ihrem im Jahre 1879 erfolgten Tode, war augenscheinlich durch Charakter, Temperament und Begabung ausgezeichnet; ebenso Johanna Kapp, die ähnlich wie Luise Rieter mit der Fähigkeit, sich einem geliebten Manne rückhaltlos hinzugeben, einen starken Unabhängigkeitssinn verbunden zu haben scheint. Es ist den Werken Gottfried Kellers zugute gekommen, daß er sich im Leben an nicht nur liebreizende, sondern auch feste und tüchtige »Personen« hielt.
Was Keller an den Frauen nicht liebte, sieht man an einer Gestalt wie Züs Bünzlin, mit der er, wie er gelegentlich bekennt, ohne Absicht manche Erscheinung der ästhetischen Berliner Kreise getroffen hat. Sehr unduldsam war er gegen berechnende Gefallsucht und konnte, wo er etwas davon spürte, in Wirklichkeit ebenso grob werden, wie sein Pankraz gegen Lydia; dort hat er sich auch in sehr verdienstlicher Weise scharf über die von vielen Frauen beliebte Koketterie ausgelassen, sich absichtlich dumm und albern zu stellen und das für weibliche Anmut auszugeben. Er liebte Gesundheit, Ehrlichkeit, Freimut, Kraft, ganze Gefühle, und widerwärtig waren ihm Verlogenheit, Gespreiztheit, hohles Verstandeswesen, Kleinlichkeit, ohnmächtiges Wollen ohne Vermögen, Eitelkeit; aber keineswegs war er der Meinung, irgendeine von diesen oder anderen Eigenschaften kämen dem männlichen oder weiblichen Geschlechte allein zu. Von dem alten Trödlerpaar im Grünen Heinrich hat eigentlich die Frau, die das Geschäft gegründet und das Vermögen gemacht hat, die geistiger Interessen fähig ist, Wohlwollen zeigt und überhaupt in großen Linien angelegt ist, die Eigenschaften, die man für gewöhnlich männlich nennt, der schmarotzende kleine Mann hingegen, der nichts ernst nehmen kann, rachsüchtig, gehässig und genäschig ist, die sogenannt weiblichen. Ebenso ist Eugenie in den Sieben Legenden selbständigen und starken Geistes, so daß sie ein ganzes Kloster regieren kann, während die Hyazinthen weiblich abhängig und faul sind und, sowie sich die Gelegenheit gibt, unter vollständigem Absterben aller geistigen Regungen dicke Mönche werden.
Der Künstler, der selbst in erster Linie Mensch und dann erst Geschlechtswesen ist, sieht auch in den andern zunächst den Menschen, woher die hohe Sittlichkeit der großen Kunstwerke rührt. Keller steht hoch über der sinnlich subjektiven Enge eines E. T. A. Hoffmann, der mit Frauen, die häßlich oder mehr als zwanzig Jahre alt waren, nichts anzufangen wußte; seine Briefe an die Witwe Freiligraths und ihre Schwester Marie Melos zeigen seine zarte, liebevolle und ehrerbietige Gesinnung im Verkehr mit liebenswerten alten Damen, und selbst einer ihm unsympathischen, ungewöhnlich reizlosen Erscheinung gegenüber, wie Ludmilla Assing war, läßt er es trotz aller gelinden Ironie nicht an Achtung vor dem, was sie leisten konnte, und nicht an Mitleid mit ihrem halb lächerlichen halb tragischen Schicksal fehlen. Demgemäß hat seine Kunst auch nicht nur hübsche junge Frauen, sondern in der Mutter und Großmutter des Grünen Heinrich, der Frau Hediger und Frau Regel Amrain, der erwähnten Marianne und der Marie Salander Typen für die Schönheit und Würde einer jeden Altersstufe geschaffen.
Dem Bilde seiner Frau entsprechend ist die Liebe in seiner Dichtung dargestellt: stark, naiv, rein und süß. Von Sinnlichkeit hat sie soviel wie es einer schönen und gesunden Natur gemäß ist, und da sie immer durch eine geistige Kraft im Gleichgewicht gehalten wird und naiv ist, tritt das Bedürfnis nach Verschleierung nicht auf, die häßliche Lüsternheit aus einem natürlich guten Triebe macht. Wie nun innerhalb der Liebe deren sinnlicher Seite ihr gutes Recht gelassen, doch auch eine bestimmte Schranke gezogen wird, so hält es Keller mit der Liebe überhaupt, indem er ihre Lust und Qual ganz empfindet und empfinden läßt, ohne daß sie sich im Leben allzu breit machen darf.
Im modernen Leben wie in der modernen Kunst ist der Liebe zuviel Platz eingeräumt, und es gehört das zu den bedeutendsten Ursachen und Kennzeichen der Kränklichkeit und Schwäche unserer Zeit. »Ein oder zwei wegen einer Dame ruinierte Jahre mögen allenfalls angehen,« schrieb Keller anläßlich des Narciß von Brachvogel, »aber ein ganzes Leben darf nicht geschnupft werden und ist weder dramatisch gut noch sonst ersprießlich.« So ließ er wohl seinen Grünen Heinrich an der Verschuldung gegen die Mutter zugrunde gehen, aber von Liebessachen lassen seine Helden und Heldinnen sich nicht unterkriegen; selbst Agnes, die schwächste seiner Mädchen, verwindet ihren Liebesgram, um eine brave Familienmutter zu werden. Das Unglück unerwiderter Liebe, das er selbst oft erfuhr, ließ er nicht als solches gelten: »Nur eigensinnige und selbstsüchtige Verfassungen laufen Gefahr sich aufzulösen, wenn sie von denen nicht geliebt werden, die ihnen gefallen.« Aber auch andersgeartetes dauerndes Abirren der Liebesleidenschaft mißfiel ihm: er verlangte für dieselbe »eine natürliche Grundlage der Zweckmäßigkeit und Möglichkeit«; was gewiß nicht ausschließt, daß er für jedes menschliche und wahre Gefühl Verständnis hatte. Am meisten verhaßt war ihm eben auch auf diesem Gebiete das Hohle, Unwahre und Sentimentale, in das man sich »hineinduselt«, oder das Absichtliche und Prahlerische, was ihn an dem »vierbeinigen zweigeschlechtlichen Tintentier« Stahr-Lewald so sehr erbitterte.
Es ist eigen, daß gegen einen Dichter, der in der Auffassung der Liebe so streng eine gesunde Keuschheit beobachtete, der Vorwurf erhoben werden konnte, er habe in seiner Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe ein unwahres Bild der Liebe entworfen und dadurch schädlich gewirkt; während gerade die Hilflosigkeit zweier ganz junger Menschen gegenüber dem großen Elemente zwar nicht vorbildlich ist, aber ein typisches Naturereignis und in seiner Notwendigkeit von erschütternder Schönheit. Vergleicht man seine Behandlung dieses Stoffes mit mancher modernen, so wird man seine Kunst des Poetisierens und Stilisierens, unter der die Wahrheit nicht leidet, doppelt bewundern.
Zu den Dingen, die »fester und löblicher« seien als die »jugendliche Kurzweil« des Liebens, rechnete Keller besonders die Betätigung als Staats- und Stadtbürger. Gottfried Keller gehörte nicht zu jenen Künstlern, die sich vom öffentlichen Leben in einen Schlupfwinkel zurückziehen, um dort an einer womöglich mit dem Leben nicht organisch verbundenen Kunst zu schaffen, sondern er schlug seine Wurzeln fest in den Boden, wo alle Menschen sich umtreiben, in der Meinung, von dort aus desto besser in die Luft wachsen zu können. Als ein bürgerlicher Städter gehörte er nach den damaligen Zeitumständen und auch nach seinem trotzigen, unabhängigen Sinn der Demokratie an, wohingegen seine Objektivität ihn für billiges Maßhalten und Anerkennen des Berechtigten aller Parteien geeignet machte. Demgemäß beteiligte er sich in der Jugend, die sich dem Strome der Zeit gern hingibt, an den revolutionären Kämpfen der vierziger Jahre, mäßigte sich später und bekam im Alter einen scharfen Blick für die Schäden der Demokratie, ohne darum ein verbitterter Reaktionär zu werden. Aus seiner Jugendzeit haben wir von ihm ein Lied vom Völkerfrieden, von der goldenen Zeit, wo alle Nationen in eine würden vereinigt sein. Keller war nicht der Mann, derartige allgemeine Zukunftsideale mit auf die nächsten Bedürfnisse der Gegenwart gerichteten Handlungen zu vermengen; aber deswegen waren sie für ihn doch etwas anderes als bedeutungsloser schöner Schall. Vollends wäre es verkehrt, aus der harten Kritik, die er im Salander an der zeitgenössischen Demokratie übte, zu schließen, er sei als alter Mann seinen Jugendidealen abtrünnig geworden; denn tiefster Überzeugung nach gehörte er immerwährend dahin
wo das Herz schlägt, Auf der Menschheit frohe Linke, Auf des Frühlings große Seite!
und äußerte die Meinung, ein verständiger Mann müsse Freund der Freiheit und des Fortschritts auf jedem Gebiete sein, was für Irrtümer und Torheiten es auch dabei zu überwinden geben möge.
Für die Weltpolitik fehlte es ihm nicht an Interesse und Verständnis; aber indem er die Großartigkeit der Verhältnisse in den Nachbarländern, wo sich in seinen Jugendjahren leidenschaftliche Kämpfe abspielten, bewunderte, kehrte sein Blick doch mit Genugtuung zu seiner Heimat und ihrer bewußteren, zweckvolleren Entwicklung zurück. »Wie unermeßlich aber auch alles ist,« schrieb er 1848 gelegentlich der Revolutionen in Wien, Berlin und Paris an einen Freund, »wie überlegen, ruhig, wie wahrhaft vom Gebirge herab können wir armen kleinen Schweizer dem Spektakel zusehen! Wie feingliederig und politisch raffiniert war unser ganzer Jesuitenkrieg in allen seinen Phasen und Beziehungen gegen diese freilich kolossalen, aber abc-mäßigen Erschütterungen! Selbst daß unsere Leute weniger Todesverachtung gezeigt haben, als fast alle diese verschiedenen Städte, ist mir lieber und beweist die feinere Kultur, das Bewußtsein, daß es eben gehen muß und soll, ohne sich allzu toll zu gebärden.«
Kellers Vaterlandsliebe war sowohl die instinktive, unwandelbare Anhänglichkeit an die mütterliche Erde, der nahezusein ihm Wohlgefühl und Augenweide bedeutete, wie gründliches Kennen und Schätzen und schließlich das Bewußtsein, durch Blut, Opfer, Ruhm und Gedankenarbeit der Vorfahren auf seinen Posten verpflichtet zu sein und den Nachkommen Haus und Gut, soviel an ihm sei, in würdig wohnlichem Zustande überlassen zu müssen. In dem Gedicht vom alten Bettler scheint mir Kellers Vaterlandsliebe vollkommen zum Ausdruck gebracht zu sein; zugleich seine unzerstörbare Kindestreue und die göttliche Ferne und Uneigennützigkeit seines großen Herzens.
Es ist bekannt, daß Keller nicht nur Liebhaber in der Politik war, sondern während einer Reihe von Jahren als erster Staatsschreiber Zürichs der Staatskanzlei vorstand und damit eine beträchtliche Menge von Geschäften zu erledigen hatte. Das gereicht der zürcherischen Regierung und ihm selbst zu hohem Ruhme; denn es gehörte von seiten der Regierung ein stolzes Zutrauen und feines Selbstbewußtsein dazu, dem nicht juristisch vorgebildeten und durch seine Gewöhnung an willkürliches Sichgehenlassen ein wenig verwilderten Dichter auf einen so hohen, jedermann sichtbaren Platz zu stellen, und andererseits Kellers intelligente Tüchtigkeit, der Meinung zu entsprechen.
Am Vorabend seines Amtsantritts machte Keller eine große Gesellschaft mit, bei der ihm der Weingenuß um so schlechter bekam, als er in den Groll über die Extravaganzen, die er mit ansehen mußte, hineintrank, und anstatt um 8 Uhr in der Kanzlei zu erscheinen, mußte er nach 10 Uhr von einem Regierungsrat aus dem Bette geholt werden, was der Entrüstung, die in weiten Kreisen über die unbedachte Wahl herrschte, Recht zu geben schien. Allein es war die letzte Welle, die Keller bis an den Hals und fast über das Zeichen des Eichmeisters hinaus schlagen ließ; nunmehr gebot er Halt und zeigte sich als ein so unantastbarer und gewiegter Staatsschreiber, daß die Widersacher sich sogleich bekehrten und öffentlich bekannten, sie hätten bei ihrer Beurteilung der Sache das Genie nicht in Betracht gezogen, das jede Aufgabe zu bemeistern wisse.
Es wäre verkehrt, die Sache so aufzufassen, als hätte durch den Beruf der Dichter sich ins bürgerliche Joch zwingen lassen und wäre Philister geworden; sehe man es lieber als einen Beweis an, daß dieser Dichter keine an der Menschheit schmarotzende Pflanze, kein außerhalb stehender Priester oder Götze sein wollte, sondern sich Mensch wie die andern fühlte, nur reicher und stärker an Trieb wie Bewußtsein, und darum der Gesellschaft mehr als andere verpflichtet.
Daß er während seiner Amtsjahre nicht dichtete, ist nicht zu beklagen, weil man sicher sein kann, daß in seinem Inneren Keimen und Wachsen war, und weil das langsame, stille Reifwerden zu seiner Eigenart gehörte, der zum Teil gewiß die besondere Süße und Fülle seiner Werke zu verdanken ist; aber auch abgesehen davon, ist es segensreich für ein Volk, wenn seine Künstler nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihr Leben voranleuchtend wirken, und die tapfere Selbstherrschaft, die Keller ausübte, indem er seiner Mutter und seinem Vaterland zuliebe sich in den Dienst des Staates stellte, macht ihn menschlich ehrwürdig und vorbildlich.
Nach 15 Jahren machte Keller sich wieder frei und begab sich daran, sein Lebenswerk zu vollenden, vor allen Dingen durch Überarbeitung des Grünen Heinrich. Verlangte nicht die Pietät, dem Dichter zu gehorchen, der einen Fluch über diejenigen aussprach, die jemals die erste Fassung seines Romanes wieder ins Leben riefen, so müßte uns der gute Geschmack bestimmen, sie der Vergessenheit, die er für sie wünschte, zu überlassen; denn wenn Keller die Fehler seines Jugendwerkes auch allzu peinlich empfand, so muß doch zugegeben werden, daß ihm der Mangel an Überblick des Ganzen, viel subjektives Reden und nachlässige Breite stellenweise mehr den Charakter eines Tagebuches als einer formgewordenen Kunstarbeit geben. Der Grüne Heinrich in seiner endgültigen Fassung dagegen besitzt die Reife und Vollendung, die vielleicht nur ein Werk haben kann, an dem Jugend und Alter gemeinsam gearbeitet haben. Einen solchen Roman besaß unsere Literatur trotz Wilhelm Meister und der Romantik noch nicht; der einzige in deutscher Sprache, der war, was diese Dichtungsform sein sollte, nämlich ein modernes Epos, eine homerische Dichtung, die doch nirgends eine solche Analogie sucht und ganz unter ihren eigenen Bedingungen erwachsen ist.
Ein Leben läuft ab, aus altem, ansässigen Bauernvolk hervorgegangen, in die bewegliche Stadt versetzt, von dem Strome des geordneten Staatswesens aufgenommen und weitergetragen, bis die eigenen Schicksalstriebe sich regen, die es mit wechselnder Bewegung, bald müßig schlängelnd, bald mit starkem Stoß und stürzend, durch Irrtum und Kampf, hart am Untergang vorüber, zu versöhnter, doch schmerzvoller Klarheit führen. Homerisch darf man die Dichtung insofern nennen, als alle dargestellten Verhältnisse und Menschen einfach und typisch sind und auch die Besonderheit des Stiles nur darin besteht, mit Unterdrückung des Zufälligen, Unwesentlichen, das schlechtweg Angemessene und das Verständnis Befördernde zu sagen.
In Hinsicht des Stoffes handelt es sich im Grünen Heinrich -- und meistens bei Keller -- um die einfachsten menschlichen Verhältnisse: Trennung und Heimkehr, Erziehung, Schule, Beruf, Arbeit und Feste, aus welcher einfachen Struktur die Fülle, die er energisch verlangte, durch zahlreiche individuelle Züge, die denn auch bunt, abenteuerlich, ja grotesk sein durften, organisch hervorblüht.