Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Part 4

Chapter 43,560 wordsPublic domain

Was für? -- Ist es der Mühe wehrt zu fragen? ~Institutiones imperiales. Historiam iuris. Pandectas~ und ein ~privatissimum~ über die 7 ersten und 7 letzten Titel des Codicis. Denn mehr braucht man nicht, das übrige vergißt sich doch. Nein gehorsamer Diener! das ließen wir schön unterwege. -- Im Ernste ich habe heute zwei Collegen gehört, die Staatengeschichte bey Professor Böhmer, und bei Ernesti über Cicerons Gespräche vom Redner. Nicht wahr das ging an. Die andre Woche geht ~Collegium philosophicum et mathematicum~ an. --

Gottscheden hab ich noch nicht gesehen. Er hat wieder geheurathet. Eine Jfr. Obristleutnantin. Ihr wißt es doch. Sie ist 19 und er 65 Jahr. Sie ist 4 Schue groß und er 7. Sie ist mager wie ein Häring und er dick wie ein Federsack. -- Ich mache hier große Figur! -- Aber noch zur Zeit bin ich kein Stutzer. Ich werd es auch nicht. -- Ich brauche Kunst um fleißig zu sein. In Gesellschaften, Concert, Comoedie, bei Gastereyen, Abendessen, Spazierfahrten so viel es um diese Zeit angeht. Ha! das geht köstlich. Aber auch köstlich, kostspielig. Zum Henker das fühlt mein Beutel. Halt! rettet! haltet auf! Siehst du sie nicht mehr fliegen? Da marschierten 2 Louisdor. Helft! da ging eine. Himmel! schon wieder ein paar. Groschen die sind hier, wie Kreuzer bei euch draußen im Reiche. -- Aber dennoch kann hier einer sehr wohlfeil leben. Die Messe ist herum. Und ich werde recht menageus leben. Da hoffe ich des Jahrs mit 300 Rthr. was sage ich mit 200 Rthr. auszukommen. ~NB~. das nicht mitgerechnet, was schon zum Henker ist. Ich habe kostbaaren Tißch. Merkt einmahl unser Küchenzettel. Hüner, Gänße, Truthahnen, Endten, Rebhüner, Schnepfen, Feldhüner, Forellen, Haßen, Wildpret, Hechte, Fasanen, Austern u. s. w. Das erscheinet Taglich. Nichts von anderm groben Fleisch ~ut sunt~ Rind, Kälber, Hamel u. s. w. das weiß ich nicht mehr wie es schmeckt. Und die Herrlichkeiten nicht teuer, gar nicht teuer. -- Ich sehe, daß mein Blat bald voll ist und es stehen noch keine Verse darauf, ich habe deren machen wollen. Auf ein andermahl. Sagt Kehren daß ich ihm schreiben werde. Ich höre von Horn, daß ihr euch ~ob absentiam puellarum forma elegantium~ beklagt. Laßt euch von ihm das Urteil sagen daß ich über euch fällete.

_Goethe._

Fußnote:

[35] _Joh. Jac. Riese_ war ein Jugendfreund Goethes und studirte in Marburg, während Goethe in Leipzig war. Bei seinem späteren Aufenthalt in Frankfurt verkehrte er wiederum lebhaft mit Riese (Werke ~XXII~. S. 68 f.). Ein Portrait desselben in Lebensgröße in schwarzer Kreide von Goethe ausgeführt befindet sich noch im Besitze seines Neffen, Herrn J. _Riese_ in Frankfurt; die Goetheschen Briefe sind leider alle bis auf diese Studentenbriefe vernichtet, welche H. _König_ in Lewalds Europa (1837, ~I~. S. 145 ff.) in buchstabengetreuer Copie bekannt gemacht hat; danach sind sie hier wiederholt. Die Handschrift der ersten beiden Briefe ist stumpf und derb, ohne viel Unterscheidungszeichen, im dritten viel zierlicher, die Feder scheint frisch geschnitten.

II.

_Leipzig_, d. 30ten Octbr. 1765.

_Lieber Riese._

Euer Brief vom 27ten, der mich äuserst vergnügt hat, ist mir eben zugestellet worden. Die Versicherung daß ihr mich liebt, und daß euch meine Entfernung leid ist, würde mir mehr Zufriedenheit erweckt haben; wenn sie nicht in einem so fremden Tone geschrieben wäre. _Sie! Sie!_ das lautet meinen Ohren so unerträglich, zumahl von meinen liebsten Freunden, daß ich es nicht sagen kann. Horn hat es auch so gemacht, ich habe mit ihm gekeift. Fast hatte ich Lust, mit euch auch zu keifen. Doch! ~Transeat!~ Wenn ihr es nur nicht wieder tuht. --

Ich lebe hier recht zufrieden. Ihr könnt es aus beiliegendem Briefe sehen, der schon lange geschrieben ist; ihr würdet ihn schon längst haben; wenn Horn nicht vergessen hätte mir eure Addresse zu senden. Die Beschreibung von Marpurg ist recht komisch.

Das beste Trauerspiel Mädgen sah ich nicht mehr. Wenn ihr nicht noch vor eurer Abreise erfahret, was sie von Belsazar denkt; so bleibt mein Schicksal unentschieden. Es fehlt sehr wenig; so ist der Fünfte Aufzug fertig. In 5füßigen Jamben.

Die Versart, die dem Mädgen wohl gefiel der ich allein, Freund, zu gefallen wünschte. Die Versart, die der große Schlegel selbst und meist die Kritiker für's Trauerspiel die schicklichsten und die bequemsten halten. Die Versart, die den meisten nicht gefällt, Den Meisten deren Ohr sechsfüßige Alexandriner noch gewohnt. Freund, die, die ist's die ich erwählt mein Trauerspiel zu enden. Doch was schreib ich viel davon. Die Ohren gällten dir gar manchesmahl, von meinen Versen wieder drum mein Freund, Erzähl ich dir was angenehmeres. Ich schaute Gellerten, Gottscheden auch und eile jetzt sie treu dir zu beschreiben. Gottsched ein Mann so groß alß wär er vom alten Geschlechte Jenes der zu Gath im Land der Philister gebohren, Zu der Kinder Israels Schrecken zum Eichgrund hinabkam. Ja so sieht er aus und seines Cörperbaus Größe Ist, er sprach es selbst, sechs ganze Parisische Schue. Wollt ich recht ihn beschreiben; so müßt ich mit einem Exempel Seine Gestalt dir vergleichen, doch dieses wäre vergebens. Wandeltest du geliebter auch gleich durch Länder und Länder Von dem Aufgang herauf biß zu dem Untergang nieder, Würdest du dennoch nicht einen der Gottscheden ähnlichte finden. Lange hab ich gedacht und endl. Mittel gefunden Dir ihn zu beschreiben doch lache nicht meiner, Geliebter. ~Humano capiti, cervicem jungens equinam Derisus a Flacco non sine jure fuit. Hinc ego Kölbeliis imponens pedibus magnis, Immane corpus crassasque Scalpulas Augusti,[36] Et magna, magni, brachiaque manusque Rolandi, Addensque tumidum morosi Rostii[37] caput. Ridebor forsan? Ne rideatis amici.~ Dieß ist das wahre Bild von diesem großen Mann, So gut als ich es nur durchs Beyspiel geben kann. Nun nimm geliebter Freund die jetzt beschriebnen Stücke So zeiget glaub es mir sich Gottsched deinem Blicke. Ich sah den großen Mann auf dem Catehder stehn, Ich hörte was er sprach und muß es dir gestehn. Es ist sein Fürtrag gut, und seine Reden fließen So wie ein klarer Bach. Doch steht er gleich den Riesen, Auf dem erhabnen Stuhl. Und kennte man ihn nicht So wüßte man es gleich weil er steets prahlend spricht. Genug er sagte viel von seinem Kabinette Wie vieles Geld ihn das und jen's gekostet hätte.

Und andre Dinge mehr, genug mein Freund Ich muß schließen. Du weißt doch er hat eine Frau. Er hat wieder geheurahtet, der alte Bock! Ganz Leipzig verachtet ihn. Niemand geht mit ihm um.

Apropos. Hast du nicht gehört? Der Hofraht beklagt sich über den Mangel der Mädgen zu Göttingen.

Zu was will er ein Mädchen? Um die retohrischen Figuren auszuüben Und nach der neuesten Art recht hübnerisch[38] zu lieben Zu sehn ob die Protase ein hartes Herz erweicht. Zu sehn ob man durch Reglen der Liebe Zweck erreicht Zu sehn ob Mimesis, die Ploce, die Sarkasmen So voller Reitzung sind wie Neukirchs[39] Pleonasmen Und ob er in dem Tohne, wie er den Ulfo singt, Mit des Corvinus[40] Versen, das Herz der Schönen zwingt. Und ob -- Mein Blat ist voll ich werde schließen müssen. Die Mädgen meiner Stadt und Kehren sollt ihr grüßen.

d. 6. Nov. 1765.

_Goethe._

Fußnoten:

[36] Du kennst ihn doch? den dicken Schornsteinfeger.

[37] Du wirst dich noch des Fuchsens Vaters erinnern.

[38] _Joh. Hübner_, der bekannte Geograph und Historiker, hatte auch „Fragen aus der Oratorie“ (Leipzig 1726-30. 5 Bde.) geschrieben.

[39] _Benjamin Neukirch_, Schlesischer Dichter, st. 1729.

[40] _Corvinus_, Advokat und Poet in Leipzig, st. 1746.

III.

_Lieber Riese._

Ich habe euch lange nicht geschrieben. Verzeiht es mir. Fragt nicht nach der Ursache! Die Geschäfte waren es wenigstens nicht. Ihr lebt vergnügt in M. ich lebe hier eben so. Einsam, Einsam, ganz einsam. Bester Riese diese Einsamkeit hat so eine gewisse Traurigkeit in meine Seele gepräget.

Es ist mein einziges Vergnügen, Wenn ich entfernt von jedermann, Am Bache, bey den Büschen liegen, An meine Lieben denken kann.

So vergnügt ich aber auch da bin, so fühle ich dennoch allen Mangel des gesellschaftlichen Lebens. Ich seufze nach meinen Freunden und meinen Mädgen, und wenn ich fühle daß ich vergebens seufze

Da wird mein Herz von Jammer voll, Mein Aug wird trüber, Der Bach rauscht jetzt im Sturm vorüber, Der mir vorher so sanft erscholl. Kein Vogel singt in den Gebüschen, Der grüne Baum verdorrt Der Zephir der mich zu erfrischen Sonst wehte, stürmt und wird zum Nord, Und trägt entrissne Blüten fort. Voll zittern flieh ich dann den Ort, Ich flieh und such in öden Mauern Einsames Trauern.

Aber wie froh bin ich, ganz froh. Horn hat mich durch seine Ankunft einem Teil meiner Schwermuht entrissen. Er wundert sich daß ich so verändert bin.

Er sucht die Ursach zu ergründen, Denkt lächlend nach, und sieht mir ins Gesicht. Doch wie kann er die Ursach finden, Ich weiß sie selbsten nicht.

Euer Brief redet von Geyern. Glaubt denn der ehrliche Mann, daß hier die Auditores hundert weise säßen. Er war ja ehemals in Leipzig. Aber, nicht wahr, wie leer waren seine Hörsäle.

Ich muß doch ein wenig von mir selbst reden.

Ganz andre Wünsche steigen jetzt als sonst Geliebter Freund in meiner Brust herauf. Du weißt, wie sehr ich mich zur Dichtkunst neigte, Wie großer Haß in meinem Bußen schlug, Mit dem ich die verfolgte, die sich nur Dem Recht und seinem Heiligthume weihten Und nicht der Mußen sanften Lockungen Ein offnes Ohr und ausgestreckte Hände Voll Sehnsucht reichten. Ach du weißt mein Freund, Wie sehr ich (und gewiß mit Unrecht) glaubte, Die Muße liebte mich und gäb mir oft Ein Lied. Es klang von meiner Leyer zwar Manch stolzes Lied, das aber nicht die Musen, Und nicht Apollo reichten. Zwar mein Stolz Der glaubt es, daß so tief zu mir herab Sich Götter niederließen, glaubte, daß Aus Meisterhänden nichts Vollkommners käme, Als es aus meiner Hand gekommen war. Ich fühlte nicht, daß keine Schwingen mir Gegeben waren, um empor zu rudern. Und auch vielleicht, mir von der Götter Hand, Niemals gegeben werden würden. Doch Glaubt ich, ich hab sie schon und könnte fliegen. Allein kaum kam ich her, als schnell der Nebel Von meinen Augen sank, als ich den Ruhm Der großen Männer sah, und erst vernahm, Wie viel dazu gehörte, Ruhm verdienen. Da sah ich erst, daß mein erhabner Flug, Wie er mir schien, nichts war als das Bemühn Des Wurms im Staube, der den Adler sieht Zur Sonn sich schwingen, und wie der hinauf Sich sehnt. Er sträubt empor, und windet sich, Und ängstlich spannt er alle Nerven an Und bleibt am Staub. Doch schnell entsteht ein Wind, Der hebt den Staub in Wirbeln auf. Den Wurm Erhebt er in den Wirbeln auf. Der glaubt Sich groß, dem Adler gleich, und jauchzet schon Im Taumel. Doch auf einmahl zieht der Wind Den Odem ein. Es sinkt der Staub hinab, Mit ihm der Wurm. Jetzt kriecht er wie zuvor.

Werdet nicht über meinen Galimathias böse. Lebt wohl. Horn will meinen Brief einschließen. Grüßt den Kehr. Schreibt. Habt mehr Collegia in Zukunft. Horn soll 5 nehmen. Ich 6. Lebt wohl. Gewöhnt euch keine academistische Sitten an. Liebt mich. Lebt wohl. Lebt wohl.

_Leipzig_ d. 28 Ap. 1766.

_Goethe._

Goethes Briefe an Chr. G. Schönkopf und seine Tochter Käthchen.

I.[41]

d 1. Octb. 1768.

Ihr Diener Hr. Schönkopf, wie befinden Sie sich Madame, Guten Abend Mamsell, Petergen guten Abend.

~NB.~ Sie müssen sich vorstellen dass ich zur kleinen Stubentühre hineinkomme. Sie Hr. Schönkopf sitzen auf dem Canapee am warmen Ofen, Madame in Ihrem Eckgen hinterm Schreibetisch, Peter liegt unterm Ofen, und wenn Käthgen auf meinem Platze am Fenster sitzt; so mag sie nur aufstehen, und dem Fremden Platz machen. Nun fange ich an zu discouriren.

Ich binn lange Aussengeblieben, nicht wahr? fünf ganze Wochen, und drüber dass ich Sie nicht gesehen, dass ich Sie nicht gesprochen habe, ein Fall der in drittehalbjahren nicht ein einzigmal passirt ist, und hinführo leider oft passiren wird. Wie ich gelebt habe, das mögten Sie gerne wissen. Eh das kann ich Ihnen wohl erzälen, mittelmäsig sehr mittelmäsig.

Apropos, daß ich nicht Abschied genommen habe werden Sie mir doch vergeben haben. In der Nachbarschafft war ich, ich war schon unten an der Türe, ich sah die Laterne brennen, und ging biß an die Treppe, aber ich hatte das Herz nicht hinaufzusteigen. Zum letztenmal, wie wäre ich wieder herunter gekommen.

Ich tuhe also jetzt was ich damals hätte tuhn sollen, ich danke Ihnen für alle Liebe und Freundschafft, die Sie mir so beständig erwiesen haben, und die ich nie vergessen werde. Ich brauche Sie nicht zu bitten Sich meiner zu erinnern, tausend Gelegenheiten werden kommen, bei denen Sie an einen Menschen gedencken müssen, der drittehalb Jahre ein Stück Ihrer Famielie ausmachte, der Ihnen wohl oft Gelegenheit zum Unwillen gab, aber doch immer ein guter Junge war, und den Sie hoffentlich manchmal vermissen werden. Wenigstens ich vermisse Sie offt -- Darüber will ich weggehen, denn das ist immer für mich ein trauriges Capitel. Meine Reise ging glücklich, und mittelmäsig, alles habe ich hier gesund angetroffen außer meinen Großvater, der zwar wieder an der, durch den Schlag gelähmten Seite ziemlich hergestellt ist, aber doch mit der Sprache noch nicht fortkann. Ich befinde mich so gut als ein Mensch der in Zweifel steht ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann; doch geht es etwas besser, ich nehme an Backen wieder zu, und da ich hier weder Mädgen noch Nahrungssorgen habe die mich plagen könnten, so hoffe ich von Tag zu Tage weiter zu kommen.

Hören Sie Mamsell hat Ihnen mein Verwalter neulich die geringen Kleinigkeiten zugestellt die ich Ihnen auf Abschlag schickte, und wie haben Sie sie aufgenommen,[42] die übrigen Commissionen sind alle nicht vergessen, wenn sie gleich nicht alle ausgerichtet sind. Das Halstuch ist mit dem größten Gusto fertig, und wird mit ehster Gelegenheit folgen, Verlangen sie eines von inliegender Farbe, so dürfen Sie nur befehlen, und auch was für eine Farbe sie drauf haben wollen. Der Fächer ist in der Arbeit, er wird fleischfarb der Grund, mit lebendigen Blumen. Halten die Schue noch? Machen Sie mit Ihrem Schuster aus ob er sie, wenn sie recht fest gemahlt sind, so in acht nehmen will dass er sie nicht verdirbt, wenn er sie macht, und dann schicken Sie mir Ihr Schuemuster und da will ich Ihnen mahlen so viel sie wollen, und von was Farben Sie wollen, denn es geht geschwind. Was andere Dinge mehr sind wird die Zeit fügen. Schreiben Sie mir wann Sie wollen nur noch Vorm ersten November, denn da schreibe ich wieder an Sie und mehr, ich weiß doch Lieber Hr. Schönkopf dass sie nicht selbst schreiben, aber treiben Sie Käthgen ein Bißgen, dass ich bald Nachricht von euch kriege. Nicht wahr Madame das wäre unbillig wenn ich nicht wenigstens alle Monate einen Brief aus dem Hause bekäme, wo ich bißher alle Tage drinne war. Und schreibt ihr mir nicht; so tuhts nichts den ersten November schreib ich wieder.

Empfelungen, an Mad. Oberm. Hr. Obermann Madslle Obermann ganz besonders, Hr. Reich, Hr. Junius, ferner Madslle Weidemann die Sie um Vergebung bitten müssen dass ich nicht Abschied genommen habe. Adieu alle zusammen. Käthgen wenn Sie mir nicht schreiben so sollen Sie sehen.

fortgeschickt d 3ten Octbr.

Fußnoten:

[41] Diese Briefe sind im Besitz der Frau Präsidentin _Sickel_ geb. _Kanne_ in Leipzig, der Enkelin _Schönkopfs_ und Tochter _Käthchens_, welche mir gestattet hat, dieselben bekannt zu machen. Auch hat sie mir eine Anzahl von Briefen _Horns_ an die Schönkopfsche Familie anvertraut, aus welchen ich manche erläuternde Notizen ausgezogen habe. Derselben verehrten Frau verdanke ich die Mittheilung interessanter Erinnerungen an die Jugendzeit ihrer Mutter, welche ich dankbar benutzt habe.

[42] Goethe hatte ihr den scherzhaften Brief (Ia) zugeschickt.

Ia.

Mademoiselle,

Hr. Goethe dem bekanndt ist, daß Scheere, Messer, und Pantoffeln, diejenigen Mobielien sind die am meisten bey Ihnen auszustehen haben, schicket Ihnen hiermit, eine mittelmäsige Scheere, ein gutes Messer, und Leder zu zwey Paar Pantoffeln. Sie sind alle von gutem Stoffe, dauerhafft, und mein Herr hat ihnen noch überdieß die möglichste Geduld anbefohlen, doch aber glaubt ich nicht daß Klingen und Leder so lange bey Ihnen aushalten werden als Er. Nehmen Sie mir's nicht übel, ich sage wie ich's denke, drittehalbjahre das können Sie weder von einem Pantoffel noch von einem Messer, noch von -- das lass ich dahingestellt seyn -- Verlangen, denn grausam gehen Sie mit allem um was sich unter Ihre Herrschafft begiebt oder begeben muß. Zerreisen und zerbrechen sie alles, biß Ostern, da steht Ihnen neue Waare zu Diensten, und erinnern Sie Sich manchmal bey diesen Kleinigkeiten, daß mein Herr noch beständig wie sonst Ihnen ergeben ist. Selbst hat er nicht an Sie schreiben wollen, um sein Gelübte, nie vor dem ersten eines Monats Ihnen einen Brief zu schicken, nicht zu brechen. Mittlerweile, das ist, zwischen heut und dem ersten October, empfielt er sich durch mich ganz ergebenst, und ich nehme diese Gelegenheit, mich Ihnen Gleichfalls zu empfelen.

Michel, sonst Herzog genannt, nach Verlust seines Herzogtums aber, wohlbestellter Pachter auf des gnädigen Herren hochadelichen Rittergütern.[43]

Fußnote:

[43] Mit Beziehung auf die S. 32 erwähnte Aufführung des Lustspiels von _Krüger_, in welchem ein Knecht _Michel_, der eine Nachtigall gefangen und von dem hohen Preise derselben gehört hat, mit dem Ertrage immer mehr zu gewinnen und zuletzt ein Herzogthum zu kaufen sich träumt, und schon als eingebildeter Herzog gegen seinen Herrn und dessen Tochter _Hannchen_ sich beträgt. Da läßt er, wie er seine Pläne dem staunenden Mädchen ausmalt, seine Nachtigall fliegen, wird wieder vernünftig und tröstet sich mit ihrer Liebe.

II.

Franckfurt am 1. Nov. 68.

Meine geliebteste Freundin,

Noch immer so munter, noch immer so boshafft. So geschickt das gute von einer falschen Seite zu zeigen, so unbarmherzig einen Leidenden auszulachen, einen Klagenden zu verspotten, alle diese liebenswürdige Grausamkeiten, enthält Ihr Brief; und konnte die Landsmännin der Minna anders schreiben.

Ich danke Ihnen für eine so unerwartet schnelle Antwort, und bitte Sie auch inskünftige, in angenehmen muntern Stunden an mich zu dencken, und wenn es seyn kann an mich zu schreiben; Ihre Lebhafftigkeit, Ihre Munterkeit, Ihren Witz zu sehen, ist mir eine der grössten Freuden, er mag so leichtfertig, so bitter seyn als er will.

Was ich für eine Figur gespielt habe, das weiss ich am besten, und was meine Briefe für eine spielen, das kann ich mir vorstellen. Wenn man sich erinnert, wie's andern gegangen ist, so kann man ohne Wahrsager Geist rahten, wie's Einem gehen wird; Ich binn's zufrieden, es ist das gewöhnliche Schicksaal der Verstorbenen, dass Überbliebene und Nachkommende auf ihrem Grabe tanzen.

Was macht denn unser Principal, unser Direckteur, unser Hofmeister, unser Freund Schoenkopf?

Gedenckt er noch manchmal an seinen ersten Ackteur, der doch diese Zeit her, in allen Lust- und Trauerspielen, die schweren und beschwerlichen Rollen, eines Verliebten und Betrübten, so gut, und so natürlich als möglich, vorgestellt hat. Hat sich noch niemand gefunden, der meine Stelle wieder begleiten mögte, ganz mögte sie wohl nicht wieder besetzt werden; zum Herzog Michel finden Sie eher zehn Ackteurs, als zum Don Sassafras[44] einen einzigen. Verstehen Sie mich?

Unsre gute Mama hat mich an Starckens Handbuch[45] erinnern lassen, ich werde es nicht vergessen. Sie haben mich an Gleimen erinnern lassen; ich werde nichts vergessen. Ich dencke in Abwesenheit so gut als gegenwärtig, dem Verlangen derer die ich liebe gnüge zu tuhn. Ihre Bibliothek fällt mir sehr offt ein, ehstens soll sie vermehrt werden, verlassen Sie Sich drauf. Halte ich gleich nicht immer was ich versprochen, so tue ich doch offt mehr als ich verspreche.

Sie haben Recht, meine Freundinn, dass ich jetzt für das gestraft werde, was ich gegen Leipzig gesündigt habe, mein hiesiger Aufenthalt, ist so unangenehm, als mein Leipziger angenehm hätte seyn können, wenn gewissen Leuten gelegen gewesen wäre, mir ihn angenehm zu machen. Wenn Sie mich schelten wollen, so müssen Sie billig seyn, Sie wissen was mich unzufrieden, launisch, und verdrüsslich machte, das Dach war gut, aber die Betten hätten besser seyn können, sagt Franziska.

Apropos was macht unsre Franziska, verträgt sie sich bald mit Justen? Ich dencke's. So lang der Wachtmeister noch da war, nun da dachte sie an ihr Versprechen, jetzt da er nach Persien ist, eh nun, aus den Augen aus dem Sinn, da nimmt sie lieber einen Diener, den sie sonst nicht mochte, als gar keinen. Grüßen Sie mir das gute Mädgen. Sie formalisiren Sich über das ganz besondere Compliment an Ihre Nachbarinn.[46] Was für Sie übrig bleibt? Was das für eine Frage ist. Sie haben meine ganze Liebe, meine ganze Freundschafft, und das allerbesonderste Compliment, ist doch noch lange nicht der tausendste Teil davon, das wissen Sie auch, ob Sie gleich zur Plage, oder Unterhaltung, Ihres Freundes (denn beydes heisst bei Ihnen einerley) tuhn als ob Sie es nicht wüssten, wie Sie es in mehr Stellen Ihres Briefes getahn haben, Z. E. in der Stelle vom Abschied pp. das ich übergehe.

Zeigen Sie diesen Brief, und wenn ich bitten darf alle meine Briefe, Ihren Eltern, und wenn Sie wollen, Ihren =besten Freunden=, aber niemand weiter; Ich schreibe, wie ich geredet habe, aufrichtig, und dabey wünsche ich, dass es niemand, wer es falsch auslegen könnte zu sehen kriegte. Ich binn wie immer, unaufhörlich

ganz der Ihrige J. W. Goethe.

Fußnoten:

[44] S. S. 82. Dieser Theaterheld ist nicht ausfindig gemacht.

[45] Wahrscheinlich _H. Fr. Stark_, tägliches Handbuch in guten und bösen Tagen. Frkf. a. M. 1739.

[46] Mlle. _Obermann_ (s. S. 70), deren Eltern Schönkopfs gegenüber wohnten. Auch Horn läßt bald „die beiden guten Mädchen in Ihrer Nachbarschaft“ grüßen, bald „die hübsche Jungfer Nachbarin“, auch seine Jungfer Gevatterin; doch nennt er auch eine gewisse Mamsell _Lauer_. Man merkt an dem Ton, daß es dabei auf eine Neckerei abgesehen war.

III.

Franckf. am 30. Dec. 68.

Meine beste, ängstliche Freundinn