Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Part 8

Chapter 83,463 wordsPublic domain

Große Steine sind auch zu dem berühmten Felsen hinzugeschafft und warten nur auf Ihre schöpferische Befehle um sich zu einem schönen Ganzen zu bilden. Lassen Sie nun unsere Hoffnungen nicht scheitern und kommen mit der ersten guten Jahreszeit.[128]

Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und danken tausendmal für die viele gefällige Hülfe und freundliche Unterhaltung, womit sie bey meinem Aufenthalte gegen mich so freygebig gewesen sind.

Herrn Creuchauf recht viele Complimente.

Was macht mein Burscher? Werde ich balde ein Kunstwerk des neuen Hogarths sehen?

Ich habe auch gleich nach meiner Ankunft die feinen Pappen nachmachen laßen, sie sind aber zum erstenmale nicht ganz glücklich gerathen, es fehlt ihnen an dem nöthigen Leime, weswegen sich der Papiermacher mit der Witterung entschuldigt.

Wenn Sie zu uns kommen werden Sie Sich an den vortreflichen Eisenstufen ergözen die ich aus dem Trierischen erhalten habe. Sogar auch Ungarische sind mir zugekommen. Freylich nicht so schön wie die Ihrigen.

Geben Sie mir bald Gelegenheit, daß ich wenigstens einigermassen aus Ihrer Schuld komme in der ich so viel stehe.

Leben Sie nochmals auf das beste wohl.

Weimar 30 Jan. 1783.

Goethe

Fußnoten:

[126] Friederike Oeser schreibt an ihren Bruder 6. Jan. 1783: „Der Hr. Geheime Rath v. Goethe ist diese Feyertage in Leipzig gewesen, wo manches gesprochen worden ist.“

[127] Oeser kam im Juli nach Weimar, und „war gar lustig, Herder gut, Wieland gesprächig, Musäus gutmüthig und platt wie immer.“ Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 327.

[128] Von der Theilnahme Oesers an diesen Anlagen zeugt auch ein Blatt, auf welches Goethe das Epigramm auf Amor, der die Nachtigall füttert, geschrieben hat und zwar in der Form, wie es in Tiefurt in den Stein gegraben ist, vgl. Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 208. Sollte die kleine Statue von Oeser sein?

An Friederike Oeser.

I.[129]

Franckfurt am 6. Nov. 1768.

Mamsell,

So launisch, wie ein Kind das zahnt; Bald schüchtern, wie ein Kaufmann den man mahnt, Bald still, wie ein Hypochondrist, Und sittig, wie ein Mennonist, Und folgsam, wie ein gutes Lamm; Bald lustig, wie ein Bräutigam, Leb' ich, und binn halb kranck und halb gesund, Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund; Sehr missvergnügt, dass meine Lunge Nicht so viel Ahtem reicht, als meine Zunge Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt, Was ich bey Euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt.

Da sucht man nun mit Macht mir neues Leben, Und neuen Muht und neue Krafft zu geben; Drum reichet mir mein Docktor Medicinä Extrackte aus der Cortex Chinä, Die jungen Herrn erschlaffte Nerven An Augen, Fus und Hand, Auf's neue stärcken den Verstand, Und das Gedächtniss schärfen.

Besonders ist er drauf bedacht, Durch Ordnung wieder einzubringen, Was Unordnung so schlimm gemacht, Und heisst mich meinen Willen zwingen.

Bey Tag, und sonderlich bey Nacht, Nur an nichts reitzendes gedacht! Welch ein Befehl für einen Zeichnergeist, Den jeder Reitz bis zum Entzücken reisst. Des Bouchers Mädgen nimmt er mir Aus meiner Stube, hängt dafür Mir eine abgelebte Frau, Mit riesigem Gesicht, mit halbzerbrochnem Zahne, Vom fleissig kalten Gerhard Dow An meine Wand, langweilige Tisane Setzt er mir statt des Weins dazu.

O sage Du, Kann man was traurigers erfahren? Am Körper alt, und jung an Jahren, Halb siech, und halb gesund zu seyn? Das giebt so melanchol'sche Laune, Und ihre Pein Würd' ich nicht los, und hätt' ich sechs Alraune. Was nützte mir der ganzen Erde Geld? Kein krancker Mensch geniesst die Welt.

Und dennoch wollt' ich gar nicht klagen, Denn ich binn schon im Leiden sehr geübt; Hätt' ich nur das, was uns die Plagen, Die Last der Kranckheit zu ertragen, Mehr Krafft als selbst die Tugend giebt. Verkürzung grauer Regenstunden, Balsam'sches Pflaster aller Wunden, Gesellschafftsgeister die man liebt.

Zwar hab ich hier an meiner Seite Beständig rechte gute Leute, Die mit mir leiden, wenn ich leide, Sie sorgen mir für manche Freude, Es fehlt mir nur an mir, um recht beglückt zu seyn. Und dennoch kenn' ich niemand, der die Pein Des Schmerzens, so behende stillt, die Ruh Mit Einem Blick der Seele schenckt, wie Du.

Ich kam zu Dir, ein Todter aus dem Grabe, Den bald ein zweyter Todt zum zweytenmal begräbt; Und wem er nur einmal recht nah um's Haupt geschwebt, Der bebt Bey der Erinnerung, gewiss so lang er lebt. Ich weiss wie ich gezittert habe; Doch machtest Du mit Deiner süssen Gabe, Ein Blumenbeet mir aus dem Grabe; Erzähltest mir wie schön, wie kummerfrey, Wie gut, wie süss Dein seelig Leben sey, Mit einem Ton von solcher Schmeicheley, Dass ich, was mir das Elend jemals raubte, Weil Du's besas'st selbst zu besitzen glaubte. Zufrieden reisst ich fort, und was noch mehr ist, froh, Und ganz war meine Reise so.

Ich kam hierher, und fand das Frauenzimmer Ein bissgen -- ja man sagt's nicht gern -- wie immer, Gnug bis hierher hat keine mich gerührt.[130] Zwar sag ich nicht was einst Herr Schübler[131] Von Hamburgs Schönen prädicirt, Doch binn ich auch ein starcker Grübler, Seitdem Ihr Mädgen mich verführt, Die ich wohl schwerlich je vergesse; Und da begreiffst Du wohl, dass jede leicht verliert, Die ich nach Eurem Maasstab messe. Du lieber Gott! an Munterkeit ist hie An Einsicht, und an Witz Dir keine einz'ge gleich, Und Deiner Stimme Harmonie Wie käme die heraus in's Reich.

So ein Gespräch, wie unsers war, im Garten, Und in der Loge noch, mit diesem seltnen Zug, So aufgeweckt, und doch so klug, Ja, darauf kann ich warten.

Binn ich bey Mädgen launisch froh; So sehn sie sittenrichtrisch sträflich, Da heisst's: der Herr ist wohl aus Bergamo? Sie sagen's nicht einmal so höflich. Zeigt man Verstand, so ist das auch nicht recht. Denn will sich einer nicht bequemen Des Grandisons ergebner Knecht Zu seyn, und alles blindlings anzunehmen Was der Dicktator spricht, Den lacht man aus, den hört man nicht.

Wie seyd Ihr nicht so gut, so Euch zu bessern willig, Auf eigne Fehler streng, und gegen fremde billig, Und zum Gefallen ohnbemüht, Ist niemand den Ihr nicht gewönnet. Ah, man ist Euer Freund, so wenig man Euch kennet, Man liebt Euch, eh man's sich versieht; Mit einem Mädgen hier zu Lande, Ist's aber ein langweilig Spiel, Zur Freundschafft fehlt's ihr am Verstande, Zur Liebe fehlt's ihr am Gefühl.

Drauf ging ich ganz gewiss, hätt ich nicht so viel Laune, Bräch' ich mir nicht gar manche Lust vom Zaune, Lacht ich nicht da wo keine Seele lacht. Und dächt ich nicht, dass Ihr schon offt an mich gedacht.

Ja, dencken müsst Ihr offt an mich, das sage Ich Euch, besonders an dem Tage Wenn Ihr auf Euerm Landgut[132] seyd, Dem Ort der mir so manche Plage Gemacht, dem Ort der mich so sehr erfreut.

Doch Du verstehst mich nicht, ich will es Dir erklären, Ich weiss doch Du verzeihst es mir. Die Lieder die ich dir gegeben, die gehören Als wahres Eigentuhm dem schönen Ort und Dir.

Wenn mich mein böses Mädgen plagte, Wenn der Verdruss mich aus den Mauern jagte, War ich verwegen gnug, und wagte Dich aufzusuchen eh es tagte, Auf Deinen Feldern die Du liebst, Die Du mir offt so schön beschriebst.

Da ging ich nun in Deinem Paradiese, In jedem Holz, auf jeder Wiese, Am Fluss, am Bach, das hoffende Gesicht Vom Morgenstrahl geschminckt, und sucht' und fand Dich nicht.

Dann schlug ich, angereitzt von launischem Verdrusse, Den armen Frosch, am sonnbestrahlten Flusse, Dann jagt' ich ringsumher, und fing Bald einen Reim bald einen Schmetterling.

Und mancher Reim, und mancher Schmetterling Entging Der ausgestreckten Hand, die mitten In ihrem Haschen stille stand, Wenn aus dem Wald, von Stimmen oder Tritten Den Schall, mein lauschend Ohr empfand.

Am Tage sang ich diese Lieder, Am Abend ging ich wieder heim, Nahm meine Feder, schrieb sie nieder Den guten und den schlechten Reim.

Offt kehrt ich noch mit immer schlechterm Glücke Auf die fatale Flur zurücke, Biss mir zuletzt das günstige Geschicke Noch einen Tag den ich nicht hoffte gab. Doch ich genoss sie kaum die süssen letzten Stunden, Sie waren gar zu nah am Grab. Ich sage nicht was ich empfunden, Denn mein prosaisches Gedicht Stimmt diesesmal sehr zur Empfindung nicht.

Du hast die Lieder nun, und zur Belohnung Für alles was ich für Dich litt, Besuchst Du Deine seelge Wohnung; So nimm sie mit; Und sing sie manchmal an den Orten Mit Lust wo ich aus Schmerz sie sang, Dann denck an mich, und sage: dorten Am Flusse wartete er lang, Der Arme der so offt mit ungewognem Glücke Die schönen Felder fühllos sah! Käm er in diesem Augenblicke, Eh nun, jetzt wär' ich da.

Jetzt, dächt ich nun, war's hohe Zeit zum Schliessen, Denn wenn man so zwey Bogen[133] Reime schreibt, Da wollen sie zuletzt nicht fliessen. Doch warte nur wenn mich die Laune treibt, Und Deine Gunst mir sonst versichert bleibt, So schreib ich Dir noch manchen Brief wie diesen.

Willst Du mir die Geschwister grüssen, So schliesse Richtern[134] auch mit ein. Leb wohl! Und wird das Glück Dein Freund beständig seyn Wie ich; so wirst Du steets des schönsten Glücks geniessen.

Goethe.

Fußnoten:

[129] Gedruckt in Goethes Werken ~VI.~ S. 56 ff. (1840) mit wenigen nicht bedeutenden Abweichungen, hier genau nach dem Original.

[130] Horn schreibt auch nach seiner Rückkehr nach Frankfurt: „Hier im Reiche ist es gar nicht auszuhalten, die Leute sind so stipide, als man es sich nur vorstellen kann. Manchmal muß ich drüber lachen, aber öfters ärgere ich mich darüber. -- Die Mädchen! o die sind hier ganz unerträglich! sehr stoltz und ohne allen Menschenverstand. Ich mögte rasend werden, wenn ich an Leipzig gedencke. Nicht eine ist fähig eine discours zu führen, als etwa vom Wetter, oder von einer neumodischen Haube.“

[131] _Daniel Schiebeler_ aus Hamburg hielt sich von 1765 bis 1768 in Leipzig auf, und beschäftigte sich mit Musik und Dichtkunst. Seine auserlesenen Gedichte gab _Eschenburg_ heraus (Hamburg 1773). Goethe erwähnt ihn (Werke ~XXI.~ S. 138) und daß sein Singspiel „Lisuard und Dariolette“ von ihm und seinen Freunden begünstigt ward. Wie es scheint gehörte auch er dem Oeserschen Kreise an. Hier ist auf den Schluß seines Gedichtes „Pygmalion“ angespielt:

„Wenn stets dich zu erhöhen Mein Herz, Gott Amor, eifrig war; So fleuch itzt auf mein Flehen Zur Stadt, die mich gebar. Statüen wirst Du finden, So schöne macht ein Künstler nie. O Vater vom Empfinden! Hauch zu! so leben sie.“

[132] In Dölitz, eine gute Stunde von Leipzig.

[133] Es sind wirklich zwei Briefbogen, sehr fest und sauber geschrieben.

[134] Den bereits oben genannten Obergeleitseinnehmer _Richter_.

II.

Mademoiselle,

Sie ist lang ausgeblieben, die Antwort! soll ich Sie wohl um Vergebung bitten? Nein gewiss, wenn ich das dürfte; Wenn ich sagen dürffte: Mamsell, verzeihen Sie, ich hatte viel, viel Geschäffte, daran sich Herckules den Arm aus der Pfanne hätte heben mögen, ich konnte ohnmöglich, die Tage waren kurz, mein Gehirn, wegen der Einstrahlung des Steinbocks und Wassermanns, etwas kalt und feucht, und noch die ganze Reihe von alletags Entschuldigungen, um nicht auf sich kommen zu lassen, man sey faul, dazugerechnet; Sehen Sie, wenn ich in Umständen wäre, so was zu sagen, ich schrieb lieber in meinem Leben nicht. O Mamsell, es war eine impertinente Composition von Laune meiner Natur, die mich vier Wochen, an den Bettfus, und vier Wochen, an den Sessel anschraubte, dass ich eben so gerne die Zeit über, hätte in einen gespaltenen Baum wollen eingezaubert seyn. Und doch sind sie herum, und ich habe das Capitel von Genügsamkeit, Geduld, und was übrigens für Materien ins Buch des Schicksaals gehören, wohl und gründlich studiert, binn auch dabey etwas kluger geworden; Sie werden mir also verzeihen wenn dieser Brief, mehr ein Commentar zu dem Ihrigen, als eine Antwort darauf wird; denn so viel Freude ich über das Blätgen gehabt habe, so viel habe ich auch dawider einzuwenden, und -- ~Honneur aux Dames~ -- aber wahrhafftig, Sie haben unrecht.

Wir müssen uns besser verstehn, eh wir uns weiter herauslassen. Vorausgesetzt, dass ich nicht mit Ihnen zufrieden binn! Und nun will ich anfangen, von Anfang biss zu Ende, ordentlich wie ein Cronickenschreiber; der Brief wird so lang werden, wie die Glosse eines Dompfaffen, über einen kleinen, leichten Text.

Sie wissens von Alters her, -- wenigstens ist es meine Schuld nicht, wenn Sie es nicht wissen -- Sie wissen, daß ich Sie für ein sehr gutes Mädgen halte, die schon, wenn Ihr dran gelegen wäre, einen ehrlichen Menschen mit dem weiblichen Geschlecht wieder versöhnen könnte, und wenn er aufgebracht wäre wie Wieland. Wenn ich mich irre; so ist das wieder meine Schuld nicht. Zwey Jahre beynahe, binn ich in Ihrem Hause herumgegangen, und ich habe Sie fast so selten gesehen, als ein Nachtforschender ~Magus~ einen Alraun pfeifen hört.

Von dem also zu reden was ich gesehen habe -- die Kirche urtheilt nicht übers Verborgne, sagte Paris -- So versichre ich Sie, dass ich davon bezaubert binn; aber wahrhafftig die ‘Philosophen’ von meiner Art, haben meist Ulysses Kräuterbüschel, unter den andern Galanterien, in einem ~Sachet~ bey sich, dass Ihnen die stärckste Bezauberung nicht mehr schadet als ein starcker Rausch, Kopfweh den andern Morgen, aber die Augen sind doch wieder helle. Dieses wohl begriffen, damit wir uns nicht missverstehen.

Sie sind glücklich, sehr glücklich; wenn mein Herz nicht jetzt für alle Empfindung todt wäre, ich wollte es Ihnen vorerzählen, vorsingen wollt' ich's Ihnen. Das möglichste von Gessners Welten; wenigstens bild ich's mir so ein. Und Ihre Seele hat sich sehr nach dem Glück gebildet, Sie sind zärtlich, fühlbaar, Kennerinn des Reitzes, gut für Sie, gut für Ihre Gespielen; aber nicht so gut für mich; und Sie müssen doch auch gut für mich seyn, wenn Sie ein ganzrechtgutes Mädgen seyn wollen. Ich war einmal kranck, und ward wieder gesund, eben genug, um mit Bequemlichkeit meinem letzten Willen nachdencken zu können. Ich schlich in der Welt herum, wie ein Geist, der nach seinem Ableben manchmal wieder an die Orte gezogen wird, die ihn sonst angezogen, da er sie noch körperlich geniesen konnte, jämmerlich schleicht er zu seinen Schätzen, und ich demütig zu meinem Mädgen, und zu meinen Freundinnen. Ich hoffte bedauert zu seyn; unsre Eigenliebe muss doch was hoffen, entweder Liebe oder Mittleiden. Betrogner Geist bleib in deiner Grube! Du magst noch so demütig, noch so flehend im weißen Rocke flehen und jammern, wer todt ist ist Todt, wer kranck ist, ist so gut wie todt; geh, Geist, geh, wenn sie nicht sagen sollen, du bist ein beschwerlicher Geist. Die Geschichten, die mich auf diese Betrachtung führten, gehören nicht hierher. Nur eine will ich Ihnen ausführlich erzählen, wenn ich mich sie noch recht besinne. Ich kam zu einem Mädgen, ich wollte drauf schwören, Sie wärens gewesen, die empfing mich mit grossem Jauchzen, und wollte sich zu Todte lachen, wie ein Mensch die Carickaturidee haben konnte, im 20sten Jahre an der Lungensucht zu sterben! Sie hat wohl recht, dacht ich, es ist lächerlich, nur für mich so wenig, als für den Alten im Sacke, der für Prügeln sterben möchte, über die eine ganze Versammlung fast für lachen stirbt.[135] Wie aber alle Sachen in der Welt zwey Seiten haben; und einem ein schönes artiges Mädgen, leicht schwarz vor weis verkaufen kann; und ich überhaupt leicht zu bereden binn, so gefiel mir das Ding so wohl, dass ich mir einbilden liess, es wäre alles Einbildung, und man wäre glücklich, so lang man vergnügt wäre, und so weiter; und da erzählte sie mir wie sie auf dem Lande so vergnügt gewesen wären, wie sie blinde Kuh gespielt, nach dem Topfe geschlagen, geangelt, und gesungen hätten, dass mir's ward wie's einem jungen Mädgen wird die den Grandison liesst; das ist ein feines Bissgen von einem Menschen, so einen möcht'st du auch haben, denckt sie. Wie gern hätte ich auch mitgemacht, und meine Kranckheit verschlimmert. Dem sey wie ihm wolle, Mamsell, es ist nichts so schlimm, dass das Schicksaal nicht zum Guten machen könnte, Ihre Unbarmherzigkeit in den letzten Tagen, gegen den armen Verurteilten, machte ihn starck; Glauben Sie mir, Sie sind alleine Schuld, dass ich Leipzig ohne sonderliche Schmerzen verlassen habe. Freudigkeit der Seele, und Heroismus ist so communicabel wie die Elecktricität, und Sie haben soviel davon, als die Elecktrische Maschine Feuerfuncken in sich enthält. Morgen seh ich sie wieder! ein Abschiedsgruss zu dem, den man auf die Galeeren schmieden will, ist wahrhafftig nicht der zärtlichste. Es sey! Mich hat er starck gemacht; und doch war ich nicht mit zufrieden. Die Grösse der Seele, ist meist unempfindlichkeit, unter uns gesagt. Wenn ich's wohl betrachte, so handelten Sie ganz natürlich, mein Abschied musste Ihnen gleichgültig seyn, mir war er's warrlich nicht. Ich hätte gewiss geweint, wenn ich nicht gefurcht hatte, Ihre weissen Handschuhe zu verderben; eine überflüssige Vorsicht, ich sah erst am Ende, dass sie gestrickt und von Seide waren, da hätte ich immer weinen können, doch da war's zu spät. Dass ich ein Ende mache. Ich ging aus Leipzig und Ihr Geist begleitete mich, mit der ganzen Munterkeit seines Wesens. Ich kam hier an, und fing an Betrachtungen zu machen, dazu ich bissher nicht Zeit gehabt hatte. Und sah mich hier nach Freunden um, und fand keine; nach Mädgen, die waren nicht so specificirt wie ich's liebe, und war im Jammer, und klage Ihnen das in wunderschönen Reimen, und dencke, ob Sie den wohl dich bedauern wird, und den unglücklichen Schwanen, durch ein Briefgen trösten wird! Da kam ein Brieflein! Nun das ist wohl wahr, erquickt war ich; denn Sie stellen sich die Trockenheit nicht vor, in der man hier, von Seiten einer angenehmen Unterhaltung lechzt; aber getröst war ich nicht; Ich sah dass Sie meynten, Poesie und Lügen wären nun Geschwister, und der Hr. Briefsteller könnte wohl ein sehr ehrlicher Mensch, aber auch ein starcker Poete seyn, der aus Vorurteil für das Clair obscür, offt die Farben etwas stärcker, und die Schatten etwas schwärzer aufstriche, als es die Natur thut. ~Bon~, Sie sollen recht haben, wo sie's haben. Nur, das ist doch zu arg, Sachen bey mir zu supponiren, die ich doch so wenig besitze, als den Stein der Weisen. _Einen gesunden Kopf, ein gutes Herz_, nun dazu liess ich mich noch wohl bereden, zu glauben dass ich das hätte; aber gelehrige Schülerinnen, Freunde, wie sich's gehört, darauf wart ich noch; wenn ich sie erwischt habe, die Paradiesvögel, da will ich's Ihnen schreiben. Dass Sie also unrecht hatten, mir ein Rezept zu verschreiben, wozu die Species in Leipzig waren, dass mich das nothwendig kräncken musste, das sehen Sie nun wohl ein. Es ist sehr unbillig; Sie haben mein Herz gegen den Abschied von L. unempfindlich gemacht, Sie wollen gar haben daß ich es vergessen soll! O Sie kennen Sich und Ihre Landsmänninnen zu wenig! Wer die Minna hat zu Franckfurt aufführen sehen, der weiss besser was Sachsen ist. Sie haben also unrecht! Ich wiederhole es noch einmal, ob ich gleich in dem Augenblicke nicht weiss warum; denn ich habe so viel davon geschrieben, dass ich's drüber vergessen habe, wovon eigentlich die Rede war. Es mag nun seyn wie's will, so war die ganze Sache eine unparteiische, uneigennützige Erinnerung, an ein gewisses Frauenzimmer; dass zum rechten guten Herzen auch Mitleiden gehört; dass das noch lange nicht der höchste Grad von Empfindlichkeit ist, wenn man arme Leute und Lerchen füttert. Dass das Lachen gegen das reelle Unglück, so wenig eine gute Cur ist, als das aus dem Sinnschlagen. Dass wir wenn wir satt sind, eine Rede von Genügsamkeit sehr schlecht bey einem Hungrigen anwenden, und endlich, dass der liebenswürdigste Brief, nicht das hundertste Theil von dem Reiz der Unterredung enthält. Denn Sie hätten mir alles das, und noch mehr, und nicht einmal so schön, vorreden dürfen, so wäre ich confundirt gewesen, und hätte mich nie unterstanden, die geringste von diesen impertinenten Anmerckungen zu machen. Wenn die Frauenzimmer immer wüssten, was sie könnten, wenn sie wollten! -- Es ist gut dass es ist wie's ist, ich will zufrieden seyn, dass sie unsre Schwächen nicht ganz kennen. Nun genug von dieser Materie, von der ich so viel geschrieben habe, weil ich nie wieder davon zu schreiben hoffe. Möchte ich doch einem Unglückligen gedient haben, den etwa das Schicksaal künftig in Ihre Hände übergiebt, die je niedlicher sie sind, desto grausamer peinigen können. Ich hoffe künftig Ihnen mit keinen Klagen, mit keinem Jammer beschwerlich zu fallen, ich hoffe das Mitleid nicht nötig zu haben, wozu ich Sie ermahne. Trutz der Kranckheit die war, trutz der Kranckheit die noch da ist, binn ich so vergnügt, so munter, offt so lustig dass ich Ihnen nicht nachgäbe, und wenn Sie mich in dem Augenblicke jetzt besuchten, da ich mich in einem Sessel, die Füsse wie eine Mumie verbunden, vor einen Tisch gelagert habe, um an Sie zu schreiben.

Hierher gehört auch dass ich in diesem neuen Jahre, eine ~Farçe~ gemacht habe, die ehstens, unter dem Titel: Lustspiel in Leipzig erscheinen wird. Den die ~Farçen~ sind jetzt auf allen Parnassen ~contrebande~, wie alles aus der Zeit Ludwigs des Vierzehenden.