Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Part 2
Im Allgemeinen fand sich Goethe durch die Leistungen der Gegenwart wie durch den Verkehr, in welchen er in Leipzig trat, nicht sowohl angeregt und gefördert als verwirrt und unsicher gemacht. Er war an mehrere angesehene und gebildete Familien empfohlen und bei ihnen eingeführt. Die lebhafte litterarische Production, deren Mittelpunkt Leipzig seit geraumer Zeit war, hatte auch in weiteren Kreisen größere Theilnahme für die Litteratur hervorgerufen, welche durch Kenntniß und allgemeine Bildung unterstützt, ein gewisses Verständniß derselben, eine Fertigkeit im Urtheilen darüber verbreitet hatte. Allein diese Kritik, welche man zur Unterhaltung zu üben pflegte, und die höchstens dahin gelangte das mittelmäßige mittelmäßig zu finden, war mehr abstumpfend als fördernd; sie nahm dem Jüngling seinen Glauben und seine Verehrung, er fühlte sehnlichst das Bedürfniß nach Unterstützung in seinen Bestrebungen durch Beispiel, durch productive Anregung -- sie gab ihm Steine statt Brod. Die natürliche Folge war Mißmuth, Unsicherheit, Unzufriedenheit mit andern und mit sich -- eines Tags verbrannte er alles, was er bis dahin versucht und entworfen hatte.
Nicht blos in einer Hinsicht sollte er diese Erfahrung machen. Als er kaum erst nach Leipzig gekommen war, da lebte er
„So wie ein Vogel, der auf einem Ast Im schönsten Wald, sich, Freiheit athmend wiegt. Der ungestört die sanfte Lust genießt, Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum Von Busch zu Busch sich singend hinzuschwingen.“
Aber als er in die feine Welt eingeführt wurde, empfand er bald, daß das „klein Paris, das seine Leute bildet,“ Ansprüche an ihn machte, die ihm lästig genug waren. Weder seine Kleidung noch sein Benehmen hatte den rechten Zuschnitt, seine Frankfurter Aussprache und die kurze körnige Ausdrucksweise, welche er sich zu eigen gemacht, war nicht das reine Wasser des echten meißner Deutsch, und nicht alle suchten ihn so milde und freundlich zuzustutzen, wie die liebenswürdige Hofräthin _Böhme_, von der er auch Kartenspielen lernen mußte. Auch mit seinen Ansichten und Gefühlen sah er sich überall fremd, seine Begeisterung für Friedrich den Großen fand begreiflicher Weise keinen Widerhall, auch hier wußte man ihm seine Bewunderung zu zerstückeln. Die Unbehaglichkeit dieser Schulmeisterei, des Zwanges, den er sich überall anthun sollte, ertrug er nicht lange; so wie er die Vorlesungen fallen ließ, so zog er sich allmälig, besonders nach dem Tode der Hofräthin Böhme, auch aus diesem geselligen Verkehr zurück, der ihn, so vergnügt er auch übrigens war, dennoch allen Mangel eines gesellschaftlichen Lebens fühlen ließ, wie es seine Jugend befriedigen konnte. „Ich seufze nach meinen Freunden und meinem Mädgen,“ schreibt er an Riese (28. April 1766), „und wenn ich fühle, daß ich vergebens seufze
Da wird mein Herz von Jammer voll Mein Aug wird trüber.“
Aber schon im zweiten Semester änderte sich dies und Goethe trat in einen ganz anderen Kreis ein. _Johann Adam Horn_, mit dem er schon in Frankfurt nahe befreundet war, kam ebenfalls nach Leipzig, dem an sich selbst und seinem dichterischen Beruf irre gewordenen durch seine unverwüstliche Heiterkeit und den Einfluß früher Jugendbekanntschaft ein großer Trost. „Horn hat mich durch seine Ankunft einem Teil meiner Schwermuth entrissen,“ schreibt er (28. April 1766) an Riese; „er wundert sich, daß ich so verändert bin,
Er sucht die Ursach zu ergründen, Denkt lächelnd nach, und sieht mir ins Gesicht. Doch wie kann er die Ursach finden, Ich weiß sie selbsten nicht.“
Auch sein späterer Schwager, _Johann Georg Schlosser_, hielt sich eine Zeit lang in Leipzig auf und führte ihn in eine unterhaltende Tischgesellschaft ein, theils Studirender theils solcher, die ihre Studien nicht lange vollendet. Unter diesen wird der Bruder des Dichters _Zachariae_, _Pfeil_ und der spätere Bürgermeister _Herrmann_ genannt, der mit treuer Sorgfalt Goethe nachher in seiner Krankheit pflegte, durch gleichmäßige Tüchtigkeit seines Wesens ausgezeichnet. Ganz anderer Art war _Behrisch_, der Hofmeister des Grafen Lindenau. Er stammte aus einer adeligen Familie, war, obwohl sorglos in Geldangelegenheiten, rechtlich und brav, ein Mann von Kenntnissen, leidenschaftlicher Musikliebhaber, aber ein Original; so kleidete er sich modisch und fein, aber nur grau, das er in den verschiedensten Schattirungen und Stoffen anzubringen beflissen war. Er gehörte zu den Menschen, welche nie auf Universitäten ausgehen, die eine besondere Gabe haben die Zeit mit Geschick zu verthun und dabei sich und andere ironisiren, ebenso gefährlich für die mittelmäßigen und schwachen, als anziehend und selbst anregend für die bedeutenden. Der Humor, mit welchem er seine Thorheiten höchst ernsthaft und das Ernsthafteste possenhaft betreiben konnte, war unerschöpflich und unwiderstehlich, und fesselte auch Goethe an ihn, obwohl er ihn in barocker Weise fortwährend hofmeisterte. Auch an seinen dichterischen Arbeiten nahm er, ein Mann von feinem Geschmack, lebhaften Antheil und munterte ihn fortwährend auf sich darin fortzubilden; nur etwas drucken zu lassen hielt er ihn stets ab und schrieb dagegen die Gedichte, welche seine Kritik bestanden, mit einer seltnen, in seiner Familie heimischen, Kunst zur Belohnung höchst sauber in ein zierliches Buch. Als Behrisch von Leipzig nach Dessau fortging, wo er auf Gellerts Empfehlung, dessen Liebling er war, Erzieher des Erbprinzen, dann Pagenhofmeister wurde, entließ ihn Goethe mit Abschiedsoden von schwerem Caliber; später erneuerte er von Weimar aus die alte Bekanntschaft und fand ihn als feinen Hofmann bei Hofe wohlgelitten und allgemein geachtet, in seinem Humor aber ganz den alten „mit gescheiten Bemerkungen dumm ausgedrückt und ~vice versa~.“[7] „Hab' ich es dir nicht gesagt?“ -- damit empfing er ihn -- „war es nicht gescheit, daß du damals die Verse nicht drucken ließest und daß du gewartet hast bis du etwas ganz gutes machtest? Freilich schlecht waren damals die Sachen auch nicht, denn sonst hätte ich sie nicht geschrieben. Aber wären wir zusammen geblieben, so hättest du auch die andern nicht sollen drucken lassen; ich hätte sie dir auch geschrieben und es wäre eben so gut gewesen.“[8] _Langer_, der nach Behrisch Hofmeister des Grafen Lindenau wurde, später Bibliothekar in Wolfenbüttel, ein Mann, der in einem bewegten Leben als Militair die mannigfaltigsten Erfahrungen gemacht und, ohne je studirt zu haben, sich die gründlichste, umfassendste Gelehrsamkeit erworben hatte, wurde für Goethe in seiner Krankheit ein großer Trost und gewann durch seinen milden Ernst eben so großen Einfluß auf sein Gemüth, als seine Kenntnisse und Erfahrungen ihn in seiner Bildung förderten.
Von den jüngeren Studiengenossen kennen wir _Bergmann_, später Prediger in Lievland, der als ausgezeichneter Fechter Goethe als Fuchs den Arm zeichnete,[9] _Wagner_, an welchen Goethe als Greis die Verse richtete:
„Ziehn wir nun die achtzig Jahr Durch des Lebens Mühen, Müssen auch im Silberhaar Unsre Pflüge ziehen. Führt doch durch des Lebens Thor Traun! so manche Gleise, Ziehn wir einst im Engelchor, Gehts nach einer Weise“[10]
die beiden Brüder _Breitkopf_ und _Horn_. Dieser, dessen kleine Gestalt und krumme Beine stets herhalten mußten,[11] war die lustige Person in der Gesellschaft, die er besonders durch sein Talent nachzumachen ergötzte, immer bereit zu mystificiren und sich mystificiren zu lassen: übrigens ein braver und treuer Mensch, was er in Goethes Krankheit bewährte.
Goethe gab nun den Mittagstisch, welchen nach damaliger Sitte Hofrath _Ludwig_ für Studenten hielt, auf und schloß sich ganz diesem Kreise an, in welchem Geist und Bildung, ungezwungene Heiterkeit und Laune, jugendlicher Übermuth herrschten. Man fand sich Mittags und Abends am bestimmten Ort zusammen, die Vergnügungsörter, _Apels_ (später _Reichels_) Garten, die _Kuchengärten_, _Gohlis_, _Raschwitz_, _Konnewitz_ wurden fleißig besucht. Wie ausgelassen lustig es dabei hergehen konnte, das zeigt uns die Scene in Auerbachs Keller im Faust. Zwar ist es einer gründlichen Forschung noch vorbehalten die Leipziger Originale der dort auftretenden Personen nachzuweisen, allein die Localfarbe derselben ist unverkennbar, schon der Scherz mit Herrn Hans von Rippach erweist sie, den ohne Commentar zu verstehen noch jetzt das Vorrecht der Leipziger ist. Ebenso wenig als man hier im Genuß stets Maaß beobachtete, hielt man auch die übermüthigste Laune und den schonungslosesten Witz in Schranken, und gab so nach vielen Seiten Anstoß und Gelegenheit zu übler Nachrede. Liebschaften waren damals an der Tagesordnung und manche aus diesem Kreise hatten eine Neigung zu Mädchen, die zwar „besser waren als ihr Ruf,“ deren Umgang aber mindestens für den Ruf nicht vortheilhaft war. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß sowohl die Ansicht von dem Wankelmuth und der Unzuverlässigkeit der Frauen, als auch eine gewisse Leichtfertigkeit und Freiheit sinnlicher Leidenschaft, welche in Gedichten und Briefen jener Zeit sich ausspricht, aus diesem Verkehr hervorgegangen war. Dabei darf man freilich nie vergessen, daß die Vorstellungen von Schicklichkeit in Ton und Betragen gar sehr wechseln; schon ein Blick auf Bilder aus damaliger Zeit erklärt manches, was uns jetzt befremdet. Wenn Goethe in feuriger Jugendkraft rücksichtslos sich frischem Lebensgenuß ergab und sich wenig um ein geregeltes Leben kümmerte, so blieb die Strafe dafür, wie für andere Unvorsichtigkeiten, durch welche er seiner Gesundheit schadete, nicht aus. Ein Blutsturz brachte ihn an den Rand des Grabes und wenn ihn auch die sorgfältige Behandlung seines Arztes _Reichel_ und die treue Pflege seiner Freunde rettete, so blieb er doch die letzte Zeit seines Aufenthalts in Leipzig und später noch in Frankfurt fortwährend leidend und kränkelnd. Dies hatte auf seine Stimmung keinen geringen Einfluß, auch nach der Genesung blieb sie gedrückt, der jugendliche Frohsinn und Übermuth war gebrochen. Er hatte es kein Hehl, daß er leichtsinnig auf seine Gesundheit eingestürmt sei, allein als er nun nicht nur sich selbst mit einer gewissen Ängstlichkeit schonte, sondern auch die Freunde gern zur Mäßigung ermahnte, entging er ihrem Spott nicht, wie es in einem seiner Lieder heißt:
„Ihr lacht mich aus und ruft: der Thor! Der Fuchs, der seinen Schwanz verlohr, Verschnitt jetzt gern uns alle. Doch hier paßt nicht die Fabel ganz, Das treue Füchslein ohne Schwanz, Das warnt euch vor der Falle.“
Und dieser Scherz vom Füchslein muß in dem Freundeskreise sprüchwörtlich gewesen sein, denn auch in den Briefen wird er mehrmals erwähnt.
Vergessen wir aber nicht, daß diese lebenslustige Gesellschaft aus jungen Männern von bedeutender Fähigkeit und tüchtiger Gesinnung bestand, die über fröhlichem Genuß das ernste Streben nicht vergaßen. Der unschätzbare Gewinn des akademischen Lebens ist die Unbefangenheit im gegenseitigen Verkehr, die sich auf die gleichartigen jugendlichen Neigungen und das gemeinsame Streben nach wissenschaftlicher Bildung gründet, und gleich offen und entschieden in Liebe und Abneigung eine beständige Anspannung der Kräfte im regen Wetteifer hervorruft, die deshalb so heilsam ist, weil sie stets aus dem nächsten Anlaß des wirklichen Lebens unmittelbar hervorgeht. Hier fand Goethe eine ebenso warme Theilnahme als scharfe Kritik für das, was er hervorbrachte, dieser Verkehr bot ihm wahre Impulse seiner künstlerischen Production in den Erfahrungen eines wenn auch jugendlich beschränkten, doch frisch und frei bewegten Lebens. So entwickelte sich hier zuerst die Eigenthümlichkeit seiner dichterischen Natur, welche ihn groß vor allen, welche ihn zum Befreier der Deutschen Dichtkunst gemacht hat, daß er den einzigen Quell seiner Dichtung in seinem Gemüthe fand, daß alles, was ihn innerlich ergriff und bewegte, ihn mit Nothwendigkeit zur künstlerischen Darstellung trieb, welche ihn wie von einer Last befreite. Nichts aber hat sein Gemüth während seines hiesigen Aufenthalts so tief ergriffen und so anhaltend beschäftigt als die leidenschaftliche Liebe zu dem Mädchen, welche er uns als Ännchen geschildert hat, eine Liebe, welche aus seinen noch vorhandenen Briefen lebendiger hervortritt, als aus seiner späteren Darstellung.
_Christian Gottlob Schönkopf_, ein Weinhändler, war der Hauswirth, in dessen Wohnung[12] sich die Gesellschaft, zu welcher Goethe gehörte, Mittags einzufinden pflegte. Seine Gattin war eine geborene _Hauk_ aus einer Frankfurter Patricierfamilie, eine geistvolle und lebendige Frau; mit der Landsmännin war Goethe bald vertraut geworden und fühlte sich dort heimisch, er war „ein Stück der Familie“ geworden, die er uns gleich in dem ersten Briefe aus Frankfurt vom 1. Oct. 1768 vor Augen führt. „Ihr Diener Herr Schönkopf, wie befinden Sie sich Madame, Guten Abend Mamsell, Petergen guten Abend. Sie müssen sich vorstellen, daß ich zur kleinen Nebentühre hereinkomme. Sie Hr. Schönkopf sitzen auf dem Canapee am warmen Ofen, Madame in ihrem Eckgen am Schreibetisch, Peter liegt unterm Ofen und wenn Käthgen auf meinem Platze am Fenster sitzt, so mag sie nur aufstehen und dem Fremden Platz machen. Nun fangen wir an zu discouriren.“ Und nun erzählt er von seiner Reise und wie es ihm in Frankfurt schlecht behage, auch mit seiner Gesundheit nicht zum besten gehe; er entschuldigt sich, daß er nicht Abschied genommen habe, er sei dagewesen, habe die Laterne brennen sehen und an der Treppe gestanden -- „zum letztenmal wie wäre ich wieder heruntergekommen?“ In vielen kleinen Zügen spricht sich in allen Briefen die innerliche Vertraulichkeit des Verkehrs mit der Familie und ihren Bekannten aus. Dort fand sich ein Kreis gebildeter Menschen zusammen, die in ungezwungener Heiterkeit, gelegentlich beim Glas Punsch,[13] des Lebens froh waren. Es wurde oft Musik gemacht; ein Kaufmann _Obermann_, der gegenüber wohnte, mit zwei Töchtern, von denen die älteste als Concertsängerin glänzte, _Häser_, der Vater der berühmten Sängerin, gingen aus und ein, _Goethe_ blies die Flöte, bis die Krankheit es ihm verbot, und _Peterchen_, der jüngste Sohn, geboren im Jahr 1756, zeichnete sich schon als Knabe durch sein Klavierspiel aus. Eine Zeichnung, welche ihn am Klavier, daneben seine Schwester, _Häser_ und _Lelei_, ebenfalls einen angesehenen Musiker, darstellte und von Goethe herrühren sollte, ist erst im Kriege verbrannt. Mitunter wurde auch Komödie gespielt, man hatte sich sogar an _Minna von Barnhelm_ gewagt, und ganz besondere Freude hatte eine Aufführung des Lustspiels _Herzog Michel_ von _Joh. Christ. Krüger_ gemacht. _Goethe_ hatte den _Michel_, _Käthchen_ das _Hannchen_ gespielt, und in einem Zimmer des Schönkopfschen Hauses war die Hauptscene in einem großen Wandgemälde dargestellt, das sich noch lange Zeit erhalten hat. Von Frankfurt aus erkundigte sich Goethe nach dem Directeur Schönkopf und seinen Acteurs, und schickte einen scherzhaften Brief an Mademoiselle, unterzeichnet von „Michel, sonst Herzog genannt, nach Verlust seines Herzogtums aber, wohlbestallter Pachter auf des gnädigen Herren hochadelichen Rittergute,“ der im Auftrage des Hrn. Goethe ihr eine mittelmäßige Scheere, ein gutes Messer und Leder zu zwei Paar Pantoffeln schickt. In diesem Kreise finden wir _Reich_, den Fürsten der Leipziger Buchhändler, mit dem Goethe auch später in einem großentheils durch Lavaters Physiognomik veranlaßten Verkehr stand, den Buchhändler _Junius_, Mademoiselle _Weidmann_, die _Breitkopfsche_ Familie, _Stock_, „den närrischen Kupferstecher, der so wunderliche, auch wohl garstige Sachen zu sagen pflegte,“ wie Horn schreibt; den Ober-Geleits-Einnehmer _Richter_; von den jüngeren _Kapp_, den später berühmten Arzt, und _Horn_, der auch im Hause wohnte. Zum Schluß jenes ersten Briefes bittet er dann, daß ihm Käthchen schreiben möge, wenigstens alle Monat doch einen Brief.
Freilich fesselte _Käthchen_, wie sie im vertrauten Kreise genannt wurde, oder, wie sie mit vollem Namen hieß, _Anna Katharine_ ihn an das Haus. Sie war am 22. August 1746 geboren, drei Jahr älter als Goethe, ein hübsches Mädchen, von mittler Größe und schönem Wuchs, mit einem vollen, frischen Gesicht, braunen Augen, klug und aufgeweckt, heiteren, munteren Sinnes und von einfachem, warmem Gemüth. Sie gewann bald des Jünglings leidenschaftliche Liebe, der ihr (23. Jan. 1770) schreiben konnte: „Sie wissen, daß ich, so lange als ich Sie kenne, nur als ein Theil von Ihnen gelebt habe;“ und sie erwiederte dieselbe. Halstuch, Fächer und Schuhe, die er für sie malt, sind hier, wie später in Sesenheim und Weimar, seine Liebesgaben. Sie theilte das Interesse für Poesie, er las ihr vor, auch an seinen eigenen Dichtungen nahm sie Antheil; später meldet er ihr seine Lieder an, die immer noch nicht gedruckt seien. „Lassen Sie Petern ein's spielen, wenn Sie an mich denken wollen.“ Das ruhige Glück dieser gegenseitigen Neigung störte Goethes heftige Eifersucht, durch welche er ohne allen Grund sich und das arme Mädchen fortwährend quälte, und wie oft er es auch bereuete, doch immer von neuem leidenschaftliche Scenen herbeiführte, wodurch er sich das Herz der Geliebten entfremdete. „Heut vor einem Jahr,“ schreibt er am 26. Aug. 1769, „sah ich Sie zum letztenmal. Vor 3 Jahren hätte ich geschworen, es würde anders werden. O könnte ich die dritthalb Jahr zurück rufen. Käthgen ich schwöre es Ihnen, liebes Käthgen ich wollte gescheuter sein.“ Außer vielen andern Gedichten, welche später vernichtet wurden, schrieb er zur eigenen Buße 1768 das Schauspiel, „_die Laune des Verliebten_,“ in welcher durch die anmuthig zierliche Form, die oft zugespitzte und hie und da geschnitzelte Ausdrucksweise, welche jener Zeit angehört, wie das Schäfercostüm, die volle Wahrheit selbst erlebter Zustände und schwer durchkämpfter Leidenschaft durchleuchtet und heute noch ergreift.[14] Allein jene künstlerische Sühne mochte den Dichter freisprechen, die Neigung der Geliebten konnte sie ihm nicht wiedergeben, er mußte sehen, wie sie sich einem andern zuwandte.
Daß er bei seinem Weggehen die volle Liebe zu Käthchen und die Hoffnung sie einst zu besitzen mit sich fortnahm, ist aus seinen Briefen klar. Jene Bitte wurde erfüllt, Käthchen schrieb ihm, und sogleich antwortete er (1. Nov. 1768) seiner geliebtesten Freundin, die seine ganze Liebe, seine ganze Freundschaft hat, und in einem beigelegten Blatt verbessert er auf ihren Wunsch die orthographischen Fehler, welche sie in ihrem Brief gemacht hatte. Sie war in Sorgen gesetzt um seine Gesundheit, sofort beruhigt er (30 Dec. 1768) seine beste ängstliche Freundin, es gehe ihm besser, er hoffe reisen zu können; wenn er aber dennoch vor Ostern sterben sollte, wolle er sich einen Grabstein auf dem Leipziger Kirchhof verordnen, „dass ihr doch wenigstens alle Jahr am Johannes als meinen Namens Tag das Johannesmännchen und mein Denkmal besuchen möget.“ Einen Monat später (31. Jan. 1769) beklagt er sich bitter, daß er krank und elend und dazu ohne Nachricht von ihr sei. Das war begreiflich, denn Ende Mai gelangte an Horn, der im April von Leipzig zurückgekommen war, die Nachricht von Käthchens Verlobung mit dem ~Dr~. _Christ. Karl Kanne_, welcher von Goethe selbst eingeführt im Schönkopfschen Hause wohnte,[15] als dessen Gattin sie 1810 (20. Mai) gestorben ist. Während Horn sofort als Schulmeister und ~Ludimagister~ einen scherzhaften Gratulationsbrief erläßt, schreibt Goethe am 1. Juni 1769 einen Brief, der Anfangs zwar ruhige Fassung, im weiteren Verlauf aber immer mehr eine gereizte Bitterkeit zeigt, die sich selbst gegen die Geliebte wendet, deren gewissen Verlust er so schwer ertragen kann. Wir erkennen deutlich die Laune des Verliebten in diesem Briefe, die sich in Äußerungen ausspricht wie „Das liebenswürdigste Herz ist das, welches am leichtesten liebt, aber das am leichtesten liebt vergißt auch am leichtesten,“ aber der Ausruf: „Es ist eine gräßliche Empfindung seine Liebe sterben zu sehen!“ zeigt uns, wie tief sein Gemüth ergriffen war. Nach Leipzig werde er nun nicht kommen, da der abgethane Liebhaber eine schlechte Figur als Freund spielen werde; es müsse ihr doch komisch vorkommen, wenn sie an alle die Liebhaber denke, die sie mit Freundschaft eingesalzen habe, wie man die Fische einsalze, wenn man fürchtet, daß sie verderben, doch solle sie die Correspondenz mit ihm nicht ganz abbrechen, da er für einen Pöckling doch immer noch artig genug sei. Auch in den folgenden Briefen spricht sich das schmerzliche Gefühl ihres Verlustes bald mit heftiger Leidenschaftlichkeit, bald in einer ruhig wehmüthigen Stimmung aus, in welcher er in der Ahnung, daß sie schon verheirathet sei, Abschied von ihr nimmt und sie bittet ihm nicht wieder zu antworten. „Es ist das eine traurige Bitte, meine Beste, meine Einzige von Ihrem ganzen Geschlecht, die ich nicht Freundinn nennen mag, denn das ist ein nicht bedeutender Tittul gegen das was ich fühle. Ich mag Ihre Hand nicht mehr sehen, so wenig als ich Ihre Stimme hören mögte, es ist mir leid genug dass meine Träume so geschäfftig sind. Kein Hochzeitgedicht kann ich Ihnen schicken, ich habe etliche für Sie gemacht aber entweder druckten sie meine Empfindung zu viel oder zu wenig aus.“ Allein sie antwortete ihm dennoch und meldete ihm, daß sie noch nicht verheirathet sei -- die Hochzeit fand am 7. März 1770 Statt -- und daß sie erwarte, er werde auch ferner schreiben, kurz sie setzte ihm den Kopf zurecht. Darauf erwiederte er denn auch (23. Jan. 1770), er werde ihr schreiben, weil sie es verlange. Dieser Brief ist in einem heitern Humor geschrieben, in dem man den Wiederschein ihrer Liebenswürdigkeit erkennt, aber nicht minder ein tief schmerzliches Gefühl über ihren Verlust. Er zeigt ihr an, daß er ruhig lebe und frisch und gesund und fleißig, denn er habe kein Mädgen im Kopf, und daß er nun nach Straßburg gehen werde; dort werde sich seine Adresse verändern wie die ihrige und es werde auf beide etwas vom Doktor kommen: „und am Ende wäre doch Fr. Doct. C. und Fr. Doct. G. ein herzlich kleiner Unterschied.“ Er schrieb nicht wieder, in Straßburg verdrängte Friederike die letzte schmerzliche Erinnerung und fesselte ihn ganz; aber als er sie eben hatte kennen lernen, da dachte er in der glücklichsten Stimmung an alle die ihn liebten „und auch sogar an Käthchen, von der ich doch weiß, daß sie sich nicht verläugnen wird, daß sie gegen meine Briefe sein wird, was sie gegen mich war.“ Und bei seinem ersten Besuch in Leipzig (1776) suchte er auch sogleich „sein erstes Mädgen“ auf. „Alles ist wie's war, nur ich bin anders“ schrieb er an Fr. v. Stein, „nur das ist geblieben, was die reinsten Verhältnisse zu mir hatte damals -- ~Mais ce n'est plus Julie.~“[16]