Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Part 3
In eine andere Region führte ihn der Verkehr mit dem _Breitkopfschen_ Hause, das der Mittelpunkt eines zahlreichen Kreises war, in welchem gründliche Bildung in Wissenschaft und Kunst und ganz besonders in der Musik heimisch war. Von den beiden Söhnen, welche Goethes Studiengenossen waren, zeichnete sich der ältere, _Bernhard_ (geb. 1749), in der Familie der Magister genannt, welcher später in Petersburg gestorben ist, schon damals als Musiker aus. Mit seinen Melodieen, von denen manche, wenn man von einigen Zufälligkeiten der Mode absieht, noch heute gefallen werden, erschien die erste Sammlung Goethescher Lieder (1770) im Druck. Der jüngere, _Gottlob_ (geb. 1750), welcher im J. 1800 als Vorsteher der Handlung starb, nicht minder tüchtig in der Musik gebildet, war wie Goethe von Frankfurt im August 1769 schreibt, von jeher ein guter Junge und hatte Menschenverstand und Gedanken wie ein Mensch der eine Sache begreift, und Einfälle nicht wie jeder. In diesem Verkehr war das Interesse für Musik wohl das vorherrschende, das ja auch Goethe nicht fremd war; denn ob er gleich keine hervortretende Anlage zur Musik hatte, war er doch nicht unempfänglich dafür und hatte selbst mehrere Instrumente zu spielen gelernt.[17] _Hiller_, dessen komische Opern damals in Aller Mund waren, lernte er kennen und wurde freundlich von ihm aufgenommen; er bekennt aber, daß dieser sich mit seiner wohlwollenden Zudringlichkeit, mit seiner heftigen, durch keine Lehre zu beschwichtigenden Lernbegierde so wenig als andere zu befreunden gewußt habe.[18] Auch Goethe war ein begeisterter Verehrer der beiden Sängerinnen, welche damals alles entzückten, der Mlle. _Schmeling_ und _Schröter_. Als jene, die später als Madame _Mara_ in ganz Europa berühmt war, im Jahr 1831 ihr Jubiläum feierte, erinnerte sich Goethe mit Vergnügen, wie er sie in Hasseschen Oratorien gehört und ihr „als ein erregbares Studentchen wüthend applaudirt hatte“[19] und richtete ein Gedicht an sie, das jene Jugenderinnerung auffrischte. _Corona Schröter_ verehrte er als Student nur von ferne und machte für andere Gedichte an sie; später trat er ihr wiederum in Leipzig näher[20] und veranlaßte, daß sie nach Weimar kam.
Wichtiger für Goethe als die musikalischen Genüsse Leipzigs war das Theater[21]. Die künstlerische Entwickelung der Deutschen Bühne war von Leipzig ausgegangen und grade damals stand das Leipziger Schauspiel in seiner höchsten Blüthe. _Koch_ war 1765 auf ein neues Privilegium mit einer stehenden Gesellschaft nach Leipzig gekommen, ein neues Haus wurde gebaut, und am 6. Oct. 1766 mit Schlegels Hermann eröffnet. Bald nach Goethes Weggang hörte diese glänzende Periode auf, denn am 18. Oct. 1768 schloß Koch die Bühne und verließ Leipzig. Das Interesse am Theater war damals allgemein und in allen Kreisen von litterarischer Bildung das vorherrschende. Der Einfluß auf Goethe, dessen Neigung alles in dramatische Form zu kleiden frühzeitig hervortrat -- sie zeigt sich auch darin, daß er seinen stylistischen Übungen gern die Form eines Romans in Briefen gab -- ist unverkennbar. Da ihm die köstliche Gabe verliehen war, „in nachklingende Lieder das eng zu fassen, was in seiner Seele immer vorging“,[22] so rief jede Veranlassung, die ihn in erhöhete Stimmung versetzte, lyrische Gedichte leicht hervor; sein Studium war hauptsächlich dem Drama zugewandt, und Übersetzung wie Nachbildung französischer Stücke beschäftigten ihn anhaltend und ernstlich, wovon nur eine geringe Spur uns in dem Bruchstück einer Bearbeitung von _Corneilles_ Lügner erhalten ist.[23] Denn er verbrannte später fast alle Versuche aus jener Zeit und nur die _Mitschuldigen_ legen durch ihre für diese Zeit bewundernswürdige Gewandtheit und Sicherheit in der Form und Technik, welche allerdings ohne vielfältige angestrengte Übung nicht erreicht werden konnte, Zeugniß seines ernstlichen Studiums ab.[24] In anderer Rücksicht ist dies Lustspiel wiederum ein merkwürdiger Beweis, wie Goethe schon damals sich von den Lebenserfahrungen, welche ihn quälten und beunruhigten, durch die Dichtung losmachen und befreien konnte. Schon in früher Jugend war er Zeuge und Theilnehmer innerlich zerrütteter Familienverhältnisse gewesen; nicht aus eigenem Behagen wählte er sich diesen Stoff für ein Lustspiel, er reinigte vielmehr sein Inneres von diesen Vorstellungen, indem er ihnen als Dichter eine Gestalt gab, wodurch sie von seinem Innern abgelöst ihm fremd wurden und außer ihm existirten.
Später hatte Goethe Gelegenheit seine Anerkennung und seinen Dank der Leipziger Bühne auszusprechen, als die Weimarsche Schauspielergesellschaft in Leipzig während des Sommers 1807 Vorstellungen gab. In dem schönen Prolog, welchen er auf Rochlitz's Wunsch dichtete, heißt es:
Belohnung! ja sie kann uns hier nicht fehlen, Hier, wo sich früh, vor mancher deutschen Stadt, Geist und Geschmack entfaltete, die Bühne Zu ordnen und zu regeln sich begann. Wer nennt nicht still bei sich die edlen Namen, Die schön und gut aufs Vaterland gewirkt, Durch Schrift und Rede, durch Talent und Beispiel? Auch jene sind noch unvergessen, die Von dieser Bühne schon seit langer Zeit Natur und Kunst darbietend herrlich wirkten; Gleicht jener Vorzeit nicht die Gegenwart?
Er sprach auch gegen Rochlitz die Erwartung aus, wie belehrend dieser Aufenthalt in Leipzig für die Schauspieler sein würde, und später seine Freude, daß dieses theatralische Unternehmen glücklich vollendet und mit Ehre und Vortheil belohnt worden sei; auch fand er es sehr artig, daß sogar das kleine Schäferspiel, das er 1768 in Leipzig geschrieben, auch noch auftauchen mußte und gut empfangen ward, eine Aufführung (am 29. Aug. 1807), bei der wohl Käthchen selbst gegenwärtig gewesen ist.
Wenn uns bisher eine hervorragende Persönlichkeit nicht entgegengetreten ist, welche einen bestimmenden Einfluß auf Goethe ausgeübt hätte, so finden wir diese auf dem Gebiet der bildenden Kunst in _Adam Friedrich Oeser_, der seit 1763 als Director der Kunstakademie in Leipzig lebte und dort als Maler und Bildhauer wie als Mensch in hoher Achtung stand. Goethe, dessen glückliche Naturanlagen für die bildende Kunst bereits im väterlichen Hause sorgfältig gepflegt waren, suchte sie auch in Leipzig weiter auszubilden und nahm bei Oeser Unterricht im Zeichnen, an welchem auch der nachmalige Staatskanzler _Hardenberg_,[25] der Fürst _Lieven_ und _Gröning_ aus Bremen Theil nahmen. Später begnügte er sich mit dem Zeichnen nicht, sondern wurde durch den Verkehr mit dem Kupferstecher _Stock_ -- dessen Töchter _Minna_, später die Gattin _Körners_, und _Dora_ nachmals zu Schiller in ein so inniges Verhältniß traten -- veranlaßt, sich auch mit dem Radiren zu beschäftigen, wovon noch jetzt kleine Platten für Schönkopf und Käthchen geätzt um ihre Bücher zu zeichnen,[26] und zwei größere Radirungen Zeugniß geben.[27] Oesers Verdienste als Künstler, welche seine Zeitgenossen überschätzten, hat Goethe später richtig gewürdigt; sein Einfluß auf Goethe aber reichte weit über die Belehrung von bildender Kunst hinaus; in seinem Verkehr war es ihm einleuchtend geworden, „daß die Werkstatt des großen Künstlers mehr den keimenden Philosophen, den keimenden Dichter entwickelt, als der Hörsaal des Weltweisen und des Kritikers.“ Er war ein sinniger, denkender Mann von kräftiger Eigenthümlichkeit und nicht geringer Bildung, durch hingeworfene Andeutungen mehr anregend als aufklärend, frisch und derb, heiter und jovial, kurz ein Mann, der auf die Jugend ungemein wirken mußte. Durch aufmunternde Anerkennung gewann er Goethes Vertrauen und Neigung und gab ihm in der bildenden Kunst einen sicheren Ausgangspunkt für die Erkenntniß des Schönen, um welche Goethe eifrig bemüht war, um sie auch auf anderen Gebieten fruchtbar zu machen. Oeser war _Winckelmanns_ vertrauter Freund gewesen und hatte auch auf dessen Ansichten von der Kunst großen Einfluß geübt; die Begeisterung, mit welcher Winckelmann allgemein verehrt wurde, ließ Oeser in einem höheren Licht glänzen und der persönliche Eindruck dieses Mannes gab auch der Verehrung für Winckelmann einen bestimmten gleichsam persönlichen Charakter. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf daher alle die Nachricht von Winckelmanns Tode zu der Zeit, da man eben seinem Besuch entgegensah. Auch auf diesem Gebiet war es _Lessing_, der durch seinen Laokoon ein ungeahntes helles Licht in die jüngern Geister warf, und reinigend und stärkend wie kein anderer sie ergriff, indem er ihnen nicht sowohl die Wahrheit als den Weg zeigte, auf welchem sie zu derselben gelangen konnten, und mit sittlichem Ernst von ihnen verlangte, daß sie den Schweiß und selbst den Schmerz der Anstrengung nicht scheueten, um die Wahrheit zu erringen. Noch können wir die Spuren erkennen, mit welchem Eifer Goethe Lessing zu studiren und an ihm sich weiter zu bilden bestrebt war.[28]
Für Goethes ganze spätere Entwickelung ist es von der größten Bedeutung, daß er schon jetzt durch Oeser in dem Sinne mit der Kunst, und ganz besonders der des Alterthums, vertraut gemacht wurde, welchen er sein ganzes Leben hindurch bewahrt hat. Er hat lange zwischen der Dichtkunst und der bildenden Kunst geschwankt, und erst spät mit Schmerzen die Einsicht gewonnen, daß er in der letzteren nur Dilettant sein könne;[29] allein das plastische Element seiner Poesie hing mit dieser Richtung auf die bildende Kunst so eng zusammen, daß die Anschauung und Einsicht, welche er auf diesem Gebiet in früher Jugend gewann, fortwährend einflußreich und maßgebend gewesen ist. Mit der hingebendsten Dankbarkeit und einer wahrhaft ehrfurchtsvollen Liebe spricht er sich in seinen Briefen gegen Oeser aus und an Reich[30] schreibt er: „Oesers Erfindungen haben mir eine neue Gelegenheit gegeben, mich zu seegnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe. Er drang in unsere Seelen und man musste keine haben um ihn nicht zu nutzen. Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folge haben. Er lehrte mich, das Ideal der Schönheit sei Einfalt und Stille.“[31] Später wurde die Bekanntschaft von Weimar aus wieder erneuet. „Wie süß ist es,“ schreibt er an Frau von Stein (25. December 1782),[32] „mit einem richtigen, verständigen, klugen Menschen umgehn, der weis wie es auf der Welt aussieht und was er will, und der, um dieses Leben anmuthig zu genießen, keinen superlunarischen Aufschwung nöthig hat, sondern in dem reinen Kreise sittlicher und sinnlicher Reize lebt. Denke Dir hinzu, daß der Mann ein Künstler ist, hervorbringen, nachahmen und die Werke anderer doppelt und dreifach genießen kann, so wirst Du wohl nicht einen glücklichern denken können[33]. So ist Oeser, und was müßte ich Dir nicht sagen, wenn ich sagen wollte, was er ist.“ Ähnliche Äußerungen wiederholen sich, so oft er Oeser sieht und bezeugen, wie tief er auch in seinen Mannesjahren Oesers Werth empfand. Durch Goethe mit dem Weimarschen Hofe bekannt gemacht, ward er dem Herzog _Carl August_ wie der Herzogin _Amalia_ durch seine Kunstkenntniß und Erfahrung werth; die letztere gewann ihn besonders lieb und veranlaßte ihn zu wiederholten Besuchen in Weimar, wo seine lebensfrische, geistreiche Jovialität und seine weltmännische Klugheit ihn zu einem stets willkommenen Gast machten.
Durch Oeser waren Goethe die Kunstsammlungen Leipzigs, von denen die _Winklersche_ einen großen Ruf mit Recht behauptete, geöffnet, um ihn sammelte sich ein Kreis von Kunstfreunden und Kennern, unter denen besonders neben _Huber_ sich _Kreuchauff_ auszeichnete, der früher Kaufmann gewesen war, später nur seinem Interesse für die Kunst lebte, das er auch durch Schriften bewährte. Dieser Kreis pflegte sich in Oesers überaus gastfreiem Hause in der Pleißenburg, im Sommer auf dem Landsitz, den er in _Dölitz_ besaß, in ungezwungener Heiterkeit zu versammeln. Eine Predigt im Frankfurter Judendialekt, welche Goethe dort vorzutragen liebte, von ihm selbst aufgeschrieben, ist ein harmloses Zeugniß der jugendlichen Fröhlichkeit, welche dort herrschte. Die Seele dieser Gesellschaft war, für die Jugend zumal, Oesers älteste Tochter _Friederike Elisabeth_, geboren im Jahr 1748, unvermählt hierselbst gestorben im Jahre 1829. Von Jugend auf war sie der Liebling des Vaters gewesen und selbst wenn er arbeitete in seiner Gesellschaft. Durch ihren Muthwillen, welchen ihr phlegmatischer Bruder besonders empfinden mußte, ergötzte sie ihn als Kind, später stand sie ihm durch Verstand und Bildung nahe; er bediente sich ihrer Feder und ließ fast seine ganze Correspondenz von ihr führen. Ihr volles Gesicht mit dem Stumpfnäschen und den lebendigen braunen Augen stimmte zu ihrer kleinen raschen Figur, und wenn auch durch Blatternarben entstellt verrieth es lebhaften Geist und Verstand, und die fröhliche Heiterkeit ihrer Laune, womit sie dem Jüngling neckisch und übermüthig zusetzte, zu hart und unbarmherzig, wie er meinte, wenn er sich unglücklich und leidend fühlte. Denn zu ihr nahm er seine Zuflucht, wenn Liebe und Eifersucht ihn quälten, und sie hatte um so eher ein gewisses Übergewicht über ihn, da hier keine leidenschaftliche Neigung ins Spiel kam. In den nächsten Jahren nach seinem Fortgehen von Leipzig unterhielt er mit ihr eine belebte Correspondenz und schickte ihr ein Bild seiner geliebten Schwester _Cornelie_, das er auf einen Correcturbogen des _Götz_ flüchtig gezeichnet hatte, als ein Zeichen seiner Anhänglichkeit. Im Wald und auf den Wiesen von Dölitz erging er sich gern in dichterischen Streifereien, und war auch Käthchen oder wie sie dem Dichter hieß, Annette, meistens Veranlassung und Gegenstand seiner Lieder, so wurden sie der fein gebildeten und scharf urtheilenden Friederike zur Prüfung vorgelegt. Eine Sammlung „Lieder mit Melodien Mademoiselle Friederike Oeser gewiedmet von Goethen,“ das älteste und eigenthümlichste Denkmal Goethescher Poesie, wird noch handschriftlich in einer Goethe-Bibliothek in Leipzig aufbewahrt. Als dieselben „davon ein Theil das Unglück hatte, ihr zu mißfallen“ -- man kann wohl errathen weshalb -- durch andere vermehrt später gedruckt wurden, „würde er sich vielleicht unterstanden haben, ihr ein unterschriebenes Exemplar zu wiedmen, wenn er nicht wüßte, daß man sie durch einige Kleinigkeiten leicht zum schimpfen bewegen könnte.“ Diese neuen Lieder in Melodien gesetzt von _Bernh. Theod. Breitkopf_ erschienen 1770 ohne Goethes Namen. _Hiller_, der sie anzeigte, meinte, wenn man sie läse, werde man gestehen, daß es dem Dichter keineswegs an einer glücklichen Anlage zu dieser scherzhaften Dichtungsart fehle[34] -- für uns sind sie ein schönes, ächtes Denkmal seines Leipziger Aufenthalts. Die Zueignung, welche den Schluß derselben macht:
„Da sind sie nun! Da habt ihr sie! Die Lieder ohne Kunst und Müh Am Rand des Bachs entsprungen. Verliebt und jung und voll Gefühl Trieb ich der Jugend altes Spiel Und hab sie so gesungen.
Sie singe, wer sie singen mag! An einem hübschen Frühlingstag Kann sie der Jüngling brauchen. Der Dichter blinzt von Ferne zu, Jetzt drückt ihm diätätsche Ruh Den Daumen auf die Augen.
Halb scheel, halb weise sieht sein Blick, Ein bißgen naß auf euer Glück Und jammert in Sentenzen. Hört seine letzten Lehren an, Er hat's so gut wie ihr gethan Und kennt des Glückes Gränzen.“
drückte seine Stimmung so wahr und tief, so einfach und schön aus, wie schon damals kaum ein anderer Dichter es vermochte.
So ging er von Leipzig am 28. August 1768 fort. Weder er selbst noch seine Freunde ahnten in ihm die künftige Größe, zu der wir jetzt bewundernd hinaufschauen. Leipzig hat Goethe nicht den Lorbeer ins Haar gewunden, aber noch hat der Blumenstrauß, den der Jüngling hier gepflückt, frischen, unvergänglich frischen Duft.
Fußnoten:
[1] Briefe an _Zelter_ ~II~: S. 306. (28. Aug. 1816.)
[2] Morgenblatt 1815 N. 69 (März).
[3] Bis in die neueste Zeit gehörten alle Mitglieder der Universität, Docenten wie Studenten, einer der vier bei der Stiftung bestimmten Nationen an, der _meißnischen_, _sächsischen_, _bayrischen_ oder _polnischen_. Als Frankfurter wurde Goethe der bayrischen zugeschrieben.
[4] _Schöll_, Briefe und Aufsätze von Goethe S. 20 ff.
[5] Ich theile hier das durch Horn abgeänderte Gedicht mit, wie es Christ. Heinrich Schmid in der Vorrede zu J. C. Rosts vermischten Gedichten (1769) hat abdrucken lassen:
„O Händel! dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht, Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt, Du bäckst, was Gallier und Britten ämsig suchen, Mit schöpfrischem Genie, originelle Kuchen. Des Kaffees Ocean, der sich vor dir ergießt, Ist süsser als der Saft, der von dem Hybla fließt. Dich ehrt die Nation, abwechselnd sanft in Moden, Ihr Tribunal verbannt hin zu den Antipoden, In trauriges Exil, den Kopf leer von Verstand Der kein Elysium in deinem Garten fand. Dein Haus ist ein Trophä von Spoljen unsrer Beutel, Strahlt gleich kein Diadem dir um den hohen Scheitel, Erhebt zu deinem Ruhm sich gleich kein Monument: Auch ohne Purpur ehrt dich dennoch der Student -- Glänzt deine Urn' dereinst in majestätschem Pompe, Dann weint der Patriot an deiner Katakombe; Wann dann ein Autor dich uns im Kothurne zeigt, Und du Sentenzen sprichst, wird unser Herz erweicht. Wär es dem Marmor gleich, so darfst du uns erscheinen, Wie _Medon_ uns erschien und Myriaden weinen. Doch leb! Dein Torus sei von edler Brut ein Nest, Steh hoch, wie der Olymp, wie der Hymettus fest; Kein Phalanx Griechenlands, nicht Römische Balisten Vermögen je dein Glück, o Händel, zu verwüsten! Dein Wohl ist unser Wohl, dein Leiden unser Schmerz Und Händels Tempel ist der Musensöhne Herz.“
[6] Eckermann Gespräche II. S. 328 vgl. I. S. 340. Riemer Mittheilungen II. S. 663 f.
[7] Riemer Mittheilungen II. S. 60. Er starb 1809 in Dessau, unverheirathet, sechzig Jahre alt.
[8] Eckermann Gespräche II. S. 175 ff.
[9] Blum, ein Bild aus den Ostseeprovinzen S. 29.
[10] Originalien 1832 Nr. 83 f.
[11] „Wir würden uns doch gewiß recht gut dargestellt haben, denn ich hätte mir ein Postamentgen machen lassen“ schreibt Horn an Käthchen Schönkopf, und ein anderes Mal: „Auf der Reise wäre ich bald unglücklich gewesen, denn meine krummen Beine, wie die Mamsell spricht, hatten sich so mit den Andräischen verwickelt, daß man sie um uns zu trennen beynahe hätte zerbrechen müssen.“
[12] Das Haus liegt im Brühl Nr. 79 neben dem goldenen Apfel und ist bis vor wenig Jahren im Besitz der Familie geblieben; seitdem es in andere Hände gekommen ist, ist es fast ganz umgebaut worden.
[13] „Ich wünschte, daß ich diesen Abend bei Ihnen Punsch trinken könnte“ schreibt Horn, und ein andermal: „Was wollte ich darum geben, wenn ich nur noch einmal mit Ihnen Punsch trinken könnte!“
[14] Frl. v. Göchhausen schreibt (Riemer Mitth. ~II.~ S. 85 f.): „Gestern (20. Mai 1779) hat uns der Herr Geh. Leg. Rath ein Schäferspiel, _die Launen des Verliebten_, hier (in Ettersburg) aufgeführt, das er sagt in seinem 18. Jahr gemacht zu haben, und nur wenig Veränderung dazu gethan. Es bestand nur aus vier Personen, welche der _Doctor_, _Einsiedel_, das Frl. v. _Wöllwarth_ und Mlle. _Schröder_ vorstellten. Es ist von einem Act mit einigen Arien, welche der Kammerherr v. _Seckendorf_ componirt hat. Es wurde recht sehr gut gespielt, und wir waren den ganzen Tag fröhlich und guter Dinge.“
[15] Horn schreibt am 9. April: „Hr. ~Dr.~ Kanne wird noch bei Ihnen seyn. Geben Sie ihm diesen Brief zu lesen. Er wird es nicht übel nehmen, daß ich nicht besonders an Ihn geschrieben habe. Im Grunde glaube ich ist es auch einerley ob ich an Sie oder an Ihn schreibe, denn so lange wir noch in Ihrem Hause wohnten, machten wir doch immer ein Stück von der Familie aus und Er hat noch ein größeres Recht dazu als ich, denn er ist ..... älterer Student.“
[16] Briefe an Frau v. Stein ~I.~ S. 19 f. 21.
[17] „~Goethe accompagne le clavecin de Mme (Brentano) avec la basse.~“ Merck Briefe ~III.~ S. 86. Vgl. Eckermann Gespräche ~I.~ S. 79: „Goethe antwortete: Aber Sie finden kein Wort über Musik (in den Reisenotizen), weil das nicht in meinem Kreise lag.“
[18] Goethes Werke ~XXXII.~ S. 335.
[19] Briefwechsel mit Zelter ~VI.~ S. 129.
[20] Briefe an Frau v. Stein ~I~. S. 20 f.
[21] Werke ~XXVII~. S. 467 ff.
[22] Briefe an Frau v. Stein ~II~. S. 69.
[23] Schöll Briefe und Aufsätze von Goethe S. 7 ff.
[24] Goethe bot die in Frankfurt nachgefeilten _Mitschuldigen_ dem dortigen Buchhändler _Fleischer_ vergebens zum Verlag an, sie wurden erst 1787 gedruckt, vorher aber wurden sie wiederholt auf dem Weimarschen Liebhabertheater gespielt, wo _Goethe_ den _Alcest_, _Bertuch_ den _Söller_, _Musäus_ den _Wirth_, _Corona Schröter_ die _Sophie_ gab. Riemer Mittheilungen ~II~. S. 36. 54. Briefe an Frau v. Stein ~II~. S. 13. Böttiger litter. Zustände ~I~. S. 277. Peucer in Weimars Album S. 72. Als ein Curiosum mag bemerkt werden, daß die Mitschuldigen in Leipzig zuerst in einer prosaischen Bearbeitung von _Albrecht_ aufgeführt worden sind, Blümner, Geschichte des Theaters zu Leipzig S. 302.
[25] Werke VI. S. 440 f.
[26] Die erste ist unten als Vignette mitgetheilt.
[27] Fragmente aus einer Goethe-Bibliothek S. 16 f. [ F8] Vgl. Schöll Briefe und Aufsätze von Goethe S. 108.
[29] Riemer Mittheilungen ~II.~ S. 301: „Von meinem längeren Aufenthalt in Rom werde ich den Vortheil haben, daß ich auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht thue.“ Eckermann Gespräche ~I.~ S. 132: „Was ich aber sagen wollte, ist dieses, daß ich in Italien in meinem vierzigsten Jahre klug genug war, um mich selber insoweit zu kennen, daß ich kein Talent zur bildenden Kunst habe, und daß diese meine Tendenz eine falsche sei.“ S. 139: „Ich sage dieses, indem ich bedenke, wie viele Jahre es gebrauchte, bis ich einsah, daß meine Tendenz zur bildenden Kunst eine falsche sei, und wie viele andere, nachdem ich es erkannt, mich davon loszumachen.“
[30] Briefe an Lavater S. 164 f.
[31] Schöll Briefe und Aufsätze von Goethe S. 107 f.: „Rede bei Eröffnung der Londoner Akademie von Reynolds. Enthält fürtreffliche Erinnerungen eines Künstlers über die Bildung junger Maler; er dringt besonders auf die Correktion und auf das Gefühl der Idealischen stillen Größe. Er hat recht. Genies werden dadurch unendlich erhaben und kleine Geister wenigstens etwas.“
[32] Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 279.
[33] Werke ~XXIV.~ S. 210.
[34] Fragmente aus einer Goethe-Bibliothek S. 1 f.
Goethes Briefe an Joh. Jac. Riese.
I.[35]
_Leipzig_ 20. Oktober 1765. Morgends um 6.
_Riese_, guten Tag!
den 21. Abends um 5.
_Riese_, guten Abend!
Gestern hatte ich mich kaum hingesetzt um euch eine Stunde zu widmen, Als schnell ein Brief von Horn kam und mich von meinem angefangnen Blate hinweg riß. Heute werde ich auch nicht länger bey euch bleiben. Ich geh in die Commoedie. Wir haben sie recht schön hier. Aber dennoch! Ich binn unschlüßig! Soll ich bey euch bleiben? Soll ich in die Commödie gehn? -- Ich weiß nicht! Geschwind! Ich will würfeln. Ja ich habe keine Würfel! -- Ich gehe! Lebt wohl! --
Doch halte! nein! ich will da bleiben. Morgen kann ich wieder nicht da muß ich ins Colleg, und Besuchen und Abends zu Gaste. Da will ich also jetzt schreiben. Meldet mir was ihr für ein Leben lebt? Ob ihr manchmahl an mich denkt. Was ihr für Professor habt. & cetera und zwar ein langes & cetera. Ich lebe hier, wie -- wie -- ich weiß selbst nicht recht wie. Doch so ohngefähr
So wie ein Vogel, der auf einem Ast Im schönsten Wald, sich, Freiheit athmend wiegt. Der ungestört die sanfte Luft genießt. Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum von Bußch zu Bußch sich singend hinzuschwingen.
Genug stellt euch ein Vögelein, auf einem grünen Ästelein in allen seinen Freuden für, so leb ich. Heut hab ich angefangen Collegia zu hören.