Gottfried Keller

Chapter 2

Chapter 23,441 wordsPublic domain

Mit der Zeit erschien Keller doch, um seinem Sichgehenlassen und schweigendem Erstarren entgegenzuarbeiten, in der Gesellschaft, besonders in dem Kreise, den Varnhagen und seine Nichte Ludmilla Assing um sich versammelten, und in dem des Verlegers Franz Duncker und seiner Frau Lina; aber, wie man sich denken kann, sagte das geistreich ästhetisierende Berliner Wesen seinem auf das einfach Schöne und Wahre und auf ungebundene Daseinslust gerichteten Sinne nicht zu. Er seinerseits, der in größerer Gesellschaft meistens schwieg, tat es jedenfalls in ausdrucksvoller Weise und machte trotzdem überall einen bedeutenden Eindruck; wie ja das Gewicht einer Persönlichkeit, sie braucht bloß zu erscheinen, gespürt wird. Im Dunckerschen Hause lernte Keller ein schönes, großes Mädchen kennen, die ihn anfänglich in Berlin festhielt und schließlich daraus vertrieb; denn er wurde noch einmal von einer »ungefügen Leidenschaft« befallen, die, wie es scheint, durch ein mehr oder weniger unschuldiges Kokettieren von seiten der Geliebten unerträglich gesteigert wurde. Der Dichter hat ihr nicht nur im Grünen Heinrich als Dortchen Schönfund ein Denkbild gesetzt, sondern auch in der Novelle von Pankraz dem Schmoller als Lydia, so daß wir sie vom Standpunkt des Liebenden aus in ihrem Liebreiz, und von dem des Grollenden mit ihren gefährlichen Verführungskünsten kennen lernen. In dieser Zeit entstand das durch seinen süßen Ton ausgezeichnete Gedicht:

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz, Weil es schon so viel geliebet. Einer Geige gleicht es, die geübet Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Aus den grausamen Fängen dieser Leidenschaft rettete er sich endlich an das unwandelbare Herz der Mutter, und die oft erträumte Heimkehr wurde endlich im Dezember 1855 nach siebenjähriger Abwesenheit ausgeführt.

Nichts weniger als reich und nur in einem kleinen Kreise von Kennern berühmt, aber als ein bewußt lebender und schaffender Mann kehrte der suchende Träumer zurück; den Schatz, auf den es ankommt, hatte er also doch gehoben. Welche Rolle bei Keller das bewußte Geistesleben spielte, verdient nachdrücklich betont zu werden in einer Zeit, wo viele glauben, das Höchste in der Kunst vermöge nicht des Menschen bewußter Geist, sondern es gehe aus einer ihm selbst nicht ganz durchdringlichen Dämmerung seines Innern hervor, und durch Bildung, also Aufhellen des Bewußtseins, laufe man Gefahr, die im Dunkel hausende Genialität zu verscheuchen. Keller hatte von früh auf den Trieb, sich über sich und die Welt klar zu werden, der mit der Zeit zur festen Einsicht wurde, daß erst im Lichte des Bewußtseins das Schwankende sich gestaltet, das Zufällige notwendig wird. Von dem alten Schlachtendichter Scherenberg, mit dem er in Berlin verkehrte, sagt er, er sei »ein Genie, aber ein alter, unwissender Hanswurst, der den Mangel an Selbstbeaufsichtigungs- und Bildungsfähigkeit durch allerhand Charlatanerie zu verdecken sucht.« Nicht minder hart urteilt er über die »Gedankenlosigkeit und Faulheit« seiner Jugend und die Erzeugnisse der »unwissenden Lümmelzeit«. Der Grüne Heinrich in seiner ersten Form und die erste von den Seldwyler Novellen, Pankraz der Schmoller, sind noch mehr Schöpfungen eines genialen Dranges als eines göttlichen Geistes, der, wenn er es Licht werden läßt, schon jedes Teilchen der Welt kennt, die darin spielen soll. Merkt man diesen Werken auch an, daß sie von einem denkenden Dichter sind, so ist doch nicht zu verkennen, daß er seinen Stoff nicht durchaus in der Hand hat, sondern zuweilen von ihm geführt wird, wohin er nicht eigentlich wollte. Was er danach schrieb, ist von einem, der sich für jedes Wort und die Stelle, an der es steht, verantwortlich weiß und darüber Rechenschaft ablegen kann. Der klarste Verstand hantiert mit den Ausgeburten der unbändigsten Phantasie, und die bacchantischen Gebilde, die aus den Schluchten des Unbewußten auftauchen, nimmt ein feingeschliffenes Spiegelglas mit reinem Umriß auf.

Es ist der Mangel an Verstand und der Mangel an Gefühlskälte und Gefühlsferne, der die meisten Dichter von dem Preise, nach dem sie ringen, ausschließt. Kellers ungemeiner Verstand bewahrte ihn vor Geschmacklosigkeiten und Banalitäten, deren Nachbarschaft jede noch so blühende poetische Schönheit vollständig entwertet, doch macht er sich niemals positiv bemerkbar; der Dichter erscheint in seinen Werken nur schaffend, gestaltend, bejahend, niemand denkt an den schneidigen Mitarbeiter, der mit ruhiger Selbstverständlichkeit, daher unauffällig, im Hintergrunde steht. Er hatte die Nüchternheit, die Hölderlin heilig nennt, im Augenblick, wo er die andern berauschte. Überwältigte ihn auch wohl einmal beim Schreiben das Gefühl bis zu Tränen, so dachte er doch im ganzen, wenn er arbeitete, nur an die Gestaltung des Stoffes nach einem bestimmten Kunstideal: »Denn ich bin ein Auktor,« schrieb er einmal, »bei dem es sich außer dem Honorar auch noch um eine gesetzmäßige, ordentliche Entwicklung handelt, wo das letzte Opus immer das beste und ein Fortschritt erkenntlich sein soll.« Die Stürme, Tränen und Ängste waren abgetan zur Zeit der künstlerischen Verarbeitung, und das Gefühlsmäßige in seinen Stoffen konnte die harte Hand des Schaffenden nicht mehr erweichen. Diese Kälte des Menschen, die die wahre Glut des Künstlers ist, erschwert vielen Lesern den Genuß seiner Werke, da weitaus die meisten Menschen, nicht nur die Frauen, nur durch das Gefühl, ja nur durch Sentimentalität berührbar sind. Selbst ein feiner Dichter und Künstler wie Storm konnte Keller in seine dünne Höhenluft, bis zu der scheinbaren Grausamkeit, die das angenehme Verweilen auf jedem wonnigen Plätzchen verschmäht, nicht immer ganz folgen.

Es soll nun selbstverständlich nicht gesagt sein, Verstand und Absicht für sich allein wären imstande, ein Kunstwerk hervorzubringen, und am allerwenigsten, das wäre Kellers Fall gewesen; aber wie es aus dem Unbewußten vom Bewußtsein erzeugt werden soll, das läßt sich an seinem Muster studieren. Er trägt sein Geschöpf wie eine Mutter ihr Kind ohne Ungeduld, ohne sein Traumweben zu stören, speist es mit allen Zuflüssen, die sein Geist mit oder ohne Willen aufnimmt, ja manchmal verpaßt er sogar die Stunde, wo es lebendig ans Licht hätte kommen können. Es wurzelt mit ihm in dunkler Erde und treibt mit ihm die Krone ins grüne Licht. Nichts war Keller mehr zuwider als das ohnmächtige Betasten und Zerfasern des Gegenstandes, das »Grübeln über die Mache«, das er an Grillparzer und Otto Ludwig tadelt, da doch das einzig richtige sei, unbefangen etwas zu machen; wobei er als selbstverständlich voraussetzt, daß das Wissen, wie etwas zu machen sei, vom Künstler bereits erworben und ihm Natur geworden sei. Ähnlich wie wir beim tierischen Körper nicht die im Innern des Organismus verlaufenden Funktionen, nur seine fertige Gestaltung wahrnehmen, so will der Künstler, daß wir nur den hellen Gedanken und das sprechende Bild, nicht den trüben Weg, der vom Gefühl dahin führte, sehen; Keller wenigstens empfand das Entblößen von etwas Innerem, das zudringliche Aufwühlen von dem, was die Natur zu verhüllen pflegt, ja schon das Spintisieren und weitgehende Zerlegen der Erscheinungen durch den Verstand als eine Verletzung der Unschuld und Bescheidenheit, weswegen er eine impulsive Abneigung gegen die Briefwechsel der Rahel Varnhagen nicht unterdrücken konnte.

Beim Anblick eines Schwanes, der, auf einem Waldsee ziehend, bald den Hals in die Flut taucht, bald ihn wieder hebt und lauscht, mußte Keller an seine eigene Seele denken, die, verwundert über das Leben, umherschaut, und er ruft ihr zu:

Atme nun in vollen Zügen Dieses friedliche Genügen Einsam auf der stillen Flur. Und hast du dich klar empfunden, Mögen enden deine Stunden, Wie zerfließt die Schwanenspur.

Er hielt es geradezu für ein Ziel des Daseins, über sich und seine Stellung in der Welt zur Klarheit zu gelangen; aber nicht über sich als eine unbegrenzte Möglichkeit, sondern als Realität, die lebend und handelnd erscheint, wozu vor allen Dingen Ehrlichkeit erforderlich ist.

Man muß, wenn man Keller als bewußten Menschen betrachtet, um ein richtiges Bild zu gewinnen, stets im Auge behalten, daß er ebensosehr Instinktmensch war, mit starken Zuneigungen und Abneigungen, die leicht gegen ungermanische Rasse und Art entstanden, und sich nicht selten in bedrohlicher Weise äußerten, indem er etwa auf den Tisch schlug, daß die Gläser zersprangen, oder Prügel an Unliebsame austeilte. In solchen Wutausbrüchen durchbrach zuweilen das unterirdische Feuer sein natürliches Phlegma. Es läßt sich aber wohl denken, daß er für sein ungeheuer weites und helles Bewußtsein mehr Gegengewicht brauchte, als seine Natur und seine Lebensumstände ihm boten, und daß er übermäßiger Liebhaber des Weingenusses wurde, weil er das im Rausche fand. Im Grünen Heinrich erzählt Keller, wie er beim Tellfest auf dem Lande angefangen habe zu tanzen und zu lärmen, ohne zufrieden zu sein; denn die Lust sei ihm im einzelnen viel zu nüchtern und langsam gewesen. Da gerät er zu einer Gesellschaft weintrinkender Burschen, und hier findet seine Sehnsucht endlich ein Ziel: »Ich trank von dem kühlen Wein, dessen schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an zu singen.« Man sieht, daß erst nach Lähmung des großen kritischen Apparates, den er im Kopfe hatte, die Wirklichkeit seinen Phantasievorstellungen ähnlich wurde, und daß er sich im Grunde nur nach dieser innerlichen Entfesselung sehnte. Noch allgemeiner und tiefer ist es überhaupt das Bedürfnis der von ihrer durchdringenden Bewußtheit und ihrer Einzelheit ermüdeten Seele, sich von einer großen Lethewelle überschwemmen zu lassen, ähnlich wie man sich im Schlaf vom Wachen erholt. Nach strenger Anspannung tritt eine beglückende Lösung ein. Es ist scherzhaft zu beachten, was für einen Ehrenplatz der »goldfarbene Löwe« in Kellers Werken einnimmt; häufiger noch als bei E. T. A. Hoffmann die gemütlichen Punschbereitungen sind bei Keller die Gelegenheiten, wo schönfarbiger Wein gereicht wird, und nicht genug, daß sich die Wackern am Guten erfreuen, kennzeichnen die Schlechten ihre Verachtungswürdigkeit dadurch, daß sie sauren und wohlfeilen trinken, wie der Seldwyler Viggi Störteler mit seinen Genossen, die noch dazu den »Schwefelwein« nicht vertragen können und große Abschwächung und Übelkeit davontragen. Übrigens lobte Keller seinen Hang zum Weintrinken im Ernste selbst nicht und gab sich ihm auch nicht in so maßloser Weise hin, daß er dadurch sein Leben und seine Lebensarbeit geschädigt hätte.

Kellers Beschaffenheit, die ich eben mit einigen Strichen zu umschreiben versuchte, spiegelte sich wieder in seiner Weltanschauung und in seinem praktischen Verhalten, das mit dieser übereinstimmte. Es wurzelte nämlich seine Weltanschauung gleichermaßen im Bewußten wie im Unbewußten, das heißt, er erfaßte Gott sowohl als das allgemeine Bewußtsein, in dem jedes einzelne seinen Urquell habe, wie in der Natur als ewig wechselnden und gestaltenden Lebenswillen; und wenn er als Kind und Jüngling die Leitung seines Lebenslaufes der Fürsorge des allweisen Versorgers anvertraute, war das ebenso aufrichtig, wie wenn er nach den wundervollen Strophen:

Damals war ich ein kleiner Pantheist Und ruhte selig in den jungen Bäumen

im Schoße der Natur sich im Schoße Gottes fühlte. Unter dem Einflusse Feuerbachs machte er insofern eine Umwandlung durch, als er das Dogmatische und Vermenschlichte, was infolge der Erziehung seinem Glauben noch anhing, abwarf, namentlich in bezug auf den Glauben an die Unsterblichkeit. Wenn er mehrmals betont, daß er den Gedanken an Unsterblichkeit aufgebe zugunsten eines desto glühenderen Erfassens der Wirklichkeit, des Lebens, so sieht man daraus, daß er hauptsächlich jene Auffassung bekämpfen will, die den Schwerpunkt auf ein nach Maßgabe des irdischen Wesens vorgestelltes oder besser erträumtes Jenseits verlegt, anstatt die auf Erden gestellten Aufgaben mit ganzer Hingebung zu erfassen und sich dem großen Gesetzesgange der Welt bescheiden zu unterwerfen. Er hat die unter dem Einfluß Feuerbachs geklärten Ansichten in der Figur Dortchen Schönfund verdichtet, in der die Wehmut des Verzichtes auf die Unantastbarkeit des eignen Selbst sich reizvoll vermischt mit der eben dadurch erhöhten Lebenswonne.

Sei dem wie ihm wolle: man kann mit dem Verstande und dem Geschmack die verschiedensten religiösen und philosophischen Meinungen billigen, eine, die im Wesen des Menschen begründet ist, bleibt davon unberührt, und das war bei Gottfried Keller die eigentliche Frömmigkeit und Gottgläubigkeit, bestehend in der immer gegenwärtigen Überzeugung von der Folgerichtigkeit und Zweckmäßigkeit alles Geschehenden und in der unerschütterlichen Verehrung der Vernunft des Weltganzen. Im Grünen Heinrich löst er selbst das Wunder der Gebetswirkung, als welches er es zuerst ansieht, dahin auf, daß er die rettende Wendung aus der durch das Gebet in ihm entstandenen Sammlung und Kräftigung erklärt, die ihn befähigte, ein geeignetes Hilfsmittel zu entdecken, und er fühlt sich nun wiederum befriedigt, »indem eben dieser Prozeß göttlicher Natur sei, und Gott in diesem Sinne ein für allemal die Appellation des Gebetes dem Menschen delegiert habe, ohne im einzelnen Falle einzugreifen, auch ohne sich für den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbürgen«. Dies lautere Gottesbewußtsein bildet den goldenen Grund aller Dichtungen Kellers: ein tiefes Ruhen in der Vernunft des Alls, dem er sich selbst angehörig fühlt.

Dieselbe Frömmigkeit beseelte Keller gegenüber der Natur; während es im allgemeinen solche Menschen gibt, die Ehrfurcht vor Gott, dem Geiste, empfinden bei verhältnismäßiger Herabsetzung der Natur, und solche, die, weil sie die eisige Majestät des Geistes fürchten, sich mit fast krankhafter Zärtlichkeit in die Arme der Mutter, der Natur, flüchten, so hegte Keller, glücklich harmonisch, gleiche Liebe für beide. Ich kenne keinen Dichter, der so treu und inbrünstig verehrend und dabei mit durchfühlendem, lächelndem Verständnis die Natur in die Kunst übertragen hat, wie es eben nur ein Kind mit der Mutter tun kann. Er kennt ihre herrlichsten Wunder und ihre heimlichsten Wege, er liebt ihre goldenen und grauen Tage, teilt das Höchste und Kleinste mit ihr. Sie ist die Geliebte, die ihn mit ewiger Treue und Jugend erquickt; ihren warmen Mutterblick möchte er im Streit des Lebens auf sich ruhen fühlen, ihre Frühlinge, Früchte und Sterne sind ihm statt alles irdischen Gutes. Sein Herz ist ganz in dem armen Jungen, der die Pfennige zu erbetteln vergißt, die seinen Hunger stillen sollten, weil einer Hyazinthe »seliger Duft« ihn betörte, und das Begrabenwerden in der braunen Erde ist ihm ein wohliges Verkriechen in den guten mütterlichen Schoß. Tiere führte er mit so pietätvoller Liebe ein, daß durch ihn der Menschengeist ihre bewußtlos wissende, haltlos flutende Seele mit seinem unsterblichen Atem zu überhauchen scheint. Ich erinnere an die Eidechse in dem Zyklus vom Lebendig Begrabenen, die vom Zweige herab auf den Jungen schaut, der unter dem Baume liegt und träumt:

Nie hab ich mehr solch guten Blick gesehn Und so lebendig ruhig, fein und glühend; Hellgrün war sie, ich sah den Odem gehn In zarter Brust, blaß wie ein Röschen blühend;

wie sie sich dann vom Zweige herabläßt und sich ihm, ein feines Geschmeide, um den Hals biegt:

Das war der einzige und schönste Schmuck, Den ich in meinem Leben je getragen!

Oder man denke an die Schilderung der schönen Schlange im Sinngedicht, die Reinhart Lucie zu berühren lehrt, und von der sie zu träumen wünscht, wenn sie einmal traurige Tage hätte; oder an die Schilderung des Steinbocks im Apotheker von Chamounix, der zierlich auf dunkler Klippe steht, »alle Füße nah beisammen«:

Manchmal sah ers oben stehen In des Herbstes Rosensonne, Wie ein Traum von hohen Zinnen Sah es lauschend in die Tiefen.

Niemals hingegen finden wir bei Keller das Sichauflösen in die Natur, das im Grunde nur ein wollüstiges Abwerfen der mühseligen Verantwortlichkeit und des selbstbewußten Lebens von seiten der Schwachen ist.

Kellers Anschauungen sind alle Erwerb aus seinem Leben und stehen deshalb nicht in Widerspruch dazu. Es verdient höchste Bewunderung, wie ernst und ehrlich er die Folgen seines Daseins auf sich nahm, so lastend sie sein mochten, was man in seinen biographischen Dokumenten, im Grünen Heinrich und den Briefen verfolgen kann. Es gehörte zu seiner Art der Frömmigkeit, daß er das Böse ebenso willig wie das Gute hinnahm, von vornherein überzeugt, daß es berechtigt sein müsse, und befriedigt, wenn er seinen notwendigen Zusammenhang mit seinem Leben eingesehen hatte.

Ich kenne Dich, o Unglück, ganz und gar, Ich sehe jedes Glied an deiner Kette, Du bist vernünftig, zum Bewundern klar, Als ob ein Denker dich geordnet hätte.

Wer entzöge sich nicht gern dem Übel und klagte Gott, Schicksal oder Menschen an, es veranlaßt zu haben? Für Keller war es in Wahrheit ebenso heilig wie das Gute, als etwas Gegebenes und irgendwie von anderen Menschen, besonders von ihm selbst folgerichtig Hervorgebrachtes; er kostete es nicht weniger gründlich aus wie die Genüsse, und anstatt zu klagen, befliß er sich einzig, sein Unglück zu verstehen und davon zu lernen. Man mag es tadeln, daß er seine Armut nicht energischer bekämpfte, wird aber immer die rühmliche Tapferkeit und vornehme Gesinnung bewundern müssen, mit der er sie auf sich nahm. Entgegen den wissenschaftlichen Meinungen, die er hörte, entschied er sich denn auch zugunsten der Willensfreiheit, da er es verschmähte, die Verantwortung für sein Tun und Lassen auf ein unverantwortliches Unbekanntes abzuwälzen. Der freie Wille, meint er im Grünen Heinrich, möge bei wilden Völkern und in verwahrlosten Einzelnen nicht vorhanden sein: er müsse sich einfinden und entwickeln, sobald einmal die Frage nach ihm aufgekommen sei, und Voltaires Trumpf, daß man Gott erfinden müsse, wenn es keinen gäbe, sei mit Recht auf das Dasein der Willensfreiheit anzuwenden.

Die Gebundenheit des Menschen erfuhr er auch an sich; aber wenn er sich gehen oder sinken ließ, geschah es doch in dem Gefühl, daß er selbst das Zeichen zur Wiedererhebung würde geben können. Nicht umsonst hatte ihm der Eichmeister, wie es im Grünen Heinrich erzählt wird, das Urmaß an den Hals gelegt und dazu gesprochen: »Bis hier hinauf und nicht weiter dürfen Glück und Unglück, Freude und Kummer, Lust und Elend gehen und reichen! Mags in der Brust stürmen und wogen, der Atem in der Kehle stocken! Der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod.«

Der Gedicht-Zyklus »Lebendig begraben«, dessen allzu gesuchter, von Keller auf fremde Anregung gewählter Stoff den künstlerischen Genuß beeinträchtigt, zeigt seine unerschöpfliche Schönheit, wenn man dabei nur an des Dichters Leben und Kämpfen denkt. Er konnte kein besseres Symbol finden für seine Art das Unglück zu bemeistern, indem er sich erkennend und schließlich liebend hinein vertiefte, und für die Kraft, in der er sich übte, »sein edleres Ich beschaulich aus dem dunklen Spiegel der Not zurückleuchten zu sehen«. Darum haben die Verse, in denen der Begrabene sich der ganzen Tiefe seines Elends bewußt wird und zugleich die Verzweiflung beschwört, die ihn anfällt, nichts Prahlerisches, sondern drücken geradezu die stolzbescheidene Geistesgröße Gottfried Kellers aus:

Halt ein, o Wahnsinn! denn noch bin ich Meister Und bleib es bis zum letzten Odemzug! So scharet euch, ihr armen Lebensgeister, Treu um das Banner, das ich ehrlich trug.

So öffnet euch, krampfhaft geballte Fäuste, Und faltet euch ergeben auf der Brust! Wenn zehnfach mir die Qual das Herz umkreiste, Fest will ich bleiben und mir selbst bewußt!

Von Erdenduldern ein verlorner Posten, Will ich hier streiten an der Hölle Tor; Den herbsten Kelch des Leidens will ich kosten, Halt mir das Glas, o Seelentrost Humor!

Die bekannte Weltbejahung Gottfried Kellers hängt zusammen oder ist eigentlich eins mit seiner Frömmigkeit, die an die Vernunft des Weltganzen glaubt und weiß, »daß eher ein Berg einstürzt, als ein Menschenwesen ohne angemessene Schuld zugrunde geht«; mit dem daraus entspringenden Freiheits- und Verantwortlichkeitsgefühl, mittätig in der großen Lebenswelt zu sein, und schließlich mit der Lust an der schönen Erscheinung, ohne die keiner Künstler sein kann. Seine Lust zu schauen ist unverwüstlich; wer sich ihm anvertraut, geht an seiner Hand über die Erde wie durch ein Land an einem hohen Frühlingsfesttage, wo Himmel und Erde prangen, schöne Menschen bekränzt und geschmückt in Prozessionen daherziehen, alle Häuser ihre Teppiche aus den Fenstern gehängt und ihr bestes Gerät ausgestellt haben. Es kennt wohl jeder die schöne Stelle in Schopenhauers Hauptwerk, wo er das Wesen des Genies erklärt als eines Menschen, dessen Intellekt die Fähigkeit besitzt, sich vorübergehend von dem tyrannischen Willen frei und zum Spiegel der Welt zu machen, der ihr Wesen rein aufnimmt, nicht wie sie dem gebundenen Menschen in bezug auf seine Bedürfnisse, Meinungen und Ziele erscheint. Man nennt diese Fähigkeit auch Objektivität, weshalb sich denn bei Schopenhauer der Ausspruch findet, Objektivität sei Genie. Daran muß man bei Keller immer denken. Wie in dem »gefeiten Himmelswasser« dem Gletscher von Chamounix das Lichtbild der geläuterten Klara erscheint,

Gleich dem Umriß eines Engels, Den ein Meister in das Trinkglas Seiner Liebsten leis gegraben,

so rein und unentstellt spiegeln sich Menschen und Dinge in seiner Seele.

Mit der Objektivität hängt auch der Humor zusammen, indem sie auf einen hohen Standpunkt stellt, von welchem aus das Wichtige in bezug auf Höheres als unwichtig und alles im Wechsel der Beziehungen zu erkennen ist, wozu freilich, damit wir von Humor sprechen können, ein gleichmäßig wohlwollendes Gefühl kommen muß. Bei Keller haben wir die Überlegenheit des Intellektes und die der Liebe; er will uns fast wie ein guter alter Himmelvater aus Kinderbibeln vorkommen, der mit unendlichem Wohlgefallen, doch oft nicht wenig belustigt, auf seine eigenwillige Schöpfung herunterblickt, so hoch und fern, daß er die Musen an den »himmlischen Quellen der oberen Bergpartien« auf »kleinen Melkstühlen« sitzen sieht, und so innig nah, daß er die winzige Heuernte der Murmeltiere zwischen den Felsen bis auf das Männchen, das der kleinste Murmelbub dabei macht, beschreiben kann. Dies göttliche Umfassen und lächelnde Durchschauen, das den Grundton seiner Werke bildet, scheint mir für Keller wesentlich charakteristisch zu sein, und es mag damit der von ihm beliebte und öfters bemerkte häufige Gebrauch von Diminutiven zusammenhängen, als einer väterlich liebenden Stellungnahme zu allen Dingen.